Mitten unter uns – arabischer Antisemitismus

Eigentlich sollte heute an dieser Stelle ein Text zu Peter Handkes 75. und zu Niklas Luhmanns 90. Geburtstag stehen – verspätet, nachträglich. Aber nachdem am Wochenende hier in Berlin am Samstag und Sonntag massive antisemitische Demonstrationen stattfanden, kann und will ich nicht zur Tagesordnung übergehen.

Es ist seltsam: Wenn in der BRD, egal wo, die AfD demonstriert, kommt es von seiten der Linken sofort zu Gegenprotest und Straßenblockaden. Das reicht so weit, daß sogar das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit verletzt wird und daß rechtmäßig gewählte Abgeordnete – man mag von ihnen und von der AfD nun halten, was man will – bei einem Parteitag gehindert werden, zum Veranstaltungsort vorzudringen. Seltsam. Laufen aber seit zwei Tagen einige Tausend arabische und türkische Antisemiten durch Berlin, verbrennen Israelfahnen,  rufen nach dem Tod Israels und nach dem Tod der Juden, dann tut sich von seiten der Linken und der sogenannten, selbsternannten Antifaschisten gar nichts. Nichts. Irgendwie scheinen in den Fragen des Politischen immer mehr die Maßstäbe verrutscht. Vorgeblicher Antifaschismus, Antifaschismus als Ruhekissen für die gute Gesinnung.

Aber da, wo es ernst wird, mitten unter uns, im migrantischen, arabischen Milieu, wo gut abgehangen der Antisemitismus wächst und gedeiht, da schweigt dieser linke Antifaschismus. Während bei einer rechtmäßig gewählten Partei ein riesiges Gewese und Faschismusinszenierung gemacht wird, bleibt es still, wenn reale Judenhasser und solche, die die Juden tot sehen wollen, auf den Straßen durch Berlin marschieren. Wo sind eure Straßenblockaden gegen arabische Antisemiten? Wo ist euer Protest? Gibt es Statements der Amadeu Antonio Stiftung und von anderen linken Organisationen?

„Khaybar, Khaybar, ya yahud, Jaish Muhammad, sa yahud!“ Ich habe diesen Ruf bereits auf vielen arabischen, islamischen und türkischen Demos gehört, wenn ich photographierte und mich als Beobachter unter die Leute mischte. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was das heißen könnte. (Ich warte nun nur noch auf die ersten Hinweise und Einwände, daß das alles natürlich rein gar nichts mit dem Islam zu tun hat.) Und ich bin mir sicher: es findet sich ein westliches Vergehen, das den arabischen Antisemitismus in irgendeiner Weise doch motiviert. Im Zweifel ist es immer der Kolonialismus. Seltsam auch: brächte man ein ähnliches Erklärungsmuster bei den Nazimorden an den europäischen Juden, kämen – zu recht – Protest.

Ich habe Araber gesehen, die auf einer Demo einen vorbeieilenden Juden angriffen, deutlich erkennbar durch die Kippa und die Schläfenlocken. Zwei eher zufällig anwesende Polizisten sowie ein Araber und auch ich haben sich massiv und schützend vor diesen Mann gestellt, so daß er fliehen konnte. Nein, dieser Antisemitismus ist kein zufälliges Moment und der geschieht auch nicht einfach so. Und über diesen Antisemitismus müssen wir reden und wir müssen uns überlegen, was geschieht, wenn zunehmend Menschen aus dem arabischen Großraum in die BRD drängen. Ich denken nämlich nicht, daß die Schulbildung in Syrien oder Irak so gelungen ist, daß sie zwischen Kritik an Israels Siedlungspolitik in Westjordan und einem generellen, strukturellen Antisemitismus differenziert. Davon einmal abgesehen, daß immer mehr externe Konflikte hier in der BRD internalisiert und ausgetragen werden, und zwar in einer unguten Weise, wie man auf den Bildern vom Wochenende sehen kann.

Wer als Araber oder Türke nicht begreift, daß das Existenzrecht Israels unantastbar ist, sollte sich überlegen, ob er hier in der Bundesrepublik im richtigen Land lebt.

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Nachzutragen auch dieser Bericht heute, für Herrn Höcke genauso wie für die, die am Wochenende durch Berlin marschierten:

„Vernichtungslager Belzec. Diese Namen dürfen wir nicht vergessen.Vor 75 Jahren rollte der letzte Todeszug in das deutsche Vernichtungslager Belzec. Mehr als 430.000 Menschen wurden dort ermordet. Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten.“

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_82858120/vernichtungslager-belzec-diese-toten-duerfen-wir-nicht-vergessen.html

 

Photographie: Teilnehmer einer Demonstration verbrennen eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln (10.12.2017).
Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa
– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29271560 ©2017

 

Die Burka gehört nicht zu Europa – weshalb aus kulturgeschichtlichen Gründen ein Burkaverbot unerläßlich ist

