Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Weltweites Web mit Hick und Hack als Kommunikationsform

„Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren.“

Dies schrieb Karl Kraus in seinem Text „Apokalypse“, weil die Zeitschrift „Die Fackel“ bereits zehn Jahren schon bestand.

Es gibt im Internet, in der schönen neuen, nein, nicht mehr ganz so neuen Welt der Blogs, die sprießen und wuchern wieʼs Schamhaar der Frauen noch herrlich in den 90er Jahren, weil das Schreiben demokratisch wurde und jeder, der eine Tastatur zu bedienen vermochte, seine niedrigen Ergüsse oder aber auch durchaus brauchbare Texte – sei es politisch gestanzt, lyrisch verpackt oder als Sonstwie-Text – in den Raum des Digitalen stellte, mit feiner und zugleich berechenbarer Regelmäßigkeit die Zerwürfnisse zwischen Blogs oder Bloggern und Kommentatoren und manchmal auch die zwischen realen Menschen. Häufig geht es bei solchen Disputen um die Politik: alte Bündnisse zerfallen, neue entstehen – nicht anders als in der Welt des Politischen, die in der Kategorie der Freund/Feind-Unterscheidung (C. Schmitt) arbeitet. Diese Unterscheidung kann man auf politische Theologie herunterbrechen, aber man muß es nicht. Es läßt sich diese Differenz ebenso in gut Hegelianischer Weise als (notwendiger) Kampfplatz fassen. (Für die Freund/Feind-Unterscheidung hat es insofern kaum eines Carl Schmitts bedurft.)

Auf dem Blog „Sprache und Gestalt“ schrieb sein Betreiber einen kleinen Text über „Das Aufmerksamkeitsproblem als ein Problem der Aufklärung“. Darin geht es um den Krawall und wilden Disput, der bei bestimmten Themen regelmäßig sich einstellt, samt dem bewußten Mißverstehen von Positionen und Sätzen. Stellt einer fest: die DDR sei ein Unrechtsstaat, so kommt mit schöner Regelmäßigkeit irgend eine fadenscheinige Widerlegung wie: Auch in der BRD geht es nicht mit rechten Dingen zu. Stimmt. Es wurde sogar in Knästen systematisch und unter Aufsicht des Rechtsstaates gefoltert, wenn man an die Isolationshaft der RAF-Gefangenen denkt. Aber es ist ein absurdes Spiel, das eine gegen das andere auszuspielen. Genausogut könnte man dann sagen: das Grauen des faschistischen Deutschlands ist zu vernachlässigen: Denn das war lediglich eine Reaktion auf Stalin. Entsetzliche Relativierungen. Und so geht der Streit in den Foren diverser Polit-Online-Magazine und in den Blogs ins Unermeßliche und ad infinitum weiter. Mal um des Kaisers Bart, mal um seine neuen Kleider, mal um durchaus berechtigte Fragen im Detail.

Doch häufig haben alle diese politischen Diskussionen mit einer emphatisch verstandenen politischen Öffentlichkeit, die informiert ist und Kenntnisse besitzt, nicht mehr viel zu schaffen. Fast ließe sich die These aufstellen, daß die Subjekte, je ohnmächtiger sie in den realen politischen Zusammenhängen und in den praktischen Entscheidungen bereits sind, dann umso mehr in anderen Rahmungen – gleichsam virtuell – rebellisch werden und den gestauten Druck abdampfen. [Kompensationsleistung der Demokratie. Demokratischer Raum zum Sprechen ist zugleich einer, der Handlungen unterbindet.] Die meinungsgesättigten Foren diverser Online-Magazine oder Blogs sind der ideale Ort, um Dispute, die sich teils zu Glaubensfragen transformierten, auf Stellvertreterebene auszutragen,  weil die Verhältnisse wie erstarrt und versteinert erscheinen. So rückt eine Rebellion oder gar ein Aufstand in der Realität schlicht und einfach in weite Ferne. Diese Apathie ragt bis in die innerlinken Diskussionszusammenhänge hinein: von der Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, über Genderbloggerei und Critical Whiteness. (Nachzulesen etwa hier oder in anderer Variante auch an dieser Stelle.)

