Silvester 2020 – wilde verwegene Jagd der Raunächte

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein doch etwas besseres 2021. Ich will hier keinen Rückblick halten, Silvester ist überbewertet. Man kann an diesem Tag für sich selbst noch einmal Revue passieren lassen, was war. Zudem haben wir die herrlichen Raunächte, die zum Phantasieren und zum Deuten der Träume einladen, was allemal spannender ist als all die Rückblenden und das Aufzählen der bedeutenden Ereignisse. Und da es im hohen Norden an jenen Tagen um Weihnachten stürmte, an der Nordsee war es am 26.12. extrem und herrlich orkanartig, gehe ich davon aus, daß die Wilde Jagd einmal wieder unterwegs war: die Wotansreiter, Åsgårdsrei, zwischen der Wintersonnenwende und den orientalen und afrikanischen Dreikönigen. Vermutlich wird es wieder dumme Debatten geben, weil Kinder sich schwarz schminken; und die freudlose Zeit wird sich perpetuieren. In Helmut Lethens Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“ las ich im Blick auf Lethens Schulzeit und die Lehrer, die da nach dem Krieg in Deutschland unterrichteten, folgenden Satz:

„Es muss so etwas wie eine Selbstreinigung des Kollegiums gegeben haben. Die aber traf womöglich auch einen dunkelhaarigen Assessor, der uns unvorsichtigerweise Brechts „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ nahelegen wollte und prompt verschwand. Der Kalte Krieg ließ die Gymnasien nicht unberührt.“

Nichts Neues unter der Sonne also, nur eben daß in den 2010er Jahren das Internet bei solchen Jagden etwa auf Joanne K. Rowling, Monika Maron bis hin zu Lisa Eckhart als unheilvoller Verstärker und als eine Art Tribunal der anonymen Masse fungiert: und schwupp ist man in der Zeitung, und schwupp ist man Nazi, homophob oder wird sonst irgendwie bezichtigt, und solche Denunzianten wissen ganz genau: Semper aliquid haeret, igendwas wird schon hängenbleiben. Ich fürchte, auch diese Tendenz des Bezichtigens und Denunzierens wird uns 2021 erhalten bleiben und noch viele andere schlechte Angewohnheiten. Es wird also alles wie immer und Leben geht weiter wie bisher. Irgendwie.

Lieber also jene mythologischen Jagden und die Phantasie-Geschichten, die wilden Geschichten: Literatur und Essay. Apropos böse Geschichten: versäumt habe ich dieses Jahr eine Würdigung von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, das vor einhundert Jahren erschien. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Vielleicht ja dafür nächstes Jahr ein Blick in Houellebecqs kürzlich erschienenen Essay-Band, um das Böse zu goutieren und jener Dialektik der Aufklärung zu frönen. Und eben dem Verhältnis von Denken und Mythos sich zu widmen, auch dazu liefern die Raunächte Anlaß, und dazu habe ich heute und hier aus meiner Buchhandlung von Klaus Heinrich abgeholt: „Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie“ aus dem ça ira Verlag, wo auch das gesammte Werke von Heinrich erscheint – übernommen vom Stroemfeld Verlag, wo Heinrichs Werk teils erschien. Passendes Buch. Ich bin gespannt. Auch eine kleine Überraschung. Klaus Heinrich starb am 23. November in Berlin. Was ich – neben dem plötzlichen Tod – an diesem aus dem „Tagesspiegel“-Nachruf zu Klaus Heinrich am erschreckendsten finde, ist in einem Nebensatz verpackt:

„Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, dass er sein geliebtes Restaurant „La Marianna“ nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch – weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.“

Ich hoffe, wir reden hier in der BRD nach Corona über die Situation in deutschen Krankenhäusern, über Krankenhauskeime und über das Weggespare im Gesundheitswesen. Öffentliche Daseinsvorsorge gehört nicht auf den Marktplatz und sie ist nicht verhökerbar an den Meistbietenden, der dann mit der Gesundheit Profit erwirtschaften muß. Ein Sturz und die Einlieferung ins Krankenhaus setzten dem Leben von Klaus Heinrich ein Ende.

Wie Silvester verbringen? Es wird dieses Jahr zum Glück ruhig werden. Keine Knallereien. Das ist gut so. Leider aber blitzt und funkelt in den herrlichen roten, gelben und grünen Farben auch kein Feuerwerk am Himmel. Keine Apparition. Seine Verwandtschaft hat das Feuerwerk als einmalig und flüchtig in der Zeit Erscheinendes mit dem Kunstwerk. Adorno schreibt von Kunstwerk:

„Es ist apparition κατ‘ ἐξοχήν: empirisch Erscheinendes, befreit von der Last der Empirie als einer der Dauer, Himmelszeichen und hergestellt in eins, Menetekel, aufblitzende und vergehende Schrift, die doch nicht ihrer Bedeutung nach sich lesen läßt. Die Absonderung des ästhetischen Bereichs in der vollendeten Zweckferne eines durch und durch Ephemeren bleibt nicht dessen formale Bestimmung. Nicht durch höhere Vollkommenheit scheiden sich die Kunstwerke vom fehlbaren Seienden, sondern gleich dem Feuerwerk dadurch, daß sie aufstrahlend zur ausdrückenden Erscheinung sich aktualisieren. Sie sind nicht allein das Andere der Empirie: alles in ihnen wird ein Anderes. Darauf spricht das vorkünstlerische Bewußtsein an den Kunstwerken am stärksten an. Es willfahrt der Lockung, welche zur Kunst überhaupt erst verführt, vermittelnd zwischen ihr und der Empirie.“

Zu diesem Jahresende also eine gewisse Stille und keine nächtlichen Himmelszeichen aus Pyrotechnik. Die Geister können nicht vertrieben werden. Herrlich etwa war es, den Chinesen aus dem China-Restaurant neben dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zuzusehen. Kein dummes Geböllere, niemand wirft auf Menschen oder will Rabatz machen, wie hier in Berlin-Schöneberg jene dummen Jugendlichen an der Pallasstraße, die noch auf Notarzt, Feuerwehr und Polizei Raketen schießen und Böller werfen. Sondern es werden Geister vertrieben. Wir brauchen zuweilen auch solche Mythen und die schönen oder die grausamen Geschichten.

Das gute freilich: kein Lärm bis tief in die Nacht. Dort, in dem sowieso schon stillen Stadtteil Berlins, wo ich lebe, ist es heute fast wie auf einem Dorf. Ich mag das. Stille und der letzte Tag des alten Jahres. Dazu ein leicht milchiges Licht, zuweilen mit Sonne gemischt. Eine schöne Stimmung zum Ausklang. Zu Silvester gibt es traditionell die Berliner, wobei man in Berlin eben Pfannkuchen dazu sagt, während im Norden die Pfannkuchen, wie der Name es bedeutet, aus der Pfanne kommen und mit Eierteig zubereitet werden. Überall in Berlin heute lange Schlangen vor den Bäckereien. Vor meinem Lieblingsbäcker Mälzer und der Konditorei Rabien ebenso. Also schlendere ich weiter und schaue, bis ich sehe, daß es beim Bäcker der „Bio Company“ relativ leer ist. Ich blicke in die Auslage. Dort gibt es auch das Glücksschwein Ebert, aber das wähle ich nicht, sondern ich erstehe einen Berliner mit Eierlikör und einen mit Himbeerfüllung. Der erste Berliner ist bereits verputzt. Er schmeckt so lala. Rabien ist deutlich besser und in dem Augenblick als ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, daß die Berliner von Mälzer gar nicht so gut sind, wie ich dachte. Ich hatte sie letztens probiert. Sonst ist Mälzer ein hervorragender Bäcker: guter Kuchen, gute Brötchen, aber die Pfannkuchen schmeckten alt und schal. Gute Berliner zu finden, ist schwierig, die besten hat halt die Konditorei Rabien. Ich esse die Berliner grundsätzlich nachmittags. Ich sehe den Sinn nicht, um 24 Uhr süßes Gebäck zu verzehren. Es gibt zu dieser Uhrzeit Wunderkerzen, einen italienischen Rotwein und vielleicht gegen 24 Uhr einen schönen Rieslingsekt.

Nun kann man aber jetze schonmal anfangen, ein gutes neues Jahr zu wünschen und einen netten Silvesterabend mit höchstens fünf Personen aus zwei Haushalten. Bei mir ist es in der Regel ein Silvester mit einer Person aus einem Haushalt. Denn ich hasse Silvester, und ich feiere es nicht gerne. Früher, als ich noch am Theater Kartenabreißer war, habe ich vorgezogen, am Silvester zu arbeiten. So wie ich Weihnachten liebe, mag ich Silvester und diese Fröhlichkeit nicht. Die Nachbarin saugt ihre Wohnung, wie ich gerade höre. Brav am letzten Tag noch Ordnung zu machen. Vielleicht sollte ich sie zu mir in mein Grandhotel Abgrund bitten. Es ist auf den 90 qm einiges zu säubern. Ich sitze hier ansonsten schon in den Startlöchern zur imaginierten Bunga-Bunga-Party mit Italien-Rotwein und Rimini-Schlagern. Der erste Berliner ist bereits verspeist. Wo ich ihn kaufte, schrieb ich in diesem kleinen Blog-Text. Und auch wie er schmeckte. Empfindungsprosa und Beschreibungspotenz. Die es freilich auf AISTHESIS auch nächstes Jahr wieder geben wird – sofern die Zeit es zuläßt. In diesem Sinne: Allet Jute für 2021, wie der Berliner so sagt. Guten Rutsch allen, die es verdienen. Und die, die es nicht verdienen, sollen mich am Arsch lecken.