Die Burka ist ein Kleidungsstück. Aber nicht alle Kleidungsstücke sind gleich Kleidungsstücke. Ein Thor Steinar-Shirt ist nicht bloß ein Thor Steinar-Shirt, also irgendeine Oberbekleidung, sondern es steht für eine rechtsradikale Einstellung. Nicht anders als die Burka. Sie repräsentiert eine Einstellung, sie setze ein deutliches Zeichen im öffentlichen Raum: Sie steht für die extremistische Ausprägung einer Religion, in der Frauen zur gesellschaftlichen Unsichtbarkeit verdammt, Schwule von Häuserdächern geschmissen werden, die Burka präsentiert eine Religion, in der Frauen das Wählen und fast alle Dinge der politischen Öffentlichkeit untersagt sind – so in Saudi Arabien und den Golfstaaten. Genau dies symbolisiert die Trägerin mit diesem Stück Stoff. (Ironischerweise übernahm von 2009 bis 2011 eine arabische Investorengruppe die Marke Thor Steinar. „Als Gesellschafter fungiere die International Brands General Trading (IBGT) mit Sitz in Dubai, Geschäftsleiter sei Faisal al Zarooni.“ So schreibt die SZ. Die Produkte verkaufte sie mit nordischen Bezeichnungen wie „Holmgard“, „Ragna“ oder „Wernulf“. )

Vor allem steht diese grauenvolle Ausprägung des Islam gegen ein menschliches und elementares Grundrecht aufgeklärter Gesellschaften: Sein Gesicht zeigen zu dürfen und damit als Person, als Persönlichkeit und vor allem als Mensch präsent zu sein. Kein anderer Teil des Körpers als das Gesicht mit seiner Mimik, seinen Zügen, ist so sehr Ausdruck dieser Persönlichkeit. Nicht umsonst kennen wir die Redensart „sein Gesicht verlieren“. Und im Gegensatz zum Habit der Nonnen, der immer wieder gerne als – freilich unpassender – Vergleich herangezogen wird, verbirgt keine Nonne ihr Gesicht. Insofern ähnelt die Kopfbedeckung der Nonne dem Hidschab und dem Tschador. Mit dem Unterschied freilich, daß in Europa nicht jede Frau den Habit tragen muß, sondern lediglich jene, die das Gelübde ablegten. Auch dieser Unterschied wird von den Verteidigern dieser Art von Kleidung gerne unterschlagen.

9783406644306_cover Gesicht zeigen, steht zudem für eine Haltung, die ganz unmittelbar mit der Person als Subjekt und in der Moderne seit der Renaissance auch als Individuum verbunden ist. Gleiches gilt für die Selbstdarstellungen des Menschen, für seine symbolische Repräsentation in der bildenden Kunst, die ebenso eine Weise der Präsentation ist: wie ich mich im Portrait selber sehen möchte, wenn es sich um eine Auftragsarbeit handelt, oder wie ein Künstler mich sieht – man denke an das Portrait von Papst Innocent X oder man schaue auf das berühmteste Bild der Kunstgeschichte, nämlich die Mona Lisa. Das Portrait ist in der Kunstgeschichte Europas das herausragende Genre, die Königsdisziplin der Malerei. Hier verband sich zum ersten Mal die Subjektivität eines Menschen mit dem gesellschaftlichen Ausdruck: Manchmal konfligierte sie mit dem öffentlichen Amt, in anderen Fällen amalgamierte sie sich mit der symbolischen Funktion der Portraitierten. Insbesondere im Portrait zeigen sich die zwei Körper des Menschen: der soziale und der individuelle Teil.

Wieweit das konkrete Gesicht für eine Kultur Bedeutung besitzt, zeigt das Buch des Kunsthistorikers Hans Beltung „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ (2013), worin es auch um die Masken geht, was ja der Begriff der Person unter anderem ebenso bedeutet. Aber selbst eine Maske zeigt noch spezielle Züge, die man als individuelle kennzeichnen kann.  Weiterhin gibt es den von Siegrid Weigel herausgegebenen Sammelband „Gesichter. Kulturgeschichtliche Szenen aus der Arbeit am Bildnis des Menschen“ (2013):

„Als Außenansicht eines mit Affekten oder Gefühlen begabten Wesens ist das Gesicht in der europäischen Kulturgeschichte zum verdichteten Bild des Humanum geworden – und ist zugleich doch ein Kompositbild aus unzähligen visuellen Überlieferungen, Beschreibungen und den Zügen der jeweiligen Zeitgenossen.“

Mit dem Eindringen der Burka sind wir in Europa dabei, dieses Humanum schleichend auf dem Altar vermeintlicher Freizügigkeit in Religionsdingen zu opfern. Davon ab, daß wir in einer Art „Dialektik der Aufklärung“ dieses Humanum eines entfalteten, freien Individuums qua Produktionsverhältnissen in einem Akt der Selbstdestruktion immer wieder preisgaben. Wir sollten dem nicht noch eine weitere Variante hinzufügen. Insbesondere nachdem es Europa Jahrhunderte gekostet hat, sich vom Zwang der Religionen zu befreien.