Ich schrieb bei „Sprache und Gestalt“ einen kleinen, feschen Kommentar, den ich hier, leicht erweitert, im Rahmen der Mehrfachverwertung noch einmal posten möchte, damit so Kluges und doch im Grunde Banales nicht untergeht, und weil ich im Augenblick nicht zum Schreiben von Blogtexten und zum Lesen von Blogs komme, denn ich liege gemütlich mit einer Erkrankung der Atemwege im Bett und lese wahllos in Büchern, erweitere ich einen bereits geschriebenen Text.

Ich denke, diese Art von Krawall, wie er in politischen Blogs regelmäßig sich zuträgt, wird sich auch in literarischen Blogs und in solchen, die sich mit Kunst, Literatur, Musik, Architektur oder Ballett befassen, einstellen, sobald irgendwer auftaucht und ohne Sinn und Verstand wilde Thesen heraushaut, die gar nicht oder dünn belegt sind. Vermeiden läßt sich solcher Trollinger-Krawall wohl nur, indem die Blogbetreiber/innen die Kommentarfunktion abstellen. Aber damit ist das Wesen des Blogs zerstört, das prinzipiell auf einen Dialog angelegt ist – im idealen oder gar im idealtypischen Falle erfolgt dieser Dialog nämlich in aufklärerischer Absicht, als freundschaftliches, bildungsgesättigtes Gespräch, als espritgeladener Austausch unterschiedlicher Sphären, von Geist und Wissen getragen, wo sich Perspektiven erweitern, wo der eine etwas von der anderen lernen kann. Aber wie es mit den Idealtypen im Leben nun einmal bestellt ist – wir wissen dies nicht erst seit Max Weber: Es scheitert das Ideal der schönen Bildung, das Ideal des Geistes und das Gespräch der schönen Seelen (Göthen, W. Meister) regelmäßig an den konkreten Verhältnissen, weil sich das eine (Geist) und das andere (Ungeist) gegenüberstehen, ohne daß je die Vermittlungsleistungen samt Negation des Ungeists gedacht werden. Gute Blogs hingegen können Skizzen, Aphorismen oder Essays mit Gegenhall sein.

Nun kann man  unqualifiziertes Zeug und Trolle, die um des Krawalls willen streiten, ausschalten, indem man sie abschaltet, sprich: löscht oder ihnen – mir macht das manchmal Freude – mit böser Zunge auf der gleichen Ebene entgegenkommt: nämlich mit dem fetten Knüppel in der Hand, der bösen Polemik oder der bernhardschen Restlosbeschimpfungssuada, die da über den oder die Trollinger/in herabsaust. Ich denke, manche lechzen danach, ob ihres sehr begrenzten Horizontes abgewatscht und bestraft zu werden. Sie rütteln und schütteln geradezu den guten alten Ohrfeigenbaum.

Es mag viele Gründe geben, womit die völlig zerstörte Kommunikation im Internet zusammenhängt. Sicherlich auch damit, daß es zu jeder Banalität, die behauptet wird, einen noch Dümmeren gibt, der noch Banaleres dem hinzufügt. Wenige Blogs nur existieren, wo eine Diskussion solche Bahnen zieht, wie wir uns einen geistreichen Disput vorstellen, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, in denen es um die Sache selbst geht. [Sieht man einmal von den eher harmlosen, gefälligen, eher seicht-plaudernden Blogs ab, wo sich in gestimmter Befindlichkeit alle gegenseitig streicheln und keiner ein böses Wort sagen mag: Tust Du mir nicht weh, tu ich Dir auch nicht weh. Und es fließt soviel Honig, der um Bart und Mund geschmiert wird, daß weder die armen Bienen noch die Beuysche Honigpumpe je soviel dieses zuckerhaltigen Ausscheidungssekrets produzieren können.]

