Assoziatives Denken und Entspannung – Ökonomie der Zeit

Entspannung, in diesem hier entfalteten Zusammenhang, einmal nicht im Sinne der Freizeit und all der Unsäglichkeiten genommen, die bloß als Kompensationsleistung fürs überforderte Subjekt dienen, sondern vom Sinn des Begriffes her gelesen. Und zuweilen findet sich jene produktive Entspannung gerade in der äußersten Anspannung, indem eine oder einer sich auf die Sache einläßt und sich im selben Moment von ihrem Strom (auch dem darin sedimentierten kollektiven) treiben läßt. So erging es mir vielfach bei der Lektüre Hegels. Ich habe sicherlich nicht alles sofort verstanden, aber bereits in den jungen, wilden Jahren des Schülers las ich die „Phänomenologie“ auch als ein Stück Literatur, und zwar konzipierte sie sich mir im Sinne der klassischen literarische Moderne ebenfalls als ein Stück surrealistisch und auch montagehaft inspiriertes Traumbewußtsein, was sicherlich in gewissem Maße einer jugendlichen Unbedarftheit sich schuldete. Während andere noch wendezeitisch (auch im kohlschen Sinne: esoterisch-konservativ-asiatisch-wissenschaftlich) bei Fritjof Capra und dem New Age verharrten, trieb das Bewußtsein mit Hegel den Geist der Zeit auf die Spitze: Macht kaputt, was Euch kaputt macht! Die Energie des „destruktiven Charakters“ fruchtbar zu machen gälte es.

Und immer gab es zugleich die anderen: Es zog sie mittelamerikanisch mit Carlos Castaneda hin und mit Hesse asiatisch von Kathmandu bis nach Japan, um das westliche Denken zu transzendieren und sich selber und den Weg zu finden: Alles Vergeblichkeit: jede gotische Kathedrale und jedes Madonnenbild, jede Pietà, jeder Supermarkt und jedes Geschäft für Designersonnenbrillen sagt Euch mehr über Euch selbst als der Gang ins Om-Om-Nirvana. Sie (bedeutungsvoll): „Ich lasse mir mein Parfum in Asien selber herstellen und individuell zusammenkomponieren.“ Die andere sie: „Ach, das macht heute fast jede Frau. Bei einer interessanten Frau riecht auch der Parfümklassiker noch hinreißend gut, träufelt die Frau ihn nur angemessen auf die Haut.“ Individualität ist, wenn alle das gleich machen, tragen, hören und es nicht bemerken – die Eleganz des Pseudos durch selbstbemachtes Parfüm aus Südostasien. Andererseits: wenn zwei das Gleiche tun, ist es eben noch lange nicht das gleiche. Der Begriff des Scheins findet sich dann in Hegels Wesenslogik entfaltet und bestimmt wieder. Das Scheinen des Wesens ist Reflexion, so lautet eine der ersten Bestimmungen. Bei Hegel bedeutet dieses Verhältnis von Sein, dessen Wahrheit im Gang des Denkens das Wesen ist, zugleich einen Bezug zur Zeit. „Erst indem das Wissen sich aus dem unmittelbaren Sein erinnert, durch diese Vermittlung findet es das Wesen. – Die Sprache hat im Zeitwort sein das Wesen in der vergangenen Zeit, ‚gewesen‘, behalten; denn das Wesen ist das vergangene, aber zeitlos vergangene Sein.“ (WdL, II, S. 13)

Warum soll ich das, was ich mit eigenen Worten kaum besser sagen kann, nicht durch fremde Zunge aussprechen lassen? Nehmen wir also Adorno beim Wort und lesen wieder einmal den Hegel, Zeit dafür ist es immer. Und es wird sich in dieser Lektüre das Moment der Versenkung, des Meditativen, der Inversion, der Kompression auf jenen einen Punkt, die unendliche Ausdehnung und ebenfalls die notwendige Leichtigkeit und Verspieltheit des Daseins einstellen, gerade und insbesondere vermittels jener Kraft zur Negativität, der es ins Auge zu blicken gilt, wie es in einer sehr schönen Stelle in der Vorrede seiner „Phänomenologie des Geistes“ heißt. Aber nun zu Adorno:

Entspannung des Bewußtseins als Verhaltensweise heißt, Assoziationen nicht abwehren, sondern das Verständnis ihnen öffnen. Hegel kann nur assoziativ gelesen werden. Zu versuchen ist, an jeder Stelle so viele Möglichkeiten des Gemeinten, so viele Beziehungen zu anderem einzulassen, wie irgend sich aufdrängen. Die Leistung der produktiven Phantasie besteht nicht zum letzten darin. Zumindest ein Teil der Energie, ohne die so wenig gelesen werden kann wie ohne Entspannung, wird dazu gebraucht, jene automatisierte Disziplin abzuschütteln, welche die reine Konzentration auf den Gegenstand verlangt und welche dadurch ihn leicht verfehlt. Assoziatives Denken hat bei Hegel sein fundamentum in re. Seine Konzeption von der Wahrheit als einem Werdenden ebenso wie die Absorption der Empirie im Leben des Begriffs hat die Trennung der philosophischen Sparten des Systematischen und Historischen, trotz den entgegenlautenden Deklarationen der Rechtsphilosophie, überschritten. Das Substrat seiner Philosophie, der Geist, soll, wie man weiß, nicht abgespaltener subjektiver Gedanke sein sondern real, und damit seine Bewegung die reale Geschichte. Gleichwohl pressen selbst die späteren Kapitel der Phänomenologie, mit unvergleichlichem Takt, die Wissenschaft von der Erfahrung des Bewußtseins und die von der menschlichen Geschichte nicht brutal ineinander. Die beiden Sphären schweben in ihrer Berührung. In der Logik wird, ihrer Thematik gemäß, wohl auch unterm Druck der Versteifung des späteren Hegel, die auswendige Geschichte von der inneren Historizität der Kategorienlehre verschluckt.“
(Theodor W. Adorno: Skoteinos oder Wie zu lesen sei, S. 128 f., in: Drei Studien zu Hegel, Fft/M 1987)

Daran anknüpfend und in Zusammenhang mit seinem Hölderlin-Essay  „Parataxis “ schreibt Adorno, daß die Logik der Hegelschen Philosophie zur Geschichte werde (S. 474). Adorno ist in diesem, freilich inversen Sinne (sein immanenter Bezug zu Marx wird gerne unterschlagen) sehr nahe an Marx‘ „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Wieweit es unterschwellig auch eine Kritik daran ist, vermag ich auf Anhieb nicht zu sagen. In seiner Kritik an jenem § 270 der Rechtsphilosophie, der vom Zweck  des Staates sowie seinem Verhältnis zur Religion handelt, heißt es:

Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist nicht, daß sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer abstraktesten Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen betrachtet werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in politischen Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhandenen politischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüchtigt werden, ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der Sache, sondern die Sache der Logik ist das philosophische Moment. Die Logik dient nicht zum Beweis des Staats, sondern der Staat dient zum Beweis der Logik.“ (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 216)

An dieser Stelle freilich gerät die Assoziation aus den Fugen, und es trägt die Assonanz nicht mehr. Ein Blogtext, der als eine Art Textwerkstatt, als Laboratorium, als Versuch und als Raum für Assoziatives sowie Komponiertes fungiert, reicht nicht mehr hin, um in diesen Kontexten logische Bestimmungen und Sichtungen zwischen Hegel, Marx und Adorno vorzunehmen. Es bedürfte hier eines austarierten Essays, und der ist keine asiatische Tathandlung, sondern erfordert Zeit. Man gibt die Zeit und den Rest der Zeit. Auch dies erfordert eine bestimmte Ökonomie, was wiederum auf Derridas Buch „Falschgeld. Zeit geben I“ verweist:

„‚Der König nimmt meine ganze Zeit; den Rest gebe ich Saint-Cry und wie gern wollte ich sie Saint-Cry doch ganz geben.‘“ So die einflußreiche Mätresse am Hofe des Sonnenkönigs, Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon

Maintenon: welch bezeichnender Name.

Geben und nehmen im Verhältnis zum Ganzen. „Denn wenn man seine ganze Zeit gibt, gibt man alles, gibt man das Ganze, sofern alles, was man gibt, in der Zeit ist, und man seine ganze Zeit gibt.“ (Derrida, Falschgeld, S. 9) Hier wäre der Bezug zur Liebe und zu Lacan aufzuzeigen:

Geben, was man nicht hat.


1. Mai und ein Nachtrag zu den Leistungsdarstellern

Ein wenig gilt es, meinen Beitrag vom letzten Freitag aus der grauen neuen Welt der Arbeitstage zu ergänzen: So lese ich heute morgen, auf dem Sofa hingestreckt, die Frau an der Leine am Boden kauernd, bissig und zu mir aufblickend, mit hechelnder Zunge, ich kraule ihren Kopf und berühre das Lederhalsband, während der Hund in der Küche das Frühstück zubereitet und den Kaffee brüht, in der Überschrift des Hamburg Magazins, das in dieser Woche dem Zeit-Magazin als PR-Schrift beigefügt war: „Die Zukunft der Arbeit hat an der Elbe bereits begonnen. Trendforscherin Birgit Gebhardt sagt: Die Grenze zwischen Job und Freizeit schwindet. Wir werden Teamworker. Und unser Büro wird immer da sein, wo wir sind.“

