Krise der Kritik?– Kritik der Krise. Zu einer Debatte um Karen Köhlers „Miroloi“

Von Zeit zu Zeit flammen in der Literaturkritik Debatten um die Funktion oder um die Maßstäbe der Literaturkritik auf – meist verbleibt das im inneren Resonanzraum des Betriebes, selten nur, wie im Falle Martin Walsers beim „Tod eines Kritikers“ oder Fassbinders „Die Der Müll, die Stadt und der Tod“ dringt es über die literarische Sphäre hinaus. Und von Zeit zu Zeit wird die Frage nach dem, was Literatur leisten kann, anhand eines konkreten Romans zum Thema: Ob das Knausgards autobiographisches Schreiben samt einer hemmungslosen Ich-Suada ist oder 1990 der Disput um Christa Wolfs „Was bleibt“ – der freilich mehr eine politische als eine literaturtheoretische Auseinandersetzung war. Nun brach es über Karen Köhlers neuem Roman „Miroloi“ herein – Verrisse im Deutschlandfunk von Jan Drees, in der taz von Moritz Baßler, in der „Zeit“ dieser Woche von Burkhard Müller. Inzwischen wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und da stellt sich umso mehr die Frage über die Qualität eines Buches und über die Maßstäbe der Literaturkritik, und es stand da plötzlich auch die Frage im Raum, weshalb ein solches Werk auf der Liste landet. All of old, nothing else ever.

Karen Köhlers Erzählungen „Wir haben Raketen geangelt“ aus dem Jahr 2014 fand ich belanglos bis schlimm: und so beendete ich meine Kritik mit dem Satz: „Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.“ Den neuen Roman kenne ich nicht. Es geht mir in meinem Text hier mehr um die Mechanismen einer Literaturkritik, die allzu schnell mit Krisenszenarien bei der Hand ist und Grundsatzfragen aufmacht, die ihren Grund eigentlich gar nicht so sehr im Roman, sondern in völlig anderen Mechanismen haben. Solche Romane wie von Köhler sind da bloß eine Art Katalysator – so schlecht oder so gelungen sie auch sein mögen.

Unter der Überschrift „Neue Maßstäbe der Gegenwartsliteratur. Schönheit, Stil und Geschmack“ schreibt Moritz Baßler in der taz:

„Wenn das aber Literatur ist, und so sieht’s ja wohl aus, dann hat sich der Literaturbegriff in den letzten Jahren radikal gewandelt und wir brauchen neue Maßstäbe der Schönheit, des Stils und des Geschmacks. Sie müssten uns helfen zu klären, womit und in welcher Hinsicht ein Buch wie „Miroloi“ überhaupt zu vergleichen wäre und wie man dann entsprechend werten könnte.

Vielleicht sind diese Maßstäbe auch längst vorhanden oder werden zumindest ausgehandelt, aber eben in den Lese-Communities, in den Netzwerken der Leserinnen selbst und nicht bei den Expertinnen und Experten, die ihre Begriffe akademisch an dem geschult haben, was, wie Robert Musil einmal formulierte, „durch ungefähr hundertfünfzig Jahre als die Dichtung, als die Dichtung der großen und Urmaße gegolten hatte“.

Auf diese Kritik von Baßler reagierte im „Freitag“ Marlen Hobrack mit einem Artikel, der  „Kriterienkrise“ betitelt ist. Jedoch: Das ist alles kein neues Problem, der Befund scheint mir eher trivial. Alle ein, zwei oder drei Jahre schreibt einer eine Krise der Literaturkritik oder der Literatur herbei, die letzte große Debatte zu den Möglichkeiten und Grenzen der Literaturkritik war 2015, nachzulesen im „Perlentaucher“. Handke konstatierte in Princeton bei der Gruppe-47-Tagung 1966 Beschreibungsimpotenz, regelmäßig schimpft Biller über Schlappschwanzliteratur (den Ausdruck fürs weibliche Geschlecht und die Suche danach spare ich hier), auch ist die Causa Tarkis Würger etwa ein halbes Jahr alt, und wenn es keine Krise ist, dann wenigstens ein kleines Grummeln, womöglich ob eines Simon Strauß-Romans im Januar 2018, wo sich ein Taz-Redakteur als Anbräuner betätigte.