Dispute, die bis aufs Messer mit Verbrennungserscheinungen geführt wurden (Stichwort Autodafé und Inquisition gegen die, welche Häresie gegen die reine Kirchenlehre begingen) beherrschten die Welt vielfach und es gab sie es immer. Womöglich jedoch erzeugt das Internet selbst bzw. dessen Form der Kommunikation ein Problem, das zwar seit Äonen existiert, dessen Dimension jedoch aufgrund sich steigernder (Kommunikations-)Quantität eine neue Qualität annahm. Es sind dies Trivialitäten, leider, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen. Jeder kann (anonym versteht sich) zu allem etwas behaupten und eine Meinung haben, ohne daß es durch Quellen und Belege gedeckt ist. Es hat am Ende keine Konsequenz, außer der, daß ein Streit ausbricht. Egal ob es sich nun um Quatschthesen zum Künstler oder Philosophen XY handelt oder darum, ob der Staat XY ein Unrechtsstaat sei. Es kommt sofort einer und schreit: „Ja, aber hier, ja, aber dort.“

In einer Arbeitsgruppe, in Seminaren, in einem Face-to-Face-Kontext ist der Bezirk besser abgesteckt und manche sind halbwegs vorbereitet. Zudem werden Dummthesen in der Regel durch die Leiterin eines Seminars als solche entlarvt bzw. ausgebremst, und wer der Meinung ist, Picasso könne nicht malen oder Adorno nicht schreiben, wird sich selten in ein Kunstgeschichtsseminar oder in ein Seminar über den guten alten Teddy setzen. In Blogs ist es anders. Dort kann sich jeder Zutritt verschaffen, und es wird das persönliche Meinen als Wahrheit der Sache genommen und eine Entgegnung: „Das ist aber aus den Gründen  X und Y nicht so!“ als persönliche Kränkung aufgefaßt. Wer läßt sich schon gerne das eigene Nichtbescheidwissen als Spiegel vor die Nase halten? Ich könnte an dieser Stelle wieder und wieder den halben Hegel aus der „Phänomenologie“ herunterbeten, weshalb das bloße subjektive Meinen eben kein Wissen und keine Wahrheit in einem emphatischen Sinne bedeutet, sondern allenfalls eine zu überwindende Vorstufe darstellt.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären: der nicht mehr vorhanden Bildung und der mangelnden Bereitschaft, Neues zu lernen. (Sich dem Feuer des Geistes auszusetzen, könnte ich idealistisch verbrüht schreiben.)

In Polit-Blogs ist dieses Austragen von Disputen noch einmal etwas anders als in denen, die sich den privaten Befindlichkeiten, die sich als Literatur maskiert, widmen oder aber jenen Blogs, die versuchen mit halbwegs anspruchsvollem Schreiben Literatur, Film, bildender Kunst gerecht zu werden, gar selber ein Stück zur Literatur beizutragen, weil an den politischen Meinungen, die häufig eben keine Analysen sind, Lebenskonzepte und Weltanschauungen hängen. Ein gräßliches Wort zwar, aber in diesem Zusammenhang paßt es. Wer sich dem Staat X oder dem System Y mit Haut und mit Haaren verschreibt – ob das nun Antideutsche oder eingefleischte Antisemiten, DDR-Nostalgiker oder Maoisten, Trotzkisten oder sonst etwas sind –: Es kratzt an der eigenen Ideologie, wenn wir zeigen, daß die DDR auf Unrecht fußt, wenn wir zeigen, daß Israel mit den Palästinensern umgeht, wie man mit Menschen nicht umgehen soll, daß Palästinenser per se keine Heiligen sind und schon gar nicht die Jungfrau Maria der Revolution. Und wenn es bei solchen Diskussionen zu bunt wird, hilft eigentlich nur noch Polemik. Denn mit Schwachköpfen sich ernsthaft auseinandersetzen zu wollen, bedeutet eine äußerst kostbare Ressource zu verschwenden und vor die Säue zu werfen: die eigene Zeit nämlich. Insofern meide ich solche Dispute des Politischen. Es dauert nicht lange und es wird darin zu bunt.