Es ist die Schizophrenie bzw. der blinde Fleck einer bestimmten Position, die meist von links her kommt, und ich frage mich, ob es sich dabei um die Auswirkung eines fatalen mißverstandenen Kulturrelativismus und eines absurd überspitzten Begriffs von Antirassismus handelt: Merkwürdigerweise wandeln sich die, welche Thor Steinar Shirts verbieten wollen, bei einem Symbol tieftotalitärer Ausprägung wie Burka und Niqab in große Freiheitskämpfer, während ansonsten der Slogan „verbieten, verbieten, verbieten“ gar nicht laut genug gerufen wird. Ich warte schon täglich auf Margarete Stokowskis Plädoyer für die Burka. Natürlich plädiert sie nicht direkt dafür, denn auch das werden jene Kräfte nicht müde zu versichern: sie sind ja gegen die Burka. Aber eben auch gegen ein Burka-Verbot. Und damit dann auf Umwegen eben doch für die Burka. Auch wenn sie nicht für gut befunden wird.

In den guten, alten, schlechten Zeiten betrieb die politische Linke die Kritik der Politischen Ökonomie, formulierte Gesellschafts- und Religionskritik. Heute setzen sie sich für die Freiheit ein, eine Burka tragen zu „dürfen“. Man weiß nicht recht, was davon zu halten ist und ob das überhaupt noch mit linkem bzw. genauer: mit kritischem Denken konvergiert. Vielleicht sind wir tatsächlich an dem Punkt angelangt, wo linke und rechte Positionen nicht mehr klar im Dualismus und trennscharf auseinanderzuhalten sind. Die alten Oppositionen funktionieren nicht mehr. Linke wandern zum Neoliberalismus über, wir haben plötzlich eine Merkel-Linke, sie favorisieren Kulturformen, die seinerzeit die schärfste Kritik hervorgerufen hätten.

Bereits im Kulturrelativismus und mit Fächern wie den Cultural Studies, die in eindimensionaler Weise und affirmativ betrieben wurden, indem in die fremde Kultur einfach die Sehnsucht nach Andersheit projiziert wurde, der Schwarze sozusagen als mein Stellvertreter und christologische Erlöserfigur, traten politischer Islam und damit der Islamismus ihren Siegeszug in Europa an, und vielleicht setzte der Sündenfall der Linken tatsächlich damit ein, als Michel Foucault während des Aufstands im Iran 1978/79 in revolutionärer Naivität anfangs gewisse Sympathien für die Anhänger Khomeinis hegte. Ich habe das in früheren Debatten anders gesehen. Aber mittlerweile muß man diese Formen des Engagements fürs Andere auf ihre Reflektiertheit befragen. Auch wenn die Artikel Foucaults aus dem Jahre 1979 und 1980 nirgends direkt sich für Khomeini aussprechen.

Freiheitsrechte für solche zu fordern, die Unfreiheit fördern, ist problematisch. Und diese Variante des politischen Islam weiß sehr genau, weshalb sie Frauen dieses Grundrecht auf Person und Individualität nehmen möchte und wie sie diese Forderungen in europäischen Gesellschaften als Konterbande untermischt. Diesen totalitären Zugriff auf den Körper sollten wir in Europa nicht zulassen. Wer vor diesen Fragen ausweicht, sie beschönigt oder überdehnte Freiheitsbegriffe gelten macht, trägt ungewollt zur Politik des Appeasement gegenüber der imperialen Logik einer Religion bei – ob die Gegner von Verboten das nun wollen oder nicht. Das eben ist der blinde Fleck. Das gut Gemeinte ist selten das Gute und schon gar nicht das gegenwärtig Gebotene, um dem politischen Einfluß einer totalitären Variante des Islam Paroli zu bieten. Allerdings vermute ich, daß der Feind eher auf schleichenden Füßen kommt. Michel Houellebecqs großartiger Roman „Unterwerfung“ zeigt diese Dystopie.

Ein Verbot der Burka ist aus zwei Gründen geboten: Zum einen gibt es Dinge, die wir im öffentlichen Raum nicht dulden sollten. So wie wir die völlige Nacktheit auf öffentlichen Plätzen verbannten. Wolfram Schütte wies auf „Glanz und Elend“ darauf hin und plädiert, so wie auch der Verfasser dieser Zeilen, für ein Verbot von Burka und Niqab.

Und ganz richtig sagt Schütte, es gehe beim Burkaverbot nicht um ein subjektives Gefallen oder Nichtgefallen. Im öffentlichen Raum finden wir vieles, das wir nicht verbieten können und wollen, vieles was uns mißfällt. Das bleibt in einer Gesellschaft nicht aus. Der Anblick von sozialem Elend ist nicht schön, und wir können dem nicht durch Verbote begegnen, indem wir Obdachlose und Bettler aus Fußgängerzonen verbannen, sondern nur mit sozialen Maßnahmen. Durch das Verbot des Alkoholtrinkens oder von Drogen sind die Drogen keineswegs aus der Öffentlichkeit verband. Und die Burka ebensowenig.

Aber – und damit komme ich zum zweiten und wesentlichen Aspekt: Gesetze und Verbote bewegen sich immer auch auf einer Ebene des Symbolischen, sie generieren Bedeutung, sie haben Zeichencharakter. Sie sind Ausdruck für eine Haltung und für einen politischen Willen: Bis hierher und nicht weiter! Wenn der Staat beschließt, die NPD zu verbieten, so macht er das nicht, weil die NPD zu stark geworden ist – wie auch bei Burkaträgerinnen ist die Zahl der NPD-Wähler überschaubar -, sondern es werden mit der NPD, der Holocaustleugnung und auch dem Hakenkreuz Zeichen verboten, die für einen bestimmten, unerwünschten Gehalt stehen. Nicht anders als die Burka.

