Über Geschmack

Da ich im Beitrag zu Adorno und seinen Aufsatz zum Fetischcharakter von der Kategorie des Geschmacks schrieb, die im 18. Jahrhundert für die Emanzipation des Bürgertums eine so große Bedeutung hatte, so möchte ich an dieser Stelle einen anderen Aspekt hinsichtlich des Geschmacks eröffnen: Für eine im emphatischen, starken Sinne verstandene Ästhetik taugt diese Kategorie aus den bekannten Gründen nicht mehr. Ästhetische Urteile sind weniger Geschmacksurteile, sondern sie kommen, wie es Adorno formuliert, vielmehr dem Erkenntnisurteil nahe; sie handeln von der Wahrheit des Kunstwerks oder ein wenig mit Habermas gesprochen: Sie rekurrieren auf die interne Stimmigkeit/Wahrhaftigkeit, wobei ich den Ausdruck „Wahrhaftigkeit“ im Rahmen der Ästhetik für eher mißglückt halte; denn er trifft das Kunstwerk in seinem Gemachtsein unzureichend, zudem ist der Begriff moralisch konnotiert. (Man muß allerdings hinzusetzten, daß Habermas den Ausdruck „wahrhaftig“ nicht ausschließlich für den ästhetischen Bereich reservierte.)

Doch egal wie es sich verhalten mag: Geschmack als ästhetischer Begriff ist abgelebt und als Gestalt des Lebens nicht nur alt geworden, sondern bereits verstorben. Als emanzipatorische Kraft taugt jener Begriff schon lange nicht mehr. Völlig unzureichend mittels dieser Kategorie etwas vom ästhetischen Objekt zu erfahren. Ob einer Tschaikowskys „Schwanensee“ als schön empfindet, sagt nichts über die Oper, verrät jedoch einiges über den Urteilenden. (Womöglich sogar, daß er keinen Geschmack habe. Es bestünde aber sehr wohl die Möglichkeit, diese Oper subjektiv als schön und dennoch als zugleich ästhetisch vollständig mißlungen zu kennnzeichnen.) Insofern hat mittlerweile der Geschmack ganz woanders seinen Ort gefunden. Vor allem im Gebiet der (sozialen) Distinktionen wirkt der Begriff: Jene, die Geschmack habe, und die, welche durchfallen: Design/Style vs schlechter Geschmack, szenig sein und nicht-szenig sein: Kreuzberg vs Steglitz, Friedrichshain gegen Wilmersdorf, in der Schanze oder in Tonndorf wohnen.

Wollte man den Begriff des Geschmacks noch der Ästhetik zuschlagen, muß man diesen im Sinne des Begriffs der Aisthesis weit fassen, so daß etwa das ganze Reich des Sinnlichen, die lebensweltlichen Bereiche dort hineinfallen: der Habitus, der Stil, das Design. Vor allem aber hängt Geschmack zusammen mit Definitionsmacht. Er verschafft Orientierung im eigenen Feld, er unterscheidet In- und Out-Groups.

Doch lassen wir nun John Waters zum Geschmack sprechen, um dessentwillen ich diesen kurzen Text schrieb:

„ZEIT: Irgendwie sind Sie immer noch der König des schlechten Geschmacks.

Waters: Der König des guten schlechten Geschmacks! Es gibt auch schlechten.

ZEIT: Wo liegt der Unterschied?

Waters: Guter schlechter Geschmack blickt zu seinem Objekt auf und macht sich nicht darüber lustig. Er hängt nicht von Geld oder Bildung ab. Ein älteres Ehepaar, das vor seinem Wohnwagen sitzt und auf rosa Blechflamingos blickt, ist einfach schön. Das ist guter schlechter Geschmack. Der Yuppie, der diese Figuren in seinem Garten aufstellt, macht sich hingegen über die Menschen lustig, denen sie gefallen. Der beste schlechte Geschmack besteht darin, sich völlig ohne Ironie schlecht anzuziehen. Diese Leute wissen oft gar nicht, wie großartig sie aussehen. Und der schlechteste schlechte Geschmack besteht darin, sich verbissen für geschmackvoll zu halten. Schauen Sie sich Victoria Beckham an. Sie sieht immer aus, als hätte sie gerade etwas Schlechtes gerochen.

ZEIT: Sind Sie ein Geschmackshumanist?

Waters: Vielleicht.

ZEIT: Gehen Sie manchmal auch mit sich selbst geschmacklos um?

Waters: Ich habe mir mal eine Reihe von Schlagzeilen zu meinem Tod vorgestellt. Am besten gefiel mir: ‚John Waters von Müllauto überrollt.‘“

Und zum Schluß noch diese schönen Sätze, einige Gesprächsminuten zuvor:

„Ich liebe Ingmar Bergman. Eine unterschätzte Leistung von ihm ist, dass er als erster Regisseur das Kotzen im Kino gesellschaftsfähig machte. Heute sieht man in jedem zweiten Hollywoodfilm jemanden kotzen. Man gewinnt keinen Oscar mehr, ohne es zu tun. Noch dazu hat Ingmar Bergman den ersten Sexfilm gedreht, den wir damals in Baltimore sahen. Tatsächlich hatten sie einfach die Dialoge aus einem Bergman-Film herausgeschnitten und die Titten drin gelassen. Sie nannten ihn „Die Sünden der Monika“. Zusammen mit Divine habe ich Bergmans „Die Stunde des Wolfes“ auf LSD gesehen. Dazu muss man Fan sein!“