Ebenso beim subjektiven Geschmacksurteil in Dingen der Kunst. Wer für die Lektürepräferenz  seine Befindlichkeit und ein vages Spüren angibt, mit dem läßt sich schwerlich ein Disput führen, der in der Sache sich gründet. Hier ist ein Streit schlicht sinnlos. Ebenso wie sich im Leben niemand ernsthaft darüber streiten oder gar zanken wird, ob er oder sie Quittenkonfitüre oder Innereien mögen. Wer meint, er sei Experte für Quittenkonfitüren und die schmecke nun einmal, dem sei es gegönnt. Wer sich gefühlsmäßig der Prosa Karen Köhlers oder den Bildern Henri Rousseaus verbunden fühlt, dem wird kaum einer dieses Gefühl absprechen können. Wenngleich sich rational und auf der Ebene kunstkritischer Lektüre sehr wohl Argumente für deren Mißlingen finden. So wie sich qualitative Differenzen zwischen Bloch und Adorno oder Hesse und Th. Mann benennen lassen. Den Punkt nämlich, wo ein Text etwas verfehlt oder aber einen Aspekt seiner Zeit gekonnt und in einer bisher nicht dagewesenen Weise pointiert, schillernd und zugleich einsichtig macht. Bloch trifft intuitiv einen bestimmten Nerv, aber er vermag es nicht, diesen mit Inhalt zu füllen. Es gibt gute Gründe, weshalb Adorno Bloch „den Märchenonkel“ nannte. (Was nicht bedeutet, daß sich die Texte Blochs nicht fruchtbar und in einer gekonnten Lektüre gegen ihren Verfasser wenden und weitertreiben ließen. Wobei „Geist der Utopie“ immer noch ein großartiges Buch und Ausdruck seiner Zeit bleibt.)

Das Problem liegt in solchen Zusammenhängen, wo Gesellschaftliches diskutiert wird, in der Entweder/Oder-Logik und in der einseitigen Parteinahme. Theorie jedoch ist der Wahrheit und keiner Partei verpflichtet. Mag die Wahrheit und insbesondere der Begriff derselben auch hinreichend komplex sein. Sie kommt zumindest nicht aus der Pistole geschossen hervor, wie dies bei der Meinung der Fall ist.

„Die Aufgabe der Religion, die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht, die Aufgabe der Politik, sie lebensüberdrüssig zu machen, die Aufgabe der Humanität, ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkersmahlzeit zu vergiften.“
Karl Kraus, Apokalypse (Offener Brief an das Publikum)

In den Digitalgewittern: Post Privacy. Oder: die NSA-Überwachung ist keine Schande mehr, sondern nur E-Commerce (Teil 1)

It’s not real, it’s a Sony

Werbewelten, Zwischenwelten, Lebenswelten. Das Wesen der Moderne sei die Technik? Nein. Technik ist etwas, das Menschen in den Bann zieht und das für sie zugleich notwendig ist. Unabhängig von der Epochenbeschreibung. Der Mensch als Prothesenwesen strebt von Natur aus nach Technik. Ich schätze freilich anthropologische Konstanten wenig.

Post-Privacy, das ist in ihrer simpelsten Variante Nudeln für die Berliner Bohème im Internet kochen und die eigene subjektive Lebensform oder Stillosigkeit als Medium im Medium zu inszenieren. Sich nackig, machen, sich zum Affen machen, sich zeigen: unter Klarnamen oder im Tarnnamen, je nachdem. Das Netz vergißt nichts, so heißt es: und das ist auch gut so. Im Netz sind wir Zwischenwesen: Ganz und gar real und physisch vor dem Bildschirm, wenn wir die Finger in die Scheide oder die Hand an den Schwanz packen, um uns solche gewissen, mittlerweile nicht mehr verbotenen Filmchen anzusehen, wenn wir Nudelkochshows sehen  und darin die Banalität des Banalen abgefeiert wird. Und zugleich transformieren wir uns im Netz, sobald wir die Buchstaben  in die Tastatur hauen oder die Bilder, Photographien und Töne hochladen, zu einer Art Klon, eine Kunstfigur, wenn wir uns in diesem virtuellen Raum in irgend einer Form präsentieren – sei es als Bersarin, als Schriftsteller, als Malerin als eine Figur der Literatur, die zugleich ein Autor ist.

