Im Sog der verschichteten Realitäten – Julio Cortázar zum 100. Geburtstag

„Nie wird man wissen,wie das erzählt werden muß, ob in der ersten Person oder in der zweiten, indem man sich der dritten Person des Plurals bedient oder fortwährend Formen erfindet, die sich dann als nicht brauchbar erweisen.“ (Julio Cortázar)

 
 
julio_11232Der Literatur Südamerikas, sofern eine solche Generalisierung überhaupt sinnvoll sein kann, wird gerne eine besondere Form des Realismus nachgesagt, und es wird ihm das Adjektiv „magisch“ vorangestellt. Die Dinge sind. Immer. Doch sie sind nie genau das, als was sie uns zunächst erscheinen. Das Bild der Wirklichkeit konstituiert sich bekanntlich in der Erzählung und zugleich verschiebt die Erzählung die Bilder, schafft eine Wirklichkeit ganz eigener Ordnung. Aber nicht nur das: Die Literatur vermag es zugleich, auch diese literarische Wirklichkeit noch in Frage zu stellen. Mit dieser wiederum fiktionalisierten fiktiven literarischen Realität, die sie als irgendwie echtere oder wahrere ausgibt als die bloß literarische, gerät ebenso die Instanz des Erzählers, des Autors und überhaupt die der erzählten und der erzählbaren Zeit ins Schwimmen. Im besten Falle bricht solche Literatur den Realismus auf und läßt eine Ebene in den Text ein, der mehr verrätselt, als daß das Erzählen Klarheit verschafft. Jedoch ohne in dieser Konstruktion nun wirr und durcheinander zu geraten. Diese Tendenz läßt sich bei so unterschiedlichen Autoren wie Alejo Carpentier, der den Begriff des „magischen  Realismus“ prägte, Carlos Fuentes, García Márquez oder Borges beobachten. Es entstand eine spezifische Weise des Erzählens, teils sehr geschichtsträchtig wie bei Fuentes.

Bei Julio Cortázar, der heute vor 100 Jahren als Sohn eines argentinischen Diplomaten in Brüssel geboren wurde, verbinden sich in diesem magische Erzählen die Phantastik, aber ebenso das Groteske der Erzählungen Edgar Allen Poes, der französische Surrealismus, die Kameraperspektive des nouveau roman, der die Dinge als Dinge, die Situationen als Situationen vorführt – sofern das denn in der Sprache funktioniert. Ebenso gibt es bei Cortázar freilich diesen Hang zum überschwenglichen Erzählen.

Genauso jedoch – und das ist die andere Bewegung innerhalb seiner Literatur, die womöglich mit dem nouveau roman zusammenhängt – möchten manche seiner Texte ein exaktes Protokoll vom Geschehen liefern. Als sei’s die Wirklichkeit: so fließt zu Beginn seiner Erzählung „Apokalypse in Solentiname“ die Realität des Schriftstellers Cortázar mit ein, wenn er von einer Pressekonferenz berichtet, bei der er nach seinen Reaktionen auf den Film „Blow up“ gefragt wird, der – allerdings in sehr vagen Zügen und ausgesprochen frei bearbeitet – unter Verwendung einer seiner Erzählungen konzipiert wurde. (Dazu weiter unten mehr.) Insbesondere in dem von mir hier und insbesondere an dieser Stelle emphatisch besprochenen, großartigen Buch „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ ist dies der Fall: Cortázar und Dunlop beschreiben eine durchaus reale Reise, die beide von Paris nach Marseille machten, sie führten dabei ethnologische Studien durch, und zugleich bringt das Buch die Poesie des Alltäglichen in den Text: ein gewöhnlicher, kaum beachteter Aspekt wie das Fahren, genauer gesagt eine einmonatige Reise auf einer Autobahn, mit der Regel, an jeder zweiten Raststätte eine Nacht zu verbringen, gerät einerseits in den Strom der Poetisierung und wird andererseits mit einem gehörigen Sinn für Surreales und Komik wissenschaftlich exakt betrachtet: Parodie der Ethnologie zwar, aber der Wunsch das Alltägliche zu beobachten und als Text zu beschreiben, löst sich eben nicht nur im Klamauk auf.