Im Falle ihres Verbotes handelt es sich um ein politisches Instrument gegenüber einem Symbol, das scheinbar der religiösen Sphäre entstammt. Man könnte hier Carl Schmitt weiterspinnen, der schrieb, daß die Begriffe des Politischen ursprünglich theologisch aufgeladene Konzepte sind. Beim radikalen Islamismus mit seiner Burka jedoch verschwimmen die Übergänge. Oder genauer: sie kehren sich um. Die Burka entstammt dem Politischen, sie ist Symbol und Zeichen für totalitäre Herrschaft. Die Burka fährt auf dem Ticket des Religiösen, um sich Absolution zu erbetteln. Doch ist sie in ihrem Wesen ein zutiefst politisches Instrument. Politische Symbole jedoch, die der FDGO entgegenstehen, können wir verbieten, ohne daß es sich um einen Verstoß gegen Grundrechte handelt – um hier systemimmanent zu argumentieren.

Sicherlich kann man Gründe finden, gegen ein Verbot der Burka sein – ob es sich dabei freilich um gute Gründe handelt, bezweifle ich. Der Blogger Summacumlaude macht – und darüber muß man nachdenken – rein pragmatische Gründe geltend. Ansonsten allerdings entdecke ich bisher kein gutes Argumente, was gegen ein Verbot spricht. Wer eine Burka tragen möchte, findet Länder, wo eine Frau dieses Kleidungsstück anlegen darf. Schlimm genug zwar, vor allem für die Frauen in jenen Ländern, die dieses Utensil sich überstülpen müssen, ohne daß sie gefragt werden. Solchen Gesinnungsterror, der in Namen einer Religion auf Frauen ausgeübt wird, sollten wir in Europa nicht zulassen und fördern. Es gibt Anlässe, wo klare Zeichen gefragt sind: Ob das nun Rechtsradikalismus ist oder Spielarten eines radikalintoleranten Islamismus, der ganze Menschengruppen zu bestimmten Handlungen zwingt, die sich qua Bekleidung öffentlich manifestieren.

Hier müssen wir die Grenzen der Toleranz ziehen. Und die werden in öffentlichen Diskursen ausgehandelt. Am Ende ist es eine Frage der Mehrheiten, ob wir in der BRD die Burka wollen oder nicht. Und allerdings frage ich mich, ob Frauen, die in der BRD freiwillig eine Burka tragen, hier wirklich gut aufgehoben sind, was die minimalen Ideen und Ideale einer Gesellschaft und ein Miteinander auf Augenhöhe betrifft. Gehört eigentlich zur Religionsfreiheit auch die weibliche Genitalverstümmelung, wie sie von Teilen des Islam praktiziert wird? Auch über diese Freiheit in der Religionsausübung müßte man in letzter Konsequenz erlauben.

Wenn wir in Europa einen aufgeklärten Islam wollen – und den werden wir angesichts der Masse an Moslems brauchen: ob es uns paßt oder nicht – dann setzen wir für die Sphäre der Öffentlichkeit wie auch des Privaten ein falsches Zeichen, wenn wir Burka und Niqab tolerieren. Kopftuch ja – solange es im privaten Bereich als Straßenkleidung verbleibt. Wer allerdings beim Staat arbeitet, muß sich entweder einen lockeren Umgang mit Religion leisten oder sie kann diese Arbeit nicht wahrnehmen.

Die Burka ist keine Sache der Religion, sondern politisches Symbol und Zeichen – bewußt instrumentalisiert, um auf dem Ticket der Religionsfreiheit und der Freiheit in Bekleidungsfragen eine plurale Gesellschaft zu untergraben. Im Koran ist an keiner Stelle von einer Burka die Rede. Auch daran sollte man in dieser Debatte immer wieder erinnern, wenn es heißt, die Burka sei ein religiöses Symbol. Und man sollte die Imame und die islamischen Verbände zu einer Stellungnahme herausfordern.

Ein noch edleres Zeichen wäre es freilich, wenn in Europa islamische Geistliche in einer Fatwa von sich aus proklamierten, daß die Burka nicht zwangsläufig zum Islam gehört. Ein Zeichen, das zeigen würde: Der Islam ist in der Aufklärung angekommen. Bisher sieht das nicht so aus. Wir müssen weiterhin die Schriften von Averroës und Avicenna lesen und mit dem West-östlichen Divan sinnieren.

Abu Ghraib. Bilder und Biopolitik (2)