Beispiele für diesen Fluß und das Schwinden der Grenzen zwischen dem Realen (nicht im psychoanalytischen Sinne von Lacan) und der Fiktion sind der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst und die Schriftstellerin Aléa Torik. Diese Zustände aber haben weniger mit Post Privacy zu tun als vielmehr mit einem Leben in den Digitalgewittern: wenn die literarische Figur, die Instanz der Autorin, des Autors neu ausgeschrieben und in ein Konzept von Dekonstruktion und Fiktionalisierung eingebettet wird. Sogar Frau-Sein und Mann-Sein bilden im Text und innerhalb der Person des Autors am Ende ein (literarisches) Konstrukt, das sich in der Schrift eines Textes entfaltet und manifestiert. Post Privacy kann ebenso eine Weise der Literarisierung von Welt, eine Form von Literatur sein. Allerdings verwischen in ihr diese Grenzen zwischen Fiktion und Realem. Eine Grenze zu setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten, das wußten sowohl Hegel als auch der real existierende Sozialismus der DDR, welcher Hegel aufs Niveau des Arbeitermarxismus hinunterbugsierte.

Diese Grenzen sind fließend. „Post Privacy“, so schalt‘s und tönt’s als ein neuer Slogan durch den Raum des Netzes. „Schall und Wahn, ich bin euch untertan!“ Ein Zustand, den die Zuckerbergs der Welt sich wünschen. Durchsichtig sein: Da sein und präsent sein im Strom der Daten. Kunde sein. Nein, das ist falsch: unbezahlter Lieferant von Daten sein.

Aber so ganz stimmt das nicht. Post Privacy, das ist auch: sich in der Öffentlichkeit als private Person öffentlich zu machen. Natürlich: das Private ist Politisch und auch das Banale ist politisch. Alles ist politisch, sogar das Politische ist politisch. Der Begriff des Politischen diente im Gefüge der Nationalstaaten einstmals dazu, Freund und Feind zu scheiden, so der antisemitische Jurist Carl Schmitt. Darin hat er zu einem Teil sogar recht. Das Politische des Internet lagert sich anders. Post Privacy bedeutet die „Tyrannei der Intimität“ und der Überwachung; einer Intimität von subjektiven Sichtungen und Entäußerungen, die wir häufig niemals so und in dieser Weise sehen wollten: Dinge und Aspekte, die Internetbenutzer vorher so genau gar nicht wissen wollten, werden erfahrbar, lesbar, sichtbar für jeden, der es mag.

The medium is the message: Selbstreferenz bleibt der letzte Ort, er koppelt sich an einen ungeheuren Narzißmus: ich bin, ich bin sichtbar, ich bin, ich inszeniere mich. Das Medium ist die Massage – das Denken wird konditioniert, geprägt, eingespielt, einmassiert in die Struktur und verschwindet darin. Konformitätsdruck als Individuierungsdruck so lautet die Zauberformel der Mediumsmassage, die in den Kopf, ins Hirn dringt. Ich bin sichtbar und präsent. Homo Ludens wirkt auch in der Technik – gerade dort. Ich spiele mich. Als Figur, als Klon, als Ich-Selbst. „Wie führst Du Dich wieder auf?“, so sagte früher die Mutter in strengem Ton zu ihrem Sohn oder zur Tochter. Was die NSA ansonsten nur unter erschwerten Bedingungen herausbekommt, das legen und leben die Benutzter des Internet gerne und gutwillig und freiwillig auf den Tisch. Sich über die NSA zu echauffieren, ist für die, die sowieso alle ihre Daten und ihr Leben freiwillig preisgeben ganz und gar sinnfrei. Wir sind eine transparente Gesellschaft, wenn wir uns in den sozialen Netzwerken, in Twitter, auf Facebook, bei Instagram, bei Word-Press oder anderswo bewegen. Im Internet kann ich meine Bedürfnisse nach benutzten Höschen, langen Schwänzen, Hegellektürediskussionsforen, nach blonden Frauen oder ganzkörperrasierten Männern, nach Blogs mit niedlichen Tierchen ausleben. Es ist für jeden und jede gesorgt, und wer es ausgefallen oder besonders anonym mag, der lebt sich im Tor-Net aus. In der Geschwindigkeit langsam geht es dort zwar zu, aber für ein abenteuerliches Herz mag es allemal ein Ort sein, an dem sich Wohlgefallen einstellt. Sogar einen Killer kann man dort mieten oder Waffen kaufen. So sagen manche.