Bereits früher tauchte in Cortázars Werk die Autobahn auf – aber von der Geschichte her ganz anders strukturiert und erzählt: „Südliche Autobahn“ beschreibt einen verheerenden Stau von unendlichem Ausmaß, der hunderte Kilometer bis vor Paris reicht und der sich über mehrere Monate hinzieht. Lebensnormalität für die Insassen der Autos scheint mittlerweile der Stau selber und nicht mehr das Fahren zu sein. Als sich der Stau auflöst, fehlt dem Protagonisten der Erzählung ein Lebensmoment. Es ergab sich im Stau eine Form von Gemeinschaft, wie sie in Krisen- und Katastrophenszenarios entsteht, und immerhin zeugte der Protagonist während des Staus mit einer jungen Frau ein Kind. Aber diese Frau hat der Protagonist im Fluß des Verkehrs, nachdem sich die Gemeinschaft wieder in fahrende Individuen auflöste, aus dem Blick verloren. Den Einschlag des Surrealen, des Phantastischen und auch Grotesken finden wir in vielen seiner Erzählungen. Cortázar mischt darin und in seinen Romanen diese Formen des Schreibens und trifft dabei im Erzählen einen eigenwilligen Ton, der zwischen verschiedene literarischen Texttypen und Stilen sich bewegt.

Vielleicht ist Cortázar einer jener südamerikanischen Literaten, die am stärksten durch die Moderne Europas geprägt wurde – durch und durch frankophil, dennoch einen ganz eigenen Sound und Stil des Schreibens findend: beeinflußt sicherlich auch durch seine Vorliebe für den Jazz. Leider gehört Cortázar ebenso zu den eher in Vergessenheit geratenen Schriftstellern, was ausgesprochen zu bedauern ist. Im Jahre 1951 emigrierte er aus Protest gegen das Perón-Regime von Argentinien nach Frankreich und lebte seither in Paris. 1981 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. Daß seine Literatur auch politisch geprägt ist, bemerkt man lediglich am Rande. Cortázar war im öffentlichen Leben ein engagierter Schriftsteller, der sich für die Revolutionen in Süd- und Mittelamerika einsetzte, aber er bezog in seinen literarischen Texten nur selten politisch Position, wie z.B. in „Album für Manuel“. Schon gar nicht verschrieb er sich innerhalb seiner Literatur der direkten Parteinahme und pumpte die Politik in den literarischen Text, um daraus ein ästhetisches Programm zu machen: Literatur ist keine moralische Lehranstalt, sie will nicht belehren, sondern erzählen. Daß Gesellschaftliches freilich vermittelt den Text trägt, schließt dieses Verfahren immanenter Konstruktion nicht aus. Der (sozialistische) Realismus war Cortázars Sache nicht. Im Gegenteil: er transformierte jene uns hinlänglich bekannte Realität ins literarische Bild.

Was Cortázars Schreiben auszeichnet, ist einerseits jenes Spiel mit der Realität. Das kann man in seinen Romanen lesen, insbesondere in „Die Gewinner“, wo sich Reales und Fiktives verschachteln und in gewissem Sinne sind die „Autonauten auf der Kosmobahn“ (1984 erschienen und damit eines seiner letzten zu Lebzeiten publizierten Bücher, er starb 1984) ebenfalls eine solche Literarisierung dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Anders als in seinem wohl bekanntesten Roman „Rayuela“ (1963), der durch seine formale Struktur und eine Leserichtung besticht, die von der üblichen Konvention abweicht. Mag man zwar den ersten und zweiten Teil noch wie eine herkömmliche Geschichte lesen, die den fiktiven Charakter nicht leugnet und dabei dennoch immer tiefer in die Zonen gleitet, in denen Welt und Wahrnehmung sich verschleifen und verschlieren, splittet sich im dritten Part das Geschehen auf und Leserin und Leser müssen zwischen den Kapiteln hin und her springen: Himmel und Hölle eben, wie jenes Kinderspiel heißt.

Aber neben diesem formalen Trick, der zwar Spiel ist, gleichzeitig jedoch den Begriff vom Text wesentlich erweiterte und für die Spätmoderne neue Akzente setzte (was wir – pauschalisiert geschrieben – heute als postmodernes Schreiben bezeichnen), besticht das Buch ebenso durch seinen Humor und eine absurde Szenerie bohemiènhafter Jugend. In ihrem Treiben und in den halb gebildeten halb pseudophilosophischen Diskussionen und Gesprächen samt der Partys erinnert die Paris-Szenerie vielfach an Boris Vians wilden Roman „Drehwurm Swing und Plankton“ und andere Erzählungen, die das Leben im Paris der 40er und 50er Jahre beschreiben: zwischen Künstlertum, Jazz, Partys, Mittellosigkeit, ästhetischen und philosophischen Diskussionen bewegt sich das Leben des Protagonisten Horacio Oliveira. Cortázars ungebändigter Humor, sein Sinn fürs Skurrile und Groteske steht sicherlich in der guten Tradition der Surrealisten sowie in der von Boris Vian und Raymond Queneau – man denke nur an die herrliche Göre Zazie oder an Vians absurd-brutalen Szenerien.

