Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Im Neigungswinkel der Existenz – Zum Tod von Thomas Bernhard (2)

„‚Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen‘, sagte Siebenkäs, ‚wenn mir nicht doch ahnete, daß ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!‘
Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloß: ‚Man muß sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloß die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen.‘“
(Jean Paul, Siebenkäs)

Daß ich irgendwann wieder von meinem seligen Friedhofsort hinab mußte, war gewiß. Hatte ich doch für den Sonntag noch eine weitere Aufgabe, nämlich für eine deutsche linke Wochenzeitung eine Reportage über den Böhmischen Prater zu machen, den nicht ganz so bekannten, den anderen Prater von Wien, was also etwas Recherchearbeit nach sich zog. Aber das wieder ist eine neue Geschichte, die hier nicht erzählt werden kann. Auch nicht, daß ich aus lauter Autoren-Pflicht zum Abend noch kränker wurde und meine Parkett-Karte für ein Horváth-Stück im feinen Burgtheater verfallen lassen mußte. Fritz J. Raddatz hätte sich das auf sein Honorar draufgeschlagen. Ich aber bekomme Fixum und nach Zeilen bezahlt. Lebenspech. Theoretisieren wir also ein wenig weiter.

Wie wir von uns oder von anderen erzählen, ist die zentrale Frage der Literatur, es ist eine Frage der Form, in der sich der Inhalt sedimentiert – inzwischen im postmodernen Erzählen auch selbstreferenziernd. Wie wir eine Geschichte bauen, die gute Literatur ist. Zwar bleibt selbst angesichts all der gelungenen Literatur der Gedanke: Am kühlen Grab oder besser, darin, denn darüber war es ein warmes Grab in Septembersonne, ist es ganz gleich geartet – da dringt kein Ton mehr hinein. Und keiner heraus vor allem. So ist all unser Schreiben nur vergänglich. Wir haben da unten vom Ruhm nichts mehr.  Doch wo wir in Büchern wirken und schreiben, da ist etwas in die Welt gebracht und dauert – trotz der Beteuerung des Protagonisten Reger in „Alte Meister“, daß der einzig geliebte Mensch durch kein Kunstwerk zu ersetzen sei, so sinniert Reger vor jenem altern Tintoretto-Meisterbild im Kunsthistorischen Museum. Ein Vergleich aus der Verzweiflung geboren. Er stimmt. Und er stimmt nicht.

Dennoch bleib auch von solcher Kunst etwas: als Bild, als Schrift, als Literatur. Als Bezug zur Zeit und als eine Form des Andenkens. So wie von meinem datierbaren Bernhard-Besuch am 30.9.2018 in Wien-Grinzing mit Grabeszwiegespräch ein freundlicher Blogtext in dieser Welt überwintert. Und ich erinnerte mich da in Grinzing an die traurige Friedhofsszene in Jean Pauls „Siebenkäs“: An Siebenkäs‘ Pseudo-Beerdigung und wie ihm dieser Schein-Tod die Freiheit von seinem doch zugleich geliebten und zänkischen Weib Lenette bescherte. Und als er sich dann des einen Males in sein altes Dorf Kuhschnappel schlich, um zu schauen, was da ist, wo sein altes Leben einst war, auch über den Friedhof spazierend, und wie Siebenkäs da harrte und plötzlich vor seinem eigenen Grabe stand:

„Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt‘ er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang‘ es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs.“

Jean Paul ist ein Meister der Suspense, der unerwarteten Wendung, des feinen Witzes und tiefer Traurigkeit.

In Paul Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“ steht eine Passage, wo Celan davon spricht daß man als Dichter unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ schreibe. Zwar verschwindet das private, das öffentliche Ich, das Lebens-Ich in jenem Text, den wir Literatur und Lyrik nennen – der Text, in dem ein jegliches zugleich fiktiv und real in einem aufscheint und darin sich wandelt –, doch geschieht dort, in dieser Transsubstantiation des Ichs als Dichtung, die „Sprache eines Eigenen“, so Celan. (Der Anklang an Hölderlin und an den freien Gebrauch des Eigenen ist nicht zu überhören.) Und dieses Eigene verwandelt wiederum.