Die NSA-Überwachung ist keine Schande, denn es ist mein Recht, überall sichtbar zu sein und jeden über meine Lebensregungen zu informieren. Und wer reinen Gewissens und mit sich selbst als Subjekt im Einklang ist, der hat weder etwas zu befürchten, noch wird ihm oder ihr ein Ungemach drohen. Post Privacy war immer der Traum der Menschheit. Egal ob nun Orwell oder jenes „Sag mir wo du stehst!“ im Vorzeigesozialismus. (Allerdings haben daran auch die Lidl- oder Aldi-Filialen ein Interesse, um zu sehen, was die Mitarbeiter gerade treiben und ob sie auch arbeiten. Da hilft dann die heimlich installierte Kamera.) Im Zeitalter des Internet wird aus diesem Ostgut-Liedslogan vor dem Bildschirm ein Zeichen: „Zeig mir ob er steht“. Sex sells. Mit oder ohne Kunden- oder Kreditkarte. Von den Ausgängen aus Platons Höhle bis hin zur der Tätigkeit, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen (Wittgenstein) strömte einiges an Zeit hin. Die Bewußtseinsindustrie (H.M. Enzensberger) trug das ihrige bei, die Fliegenglasproduktion im Taylorismus in die Höhe zu treiben.

Der Ausweg aus der Sichtbarkeit: die Ausflucht aus der Sichtbarkeit: „Der Mensch ist das sichtbare Wesen in einem emphatischen Sinne. Er ist betroffen von seiner Sichtbarkeit durch die Auffälligkeit des aufrechten Ganges und durch die Wehrlosigkeit seiner unspezifischen organischen Ausstattung. Das macht ihn anfällig für die Rückkehr in die Lockungen der Höhle. Sie ist die einzige Erfüllung seines tief in dieser Gattungslage verwurzelten Wunsches nach Unsichtbarkeit.“ So raunt es Hans Blumenberg in einer Art Onto-Anthropologie. Ist das Gegenteil der „Transparenzgesellschaft“ die Höhlengesellschaft? Das Internet ist ein Ort der sichtbaren Unsichtbarkeit. Es markieren sich in ihm immer wieder die Leerstellen, die zugleich den Umriß und die Kontur von Internetsubjekten, mithin von virtueller Existenz, erzeugen. Das Internet ist wie eine Burka: es könnte Dein eigener Onkel sein, der in Deinem Blog kommentiert. Dieses Spiel macht den Reiz aus, und es ist zugleich ein solches, das jegliches Vertrauen erschüttert. Denn Ich ist im Internet, nach Rimbaud, nicht nur ein anderer, sondern möglicherweise auch ein Poser und Betrüger.

Das Wesen des Internet ist die Fiktionalisierung und zugleich das Spiel mit ihr. Der erste Held des Internet ist der Don Quichote. Der erste moderne, angeblich von dem Autor Cervantes geschriebene Roman ist „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“.