Aber es geht das Paris-Erlebnis Horacio Oliveiras durchaus nicht lustig aus, und es nehmen die Rätsel überhand. Natürlich ist auch ein Schriftsteller namens Morelli im Roman-Spiel. Samt seiner Ästhetik. Viel könnten sich insbesondere die meisten deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller von einem solchen Schreiben abschauen. Im Verlauf des Erzählens beginnt „Rayuela“ immer mehr Fahrt aufzunehmen, alles gerät ins Trudeln und Schweben. Wie auch die Kulturräume Paris und Südamerika/Argentinien durchdringen sich die Ebenen und Realitäten in diesem teils grausamen, teils absurd-humorvollen Textspiel. Sicherlich leistet Cortázar in seiner Drastik und Radikalität literarisch sehr viel mehr als der eher verspielte Boris Vian in seinem märchenhaft-traurigen Roman „Der Schaum der Tage“, sofern man denn diese unterschiedlichen Werke vergleichen möchte. Sie ähneln sich jedoch ausgesprochen im Ton der Zeit, den beide einfangen – insbesondere, was die Paris-Szenerien anbelangt. (Zu „Rayuela“ ein andermal mehr.)

Wie sich die Realität bei einem Blick, der nur intensiv genug sein muß, verzerrt – man könnte freilich ebenso schreiben: verzehrt –, läßt sich in seiner kleinen Erzählung „Der Teufelsgeifer“ nachlesen, die von Michelangelo Antonioni unter dem Titel „Blow up“ in einer freien Übertragung und indem Antonioni den Gehalt erweiterte, kongenial und stimmig verfilmt wurde. „Unter den vielen Möglichkeiten, das Nichts zu bekämpfen, ist eine der besten, Photographien zu machen, eine Tätigkeit, in der die Kinder frühzeitig unerwiesen werden sollten …“ Behauptet zumindest apodiktisch der Protagonist jener Erzählung. Aber generiert eine Photographie tatsächlich jene Objektivität? Das bleibt die Frage. Der Blick auf die Welt, auf Dinge und Situationen, Szenen wie jene zärtliche Liebesumarmung zwischen dem Jungen und jener Frau auf der Île Saint-Louis nahe des Parks, die die Kamera oder aber die schnöde Prosa der Welt in der Erzählung einzufangen versuchen, lösen sich auf.

Nachdem der Erzähler dieser seltsamen Episode auf der schönen Île Saint-Louis die Photographie von dieser Szene in seiner Dunkelkammer immer weiter herausvergrößerte – daher dann Antonionis Titel „Blow up“, der eben dieses Verfahren bezeichnet – und sich dann das Bild an die Wand hängt, setzt die Reflexion ein: „er pinnte die Vergrößerung an eine Wand seines Zimmers, und am ersten Tag betrachtete er sie sich eine Weile und erinnerte sich, verweilte bei dieser vergleichenden melancholischen Tätigkeit des Sich-Erinnerns angesichts einer verlorenen Wirklichkeit; eine versteinerte Erinnerung, wie jedes Photo, auf dem nichts fehlt, nicht einmal und vor allem nicht das Nichts, das wahre Fixativ der Szene.“ Es beginnt die an das Bild geknüpfte Geschichte sich herauszukristallisieren: die Photographie selber erzählt eine Geschichte, mobilisiert Erinnerung, und es werden die Bilder beweglich, beginnen die Starre zu lösen, legen eine Welt frei. Eine andere Welt. Einen Imaginationsraum. Der Sprung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit der Szenerie, jene Zeit, die die Dinge abtauchen und im Strom eines Textes wieder auftauchen läßt – all diese Dinge, die Augenblicke und Szenen, diesen einen Menschen, den die Zeit bannte, der Moment, der sich verflüchtigt „und wie ein Marienfaden in der Morgenluft entschwand. Aber die Marienfäden nennt man in Chile auch Teufelsgeifer, …“