Ist dieser letzte Satz nun absurde Poesie im Geiste Dadas, oder handelt es sich eher um eine wenig subtile Drohung? Vertauschen sich in einem Anfall Hegelscher Dialektik gar Subjekt und Objekt? Wo Du nicht bist, will ich nicht sein, wie es einstmals in kitschigen Liebesgedichten hieß. Ich sehe es in Bezug auf die Arbeit eher umgekehrt: Wo Du bist, will ich nicht sein! Der „flexible Mensch“ (R. Sennett) sagt sich im Geiste des neuen Bürgertums an seinem Arbeitsplatz, der im Grunde überall ist: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Pantheismus in seiner säkularen Variante. Wie beruhigend, diese Vorstellung, daß mein Büro immer da ist, wo ich gerade bin. Allerdings: auch die Antworten, die Richard Sennett in seinem Buch aus dem Jahre 1998 gibt, schulden sich dem Geist des sozialdemokratischen Reformismus. Es geht nicht um ein vollständig anderes Konzept von Arbeit, sondern das alte soll – ein wenig an den Stellschrauben gedreht – bloß umgemodelt werden. Der alte Gaul will wieder flottgemacht werden. Dieser sozialdemokratische Konservatismus ist lediglich die andere Seite der Medaille: jener smarten Manager und Angestellten, die mit ihren soft skills und ihrer ungemeinen Effizienz die Teilung von Arbeit und Nicht-Arbeit aufheben wollen. Die Reproduktion der Arbeitskraft geschieht in dieser neuen Welt während der Arbeit selbst: im Crossfit Bootcamp oder im Hochseilklettergarten, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, beim Abendessen oder am Meeting Point mit dem Coffee to go. Sogar die dargebrachte Arbeit stellt sich vermittels der Mechanismen der Identifikation als purer Spaß dar.

Lauter Leersätze in diesem Text bzw. in dem Interview: Die Zukunft der Arbeit hat begonnen. So so, es wurde bisher also nicht gearbeitet, die Produktion von Mehrwert fand bisher gar nicht statt, das geschah alles auf rein freiwilliger Basis. Oder wie soll dieser Genitv gedeutet werden? Was ist eine Zukunft, die begonnen hat, wie und wo soll ich diese auf dem Zeitstrahl verorten? Ist eine Zukunft, die begonnen hat, noch eine Zukunft oder bereits die Gegenwart? Hat hier womöglich nur die Zukunft der Leerformeln ihren Anfang genommen?

Gelungen auch die Berufsbezeichnung „Trendforscher/in“. Das mochte ich schon bei der Sabbeltasche Matthias Horx: Das Drauflosschreiben ohne Sinn und Verstand, das Fabulieren gibt sich selber wohlklingende, klingelnde Namen und verkauft sich als prognostischer Blick, um aber in Wahrheit die bloße Affirmation zu betreiben. Es wird hier dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehuldigt: Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital mithin die Klassengesellschaft, sei doch heute kein Thema mehr und wir lebten nicht mehr in einer Arbeits-, sondern in einer Freizeitgesellschaft, wird so lange als Mantra in die Agora gebrabbelt, bis es jeder für wahr hält. Trendforscher forschen zumeist nicht nach Trends, sondern betreiben die Anpassung an das Bestehende und labeln die Gesellschaft. Kritik an diesem Aspekten ist in so einem Rahmen des Marketings der Anpassung dann „oldschool“.

Und auch die folgenden Sätze von Birgit Gebhardt im Interview sprechen für sich, ich lasse sie unkommentiert:

Gebhardt: Auf Strukturwandel wird häufig mit Überforderung reagiert, daher ist im Moment viel von Burn-out die Rede. Wir müssen lernen, für unser Tun Verantwortung zu übernehmen und uns abzugrenzen. Dann können wir die Vorteile des flexiblen Arbeitens genießen.

Frage: Und die sind?

Gebhardt: Man fühlt sich nicht fremdbestimmt. Ein selbstverantwortlich organisierter Job füllt einen ungleich mehr aus.“

Dies ist dann die vollständige Perversion eines Konzepts von Arbeit, die einmal als nicht entfremdete und nicht verdinglichte wollte auftreten. Fragen über Fragen am Tag der Arbeit zur Zukunft der Arbeit.

„Die individuelle Konsumtion des Arbeiters bleibt also ein Moment der Produktion und Reproduktion des Kapitals, ob sie innerhalb oder außerhalb der Werkstatt, Fabrik usw., innerhalb oder außerhalb des Arbeitsprozesses vorgeht, ganz wie die Reinigung der Maschine, ob sie während des Arbeitsprozesses oder bestimmter Pausen desselben geschieht. Es tut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zuliebe vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt. Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erfüllung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter überlassen. “ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 597 f.)