Die sogenannten Halbwertzeiten für Literaturkrisen sinken wie die Zinsen für Spareinlagen und scheinen sich auf einen Halbjahresrhythmus herabgebrochen zu haben. Ob ausgerechnet Köhlers Roman zu solchem Befund taugt, bezweifele ich – aber sei’s drum. Baßler hängt die Sache zu hoch. In diesem Aspekt hat Hobrack recht – in ihrer Verteidigung von Köhler weniger. Dem Hanser Verlag aber mag es gefallen, es ist wie bei Kreislers „Musikkritiker“: „Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.“

Ein Problem ist allerdings, wenn Literatur am Reißbrett geschrieben wird. Die Dialektik tagespolitischer Aktualität und des gesellschaftlichen Engagements: Autoren wollen ein aktuelles Thema aufgreifen, zugleich wissen manche, daß bei Verlagen und in Lektoraten gerne auch Bücher verkauft werden, daß es weniger gut gelitten ist, wenn sie als Remittenden zurückkehren und daß mit gefälligen Mitteln mehr Effekt erzielt wird als mit einer experimentellen und artifiziellen Literatur, die noch irgendwie versucht, die avancierten Standards und die Fragen ästhetischer Form mit zum Thema zu machen. Wie man jedoch auf eine Short- oder Longlist gelangt: Das läßt sich dann am Ende so einfach doch wieder nicht planen. Zu den Möglichkeiten solcher Bücher schrieb 2018 Jörg Magenau ein spannendes Sachbuch: „Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten“.

Ob solches Reißbrettverfahren bei Köhlers Roman der Fall ist, weiß ich nicht und darum soll es hier auch nicht gehen. Sondern vielmehr um die Mechanismen, die hinter solchen Szenen stecken, wenn immer einmal wieder das Krisenszenario ausgerufen wird. Und da hilft es dann auch nicht, wie Hobrack vorschlägt, den Begriff der „Frauenliteratur“ zu „reclaimen“: Mißlungene Prosa bleibt mißlungene Prosa – egal unter welchem Label ich rubriziere und welches Etikett ich aufs Buch klebe. Ob ein Roman aber mißlungen ist, muß sich am Text selbst erweisen und da nützen keine Proklamationen pro oder contra Köhler, sondern man muß zeigen: Show, don’t tell. Der Schreibschulenrat für Autoren gilt ebenso für die Zunft der Kritik.

Wer zudem die Geschichte der Literaturkritik ein wenig kennt – was leider nicht mehr so selbstverständlich ist –, der wird sich noch an Debatten um die Pop-Literatur Ende der 1990er Jahre erinnern oder an Günter Grassens „Weites Feld“. Und vom Hörensagen vielleicht an Martin Walser oder Ingeborg Bachmanns „Malina“ oder an die Dispute um die literarische Qualität von Texten aus dem Resonanzraum der „neuen Subjektivität“ in den 1970ern. Man kann das immer wieder, von Jahr zu Jahr neu durchexerzieren. Der deutsche Kritiker, die deutsche Kritikerin ist soldatisch – sozusagen eine zeitungsmäßige Ein-Mann-oder-Frau-Kaserne.