Bevor es mit der ästhetisch-philosophischen Sichtung jener Bilder aus dem Umkreis von 9/11 weitergeht, muß etwas Grundsätzliches gesagt werden, damit es nicht zu Mißverständnissen kommt. Wie bereits beim Kunstwerk ist die direkt und abstandslos genommene Moral, die entweder mit berechtigtem Engagement oder mit dem Ausdruck der unmittelbaren Empörung auftritt und in einen Text einfließt, nicht immer die beste Waffe der Kritik. Im Gegenteil. Das Anliegen mag richtig sein, der Ausdruck ist unzureichend. Moral-(Philosophie) bleibt diesen geschilderten Phänomenen, den Folterbildern äußerlich. Sicherlich kann man mit Kant oder mit Argumenten, die der christlichen, jüdischen, islamischen, hinduistischen Religion entnommen werden, begründen, weshalb solche Folter grundsätzlich verboten ist. Aber diese Positionen sind zugleich unterbestimmt; religiös motivierte Moral ist zudem argumentativ schwierig durchzuhalten, weil das dezisionistische Moment nicht auszuschließen ist. Es muß im Reich des Religiösen eine unbegründbare Instanz in Anspruch genommen, und es muß auf jenen „mysthischen Grund der Autorität“ rekurriert werden. Allenfalls im Rahmen Kants, und zwar in Hinsicht auf das Völkerrecht bzw. auf ein internationales Strafrecht, ist ein philosophischer Diskurs möglich. Dieser stellt wesentlich aber einen rechtsphilosophischen und im Detail dann einen juristischen Diskurs dar. Neben der ästhetisch-philosophischen Sicht geht es um die Kraft des Gesetzes. Um die Gesetzeskraft. (Wobei der Begriff der Kraft zugleich ein ästhetischer Begriff ist, welcher wesentliche Bestimmungen im 18. Jhd. erfuhr.)

Die Motive der verschiedenen Seiten in diesem auf Dauer gestellten Krieg sind vordergründig religiöse. Ob das nun die Sicht verschiedener Teile der US-Regierung unter Bush (und ebenfalls unter Obama) bzw. ihrer offiziellen und inoffiziellen administrativen und strategischen Schaltstellen, die Taliban oder al-Qaida sind. Die auf diesen Motiven beruhenden Grundlagen sind vielmehr eminent politisch – egal ob bewußt oder unbewußt. Die theologisch-politische Dimension wäre sicherlich ein weiterer Aspekt, der im Rahmen dieser Bilder analysiert werden müßte, sei es im Hinblick auf Carl Schmitt, Walter Benjamin, Jacques Derrida oder Giorgio Agamben. Gerade Derrida fragt schließlich nach jenem Bindestrich bei der Koppelung der Dimensionen. Es handelt sich, wie Mitchell zu recht schreibt, auch hier noch einmal um jene Doppelung, wie sie in den zwei Körpern des Königs zum Ausdruck kommt. Der göttliche, ewig lebende Körper – fast muß man schreiben: der Leib – des Souveräns, und jener sterbliche Körper, der zerfällt, verwest, vergeht (Mitchell, S. 257 f. Grundlegend dazu: Ernst Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters).

Was die Ebene der Religion angeht: Ja, der Islam ist nicht grundsätzlich böse, so wie das Christentum nicht grundsätzlich schlecht ist.

Zurecht sind die christlich-evangelikalen Einflüsse samt dem daran gebundenen dichotomen Weltbild in den Blick zu nehmen, welche die Invasion in den Irak (und insgesamt jenen „Krieg gegen den Terror“ – auch – motivierten. Ich halte diese rein religiöse Interpretation andererseits aber für einen vordergründigen Aspekt. Zudem muß man bei solchen politischen Sichtungen wohl aufpassen, nicht in die Falle des „Clash of Civilizations“ oder eines Gegen-Dschihads zu tappen. Auch das Bild als Waffe und Propaganda will bedacht sein: sowohl die Bilder von Al Jazeera als auch die von CNN et al sind nicht nur journalistische Bilder. Der gütig dreinblickende Bin Laden mit einer Schnellfeuerwaffe in der Hand oder aufsteigende F-16-Mehrzweckjets. Wieweit es sich bei diesem Krieg womöglich nur um eine Seite handelt, die Konflikte bewußt schürt, ergibt eine weitere Dimensionen in der Sicht auf die Ereignisse. Ich neige nicht so sehr zu den großen Verschwörungstheorien, es ist freilich momentan nichts auszuschließen. Schein, Erscheinung und Wesen erschließen sich – zumindest auf der Ebene des Empirischen – nicht unmittelbar.

Um also die Mißverständnisse auszuschalten und gleichsam in einem Nebensatz die mitschwingende Intention zu nennen, läßt sich am besten auf Mitchell selbst zurückgreifen. In bezug auf die Analyse der Bilder aus Abu Ghraib schreibt er:

„ Die Arbeit von Seymour Hersh und die ursprüngliche Interpretation durch Susan Sontag und andere haben deutlich gemacht, daß noch sehr viel mehr hinter der Tür verborgen liegt. Gewiß, in einer Welt, in der Menschenrechte und internationale Gerechtigkeit Gesetzeskraft besäßen, würden die Taten der Vereinigten Staaten im Irak als die eines Schurkenstaates verurteilt, der sich über das Gesetz stellt. Die flagrante Mißachtung des Völkerrechts, die von höchsten Vertretern der Bush-Administration (einschließlich des Präsidenten) zum Ausdruck gebracht wurde, gäbe in einer gerechten Welt Anlaß zu einer Strafverfolgung. Aber wir leben nicht in einer gerechten Welt, und es gibt keine Möglichkeit, die Normen des Völkerrechts durchzusetzen. So bleibt denn die Frage: Was soll mit diesen Bildern geschehen, wenn ihre ‚verborgene Geschichte‘ erst einmal enthüllt und ihre politische Wirkung sich (zumindest für den Augenblick) erschöpft hat?“ (S. 159)

In bezug auf die Photographie des Mannes mit der Kapuze und den vom Körper gestreckten Armen aus Abu Ghraib heißt es weiter:

„Wir haben es hier mit einem image of state, einem Zustands- und Staatsbild im präzisen Sinne des Wortes zu tun: einem Bild staatlich geförderter Folter – und der Staat, der dies förderte, ist der unsrige.“ (S. 214)

Soviel als Präludium des Schrecklichen.