Ja, heute ist Kampftag der Arbeiterklasse, die es nicht mehr gibt. Ein gutes Gedicht von Pier Paolo Pasolini findet sich übrigens in dem Blog Gleisbauarbeiten, und zwar hier.

Arbeit muß sich wieder lohnen: Silvana Koch-Mehrin (Dr. a.D.)

Das wahre Gesicht des Liberalismus. Er funktioniert auf die immergleiche Weise.

Mit dem Außer-Dienst-sein hatte Frau Koch-Mehrin bereits im Europaparlament gute Erfahrung, was die Arbeit und die Anwesenheit betrifft.

Ja, die liberalen Werte, von denen allüberall die Rede ist, die man uns beständig in unsere Ohren wispert und träufelt. Leistungsbereitschaft und der Mut zum Individuum, gar zur individuellen, selbstverantwortlichen Veränderung: Ich-AG, Leiharbeit, Lohndumping, das ist die FDP. Aber nein, ich vergaß – diese Dinge bewirkten erst die SPD und die Grünen. Enrichissez-vous! Allerdings geschieht diese Bereicherung  in der Regel nicht durch die, welche Lohnarbeit leisten.

„Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit gezahlt wird. Man spricht hier vom Wert der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck ihren notwendigen oder natürlichen Preis. Man spricht andrerseits von Marktpreisen der Arbeit, d.h. über oder unter ihrem notwendigen Preis oszillierenden Preisen.

Aber was ist der Wert einer Ware? Gegenständliche Form der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit. Und wodurch messen wir die Größe ihres Werts? Durch die Größe der in ihr enthaltnen Arbeit. Wodurch wäre also der Wert z.B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltnen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist.

(…)

Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.

Im Ausdruck: ‚Wert der Arbeit‘ ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa Wert der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.“ (Karl Marx, Das Kapital, in: MEW 23, S. 557-559)

Randnotizen, Benjamin – Marx

Da ich über das Wochenende nicht vor Ort bin, komme ich erst nächstens dazu, den angekündigten, versprochenen Text über Derridas Hegellektüre zu schreiben. Doch der unendliche Aufschub ist schließlich nicht nur ein romantisches Motiv, sondern steckt womöglich im „Wesen“ der Dekonstruktion.

Aber vorab ein Zitat von Benjamin aus dem „Passagenwerk“, das mir gestern in die Hände fiel:

„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“ (Benjamin, GS V 1, S. 574)

Auch hier tut sich, wenngleich in einem doch anderen Zusammenhang, diese Wittgensteinsche Differenz von Sagen und Zeigen auf. Jenes Zeigen, das den speziellen Ausdruck des Kunstwerkes ausmacht, indem seine Elemente in eine Ordnung gebracht werden. Das Passagenwerk wäre sicherlich eine spezifische Anordnung von Material, das in seiner besonderen Konstellation eine Rede freisetzt und den Blick nicht nur auf die Vergangenheit eines Paris als Hauptstadt des19. Jahrhunderts eröffnete, sondern damit in Korrespondenz eine Sicht auf die Warenwelt des Spätkapitalismus böte. Das reicht dann bis in die Jetztzeit hinein.

Um diese Dinge bei Benjamin zu verstehen, aber nicht nur deshalb, ist es unbedingt zuzuraten, aus Marx‘ „Kapital“ das Fetischismuskapitel zu lesen, am besten lese man für den Anfang den ganzen Ersten Abschnitt des Ersten Buches, und dies nicht nur aus Gründen der ökonomischen Orientierung, sondern zugleich aus dem kulturkritischen Aspekt heraus. Ich halte diese Passagen für eine der philosophisch zentralsten Stellen bei Marx.

Ach, und da wir gerade dabei sind, ja, weil wir gerade unsere kritische Phase haben, und da für diese Stadt die Verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen, Claudia Hämmerling, den Vorschlag unterbreitete, Hartz-IV-Empfänger zur Hundekotkontrolle einzusetzten, denn Berlin, das ist die Hauptstadt der scheißenden Hunde, da fällt uns passenderweise, es ist wirklich ein Zufall, beim Blättern im „Kapital“, dieses schöne Zitat von Marx in die Hände:

Zu diesem Zwecke, wie zur „Ausrottung der Faulenzerei, Ausschweifung und romantischen Freiheitsduselei“, ditto „zur Minderung der Armentaxe, Förderung des Geistes der Industrie und Herabdrückung des Arbeitspreises in den Manufakturen“, schlägt unser treuer Eckart des Kapitals (gemeint ist der anonyme Verfasser des „Essay on Trade and Commerce“, Hinweis v. Bersarin) das probate Mittel vor, solche Arbeiter, die der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen, in einem Wort, Paupers, einzusperren in ein „ideales Arbeitshaus“ (an ideal Workhouse). „Ein solches Haus muß zu einem Hause des Schreckens (House of Terror) gemacht werden.“ In diesem „Hause des Schreckens“, diesem „Ideal von einem Workhouse“, soll gearbeitet werden „14 Stunden täglich mit Einbegriff jedoch der passenden Mahlzeiten, so daß volle 12 Arbeitsstunden übrigbleiben. (MEW 23, S. 292)

Hinterher wird es Frau Hämmerling dann nicht so gemeint haben. Vielleicht ist sie von bestimmten Medien tatsächlich falsch wiedergegeben worden. Ich weiß das nicht. Denn leider wird oft nur das herausgegriffen, was gerade gut in den Rahmen paßt. Symptomatisch jedoch ist dieser Gedanke allemal, egal wer ihn wie und zu welchem Zwecke aussprach. Die Medien fungieren hier teils nicht einmal mehr als kritisches Korrektiv, sondern dienen als Sprachverstärker, und gut fügen sich solche Dinge in den Maßnahmenkatalog ein. Diese Angelegenheiten finden sich aber in anderen Blogs, die in der Blogroll stehen, teils besser diskutiert und analysiert wieder als hier.

Über eine nach wie vor anhaltende Aktualität Kritischer Theorie der Adornoscher Prägung (1)

Sentimental Journey oder:
Die Wiederbelebung der guten alten Debatten

Zu Jürgen Habermas „Theorie des kommunikativen Handelns“ („Die Kritik der instrumentellen Vernunft“, S. 489 – 534)

Grob gesagt und hinreichend verkürzt kann man den Problemzusammenhang, den Habermas bezüglich kritischer (post-)marxistischer Philosophie* der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in diesem Kapitel aufzeigen will, wie folgt skizzieren: Wollte der marxistische Philosoph Georg Lukács, etwa in seinem Werk „Geschichte und Klassenbewußtsein“**, noch eine Kritik der Verdinglichung unter Weiterentwicklung der Marxschen Kritik des Warenfetischismus und mit Rekurs auf ein historisches Subjekt, nämlich des Proletariats, betreiben, das Möglichkeiten des Eingriffs und der Veränderung bot, so ist dieser Ansatz mit dem Fehlschlagen proletarischer Revolution und den „Integrationsleistungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften“ (TdkH, S. 489) verbaut. Auch eine „Anknüpfung an den objektiven Idealismus Hegels“ (S. 489) ist für Adorno problematisch geworden, weil die Bewegung Hegelscher Dialektik am Ende auf Affirmation in der Vermittlung hinausläuft. Diese Vermittlung ist in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr umstandslos zu haben. Es ist eine vorgetäuschte Versöhnung. Überspitzt gesagt, ist, contre Hegel, das Wirkliche lange nicht mehr vernünftig und das Ganze keinesfalls das Wahre. (In seinem Werk „Minima Moralia“ wird Adorno dann den zum geflügelten Wort aufgestiegenen Satz prägen, daß das Ganze das Unwahre sei. Wenn man diesen meinen mehrteiligen Essay zu Habermas bis zum Ende gelesen hat, dann wird man wissen, wie dieser Satz aus dem Denken Adornos heraus zu verstehen ist.)

Kritische Theorie der Adornoschen Prägung steht angesichts dieser gesellschaftlich und philosophisch bedingten Hürden vor einer schwierigen Situation. So kann Kritische Theorie, nach Habermas, ihre Potentiale in einer aporetischen Situation eigentlich nur noch als Aporie zur Entfaltung bringen, da es für die Vernunft in der Geschichte kaum noch Spielräume gibt. Vernunft wird damit zur universal instrumentellen, wenn die Vermittlungsleistungen mißlingen, so daß Vernunft nur noch im bloßen Funktionszusammenhang steht. Die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer kann als der Ausdruck dieser philosophischen Aporie, die sich gleichzeitig zu einer gesellschaftlichen transformiert, gewertet werden.