Das Feld der Literatur ist ein weites und seine Grenzen haben sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich ausgedehnt. Ein irgendwie nur halbwegs verbindlicher Kanon an ästhetischen Kriterien jedoch existiert schon lange nicht mehr und hat in der Ästhetik für die Moderne eigentlich seit der „Querelle des Anciens et des Moderns“ nicht existiert, sondern vielmehr entzündeten sich an solchen Fragen nach der ästhetischen Norm die heftigsten Dispute, und Ende des 18. Jahrhunderts mündete dies, was die Literatur der Moderne betraf, in Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ und zeitgleich 1795 erschien Friedrich Schlegels „Über das Studium der griechischen Poesie“, das sich mit ganz ähnlichen Fragen befaßte: Was ist modern und wie stehen wir zur Tradition? Und jedes Mal meinen Kritiker, den Nordpol neu auszumachen. Dem ist aber nicht so, denn meist stoßen sie bloß auf eine uralte Frage. In der Literaturkritik geraten unterschiedliche Literatur-Konzepte, Stilempfindungen, vielfach auch bloß subjektive Präferenzen aneinander. Begründungen bleiben oft vage und sind ins nebulöse Orakel des Kritikers gehalten. Und leider macht auch Moritz Baßler seine Eindrücke, so gerne ich sie teilen würde, wenn ich an das schreckliche „Wir haben Raketen geangelt“ denke, nicht an Zitaten fest, sondern muß proklamieren: Das ist die eigentliche Schwachstelle seiner Kritik, Marlen Hobrack nennt sie leider nicht.

Freilich ist die Literaturkritik im Alltagsgeschäft der Zeitungen keine ästhetische Theorie, wo es ans Grundsätzliche geht und ästhetische Kategorien und Kriterien abwägend, reflexiv oder analytisch-ordnend geprüft werden. Und wenn der Raum dafür nicht gegeben ist, sollte sie auch nicht so tun, als sei es an ihr, die Grundsatzfragen zu stellen, ohne das im Detail einlösen zu können. In solcher grundsätzlicher Kritik nämlich geht es dann nicht mehr darum, ob Raymond Carvers Kurzsatzstil präzise-treffend, gefällig oder simpel ist oder ob ein aus der Kindersicht geschriebener Roman tatsächlich infantil sein muß. Marcel-Reich Ranicki merkte dazu einmal trefflich an, die hohe Kunst der Literatur bestehe eben darin, aus der Kinderperspektive heraus nicht kindlich zu schreiben. Und wenn die Kinderperspektive dann nur dazu dient, im Stil herabzudimmen, weil der Autor es in Sprache nicht besser kann, dann funktioniert ein Text nicht.

Literaturkritik sichtet, teils tagesaktuell, schaut, ob ein Plot klug erzählt ist, schaut auf Tricks, Ticks und Stil, belegt das Urteil, wenn es gut läuft, in der Rezension mit Zitaten, vergleicht mit anderen Texten. Auf dieser Ebene können Kritiker gar nicht einig sein, sofern sie es nur bei ihren Empfindungen belassen – und sie müssen es auch nicht, denn weshalb sollte Einigkeit per se ein Kriterium sein? In solcher Subjektivierung liegt das Problem, das eine von der Ästhetik her inspirierte Literaturkritik anzugehen und zu lösen versucht, indem sie zumindest die Stilkriterien in einen umfassenden Rahmen ordnet. „Wer, wie, was. Wieso weshalb warum?“ Die alte Sesamstraßenfrage, ästhetisch ins Grundsätzliche gewendet. Kluge Kritiker, wenn man ihnen den Raum an Zeichen gibt, und das geht meist nicht unter 12.000 oder besser noch 18.000 Zeichen, können eine solche Verortung vornehmen, die etwas mehr als nur ein subjektives Geschmacksurteil bedeutet. Dafür ist freilich heute in den Feuilletons kaum noch Raum. Man vergleich nur die „Zeit“-Literaturkritiken aus den 1980er und dann die aus den 2000er Jahren, was die Zeichenzahl betrifft. Und in diesem Sinne sind diese Fragen nach der Literaturkritik vielfach Scheindebatten oder laue Lüftchen in Blasen- oder Scheibenwelten.

Wir haben keine Krise der Literaturkritik, sondern eine der (ästhetischen) Begründungen, und weil das ein so grundsätzliches Problem ist, flammt es, selbst zu den nickeligsten Anlässen immer wieder einmal auf und tarnt sich als Krise – Adorno übrigens faßte das in seiner „Ästhetischen Theorie“ unter dem Terminus der nominalistischen Situation in der Kunst und versuchte doch, dieser Situation qua Reflexion irgendwie Herr zu werden.