Der Leser gerät in Cortázars Geschichten hinein wie in einen Sog, je mehr er davon liest. „Geschichten, die ich mir erzähle“, so heißt einer seiner Erzählungsbände: Ein Mann, der sich nachts im Bett in Geschichten imaginiert, die er sich selber erzählt und mit einem Male ragt eine dieser sich selber im Kopf, in der Phantasie erzählten Geschichten, in der es vornehmlich  um Begehren und Lust geht, ins Leben des sich Geschichten erzählenden Mannes herein: das ist surreal, das sind Poes Schreckensszenarien und dennoch findet Cortázar einen ganz und gar eigenen Ton über die kurze Distanz der Erzählung, die Wirklichkeiten aufzufechern, anzufechten und Leserin und Leser in das Spiel des Phantasmas einzubinden.

Eine Reise über die Autobahn in 33 Tagen. „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar und Carol Dunlop

22481Eine wunderbare Zeit ist vorbei, eine wunderbare Reise geht zu Ende. Wie es im Leben zuweilen geschieht. Wir Melancholiker sind für diese Situationen empfänglich, wenn etwas unwiederbringlich vergangen ist. Der Melancholiker spürt jenen Fluß der Zeit, und wenn er reflektiert genug ist, vermag er es ebenso, dieses Vergehen, das Verschwinden und das „Es war einstmals“ auf den Begriff zu bringen: in die Anordnung des Textes nämlich, in der alles aufgehoben, aufbewahrt, aufgebahrt bleibt. All das, was nie mehr geschieht. Es geht die Lektüre eines wundervollen Buches zu Ende, das von einer Reise handelt, die nach einem Monat abschließt, weil deren Protagonisten an ihrem gesetzten Ziel angekommen sind; samt zweier Leben, die kurz danach ihrem Ende sich neigen. Ich spreche von Cortázars und Dunlops Buch Die Autonauten auf der Kosmobahn, die sich darin Bärchen und Wolf als Kosenamen gegeben haben. Eine gar wundervolle Lektüre, ein Buch, von dem ich mir wünschte, daß es nie aufhörte, wie ein Wochenende im Dezember in Leipzig, drei Tage in Berlin im Juni, eine Dampferfahrt auf der Spree oder ein intensiver Monat im Zeichen des März. Doch die Dinge, die Menschen, die Tage, die Monate und Wochen: sie enden nun einmal. Und unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin.

Selten geschieht es, daß wir ein Buch aus der Hand legen müssen, weil die letzte Seite erreicht wurde, und es doch immer weiterlesen wollen, in genau der Monotonie und gleichzeitig in dieser Vielschichtigkeit, die eine Fahrt auf der Autobahn bietet. Dabei ist dieses Buch nicht einmal große Literatur im Sinne der Fiktionalisierung oder der Maskierung des Geschehens im literarischen Text, sondern im Grunde rein dokumentarisch, wenngleich mit surreal-schelmischem Einschlag geschrieben, und dennoch geschieht darin, trotz seines dokumentarischen Charakters, die Poetisierung von Welt und Leben, von Zweisamkeit in der unendlichen Liebe des gemeinsamen Lebens. Auch dieser Umstand der doppelten Perspektivierung macht den ungeheuren Reiz dieses Buches aus.

Gemeinhin stellt der Campingurlaub zweier Menschen, zumal wenn er auf den Rastplätzen einer Autobahn stattfindet, nicht das Sujet dar, das wir uns in der Literatur innig wünschen würden. Aber es wird sich im Laufe dieser Lektüre zeigen, daß auch das kleine, das kleinste, das unscheinbarste Detail und die Nebensache sich als bedeutsam erweisen können. (Entfernt erinnert mich diese Modalität des Reisens in Reflexion an Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“. Eine Fahrt, die mählich dahingeht, treidelnd, treibend, die Langsamkeit entdeckend, gleichsam als ein „Versuch über den geglückten Tag“. Allerdings wird Wenders Roadmovie wesentlich von Zweifeln getragen, die bei Dunlop und Cortázar eher spielerisch inszeniert werden.)