Auch auf Thomas Bernhard trifft dieser „Neigungswinkel der eigenen Existenz“. Ein Winkel aber ist zugleich eine Veränderung der Richtung, ein Bruch in der Linie, und von diesem Bruch her schrieb Bernhard: nämlich vom Tod, von der Krankheit, von dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, der (s)ein Leben begleitet. Bernhard war seit Kindheit an sterbenskrank. Todkrank. Man kann das in seiner biographischen Tetralogie nachlesen: „Die Ursache“ „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ bzw. seiner Pentalogie, wenn man „Ein Kind“ mit in diese Reihe nimmt. Siebziger Jahre, Ich-Texte. Der von Bernhard aber ist besonderer Art und nicht bloß die öde Bekenntnisprosa der Subjektlosen, die sich, weil sie keines haben, aufs Subjekt kaprizieren: Bei manchen sei es eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen. Nicht bei Bernhard.

Atemwegserkrankung. Auch dieses Atemlose in Bernhards Prosa wurde unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ geschrieben. Dieser Thomas Bernhard-Sound, der als nicht endenwollendes Satzstakkato und als Musik gleichermaßen ins Ohr schießt und dort nicht mehr hinausgelangt. Wenn es schlecht und epigonal verläuft, verstopft er schließlich den Gehörgang. Nichts als ein unendlich sich wiederholender, kreisender Text.

Auch Heidegger, den Thomas Bernhard in seinem vorletzten, heiter-traurigen Roman „Alte Meister“ mit einer grandiosen Beschimpfung (in Figurenrede versteht sich!) versah, wußte davon: Im Sterben nicht, sondern im Tod erst konstituiert sich die Ganzheit des Daseins, so heißt es in „Sein und Zeit“. Doch dieses Wissen kann an diesem Schnitt-Punkt nicht mehr gewußt werden. Götterdämmerung, ohne Gott, Weltverfinsterung. Das Schwarz der Schwärze. Bernhard ist all dies bekannt und es wird von ihm mit einem halkyonischen Lachen ausgesprochen. Er schrieb Dichtung.

Er führte die Form des literarischen Textes in Umkreisung sowie in musikalischer Wiederholung, um im Schreiben einen Punkt anzusteuern, der niemals erreicht werden kann: So wie der Zirkusdirektor mit seinen Komparsen niemals das Forellenquintetts zustande bringt, der Protagonist in „Beton“ niemals die Geistesarbeit schlechthin, also jenen unendlich beziehungs- und denkreichen Text über Mendelssohn Bartholdy fertig scheiben wird und Brusconi niemals seine Weltmenschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ wird aufführen können: „Utzbach, ausgerechnet Utzbach“. Es kreist die Prosa um die leere Mitte, abwesendes Zentrum, nie zu bewältigende Aufgabe, aber so, als wäre dieses Zentrum präsent und im Denken wenigstens noch irgendwie zu vergegenwärtigen, zumindest als Mystik – aber Bernhard ist nur bedingt ein Mystiker, soviel sei verraten –, als wäre diese Geistes- und Schreibaufgabe in irgend einer Weise schreibend zu schaffen, obwohl im Schreiben dieses unendlichen und alles im Denken erfassenden Textes nicht einmal der erste Schritt getätigt wurde. Es haftet bei den Bernhardschen Geistesmenschen alles auf Anfang. Und in der Krankheit: Morbus Boeck. Schreiben: ein Akt der Auslöschung.

Daß Bernhards Text immer wieder Novalis nennt, dürfte kein Zufall sein. „Was soll Echo machen, die nur Stimme ist?“, so Novalis in den Fichte-Studien. Gegenstand und Gegensatz bestimmen sich in der Schrift. Bernhard machte die Novalissche Philosophie zur Selbstverschleifung einer Antiromantik: dem Gemeinen wird nicht mehr der höhere Sinn und dem Gewöhnlichen kein geheimnisvolles Ansehen gegeben, sondern Gemeines und Gewöhnliches erscheinen als das, was sie sind, und es wird der Weltekel im Kreiseln der Sätze mehr und mehr. Aber lachend, im Modus der Ironie, eines tobenden Witzes, eines Furors, zweifelnd und verzweifelnd im Taumeln als Existenz. Und das ist durchaus auch gesellschaftlich gegründet. „Wechselerhöhung und Erniedrigung“ schreibt Novalis in seinen Fragmentsammlungen.