(Teil 1 Ende)

Konstruktion, Dekonstruktion, Dekonspiration, „Aléas Ich“

Es tut sich in diesem Buch ein spannendes Spiel auf, das sich – unter anderem – um die Autor(innen)schaft und um Fiktionalität von Autoren gruppiert, und es stellt sich in dieser Prosa zudem die Frage „Wer schreibt?“, „Wer spricht?“ Aber es wird diese Frage nicht in einer Absicht aufgeworfen, Masken zu lüften, sondern vielmehr will sich die Frage selbst samt deren Antwort durchstreichen, um sie des Unsinns zu überführen. Insofern handelt es sich hier nicht um eine Rechtfertigungsprosa oder gar um eine Fußnote, die „Das Geräusch des Werdens“ – den ersten Roman – samt deren Autorin zu legitimieren versucht oder in einer Art „confessio“, als radikale Selbstbetrachtung Präsenzpunkt auszumachen trachtet, sondern der Text betreibt – zumindest dem ersten Anschein nach – ein noch umfassenderes Spiel mit der Fiktionalisierung und der Metaebenen von Literatur. Wobei ja auch die Fußnote – sozusagen in einer dekonstruktiv aufgebauten Fußnote an den Rand geschrieben – oftmals eine sehr viel bedeutsamere und auch subtilere Funktion hat, als die Stelle im Haupttext, an die der Schreiber sie angebrachte.

Die Frage „Wer schreibt?“ in einer Absicht der Identifikation und des Dingfestmachens im Raum des Empirischen zu stellen, verfehlt den Text als ästhetisches Objekt zur Gänze. Autorin oder Autor sind Produkt von Texten. Nicht umgekehrt, wie es mancher erfahrungsungesättigte Leichtliterat oder -literarin vermeint.

Weshalb eigentlich die Sucht mancher Leserinnen und Leser immer hinter die Schleier und die Masken des Autors, der Autorin blicken zu wollen? Ein Aspekt mag da sicher die Boulevardisierung der Literatur, die Galaisierung abgeben. Es müssen Bilder her, und zwar möglichst schicke, und die schönen Autorinnen und Autoren zeigen sich für die Verlagsprospekte gerne. Und wenn sie, wie Judith Hermann eher nicht so schön sind, dann wird qua Photographie eine Personality, eine Art Aura geschaffen: die vergeistigte vergrübelte Frau, in matt-milchigem Schwarz/Weiß gehalten, verhaucht und aus der Zeit gefallen. Wir alle kennen diese Bilder. In den 90ern und zum Beginn der 00er Jahre kursierte der von den Marketingabteilungen der Verlage geschaffene Begriff des Deutschen Fräuleinwunders in der Literatur. Personality als Literatur.

Für andere wieder resultieren diese Enttäuschungen, daß eine Autorin irgendwie und irgendwo und am Ende doch ganz anders ist, aus persönlicher Kränkung: Wer sich lange mit einer solchen Bloggerin und Autorin schrieb – anonym wie das im Internet so zugeht – und dann nicht das fand, was er suchte, mag sich ärgern. Aber wurde er dabei betrogen, oder betrog er sich nicht eher selbst? In diesem Falle kann es um der Sache willen gut tun, die Befindlichkeiten über Bord zu werfen und den Blick auf den eigenen Blick zu werfen. Worin besteht denn die Täuschung, wenn mir ein(e) Unbekannte(r) E-Mails schreibt? Wurde ich durch den Eigennamen, der auf den Genus deutet, getäuscht? Worüber wurde ich getäuscht? Eine Autorin oder ein Autor sind kein Fertiggericht,wo die Ingredienzen juristisch korrekt angegeben sein sollten.

