Nucleus

Angesichts dessen, was in Japan gerade geschieht, ist es fast absurd, heute einen Text über Derrida zu schreiben und hier zu veröffentlichen. Andererseits schuldet sich dieser Reflex, Theorie deshalb aussetzen zu wollen, der bloßen medialen Darstellung. Denn was beständig an den Außengrenzen der EU, was im Mittelmeer oder in Afrika und an anderen Orten geschieht, daß im Zeichen dieses ach so glor- und siegreichen Kapitalismus schlicht Menschen sterben, weil man sie der basalsten Dinge beraubt, damit wir an unserem gedeckten Tisch gut leben, müßte eine Gesellschaft jeden Tag schaudern lassen, und es stellte sich im Hinblick darauf die Frage, wie Theorie und Praxis überhaupt noch betrieben werden können. Was eigentlich übrigbliebe, wäre Verstummen. Nicht einmal mehr Wut vermag zu einer Waffe zu werden. Den Menschen die Systemanalyse um den Kopf hauen. Aber da ist nichts, was erreicht werden könnte. Was aber bleibt, stiftet Möbel Richter oder die Witzigkeit Mario Barths.

„Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, aus: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. GS 3, S. 191)

Jetzt, demnächst, heute Abend, morgen oder übermorgen werden Frau Merkel und ihr Ehemann Jürgen R. Großmann uns mit treuem Gesicht versichern, daß so etwas wie in Japan hier nicht geschehen kann, weil deutsche Atomkraftwerke ja usw. usf.

Die Grünen werden – demnächst in Ihrem Fernsehsender – Ernährungstipps bereitstellen und Ihnen mitteilen, welche Milch und von wo produziert man trinken kann, anstatt die Systemfrage zu stellen. Die gleichen Reflexe, die sich bei dieser Partei bereits während der Katastrophe von Tschernobyl abspielten. In ihrem Herzen wollen sie den Kapitalismus lieben, aber man ließ sie bisher nicht. Na ja: duck and cover.

„Im Grunde genommen bleibt nichts, worauf man sich verlassen könnte. Es bleibt uns nichts als die theoretische Gewalt.“ (Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, S. 14)