Eine Ästhetik des Bösen umfaßt eben nicht nur die Literatur oder überhaupt die Kunst, sondern greift auch auf das Feld des Politischen aus.

Die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist der Krise

Gesellschaftliches und ästhetische Immanenz

Tja, die metaphysischen Zeiten und die der Götter Griechenlands sind immer mal wieder vorbei; für tot sind diese Götter sowie diese Zeiten erklärt worden, und sie sind es doch nie ganz gewesen. Bei allen Versuchen, die die Philosophie bisher betrieb, die Metaphysik zu reformieren, (ihr) ihre Grenzen aufzuzeigen, sie in ihrem Fundament zu befestigen, sie zu destruieren, zu übersteigen, zu dekonstruieren, im Augenblick ihres Sturzes mit ihr solidarisch zu sein, so bleibt bei allem Umgang mit der Metaphysik doch immer ein unverfügbarer Rest. Um diesen Rückstand, jenes absolut Unverfügbare eben, ging es Adorno, als er jenen schönen Satz von der Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes in der „Negativen Dialektik“ schrieb.

Den nachmetaphysischen, entzauberten Gesellschaften mit ihren „Stahlgehäusen“ der Rationalität, dem „nachmetaphysischen Denken“ fehlt etwas: dies hat inzwischen auch Habermas bemerkt. Er, der eigentlich auf dem theologischen Auge eher Blinde, mußte dem Theologischen im Konzept einer unverfügbaren Lebenswelt nun einen Raum geben. Seine jüngsten Äußerungen etwa, so die Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels von 2001 „Glauben und Wissen“, aber auch seine Aufsatzsammlung „Zwischen Naturalismus und Religion“ zeigen den, wenn auch kritisch ausgeloteten Bedarf nach einem (religiösen) Korrektiv.

Aber nicht nur die Religion feiert seit dem Jahre 2001 mit dem Einflug des Islam in die westliche Gesellschaft ein Comeback, das staunen macht: Glaubten wir uns doch in einer postsäkularen Gesellschaft; nun wissen wir, daß dem nicht ganz so ist und daß durch die Aufklärung anscheinend gesichertes, abgestecktes Terrain schwankend geworden ist, nicht nur durch fundamentalistische Strömungen des politischen Islam weltweit, die bis nach Europa/Deutschland ragen, sondern auch durch einen religiösen Fundamentalismus aus den USA, welcher sich etwa durch Stichworte wie Kreationismus, Abtreibungsdebatte, kein Sex vor der Ehe usw. kennzeichnen läßt. [Daß der Islam dabei als die jüngste der drei monotheistischen Religionen zugleich auch die problematischste und (leider) wirkungsmächtigste ist, der es unbedingt und absolut zu begegnen gilt, will ich nicht verhehlen.]

Sondern auch eine Kategorie, welche mehr als eng an die Metaphysik und das Göttliche geknüpft ist, triumphiert nun und feiert im Theater sowie in der der Ästhetik ihre Auferstehung, und zwar das Tragische, genauer gesagt seine performative Entäußerung: die Tragödie. Hierzu gab es in der Berliner Zeitung vom 1.7.2009 einen Artikel, welcher einen kleinen Überblick gab: „Es darf wieder geweint werden. Im Buch und auf der Bühne: Die Auferstehung der Tragödie aus der Träne“

Sinnfällig für diese Renaissance des Tragischen mögen die diversen Aufführungen an verschiedenen Stadttheatern Deutschlands sein, schließlich ist der Begriff der Tragödie in seiner Praxis zunächst einmal an das Theater gekoppelt. Aber auch in den (politischen) Feuilletons, insbesondere von rechts her, raunt und schwirrt zuweilen ein tragischer Unterton, der den anbefohlenen nationalen Pathos und bald vielleicht (oder mittlerweile schon angestimmt?) auch die Durchhalteparole angesichts einer Weltwirtschaftskrise einmal wieder in den Salon bringen möchte. Als pars pro toto nur zwei Namen einer noch zu erfindenden Tragödie für das deutsche Sprechtheater: R. Mohr und M. Matussek im journalistischen Krisen-Bunker, mit fuchtelnder Geste Tagesbefehle und Parolen ausgebend: die tragische, schicksalhafte Ordre de Jour als Geschick, der es sich fügend zu beugen gilt, Traudel Jung an der Schreibmaschine. Im Hintergrund auf einem Stuhl stumm und sanft den Oberkörper vor- und zurückwippend Bruno Ganz. Was für ein Theaterstück gäbe das ab?, aufgeführt in einem angenehm möblierten Kellerraum des ehemaligen Pressehauses am Hamburger Speersort; die Farce in der Tragödie oder mit Thomas Bernhard gefragt, „Ist es eine Tragödie, ist es eine Komödie?“ Dieses Stück hieße dann vielleicht „Herr Mohr und Herr Matussek führen sich mal wieder auf“.