Die historische Situation der 40er Jahre stellte sich für die beiden Exilanten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wie folgt dar: Einerseits gab es die sowjetische Entwicklung als gigantische Bürokratisierung und Mordmaschine (Brecht tat gut daran in die USA zu emigrieren, und er wußte zum Glück sehr genau, warum er dies tat. Adorno spricht von der Sowjetunion zu recht als gigantischem Arbeitslager), andererseits existierte der Faschismus als (reale) Möglichkeit der kapitalistischen Gesellschaften, auf Krisensituationen zu reagieren (ob diese Faschismustheorie stichhaltig ist, lasse ich einmal dahingestellt). Dazwischen angesiedelt ist der Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung samt seiner Massenkultur, dessen Integrationskraft ohne größere offene Repression das Bewußtsein einer breiten Bevölkerung zu binden vermag. (S. 490) Wieweit letzteres heute nach wie vor aktuell ist, dies mag jeder selbst beurteilen.

Verhängnisvoll für kritisches Denken ist dabei, so Habermas, der undurchdringliche Totalitätszusammenhang, den die kapitalistischen Gesellschaften seit den 20er Jahren des letzten Jhds erzeugten. Die wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte, aus denen nach Marx noch ein subjektives Potential zur Veränderung hätte erwachsen können, verschmelzen derart mit den Produktionsverhältnisssen und büßen ihre systemsprengende Kraft ein, so daß sich diese bis ins Detail durchrationalisierte Welt zu einer vollständigen Totalität zusammenzieht. (S. 491) Für diesen Zustand gebrauchen Adorno/Horkheimer den Begriff des universellen Verblendungszusammenhangs. (Unter diesen fallen jedoch nicht nur die Verdinglichungstendenz durch die Wissenschaften, sondern genauso die Mechanismen der das Bewußtsein komplett besetzenden „Kulturindustrie“. Den Geburtstag einer bekannten Ente feierten ja kürzlich sogar einige Feuilletons. Zur Kulturindustrie aber später mehr.) Diese wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte werden von der Kritischen Theorie, sei dies nun Adorno, Marcuse oder mit Abstrichen auch Bloch, als Positivismus zusammengefaßt bzw. als „positivistisch verengtes Wissenschaftsverständnis“ (S. 491) bezeichnet. Aus dieser affirmativen Tendenz der Wissenschaft ist Adornos vehemente Kritik am Positivismus zu verstehen, die ihren Höhepunkt dann im „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ fand. Hierzu empfehle ich sehr den gleichnamigen Luchterhand-Band, der allerdings vergriffen ist. Das Buch zeigt sehr genau die Positionen der Kombattaten anhand ihrer Texte, die man dann freilich lesen muß, was nicht immer ganz leicht ist.

Ja, es sind dies alles alte Dinge und Diskussionen, die weit weit in der Vergangenheit liegen und jetzt ein wenig herüberwehen. Etwas sentimental: All die hitzigen Diskussionen in den Seminaren und Arbeitsgruppen. All die Gespräche mit einer hübschen, damals jungen mehr als blonden Frau zu den späten Abend- und in die Nachtstunden hinein, welche zum Morgen wurden und die im Bordeaux-Wein-Suff inmitten des Qualms der Zigaretten endeten, denn damals waren Rauchen und Trinken noch nicht so schädlich wie heute. Und vor allem gab es noch keine auf Effizienz getrimmten Studiengänge, sondern ich hatte das Glück zu weitgehend autonomer Bildung, wo es auch möglich war, sich das eine oder das andere Mal auf theoretische Abwege zu begeben.

Angesichts heutiger Verhältnisse sind diese Aspekte Kritischen Denkens bzw. des (Post-)Marxismus keineswegs veraltet. Schon gar nicht ist es das Denken Adornos, wie man es uns aus bestimmten Kreisen immer wieder einmal weißmachen will: daß man mit Hegel, Marx, Adorno philosophisch nicht mehr weiterkäme. Solche Annahmen sind bereits der Ausdruck verdinglichten, instrumentellen Denkens in der Philosophie: als ob die Texte Aristoteles‘, Kants, Hegels veralten könnten und nun nicht mehr gültig seien.*** Hierin, in der Entschärfung des kritischen Gehalts der Adornoschen Theorie liegt ja auch einer der ganz großen Vorwürfe gegen Habermas: daß er nämlich mit seinem Denken sowie seiner sprach- und kommunikationstheoretischen Wendung der Kritischen Theorie ihren endgültigen Todesstoß verpaßte. Allerdings bin ich hier mittlerweile milder gestimmt als früher und würde Habermas nun gegen eine Extremform dieser Kritik in Schutz nehmen wollen.