Damit komme ich zu einem zweiten Aspekt. Denn solche Debatten, auch die manchmal hart geführten Dispute und solch unterschiedliches Einordnen und Werten von Büchern sind nämlich ein Teil des literarischen Diskurses und gehören damit zur literarischen Öffentlichkeit. Und in diesem Sinne lese ich solche immer einmal wieder aufflammenden Auseinandersetzungen nicht als Krise der Literaturkritik oder der Literatur und ihrer Kriterien – man erinnere sich auch noch ans Jahr 1987, als es um den Simmel-Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ ging –, sondern als essentiellen Bestandteil des Mediums Literaturkritik – auch um immer wieder aufs neue  das Besteck zu schärfen, denn die Waffe der Kritik kann nicht die Kritik der Waffen ersetzen. Bei Simmel etwa stand klar die Frage nach E- und U-Literatur und auch die nach dem politischen Engagement von Literatur im Raum und wie man dieses Fragen des Politischen ästhetisch verpackt. Oder auch die Debatte zum Echolot von Kempowski: Ob das bloße Aufsammeln und Anordnen von geschichtlichem Material bereits Literatur sei.

Eine Krise der Kritik wie der Literatur hätten wir, wenn Literatur keinerlei Reaktion, keinen Disput mehr hervorbrächte, wenn wir Kritiker oder wir Leser die Bücher nähmen, läsen und wortlos beiseite packten.

Solches Hervorheben der Notwendigkeit des Streits ist übrigens kein Plädoyer für Relativismus oder eine herabgesunkene Form des De gustibus non est disputandum, sondern es geht einer guten Kritik ja gerade um das Ringen von Kriterien und teils auch um normative ästhetische Maßstäbe, die mal gut, mal weniger gut begründet sind und die im öffentlichen Raum immer wieder neu ausgehandelt werden. Sichtbar wird diese Frage nach einem normativen Rahmen in puncto Literatur an solchen Disputen wie dem Zürcher Literaturstreit zwischen Emil Staiger und Max Frisch oder die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen über die Literatur der Avantgarde bei Adorno und Georg Lukács oder aber 2015 im Streit ums autobiographische Schreiben eines Knausgard. All das ist keine Krise der Kritik, sondern zeigt, daß diese Kritik höchst lebendig ist und daß die Möglichkeiten oder eben Unmöglichkeiten von Literatur immer wieder neu ausgehandelt werden.

Feuerwerk, das nicht zündet – Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“

KarenKoehler_U1_08AprilEigentlich schreibe ich selten Verrisse von Büchern – schon gar nicht bei Erstlingswerken. Der Debütroman, in diesem Falle ein Band mit Erzählungen, ist nun einmal ein zartes Pflänzchen. Hier aber ist ein Buch so gründlich mißlungen und stellenweise seicht auf die Erwartungen eines bestimmten Publikums geschrieben, daß es gilt, der teils euphorischen Kritik in den Zeitungen etwas entgegenzusetzen. Ich teile diesen lobenden Ton von „Die Zeit“, FAZ, „Berliner Zeitung“ nicht im Ansatz. Wäre deren Kritik an jenem Buch differenzierter ausgefallen, fiele womöglich auch diese Besprechung im Ton zahmer aus. Zumal sich mir in diesem Kontext der Verdacht aufdrängt, daß Marketing von Verlagen, Feuilleton samt Besprechungsmacht sowie das Hochjubeln einer bestimmten Art deutscher Literatur, die unverbindlich, harmlos und stromlinienförmig auftritt, eine unheilvolle Allianz eingingen. Das mag unbewußten Mustern folgen und nicht unbedingt Resultat einer verschworenen Gemeinschaft sein. Ich neige nicht zu Komplott-Theorien.