Natürlich, man könnte diese Schwadroneure des Banalen als reine Komödie inszenieren, wenn es eben nicht so ernst wäre, was da den Menschen von solchen Typen so nach und nach feuilletonistisch zum Futtern und Fressen gegeben wird. Schließlich liegen Komödie und Tragödie nicht so weit auseinander, dies wußte schon Kleist, als er in der (damals ungedruckten) Vorrede zu seinem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ den Gerichtsschreiber Licht mit Kreon und den Dorfrichter Adam mit Ödipus verglich. So wird, in einer Nebenbemerkung Kleists, die Tragödie des Ödipus umfunktioniert in eine Komödie. (Siehe hierzu: Christoph Menke, „Die Gegenwart der Tragödie. Eine ästhetische Aufklärung“)

Wenn Mohr oder Matussek etwa anläßlich der WM 2006 angesichts all der Fahnen von der Wiedergeburt des neuen, unverkrampften Nationalen faseln, so ist das nicht einmal mehr nationalkonservativ, sondern nur noch peinlich, weil ohne jeden Reflexionsboden. Ich habe dabei nicht einmal etwas gegen Begriffe wie Nation, Mythos und Fahne (nein, diesmal nicht die Alkoholfahne), sie sind in einem bestimmten Rahmen sogar notwendig: die Flagge etwa als Symbolisierung, die Nation als geopolitische Grenzung von Großräumen. (Die Frage wäre jedoch, unter welchen Zeichen sie stehen.) Nation ist nicht per se Ideologie, sondern immer auch notwendiger Bestandteil von Identitätsbildungen, hier bin ich etwas anderer Meinung als mein Blog-Kollege Hartmut. Und kein Franzose, Engländer, Spanier oder Brasilianer käme wohl auf die Idee, für die deutsche oder eine andere Nationalmannschaft zu sein. Er ist schlicht und ergreifend für die eigene. Was aber den widerlichen Beiklang beim Begriff Nation erzeugt, das ist dieses anbefohlenen Nationalgefühl, die gepredigte kollektive Durchhalteparole zum Nationalstolz, eine Identitätsbildung, die nicht auf Erfahrung, sondern auf Regression setzt, das (tragische oder – nachträglich – als Tragödie inszenierte) Opfer, an dessen Bereitwilligkeit leer und dumpf appelliert wird, denn hier fängt es an, verdummend zu werden; das Wasser- sowie Schicksal-Predigen und heimlich den Wein saufen, welchen andere heranschaffen müssen. Da läßt es sich gut und leicht vom Tragischen reden. Doch nicht nur im politischen Feuilleton stehen die Zeichen auf Tragik.

Deutliche, hochinteressante, sicherlich auch kontrovers zu diskutierende Akzente im Rahmen der Philosophie bzw. der Ästhetik setzt hier (wieder einmal) das neue Buch von Karl Heinz Bohrer: „Das Tragische. Erscheinung, Pathos, Klage“. Gewährsmann bei diesem (philosophisch-ästhetischen) Begriff des Tragischen ist hier (sicherlich mit den nötigen Abwandlungen) Nietzsche, dem die Tragödie, in Absetzung etwa zu Hegels geschichtsphilosophisch-teleologisch aufgeladenem Tragödienbegriff, eine Angelegenheit der Intensitäten und Ekstasen, des Dionysisch-rauschhaften im Modus ästhetischer Erfahrung ist. Hat die klassische als auch die zeitgenössische Philosophie zumeist im Modus aufklärerischer Rationalität mit „Tragikvermeidung“ reagiert bzw. die Tragödie im Zusammenhang des moralischen Diskurses gesehen, so geht es Bohrer um die Tragik als Moment der Intensität (des Schreckens und der damit verbundenen Plötzlichkeit), als ein rein binnenästhetisches Phänomen, welches auch als solches rein ästhetisch ausgelotet werden soll, abgeschnitten vom moralischen bzw. psychologischen Aspekt der „Furcht-und-Mitleid-Relation des Aristoteles“ (Bohrer, S. 180). Mit W. Benjamin trifft sich Bohrer in seiner Konzeption des Tragischen sicherlich über das Motiv des Schockhaften der tragischen Plötzlichkeit, die das Moment des Alltäglichen durchbricht.