Wer sich in der Welt der Literatur bewegt, der hält sich im Raum der Fiktionen auf, und durch das Internet (als Medium der Literatur) erweiterter sich dieser Raum außerordentlich. Wer einstmals in den guten alten Zeiten auf einem Empfang oder bei einer Feier einen Schriftsteller traf, der konnte Pech (oder Glück) haben, und er fand sich Jahre später in einem Buch wieder. Thomas Mann nutzte häufig Menschen als Vorlagen – von den „Buddenbrooks“ und vom „Zauberberg“ waren nicht alle angetan. Heute begegnen Sie auf einer Party einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin und flugs findet einer sich am nächsten Tag (mit Glück leicht verfremdet) in einem literarischen Blog wieder. Das Internet mit YouTube, Flickr, der Welt der Blogs hat die Wahrnehmung verändert. Auch die Produktionsformen von Text. Davon – unter anderem – handelt der Roman „Aléas Ich“. Wie und auf welche Weise entstehen Fiktionen? Für ein solches Wissen ist es ganz gleichgültig ob die in dem Roman der Autorin zugeschriebene Dissertation über „Identität, Authentizität und Illusion – Zum Begriff Fiktionalität“ nun existiert oder nicht. Der Text „Aléas Ich“ ist Bestandteil einer solchen (fiktiven oder realen) Dissertation – die Grenze zwischen Philosophie und Literatur verschiebt sich auf eine solche Weise, daß Ebene und Metaebene ins Fließen geraten. Philosophie wird zur Literatur (dieses altes Thema der 80er, 90er Jahre, insbesondere für uns Derridaleser, die dem Text Derridas mit Wohlwollen folgten.)

Wieweit es diesem Roman nun gelingt, die Grenzen neu oder anders zu bestimmten, vermag ich allerdings an diesem Punkt der Lektüre noch nicht zu sagen. Ob er eine Weise von Wahrnehmung erzeugt, die jene Hybris des modernen Autorensubjekts aufspaltet oder ob der Text am Ende doch wieder auf jenen narzißtischen und spiegelstadiumsähnlichen Punkt kommt, in dessen Zentrum jenes omnipotente und selbstverzückte Subjekt hockt, das es im Rahmen Lacanscher und Deleuzescher Begehrlichkeiten zu destruieren galt, das wird die weitere Lektüre zeigen.

„Die Wahrheit existiert nur, solange niemand von ihr erzählt“ so heißt es vieldeutig, paradoxal, an den Perspektivismus Nietzsches und an die vielfältigen (philosophischen) Wahrheitstheorien des 20. Jhds anknüpfend, in diesem Roman. Literatur – das ist immer auch ein Stück creatio ex nihilo, und in diesem Akt helfen keinerlei moralischen Urteile, die mit den Begriffen Lüge, Betrug oder Wahrsprechen operieren, um mit externen Maßstäben an ein Objekt der Ästhetik heranzutreten. Für die Kunst ist immer noch der Begriff des Scheins konstitutiv. Am Text des Literaturwissenschaftlers und ästhetischem Theoretikers K. H. Bohrer mag man manches kritisieren – daß er jedoch im Rahmen seiner Adorno-Lektüre dessen Begriff des Scheins stark machte, gehört zu seinen großen Leistungen. (Leider vergaß er darüber die Passagen Adornos zur Geschichtsphilosophie.)

Der Autor ist eine Funktionsstelle. Es geht in der Literatur um die Funktion des Autors, nicht um die Person, die sich dahinter verbirgt. (Daß in dem Begriff „Person“ zugleich der der Maske steckt, sei geschenkt.)

Wer meint, mit „Aléas Ich“ wieder einen verspielten, verschnörkelten, zauberischen Roman mit angehängtem Lokalkolorit von Rumänien und Berlin in der Hand halten zu können, der wird sicherlich enttäuscht sein. Aber für eine dezidierte Kritik ist es nach der ersten Hälfte des Buches wohl noch zu früh: eine Symphonie läßt sich nicht beurteilen, wenn ich bloß den ersten Satz höre und ein Tafelbild bleibt Fragment, wenn ich nur die untere rechte Ecke wahrnehme und für Kritik und Kommentar zur Verfügung habe. [Eigentlich müßte es eine Art von Buch- und Kunstkritik geben, die das Werk fort- und weiterschreibt. Ein Blick ohne Richterspruch. Im Lesen des Textes erfaßt sich die immanente Struktur eines Werkes: eine Art von mimetischer Rezeption; sich dem Werk gleichzumachen, anzuschmiegen und dabei diesem trotzdem nicht zu verfallen.]

Die Frage nach der Funktion des Autors und damit auch die nach der Funktion von Literatur, die Frage nach den Identitäten und die nach der Moral des Personalausweises wird hier im Blog in nächster Zeit sicherlich Thema sein.