Doch zu Habermas‘ Paradigmenwechsel innerhalb der Kritischen Theorie und zu der Kritik daran später mehr. Zunächst möchte ich fortfahren und die Ausführungen Habermas‘ darlegen. Um an der Theorie der Verdinglichung trotzdem festhalten zu können, ohne aber weiterhin auf die Hegelschen oder Lukácsschen Prämissen zurückgreifen zu können, müssen andere Theorie-Konzepte gefunden werden, sind doch die Subjekte ohne Widerstand leisten zu können (oder zu wollen) in „den Sog der gesellschaftlichen Rationalisierung hineingerissen worden“ (S. 492) Hierfür gilt es nach Adorno Erklärungen zu finden. Detailliert werden diese in der „Dialektik der Aufklärung“ gegeben, insbesondere in den Kapiteln „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“ und in „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“. Bereits diese Titel sprechen für sich. Die spezifischen Gedankengänge dieser Kapitel lasse ich hier jedoch außen vor.

Insgesamt kann man sämtliche Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“ (im Folgenden als DA gekürzt) als den Versuch bezeichnen, einen Ansatz auszubreiten, um über die Bedingungen der Möglichkeit von Verdinglichung unter (spät-)kapitalistischen Bedingungen zu reflektieren, die sich wuchernd ausbreitet und die in alle Daseinsbereiche, noch in die subjektivste Regung menschlicher Gesellschaft eindringt. Dadurch wird Verdinglichung der (philosophischen, aber auch der alltäglichen) (Selbst-)Reflexion immer unzugänglicher. Vor allem stehen Adorno/Horkheimer, im Rahmen der Marxistischen Theorie, vor der Situation, daß sie das Ausbleiben der proletarischen Revolution und überhaupt eines geschichtlichen Kollektivsubjektes Proletariat, das die Verhältnisse aufhebt, nicht nur erklären müssen, sondern in ihrer Theorie ohne diese Komponente auskommen müssen. Dabei geht es ihnen um eine (auch sozialpsychologische) Erklärung dafür, warum die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften stabil bleiben, anstatt an ihren immanenten Widersprüchen zu kollabieren oder zu implodieren:

„Die Theorie soll erklären, warum der Kapitalismus gleichzeitig die Produktivkräfte steigert und die Kräfte des subjektiven Widerstands stillstellt. Lukács hatte die Gültigkeit einer Logik unterstellt, derzufolge der Prozeß der Verdinglichung des Bewußtseins zur Selbstaufhebung im proletarischen Klassenbewußtsein führen mußte.“ (S. 497)

Dieser dialektische Weg der Selbstaufhebung im besseren (Klassen-)Bewußtsein ist verbaut. Mittels einiger Umwege über Adornos „Negative Dialektik“ und über die Positivismus- bzw. Wissenschaftskritik Horkheimers in seinem Aufsatz „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ versucht Habermas nun, die Aporien aufzuzeigen, in die Kritische Theorie gerät, wenn sie einzig noch unter dem Diktat instrumenteller Vernunft reflektieren kann, ohne daß es eine Möglichkeit des Auswegs gäbe. Auf die Hegelsche dialektische (und idealistische) Figur der Aufhebung und die (dialektische) Bewegungen innerhalb einer holistischen Philosophie können beide – als Begründungsfigur ihrer Theorie aus den oben genannten Gründen nicht mehr zählen. Der absolute Weltgeist, die Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem oder – materialsitisch gewendet – das historische Subjekt Proletariat sind abhanden gekommen. Das Bewußtsein des Arbeiters hat dem des Kapitalisten nichts mehr voraus, im Gegenteil. Das Kapitel in der DA über die Kulturindustrie zeigt deutlich auf, weshalb dies so ist.

Objektive Vernunft in der Geschichte ist also problematisch geworden; was übrig bleibt, ist die subjektive, so Habermas. Insofern ist der Satz, daß das Ganze das Wahre ist, nicht mehr umstandslos zu haben. Dieser Einschnitt mag bereits philosophiegeschichtlich dadurch angedeutet sein, wenn man feststellen muß, daß eigentlich Hegel der letzte große Systemdenker in der Philosophie war. Kurz danach und mit dem Ende der Goethezeit zerfiel die Philosophie in ihre Einzeldisziplinen, da gab es Logiker, Metaphysiker, Ontologen, Ethiker, ästhetische Theoretiker und vieles mehr, jedoch alles ohne das geistige Band einer ordnenden, übergeordneten Systemphilosophie, und mit der Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften und insbesondere der Soziologie als eigenständige Gattung, die auf Philosophie nur noch am Rande angewiesen sind, vollzog sich der Bruch vollständig. Keiner mochte mehr so recht die Magd der Philosophie sein, und kaum einer wagte noch Philosophie als System zu konstruieren.