Wenn mir allerdings zu Ohren kommt, daß eine der gelungensten Novellen, die ich in den letzten Jahren las, von zwei Verlagen wegen Handlungsarmut abgelehnt wurde, dann drängt sich mir der Verdacht auf, daß es vielen der Verlage – beileibe und zum Glück nicht allen jedoch – mehr ums marktgerechte Schreiben denn um Literatur in einem emphatischen Sinne geht, die ihren eigenen Anspruch einlöst, die avanciert und auf der Höhe der Zeit eine Tendenz strukturiert und ausbildet, und zwar nicht bloß im spritzigen Modeton, zeitgeistgerecht und gut lesbar geschrieben, vorm Einschlafen oder vorm Gang in den Club zu lesen, ohne daß es am Ende tangiert. Insofern meint der Begriff des Avancierten ein ästhetisches Kriterium und keinen verschleiften Popton der unvermittelten Mode – was nicht bedeutet, daß ich die Mode geringschätze, denn seit Baudelaire wissen wir, daß jene Mode die Falte im Kleid der Ewigkeit bedeutet. In Karen Köhlers Buch „Wir haben Raketen geangelt“ gelang weder das eine noch das andere. Vielmehr handelt es sich schlicht um solch einen Fall von Modeliteratur, der Literatursoziologen allenfalls auf die Spuren des 2010er-Jahre-Zeitgeistes bringt, sofern sie von der Literatur her auf bestimme Lebenswelten und -stile schließen mögen.

Klong, sproff, sprotz, kling – Lebensheldinnnen und -helden trappseln und stapsen durch die Szenen, und wisch, wasch mit dem Finger über den Bildschirm, übers Display des Smartphones gefingert. Lockersprachlich gerührter Text. Verknappte Sprache, leider zu kurz und zu bündig. Alltagsszenen und postadoleszente Zustände müssen freilich in der Literatur nicht zwangsläufig in eindimensionaler Sprache des Postadoleszenten dargestellt werden. Wenn ich aus der Perspektive eines Kindes oder eines Jugendlichen schreibe, so dachte es sich Ranicki einmal, dann darf dennoch die Prosa nicht kindisch sein. Grass und Jurek Becker mit „Bronsteins Kinder“ zeigten dies. Mit der Sprache fängt es bei Köhler an und da liegt bereits der erste Mangel des Buches. Der Adoleszenzton nervt, wenn Mittzwanziger nicht ihren Zuständen entwachsen wollen. Denn manchmal ist zu frisch nicht frisch genug, weilʼs nach künstlicher Frische aus dem Frischeparadies des Supermarktes ausschaut. Das schimmert appetitlich unterm Kunstlicht der Obstwarenabteilung. Aber erst wenn ich mir die erstandenen Erdbeeren bei Tageslicht betrachte, kommen die angedetschten Stellen hervor. Ein Sammelsurium von Erzählungen und Extremerlebnissen wird in diesem Band zusammengezurrt und zum Erzählbündel geschnürt, Banales hochgejazzt. Köhlers Prosa hat ihre Stärken da, wo sie es im Jargon der Kurzwortsätze nicht übertreibt. Und die Schwäche liegt in genau dieser affektierten Sprache, die bereits nach wenigen Seiten ermüdet. Schnodderig, hegemanisierend am Jugendsound oder an einer bestimmten Art der US-Kurzwortsatz-Prosa ausgerichtet, gleitet diese Sprache in den Klischeebildern der Szeneaffektierheit, huldigt popaffinem und popmodernem Sound in knappem Telegrammstil: Subjekt, Prädikat Objekt. Subjekt, Prädikat Objekt. Subjekt, Prädikat, Objekt.

Ebenso klappert es in den erzählten Geschichten selbst und in den dramatisch aufgebauten Plots oft und arg. Die Situationen sind nicht existenziell bedeutsam, traurig oder katastrophisch, weil die Handlung samt Szenen und Dialoge geschickt konstruiert werden, weil eine Katastrophe erst subtil im Geschehen sich entwickelt und von der Binnenstruktur des Erzählens her aufgeladen wird, also idealerweise durch Aussparung oder aber deren Gegenteil: die plötzliche, unvermutete Wendung, in der Verdichtung auf den Punkt zu, sondern über die durchschaubar gesetzten Motive, die wie Lockzeichen nach Reiz-Reaktionsschema arbeiten – konstruiert nach einer Schablone. Die Bedeutsamkeit wirkt konstruiert: durch Kirchen, Mysterienorte, Indianer-Stein in die Hand gedrückt, beim Verdursten der Protagonstin im Death Valley, und inmitten dieses Ethnokitsches darf auch der Zen-Tempel und darf Japan auf keinen Fall fehlen, so in der Erzählung „Cowboy und Indianer“. Reisen in die Ferne und zu Wasser, und aus dem Meer taucht beim Liebesschmerzrückblick naturgemäß ein Wal auf. Wenigstens steht kein Pferd vor der Tür, wenn das Buch schon bei der Populare Music Anleihen nimmt.