Die Schriftsteller Julio Cortázar und Carol Dunlop unternahmen vom 23. Mai bis zum 23. Juni 1982 eine Reise über die Autobahn von Paris nach Marseille. Dabei gab es ein strenges Reglement, denn beide traten keine gewöhnliche Reise an, sondern sie bewegten sich im Sinne einer Expedition, einer Forschungsreise: Ethnologie des Alltags, mit genauem Forschungsauftrag. Ich berichtete bereits an dieser Stelle vorab darüber. Zwei Rastplätze pro Tag müssen angesteuert und dann entsprechend erkundet werden. Auf dem zweiten Rastplatz muß übernachtet werden. Jedesmal sollen wissenschaftliche Untersuchungen angestellt werden Eine Reise in die Ödnis zwar, doch setze diese Fahrt, die die Zeit dehnt und ihr einen neuen, nicht dagewesenen Rhythmus gibt, dann einen ganz anderen Fokus, der sich von dem Blick und der Fortbewegung, wie es die herkömmlichen Reisenden betreiben, sattsam unterscheidet. Denn ihnen dient die Autobahn lediglich dazu, schnellstmöglich von A nach B zu gelangen. „diese Entfaltung in Glück und Liebe, aus der wir so erfüllt hervorgingen, daß danach nichts mehr, nicht einmal wunderbare Reisen und Stunden vollkommener Harmonie, diesen Monat außerhalb der Zeit übertreffen konnte, diesen inneren Monat, in dem wir zum ersten und letzten Mal erfuhren, was uneingeschränktes Glück ist.“

Nach der Lektüre dieses Buches wird mancher Autonaut diese Schnellstraße, diese Trassen durch die Landschaft als einen Kosmos ganz eigener Art wahrnehmen. In gewissem Sinne sind die Autobahnen für uns Land- und Stadtbewohner, für uns gewöhnlich Reisende eine Art Terra Incognita. Nicht, weil diese Region unzugänglich ist – im Gegenteil –, sondern weil wir in der Regel unseren Blick von diesen abseitigen Orten nicht nur abwenden, sondern sie gar nicht erst wahrnehmen und unseren Blick verschließen. Nicht anders als Bahnhöfe oder Flughafenhallen, die dazu dienen uns woanders hinzubringen, wo alles anders, besser, schön ist.

„Uns wird immer deutlicher bewußt, daß wir ein Territorium erobern, das wir Parkingland oder Freiheit oder Zweitwohnsitz nennen könnten, denn es steht fest, daß wir hier alle Vorteile eines solchen genießen, auch wenn das Grundstück mobil ist und die Nachbarn nicht existieren oder ständig wechseln. Es ist ein Land von großer Stille, das Land einer Zeit, die sich hinzieht und dennoch fortschreitet, ohne daß wir es merken.“

Dieser andere Blick benötigt die entsprechende Zeit, die Muße, die Verspieltheit zweier Menschen, die sich an einen ausgewählt öden Ort begeben und dort dennoch all die wechselnden, teils monotonen, dann wieder von umwerfender Schönheit sich gebenden Plätze in einer einzigartigen Weise wahrnehmen. Phantasiebesetzt heißt der rote VW-Bullie Fafnir und dieser Bus ist eben ein Drache. Die häßlichen Campingstühle heißen „Die geblümten Greul“. Schönheit entsteht im gemeinsamen Sehen, im gemeinsamen Blick auf die teils profanen Dinge, die mit einem Male surreal verzaubert und von ihren Sinndimensionen entgrenzt werden. So etwa, wenn beide in einem der Rastplätze, auf denen diese orange-weißen Plastikhütchen stehen, die Unfallstellen oder Unebenheiten abgrenzen, plötzlich als Hüte von Hexen gedeutet werden, die auf dem Rastplatz inquisitorisch behandelt und in den Boden eingerammt wurden, und genauso schnell werden die auf selbigen Rastplatz stehenden Gerätschaften eines Kinderspielplatzes dekontextualisiert. Sehen nicht manche dieser Spielgeräte tatsächlich wie Folterwerkzeuge aus oder besitzen die Anmutung eines Galgens?

Eine Reise, die ganz im Zeichen einer tiefen, gemeinsamen Liebe gehalten ist: eine zunächst profane und öde Welt in Intensität wahrzunehmen, und zwar gemeinsam. Cortázar und Dunlop schrieben diese Reise auf. Führten Tagebuch, protokollieren, fügten Photographien und Zeichnungen als Dokumente der Beglaubigung hinzu, schrieben auf, wann sie welchen Rastplatz erreichten, was sie dort aßen. Reiseprotokolle, die zunächst banal wirken mögen, die jedoch im Kontext dieser Reise einen Reiz ganz eigener Art ausmachen. Notizen, die zur Literatur geraten. Transformation und Transgression des Alltags. Vor alle aber ist es – am Ende dieses Reiseprozesses – eine Schreib-Erfahrung, die an die Grenze gehen soll. Um das Unbewußte freizulegen und vom überkommenen Blick fortzugelangen. So heißt es an jenes obige Zitat anknüpfend weiter:

„Und wenn es stimmt, daß das Schreiben diese erotische Erfahrung ist, als die wir es beide immer empfunden haben, dann müßten wir uns allmählich auch diesem Buch mehr öffnen. Dieses Vorantasten aufgeben, sich entscheiden. Beim Schreiben geht man immer das Risiko ein, alles zu sagen, vor allem auch das Unbewußte. So wie man, wenn man sich einmal auf ein Liebesabenteuer eingelassen hat und der andere die Decke beiseite schiebt, als entdeckte er einen großen warmen Strand, nicht einfach sagen kann: ‚aber die Unterhose behalte ich an‘, so muß auch, wenn wir dieses Buch wirklich schreiben wollen, alles gesagt werden (nicht im Sinne von ‚nichts verschweigen‘, sondern indem man beim Schreiben allem seinen freien Lauf läßt.)“

Gewissermaßen eine Écriture automatique. Aber zugleich bleibt jede inszenierte Unmittelbarkeit eine Inszenierung und liegt damit quer zum gemeinten Begriff. Diesen Bruch reflektiert die Prosa von Cortázar und Dunlop im Grunde. (Freilich unbewußt.) Autopoiesis und Reflexion auf die eigenen Schreibbedingungen stellen sich in diesem Buch immer wieder ein, und diese Reflexion auf den Text hat zugleich mit der auf das eigene Leben, auf den Horizont von Erfahrung zu tun, denen gegenüber ein Subjekt oder eben zwei Menschen sich öffnen. Die überkommene Sicht, all die Vorurteile zu entfernen.

Was diese Reise zugleich ausmacht, ist der Rhythmus einer ganz anderen Zeit. Ein Reisen, wie mit der Postkutsche, langsames Vorankommen, denn zuweilen liegen die Rastplätze gerade einmal eine halbe Stunde voneinander entfernt und insofern brauchen diese beiden Reisenden für eine Strecke von rund 800 Kilometern, die für gewöhnlich in 6 Stunden zu bewältigen ist, einen ganzen Monat.

Aber diese Reise wird nicht nur von einer großen Liebe, vom Angenehmen und schönen begleitet, sondern immer wieder deuten Dunlop und Cortázar jene Dämonen an, die sie begleiten. Eine Krankheit, an der am Ende das Bärchen, wie Dunlop von Cortazár genannt wird, stirbt, und wenig später dann wird jener Wolf ebenfalls tot sein. Auch vor diesem Hintergrund ist dieses Literaturdokument als eine Weise zu lesen, wie Leben zu leben sei und dieses eine Leben, welches wir haben, als real zu nehmen. Cortázars Spiele mit der Wirklichkeit und dem Wirklichkeitssinn als Fiktion und Verschiebung, für die bei den südamerikanischen Autoren gerne der Begriff des magischen Realismus gebraucht wird, gleiten eigentümlich ins Reale hinein.

Dem Buch haben Dunlop und Cortázar zwei Sätze des Polarforschers Jean Charcot aus seinem Werk „Autour du pôle Sud“ vorangestellt, gleichsam am Beginn ihres Reisetagebuches als guten Ratschlag für den Prozeß von Schreiben, Denken, Wahrnehmen: „‚Pierre, unser Bergführer, der von seinem schmerzlichen Schwindelgefühl genesen ist und sich wieder an die Abfassung seiner Memoiren gemacht hat, kommt zu mir und bittet mich, ihm ‚den der die Wörter entfernt‘ zu leihen. Ich brauche einige Zeit, bis ich begreife, daß es sich um einen Radiergummi handelt.‘“

Tabula Rasa: „Während des Restes unserer Reise betrachteten wir die Autobahn endlich mit offenen Augen. Sie war nicht nur dieses für die Geschwindigkeit gemachte und nach Kriterien der Nützlichkeit und Hygiene mit Haltestellen unterpunktierte Asphaltband. Nein, jetzt wußten wir, daß sich hinter ihr noch etwas anderes verbarg, und wir waren entschlossen, es zu entdecken.“ Die Autonauten auf der Kosmobahn erzählt von dieser Entdeckung, von dieser Reise in einer verspielten, heiteren, tiefgründigen Weise, und dieser gleichsam ethnologische Blick der beiden Reisenden auf das uns doch so Vertraute als Fremdes tut Dinge auf, die meist abseits des Weges liegen. Ein Buch, das selber zu einer Art von Reise wird. Es sei jeder Leserin und jedem Leser ans Herz gelegt. (Vielleicht komme ich in einem zweiten Textteil noch auch weitere Bezüge in diesem Buch zu sprechen.) Es ist ein Buch über eine besondere Weise des Reisens, eine Fahrt ins Glück derer, die aus der Zeit fallen dürfen und die damit den Charakter dieser Zeit als auch einen Blick in die andere Welt wahrnehmen:

„Wie könnte ich Bärchens Satz vergessen: ‚Oh, Julio, wie kurz war doch die Reise …‘ Wie könnte ich vergessen, daß uns in dem Augenblick, als wir das Schild lasen, auf dem das Ende der Autobahn angekündigt wurde, eine Beklommenheit erfüllte, deren wir nur durch beharrliches Schweigen Herr werden konnten, bis wir in den Lärm von Marseille eintauchten.“

Ob die Sinnlichkeit eines Textes, der letzte Satz eines Buches, der Zauber der Erfahrung angesichts des Todes möglich ist und ob das überhaupt funktioniert, das muß wohl jeder Leser für sich selber abmachen:

„… daß ich dieses Buch allein zu Ende bringe. Ich weiß wohl Bärchen, daß du dasselbe getan hättest, wenn ich vor Dir hätte gehen müssen, und daß deine Hand zusammen mit meiner diese letzten Worte schreibt, in denen der Schmerz nicht stärker ist, noch jemals sein wird als das Leben, das du mich gelehrt hast, wie wir es vielleicht bei diesem Abenteuer zeigen konnten, das hier sein Ende findet, aber dennoch weitergeht, in unserem Drachen weitergeht, für immer auf unserer Autobahn weitergeht.“

Julio Cortázar, Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris – Marseille, Suhrkamp Verlag, 22,95 EUR

Im Angesicht ihres Todes. Vorblick auf eine Geschichte von Julio Cortázar und Carol Dunlop: Die Autobahnfahrt unter ethnologisch-surrealen Gesichtspunkten

OLYMPUS DIGITAL CAMERA In jener Zeit, die uns bleibt und jene Zeit die unweigerlich vergeht. Wie dieses eine Mal, diese Momente festhalten? Nach dem Ende bleibt die Erinnerung, oder es gerinnt ein Leben in der Literatur zu einem Text, der niemals jedoch vollständig lesbar oder gar entzifferbar sein wird. Zeit-Reisen.

Expeditionen und Reisen können bekanntermaßen recht vielfältig ausfallen, und sie lassen sich in verschiedene Kategorien ordnen. Im Sinne von Laurence Sternes „A Sentimental Journey Through France and Italy“, als Bildungsreise wie Goethe sie nach Italien unternahm oder um der Kanonade von Valmy beizuwohnen; anders wiederum im Geist der Romantik wie Novalis die Reise durch die Welt im „Heinrich von Ofterdingen“ beschrieb oder „Franz Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Tieck, wo sich die Vielfalt der Welt sowie die Existenz des Künstlers eröffnen. Oder aber als letzte Ausflucht USA, wie sie der später konservative Schriftsteller Jack Kerouac in seinem Werk „On the road“ dichtete – Exzeß, Literatur und Kulturindustrie verbanden sich hier bereits unheilvoll: ein Buch wie ein Hollywoodfilm, und Schreibanweisungen am Ende des Romans, wie sie dann einige Jahre später beim creativ writing standardisiert gelehrt und institutionell verbraten wurden.

Es gibt aber genauso eine Art zu reisen, die jene Orte zielsicher ansteuert, welche der Ethnologe Marc Augé als „Nicht-Orte“ bezeichnete und wofür sich ebenfalls der Begriff „Lost places“ eingebürgert hat. (Bekanntlich ist ja sowieso der Weg das Ziel: die Reise bzw. der Reiseweg als Selbstzweck, wie eine Phrase lautet.) Ausgewählt öde Orte eben, frei von Anheimelndem oder Freundlichkeit, Funktionsorte, bloße Räume des Transits, des Warenverkehrs, des Transportes, um von hier nach dort zu kommen: Wartehallen, funktionale Markthallen, Autobahnen, Flughafentransiträume, Shoppingmalls, Abschiebegefängnisse. Ort, die unserer Aufmerksamkeit zunächst entgehen und die die meisten Menschen einfach nur benutzen, an denen sie vorübergehen und die sie für häßlich halten, obwohl sie es womöglich gar nicht sind.