Vor allem geht es Bohrer um ein von geschichtsphilosophischen Aspekten bereinigtes Tragisches. Dies zeigt bereits die Überschrift der Einleitung: „Kunst, nicht Geschichtsphilosophie“. Dieser Gestus des Kehraus mit der Geschichtsphilosophie ist nicht allzu neu: man denke etwa an Odo Marquard und sein Buch mit dem paradigmatischen Titel „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“. Bohrers Zielvorgabe im Hinblick auf die Tragödie ist das rein Ästhetische, darin Adorno durchaus folgend, Bohrer schneidet es jedoch von dem utopische-geschichtsphilosophischen Moment ab, das bei Adorno in der Perspektive immer mitgedacht war, wo Kunst, so kann man etwas sehr verkürzt sagen, zugleich im Licht der Versöhnung aufscheint. Noch das schwärzeste und hermetischste Kunstwerk trägt gerade durch die Abwesenheit jeder auf Ausgleich und Harmonie gedachten Position dennoch ein Moment von (verdeckter) Versöhnung in sich. Seinerzeit hat diese Abwesenheit des Gesellschaftlichen und Utopischen bezüglich Bohrers Konzeption des ästhetischen Scheins Albrecht Wellmer in seinem Aufsatz „Wahrheit, Schein, Versöhnung. Adornos ästhetische Rettung der Modernität“ herausgestellt und daran anknüpfend Martin Seel in seinem Buch „Die Kunst der Entzweiung. Zum Begriff der ästhetischen Rationalität“. Ich will diese Verbindungen hier gar nicht weiter verfolgen, obwohl es sich auch bei Bohrers neuem Buch womöglich anbietet. Denn nicht nur, was das Denken des Sozialen angeht, sondern insbesondere hinsichtlich der aktuellen Ästhetik ist die Position Adornos nach wie vor bedeutsam. Die Konzeption des ästhetischen Scheins bei Bohrer ist ohne Adorno so nicht denkbar.

Hinsichtlich dieses Motivs der Plötzlichkeit und des die Rationalität des Alltäglichen überbordenden Moments in der ästhetischen Erfahrung schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung:

„Beim Tragischen hat man es mit einem ‚theatralischen Exzess der Emotion‘ zu tun, mit einem ‚Erscheinungs-Ereignis‘, das für Bohrer einem ‚ästhetischen Urknall‘ gleichkommt. Zur Erscheinung kommt dabei ‚etwas unser Gefühl Überwältigendes‘. Dass davon sinnvoll aber nur unter metaphysischen Prämissen gesprochen werden kann, verschweigt dieses Buch. Gleichwohl trifft es, eher ungewollt, eine momentane Tendenz im Theater: Das emotional Überwältigende, der Exzess der Emotionen, die Tänze der Leidenschaften sind es, die momentan gefeiert werden. Nicht von ungefähr sind es die Inszenierungen Jürgen Goschs und Christoph Schlingensiefs, die als Theaterhöhepunkte gelten.“

In seinen Ausführungen zur Ästhetik greift Bohrer immer wieder auf die in früheren Werken entwickelten Motive seines Denkens zurück. So gibt es im Buch über das Tragische durchaus einen Anknüpfungspunkt an Bohrers Habilitationsschrift „Ästhetik des Schreckens“ und vor allem an sein Buch zur Plötzlichkeit als zentrales Motiv der ästhetischen Moderne.

Nun, ich möchte hier keine Besprechung des neuen Buchs von Bohrer liefern. (Dies vielleicht in einem späteren Beitrag.) Es sei nur soviel hierzu gesagt: vieles an seinem Buch über das Tragische erscheint mir interessant, und es lohnt sich auf alle Fälle, hier weiterzudenken. Manches jedoch ist problematisch. Damit gilt es, sich auseinanderzusetzten bzw. diese Dinge im Sinne philosophischer Ästhetik weiterzutreiben und fruchtbar zu machen. Diese verschiedenen Ebenen bei Bohrer machen eben die Spannung an und in seiner Theorie aus: insbesondere seine Fokusierung auf die reine philosophische Ästhetik mit den komparatistischen Ausflügen in die Gebiete der Romanistik und der Germanistik haben mich an Bohrers Theorie fasziniert. (Seine politischen Ausführungen, etwas im Buch zum Provinzialismus oder zu den Fragen des Stils, lasse ich hier einmal außen vor und möchte sie abtrennen von seinen Äußerungen zur Ästhetik. Wenngleich manches, das Bohrer zum deutschen Provinzialismus äußert, nicht so ganz von der Hand zu weisen ist.)

Was Bohrer bewegt, ist das Ästhetische als solches, welches gereinigt ist von all den gesellschaftlichen Schlacken und Rückständen. Der These von der Souveränität des Ästhetischen hätte man sicherlich noch etwas abgewinnen können. Doch einer reinen Ästhetik um ihrer selbst Willen, entleert von jedem gesellschaftlichen Gehalt, ja diesen sogar bewußt austreibend, ist, bei allem Vorbehalt, den ich gegen ein aufgesetztes hineingepumptes Gesellschaftliches bzw. plump Politisches hege, sicherlich der Ausdruck unzureichender Reflexion auf den Gegenstandsbereich. Einem solchen Konzept begegne ich zunächst mit Vorbehalt. Denn gerade in dieser „objektlosen Innerlichkeit“ der l‘art pour l‘art einer philosophischen Ästhetik bzw. in diesem reinen Raum der Immanenz einer Ästhetik ohne sozialen Gegenstandsbereich steckt, entgegen Bohrers Intention, doch die Gesellschaft im ganzen, allerdings verborgen. Gerade in der Abwesenheit des gesellschaftlichen Gehaltes der von Bohrer entwickelten Konzeption vom Tragischen blitzt das immanent Gesellschaftliche dieser Kategorie eigentlich nur um so greller hervor. Ein Auskommen ohne Metaphysik und Geschichtsphilosophie bzw. Gesellschaftliches mag (als Situatives, dem Moment Geschuldetes) interessant erscheinen, aber es funktioniert nicht. Die Tragödie ist an die Metaphysik gebunden, und das Tragische ist sozial verankert.