Das Katastrophische der Krankenhausgeschichte in „Il Commandante“ lebt einzig vom aufgebauschten Todeseffekt. Tod und Krankheit kommen immer gut: Mach einen Extremzustand, nimm eine Frau in den 30ern, bringe einen Arzt, ein Krankenhaus, eine lebensbedrohliche Krankheit ins Spiel, geselle der Frau irgendwie einen geliebten Mann bei, der jedoch abstrakt im Hintergrund bleibt und sich – per SMS natürlich – nur sporadisch bei ihr meldet, weil er sich von ihrer Krankheit überfordert fühlt, führe einen fremden, alten, irgendwie skurril-rätselhaften, aber märchenhaft hilfreichen Mann ein, der am Ende tot ist! Und Krankheit vor allem, Krankheit geht immer gut, Krebs noch besser, in den Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie. Gut kommen auch Gehirntumore mit letalem Ausgang. Das spricht nicht gegen solche Prosa an sich, sehr wohl aber gegen eine bestimmte Form von Aufschreibsystem samt Rezeption derselben, gegen deren Anrührungsposen, die den Text nach dem Rührungsfaktor für Schicksalsschläge bemessen. Natürlich alles im lakonischen Ton geschrieben – wir haben ja schließlich unsere US-Amerikaner gelesen. Das alles wirkt konstruiert, weniger wäre mehr. Prosa der deutschen, nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der sonst nichts Extremes mehr in den Sinn kommt als die eigenen Befindlichkeiten, Krankheiten und Gefühlszustände nachdem der Lover oder die Freundin einen verließen. Da haben wir sie also – die Rache Schelskys.

Gekonnt in schwarzen Zügen zu zeichnen und brüskes Schwarzmalen um des Effektes willen sind zwei Paar Schuhe. Ich will gar nicht die Großen der Literatur wie Kleist oder Kafka bemühen, so hoch wollen wir nicht greifen und die Latte hängen. Aber selbst vier Nummern kleiner, also in der Liga, wo Köhlers Prosa spielt, bekommt man es besser in den Griff als in diesem Buch. Prosa der existenziellen Aufgesetztheit wird fabriziert. Frauen, die partout nicht erwachsen werden wollen. Peter-Pan-Effekt. Und naturgemäß sind es immer die Ausnahmesituationen, darunter wird es nicht gemacht. Ob inmitten der Wüste von Kalifornien, wo der Protagonistin das Auto samt Rucksack und Papieren gestohlen wurde, nun ein rettender Indianer auftaucht oder Lebensschiffbruch mit Zuschauer in allen Lebenslagen. Vielleicht ist das alles eine Generationsfrage, eine Generation wie die der 70er, der 80er und auch die der 60er Geborenen. In dem unendlichen Langeweilemief der Sozial- oder Christdemokratie (BRD), wo (zum Glück) der Krieg als inneres Erlebnis ausblieb oder inmitten der sterilen kleinbürgerlichen Normenklatura, realsozialistisch verbürgt (DDR), in der diese Generationen ihr Kindheit und Jugend verbrachten, da bleibt als Ausnahmezustand und -tatbestand nur noch das nächtliche Ausgehen in den Partyhotspots in Düsseldorf, Hamburg oder Berlin. Schanzennächte, Kreuzbergnächte. Und jede dieser Nächte eine einzige Ausnahmeszene. Und, ach, so ungeheuer durch die Nacht und den Moment geritten und wir werden immer so weitermachen. Wie die Nacht, so die Prosa. Doch es bleibt am Ende in Köhlers Erzählton blutleer und schal.