Wer aber Bernhards Text als bloße Überdrußhandlung des Weltschmerzjünglings liest, dem die Welt in euphorischen Verzückungsspitzen zuwider ist, der liest an Bernhards Text vorbei und verkennt das System dieses Textes: Ästhetische Form als Ausdruck inhaltlich konzentrischer Kreise in kalter Analytik des sprachlichen Daseins. Denn zugleich existiert bei Bernhard jener Bezug zur sprachanalytischen Philosophie Wittgensteins. Und nomen est omen: „Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr!“ heißt es in „Ritter Dene Voß“. Zu der Frage, ob die Welt auch als Tautologie in der Wahrheit gerechtfertigt sei, bleibt die Antwort: Kreisend.

Thomas Bernhards Schreiben kam von der Musik her, diese Herkunft hört man seiner Prosa an. Es strömen die ausufernden Perioden, die einerseits das Ewig-Kreisende, andererseits das Suchende beteuern. Fast in einer onomatopoetischen Anmutung geschieht das in seiner Erzählung „Gehen“, die in genau diesem Klang selber ein Stück Gehen, gehetztes, ständig fortschreitendes Gehen ist. Und ganz ähnlich klingt dieses Überschlagen und in der Wiederholung Vorantreibende der Sprache in der Erzählung „Goethe schtirbt“, die zuerst in „Die Zeit“ von 1982 und dann 2010 in dem gleichnamigen Erzählungsband erschien. Es ist das monologisch-monadologische Sprechen einer Ich-Instanz, die sich ihrer selbst und ihrer Welt in eben jenem Sprechen vergewissern möchte und die dabei bemerken muß, daß all diese Versuche ganz und gar vergeblich sind. In hora mortis: das Aussetzen der Sprache ist der Tod der Prosa, der Tod dieses Subjekts. Das liest man ebenfalls aus Bernhards Gedichten heraus, die bisher seltsam unentdeckt geblieben sind.

Auf Schritt und Tritt begegnet uns dieser Tod – mal als Entzugs, als dieses letzte Mal, wo wir nach einem Abendmahl, einem Abschied oder einem Streit einen Menschen zum letzten Mal in unserem Leben sehen, jene, der wir hernach nie mehr wiederbegegnen werden. Oder als letztes Mal unsere selbst, als letzter Atemzug, ganz real, so daß nur noch jener kalte und versteinerte Körper mit dem eingefrorenen letzten Zug verbleibt. Der Tod, der Tod, der Tod und das Mädchen, der Tod und das Subjekt, der Tod und die Literatur, der Tod und die Liebe. Der Tod als Lebenshintergrund. Bei Bernhard war er in drastischer Weise präsent und schaute zu: wie man in seiner autobiographischen Tetralogie nachlesen kann.

Ja, Goethe stirbt: es ist der Tod, in dessen Angesicht am Ende alles lächerlich erscheint. Nichts bleibt. Und so ging es, wenn man Thomas Bernhards Prosa glauben darf, am Sterbebett des Geistesriesen-Mannes aus Weimar in einem Akt humanistischer Weltverfälschung zu:

„Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: Mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht  gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht!  An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.“ (Thomas Bernhard, Goethe schtirbt)

Es braucht am Ende die Verfälschungen der Literatur. Mehr Licht statt Mehr nicht. Die wenigstens können letzteren Satz ertragen. Thomas Bernhards Prosa, seine Lyrik und der dramatische Text haben diesen Umstand begriffen. Und die Weisheit des Silen hat Bernhard niemals verschwiegen. Und gelacht.

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Die Werke Thomas Bernhards sind bei Suhrkamp als Gesamtausgabe erhältlich: „Neun Romane, fünf autobiographische Bücher, vier Bände Erzählungen, sechs Dramenbände, ein Gedichtband, zwei Bände mit Journalistik, alles von Thomas Bernhard jemals, in Buchform wie in Zeitungen und Zeitschriften, Veröffentlichte“

[Dieser Text ist die stark überarbeitete, erweiterte Fassung eines Blogbetrags aus dem Jahr 2014]

Morgens mit Heine, Hegel und Jean Paul

Das ist zwar nicht ganz gerecht gegenüber Jean Paul, was Hegel hier in seiner Ästhetikvorlesung von 1823 sagt, aber ich habe mich beim Lesen dieser Sätze sehr an Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ erinnert gefühlt:

„In den Jean Paulschen Darstellungen ist die Verkettung des Heterogensten zu bewundern. Diese Ausschweifung aber in allen Gebieten des Stoffs ermüdet zugleich die Einbildungskraft, so daß diese Einfälle bald langweilig werden.“

Das freilich erging mir beim Lesen Jean Pauls nicht so, bei jedoch Melle schon. (Sollte Dieter Kief doch recht behalten haben?) Aber nun ein wenig Teufelei von Heine noch:

 „Ich rief den Teufel und er kam,
Und ich sah ihn mit Verwundrung an.
Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,
Er ist ein lieber, scharmanter Mann,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Verbindlich und höflich und welterfahren.
Er ist ein gescheiter Diplomat,
Und spricht recht schön über Kirch und Staat.
Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,
Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder.
Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.
Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,
Die hat er jetzt gänzlich überlassen
Der teuren Großmutter Hekate.“

Arbeit

Lesen heißt: Kannibalisieren. Ein Plädoyer für textuelle Autoerotik

Lektüren sollten aktiv sein, sie können einem phantasievollen Akt entspringen – nicht bloß sich aussetzend passiv. Kannibalisieren ist ein kreativer Vorgang, denn die Speise muß zubereitet werden. Fleisch von unserem Fleisch ist die Literatur. Bei dieser Einspeisung hängt freilich einiges davon ab, wieviel ästhetische, gestalterische und spielerische Kraft der Lesende aufzubieten vermag, um sich einem Text gewachsen zu zeigen. Viel liegt auch am Text selber.

Den in Phantasie, in Abschweifung, Blüten-, Frucht- wie auch Dornenstücke austreibenden Jean Paul zu lesen, bedeutet zunächst einmal, sich überwuchern zu lassen, sich einem Strom, einem Sturzbach auszusetzen, der das Herz verletzt, schmerzhaft schneidet, die Einbildungskraft herausfordert, lustvoll bestehendes Bewußtsein aufweicht, wenn nicht tötet. Nein, nicht das vielzitierte, gefrorene Herzenzspackeismeer und die Steinschichten aufbrechend, die wollen wir so lassen wie sie sind, denn die Kältekammer ist Schaffensprozessor, sondern es setzt sich in der Lektüre dieser Jean-Paul-Texte ein Überschuß frei. Dieses herrliche Textspiel parieren zu können, das manchen zunächst paralysiert, es sich gar einzuverleiben, sich ihm anzuschmiegen, in einer Form essayistischer, treibender, treidelnder Denkbewegung wie auch flanierender Mimesis (ein Widerspruch in der Diktion – fürwahr), erfordert die Künste der Dekonstruktion, gleichsam auch eine Art von Schnittkunst, wie wir sie ansonsten nur mit den feinen japanischen Filetiermessern zustande bringen, dessen harter und doch biegsamer Stahl das Fleisch wie auch die Frucht schneidet und zerteilt.

Was bedeutet dies für die Lektürepraktiken im Referenzenfeld von Theorien? Über Roland Barthes schreibt Ottmar Ette:

„Führt S/Z den Tod des Autors vor Augen, dann geschieht dies in Form einer Kannibalisierung, die freilich Stil und Methode hat. Wie in der japanischen Küche, die Barthes in Das Reich der Zeichen auf seine Weise fand und erfand, wird Honoré de Balzac fein säuberlich kleingeschnitten und, in feine Einzelteile zerlegt, dem literarischen Gaumenfreund vorgesetzt. Dabei steht weniger das Ausgangsmaterial als dessen friktionale Einverleibung als Lebensmittel im Vordergrund.“