Eine solche Reise über die Autobahn von Paris nach Marseille unternahmen der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar und seine Lebensgefährtin, die US-Amerikanerin Carol Dunlop. Sie reisten im Mai 1982 mit einem VW-Bus, den sie Fafnir nannten, über jene Autobahn. Am Ende des Jahres 1982 wird Carol Dunlop an ihrer langjährigen Krebserkrankung sterben. Es ist diese gemeinsame Fahrt ungewußt eine letzte gemeinsame Reise; hin zum Tod. Ein sich innig liebendes Paar muß Abschied voneinander nehmen. Sie wissen es und sie wissen es zugleich doch nicht. Liebe mag ewig halten, das Leben nicht. Ein Jahr später stirbt auch Julio Cortázar.

Diese Reise oder besser: diese Expedition in den Alltag der profanen Welt des Durchgangsverkehrs hinein erfolgt unter bestimmten Regeln. Diese gehen wie folgt und so heißt es bei Cortázar/Dunlop:

„1. Die Strecke Paris–Marseille zurücklegen, ohne ein einziges Mal die Autobahn zu verlassen. 2. Alle Rastplätze erforschen, und zwar jeweils zwei pro Tag, wobei auf dem zweiten immer und ohne Ausnahme die Nacht zu verbringen ist. 3. Auf jedem Rastplatz wissenschaftliche Erhebungen durchführen und die entsprechenden Beobachtungen aufzeichnen. 4. In Anlehnung an die Reiseberichte der großen Forscher der Vergangenheit ein Buch über die Expedition schreiben.“

Die Freiheit der ästhetischen Form ergibt sich häufig durchs Regelwerk und macht am Ende das Denken zu einem ganz besonderen Experiment in Prosa frei. Aus dieser Reise in tiefster Liebe zweier Menschen, zwischen Spiel und Regel und hin in den Tod, von dem sie beide zu Beginn zwar nichts wissen, den sie jedoch ahnen, erzählt jenes wundersame Buch „Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris–Marseille“ unter anderem. Es wurde in diesem Jahr bei Suhrkamp neu aufgelegt und übersetzt.

In der Rezension der „Jungle World“ heißt es:

Doch trotz aller Militanz auf der einen und Verspieltheit auf der anderen Seite ist „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ ein melancholisches Buch über eine große Liebe und die Unfassbarkeit des Todes. Die Zärtlichkeit, mit der sich das Bärchen und der Wolf gegenseitig beschreiben im Kontrast zur Traurigkeit des Nachwortes, das Cortázar allein auf der Welt zurückgelassen verfasst hat, lassen den Schmerz erahnen, der die beiden auf ihrer Reise begleitet hat. Mit dem Wissen um die Krebserkrankungen beider liest sich das Buch wie ihr Versuch, das Wissen um den Tod in Paris zurückzulassen und im Niemandsland der Autobahn, einem Raum, der nicht zum Leben, sondern rein funktional gedacht ist, einen Ort zu finden, der Tod und Krankheit nicht kennt, sondern nur das Spiel, die Zweisamkeit und die Liebe. Diese Hoffnung wird von Carol Dunlop formuliert: „So groß die Dunkelheit auch sein mag, es gibt keine Finsternis, die mich zur Umkehr zwingen könnte. Wir werden die Autobahn nicht verlassen, Geliebter, weder in Marseille noch sonstwo. Es gibt keinen anderen Rückweg als die Spirale.“

Was für ein wunderbarer Satz, der auf den Punkt bringt, in welch tiefer Weise zwei Menschen einander gehören und beieinander sind!

Wie ist es und wie fühlt es sich an, wenn der eine, dieser einzige geliebte Mensch vor einem selber gehen muß? Tieftraurig und doch von der süßen Melancholie getragen, daß zwar alles endet, aber niemals vergeblich und verloren ist, scheint mir dieses Buch. Ich werde es nächste Woche lesen und dann in diesem Blog besprechen. Zumal Julio Cortázar in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag begeht, sofern er ihn denn irgendwie und irgendwo begehen kann. (Im magischen Realismus mag vieles möglich sein.) Ansonsten werden wir es naturgemäß hier im Blog am 26. August tun. Immerhin gehört Julio Cortázar zu den bedeutendsten Schriftstellern, die die Literatur des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Der Roman „Rayuela“ kann wohl zu recht als eine Art Auftakt für eine ganz neue Weise von Literatur gelesen werden.