Nein, es ist in Köhlers Erzählband nicht alles in diesen Geschichten schlecht erzählt. Aber es herrscht dort eine Sprache vor, die weniger der Sache, sondern in ihrer vermeintliche jugendlichen Geschmeidigkeit und dem launig-leichten Plauderton mehr dem Effekt verhaftet ist. Das Slanghafte, wie gesprochen erscheinend, Szenesprech, hegemannisiert die Sprache. Pop-Ton in seiner üblen Form und dieser Pop hängt mit der teils konstruierten Szenerie zusammen. Nun ist freilich Literatur immer konstruiert und nie die Wirklichkeit selbst, wie wir wissen. Hier aber soll es wie aus dem Leben gegriffen erscheinen. Aber doch hinreichend exzeptionell, damit keine Langeweile aufkeimt. Das muß nicht weiter schlimm sein, derart zu schreiben, daß es so ausschaut wie mitten im Leben, es gibt genug Autorinnen und Autoren, denen es darum geht, konsistent eine Geschichte zu erzählen, wo dieser Bruch zwischen Wirklichkeit und Schrift und dieser doppelten Boden eines Textes nicht zum Tragen kommen. Aber was Köhler schreibt, bleibt häufig Geplauder, das von der Attitüde lebt. Künstlerin reist durch die USA, Rückblenden auf die Kindheit – das beste in dieser Erzählung bleibt immer noch das lesbische Panorama, jenes Moment des Andersseins sowie die schreckliche Vergewaltigung. Doch werden solche gelungenen Momente sogleich wieder durch den aufgesetzten Ton verschlungen. Und es muß natürlich besagter Zen-Tempel mit einem Zen-Meister vorkommen, in dem die Künstlerin sich aufhielt. Diese immer wiederkehrenden esoterischen, ethnokitschigen oder neureligösen Bedeutungs-Aufladungen ohne weitere Bedeutung oder gar die Handlung zu generieren und weiterzubringen, so auch in „Il Commandante“ die Kirche mit den Wunschsteinen, zerstören diese Geschichten komplett, und ich denke mir für die nächsten Seiten: Bitte nicht dies noch!

Der Blog „Kulturgewäsch“ schrieb ebenfalls eine schlechte Besprechung und brachte es auf den Punkt: Prosa im Stile der „Sportfreunde Stiller“. Hätte von mir sein können. Hier jedoch war der Blogbetreiber schneller als ich.

Überdrüssig bin ich ebenfalls der bei K. Herrmann ausgeborgten Verpeiltheit von Frauen in den 20ern oder 30ern, denen ihr Boyfriend, der am Ende sowieso in deren Lebenskonzepten austauschbar und beliebig ist, abhanden kam und die nun sinnlos melancholisch irgendwie durch die Welt delirieren, sei es daß sie, wie in „Starcode Red“, auf irgend einem Kreuzfahrtschiff, das sich durch den Polarkreis bewegt, als Stage Artist anheuern – die Erzählung dieses Buches, die restlos mißlang – oder im Wüstenszenario bei „Cowboy und Indianer“, wo Künstlerexistenz, Rückblick auf Jugend und Ausnahmesituationen zusammengepreßt werden.

Zuweilen schimmert bei Köhler, was den Ton der Sprache und die Konstruktion von Geschichten anbelangt, etwas hervor. Potential ist – im Ansatz zumindest – vorhanden. So in der tieftraurigen Geschichte „Name. Tier. Beruf.“ deren Titel allerdings mißglückt ist, weil er dem Drama äußerlich bleibt und auf den Effekt schielt. Als handele es sich um einen Songtext der „Lassie Singers“. Dieses Prätentiöse inszenierter Lakonie stört gewaltig und bleibt erzählerisch banal. Trotzdem – der Plot trägt: Ein junger Mann, der inzwischen ein erfolgreicher Journalist ist, kommt in sein Heimatdorf zurück, um die jüngeren Schwester seiner Exfreundin zu besuchen, die zur Abiturzeit bei einem Autounfall ums Leben kam. Mit der jüngeren Schwester vögelte der Junge nach dem Unfall, es gab ein Kind, das Kind wurde abgetrieben, es liegt nun, von der Protagonistin als Frühgeburt auf einer Toilette bluttriefend herausgedrückt, heimlich mitverbuddelt im Grab der Schwester. Hier gelingt die Lakonie des knappen Erzählens stellenweise gut.