Insbesondere dem bei Hegel thematisierten Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem mußte Adorno kritisch zu Leibe rücken (er tut dies insbesondere in seiner „Negativen Dialektik“), um eine Rettung des Besonderen bzw. des Nichtidentischen, also den Teilen, die nicht in der bloßen dialektischen Vermittlungsbewegung aufgehen, vorzunehmen. Wesentlicher Kritikpunkt dabei ist, daß innerhalb dieser dialektischen Bewegung bei Hegel eine Subsumption stattfindet, die bereits Ausdruck verdinglichten Denkens ist. (S. 500) Habermas schreibt hier, und dieser von ihm aufgeführte Punkt ist ganz zentral für die weitere Adorno-Kritik und die Auseinandersetzung mit der Philosophie Adornos in den 80er Jahren:

„Die dialektische Versöhnung von Allgemeinem und Besonderem bleib, nach Hegels eigenen Begriffen, metaphysisch, weil sie dem Nichtidentischen am Besonderen sein Recht nicht läßt. (…) Allein, wie soll sich die Idee der Versöhnung, in deren Licht Adorno die Verfehlungen der idealistischen Dialektik doch nur sichtbar machen kann, explizieren lassen, wenn sich die Negative Dialektik als der einzig mögliche, eben diskursiv nicht begehbare Weg der Rekonstruktion (Hervorhebung von Bersarin) anbietet? An dieser Schwierigkeit, über ihre eigenen normativen Grundlagen Rechenschaft zu geben, hat die Kritische Theorie von Anbeginn laboriert; seitdem Horkheimer und Adorno Anfang der 40er Jahre die Wendung zur Kritik der instrumentellen Vernunft vollzogen haben, macht sie sich drastisch bemerkbar.“ (S. 500)

Die Arbeiten von Albrecht Wellmer, Herbert Schnädelbach, Martin Seel, Anke Thyen und teils auch Rüdiger Bubner sowie Karl Heinz Bohrer (diese beiden im Hinblick auf das Ästhetische bei Adorno) und in den 70er Jahren bereits Peter Bürger, um nur einige wenige, ganz unterschiedliche Autoren zu nennen, beschäftigten sich damit, diese Rekonstruktionen vorzunehmen sowie Strategien der Diskursivierung aufzuzeigen und Formen einer erweiterten (durchaus diskursiven) Rationalität herauszuarbeiten, die in der „Negativen Dialektik“ steckt. Das große Projekt der 80er Jahre in bezug auf Adorno war es, das Nichtidentische in unterschiedlichsten Konstellationen nun zum Sprechen zu bringen und beredt werden zu lassen, und zudem mit der Ästhetischen Theorie Adornos zu vermitteln bzw. im Sinne eines erweiterten Rationalitätsbegriffs auch der ästhetischen Rationalität einen Platz zu verschaffen. Die großen Debatten der Ästhetik sind auch heute noch ohne die Philosophie Adornos eigentlich gar nicht denkbar. Freilich haben sich einige Bedingungen geändert.

Habermas hat hier mit seiner Adorno-Kritik Entwicklungen und Denken angestoßen. Dies muß man anerkennen, bei allem Vorbehalt, den man ansonsten gegen sein Projekt einer sprachphilosophisch bzw. kommunikationstheoretisch gewendeten kritischen Theorie, die die Aporien vermeiden will, vorbringen mag. 

Im 2. Teil dieses Essays werde ich genauer auf diese Aporien, in die sich nach Habermas die Kritische Theorie Adornos zu verstricken scheint, eingehen und die Lösungen, die Habermas anbietet, aufzeigen. 

* Ich nenne in diesem Essay aus Gründen der Vereinfachung lediglich Adorno und teils auch Horkheimer als Vertreter der Kritischen Theorie. Daß hierzu eine Vielzahl an Personen (etwa W. Benjamin) in dieser Zeit der 30er und 40er Jahre aus dem Umkreis des ehemaligen Institus für Sozialforschung in Frankfurt/M zählte, unterschlage ich hier. Die Geschichte Kritischer Theorie bzw. der Frankfurter Schule ist in dem guten, instruktiven Buch von Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule, nachzulesen.

** Etwas simplifiziert, aber doch sehr pointiert kann man, wie Herbert Schnädelbach es tat, sagen, daß die drei großen philosophischen Werke der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, nämlich Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ (1921), Georg Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) und Heideggers „Sein und Zeit“ (1927) die drei großen Richtungen der Philosophie in Deutschland vorgaben. Diese Dreiteilung setzte sich, mit der bekannten 12-jährigen Unterbrechung (die sich für Heidegger allerdings nicht so sehr ergab) in den 50er Jahren fort.

 *** Einer der Hegelkongresse der 80er hieß „Kant oder Hegel?“. Allein diese völlig bekloppte Titelfindung ist Ausdruck eines vollständig undialektischen und damit instrumentellen Denkens. Na ja,eine Platte von Marius Müller-Westernhagen hieß damals ja auch „Sekt oder Selters“