Nun ist es zwar der „Schulfall von Banausie“ (Adorno) und Ausdruck amusischen Verhaltens, Kunst als kulinarischen Gaumenkitzel zu begreifen – Romane, die prickeln, sind lediglich Ausweis einer restringierten Empfindungsästhetik auf seiten des Rezensenten. Und Kunst in die Reihe von Nahrungsaufnahme und damit dann zwangsläufig verbunden ebenso der Nahrungsausscheidungen, mithin der Scheiße, einzureihen, um das gelangweilte konsumistische Subjekt mit möglichst delikaten und sublimen Formen bei Laune zu halten, zielt an der Kunst vorbei – funktionalisiert und entschärft sie damit. Dennoch hat der Akt des Einverleibens wie des Zerlegens (auch im Sinne von Analyse und Kritik), der oralsadistischen Autoerotik im Lesen und insbesondere im Schreibprozeß, wenn wir uns an einem fremden Text entlangschreiben, etwas Bestechendes und Einnehmendes. Es ist ein phantastischer Akt, erfordert Einbildungskraft und dissoziative Synthesis. Zumindest, wenn ich mir dieses kannibalisch-autoerotische Wirken als Metapher nehme und diese Einverleibung angemessen und gerissen konstruiere. Die Gefahr eines hybriden Narzißmus freilich, die konsumistische Sphäre innerhalb einer Kunst als kulinarisches Spektakel im Sinne von „Pomp Duck & Circumstance“ ist nicht gebannt. Es hängt am Ende immer an der Schreibpraxis: Plädoyer für einen radikalen Essayismus. Zum Essen gehört das Gefrierfach. Eine Zerstückelung des Textes, um die Teile neu zu ordnen. Bereits zu Dionysos, jener Kraftform von Kunst, gehörte die Zerstückelung.

Die Kunst anhand von Kunst zu erfinden oder Phänomene zu sichten. Mit dem Namen Roland Barthes verbinden wir jene Wendung vom „semiologischen Abenteuer“, und es weht uns beim Lesen der „Mythen des Alltags“ immer ein Hauch von Paris an, Texte, an bestimmten Orten gelesen, werden sinnlich besetzt. Relativistische Anmutungen freilich. Mit der Bartheschen „Lust am Text“ – ich werde auf diese Form des Überstiegs von Begehren, hin zur unsublimierten Lust am Donnerstag in meinem Barthes-Text zu sprechen kommen – kann man  spielerisch, aber leider auch relativ unbezüglich umgehen, und leicht läßt sie sich auf die Seite beliebigen Posierens und Possierens schlagen, fungibel, wie alle Objekte. In den „Mythen des Alltags“ schrieb Barthes über die Begründung einer semiologischen Wissenschaft wie auch seine Methode, beliebige Gegenstände und Szenen einer Gesellschaft herauszugreifen, um anhand der Weise, wie sie in diese eingebettet sind, etwas über ihren Status wie auch ihr gesellschaftlich vermitteltes Moment herauszufinden:

„Die Entwicklung der Werbung, der großen Zeitungen, des Rundfunkgs, der Illustireten, ganz abgesehen von dem Fortleben zahlloser Kommunikationsriten (Riten des sozialen Auftritts), macht die Begründung einer semiologischen Wissenschaft dringlicher denn je. Wie viele wirklich bedeutungsleere Bereiche durchlaufen wir während eines Tages? Sehr wenige, manchmal gar keinen. Ich bin am Meer: Gewiß, es enthält keinerlei Botschaft. Doch am Strand, wieviel semiologisches Material! Fahnen, Werbesprüche, Schilder, Bekleidungen, sogar Sonnenbräune – sie alle sind Botschaften, sie alle teilen mir etwas mit.“ (R. Barthes, Mythen des Alltags)

Bricolage und objet trouvé, Barthes überführt die surrealistische Sammlungstechnik im unwillkürlichen Modus in ein kreatives, kritisch sichtendes System, das die bloße Aleatorik hinter sich läßt und die Zufälle einer Struktur zuordnet. Eine Art von Sammlungs- und Montagetechnik. (Man müßte Barthes hier mit dem späten Benjamin zusammenlesen.) So auch in der Lektüre. Eine überbordende, gleitende, spielende Struktur freilich.

Die Nähe zu einer literarischen Dekonstruktion liegt auf der Hand.

Ich hätte, wenn ich schon in meinem Kopf in Paris, in Frankreich weile, etwas zu André Glucksmanns Tod schreiben müssen. Allein – es fällt mir dazu nicht viel ein. Glucksmanns Totalitarismuskritik bleibt für mich der Ausdruck falschen Bewußtseins und damit: der Ideologie verhaftet. Renegatentum tut nie gut. Besser: sich keiner Seite zuschlagen und anschließen. Draußenbleiben: Tatbeobachtung. Das läßt einen freilich nicht aus der von Kafka konstatierten Totschlägerreihe ausscheren – dem Immanenzzusammenhang ist nicht zu entgehen. Kafka wußte dies, schrieb diesen düsteren Traum. Kafkaeinverleibung des Käfersammlers.
 
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