Und auch die Erzählung, die dem Buch den Titel gab, hätte anrührend, traurig, intensiv wie nur Jugend sich gibt, sein können, wenn deren Stil des Erzählens nicht alles kaputtgeplappert und gegen die Wand geschrieben hätte. Ein eigentlich zartes liebevolles trauriges Geschehen – ein Junge, ein Mädchen, in dem schönsten Alter, irgendwo um die Jahre der Volljährigkeit herum und wenn der Jugendfreund sich, unergründlich weshalb, mit Tabletten umbringt. Liebesnächte, Küsse im Rausch der Musik und der Kunst, Mixtapes, die man einander schenkt, sich zu filmen, die andere zu filmen, betrunken, wild, ungezähmt, Schriftstücke in Schreibmaschine zu setzen, erstes Aufbäumen im Schreiben, gemeinsam einsam, und der Beginn jungen Lebens in Fragment und Kurzprosa in ein literarisches Bild ziseliert, sehr zart, sehr liebevoll. Wenn nur dieser elende Hegemannn-Pop-Sound nicht wäre. Es hätte dies – zusammen mit „Familienportraits“ – eine der besten Short Storys werden können. Wie Leben sich unterm Zeitblick einer Generation der 80er fragmentiert und zerfranst und ins Treideln kommt, wie ein junger schwuler Mann auf das triste Altern der Eltern blickt, zwischen Mief und Ausbruch angesiedelt. Potential ist vorhanden, doch wird es um des Mode-Effekts willen verspielt. Diesem Buch hätte man einen Lektor, eine Lektorin gewünscht, die mehr als nur phasenweise eingreift.

Wer übrigens, wie Saša Stanišić auf der Rückseite des Covers als verlagsseitige Werbemaßnahme, der Meinung ist, daß Prosa wärmen müsse, der sollte sich keine Bücher, sondern besser einige Scheite Feuerholz oder einen leistungsstarken Radiator zulegen, um es sich auf dem Sofaplaneten behaglich zu machen. (Sex geht auch.) Die Ansprüche an Bücher, die manche pflegen, scheinen mir ausnehmend seltsam.

Die einen landen mit ihrer Prosa in einem renommierten Verlag, die anderen bleiben draußen oder schreiben ihr Leben lang solche Texte in Blogs. Dort scheinen mir die Texte Köhlers besser aufgehoben und dort gelingt es auch, weilʼs über weite Strecken privates Plaudern ohne literarische Komposition ist. Ambitioniert zwar, aber ohne Konstruktion und Meisterschaft. Literatur will jedoch mehr als den Ausnahmezustand der gelangweilten Mittelklasse, der Mittdreißiger. Diese Litanei mußten wir bereits bei Judith Herrmann zwei Erzählungsbände lang ertragen. (Wobei der erste Band durchaus einen speziellen Stil besaß, den ich nicht herunterreden möchte.)

Ich kannʼs Euch allen nur raten: Hört auf mit der Pop-Scheiße beim Textschreiben! Daran sind schon viele gescheitert und haben sich davon nie und nicht mehr erholt. Dieses Buch von Karen Köhler funktioniert wie eine CD mit neun irgendwie halboriginellen Musikstücken einer Deutschpopband, mal was für traurig Verliebte, mal was für Todkranke, mal was für den Weltschmerz der ewigadoleszenten Mittdreißiger. „Sportfreunde Stiller“-Prosa oder „Wir sind Helden“ trifft es ganz gut. Das spielen wir ab, hören, nicken: ja-ja. Und denken: „Dann doch besser die Amerikaner hören und lesen, die wissen wie Pop geht!“ Nach der Kreuzfahrtschiffsgeschichte mit ihrem larmoyanten Ton habe ich das Buch zur Seite gelegt. Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt, Hanser Verlag, 240 Seiten, 19,90 EUR