Die Tonspur zum Sonntag – Mein schwarzes Begehren in Deinen Schlund

Die Einbildungskraft ist nicht nur ein Terminus technicus der Kantischen Philosophie oder der des Idealismus, sondern sie kann ebenso im Kontext der Ausschweifungen ihre Anwendung finden. Primär aber gehört sie in die Kreise der Philosophie. Zwischen Sinnlichkeit und Verstand die Vermittlungsleistungen zu erbringen. Im reinen Schematismus. Vielleicht auch als Auftakt zum 200. Todestag des Marquis de Sade, den die Libertins dieser Welt sicherlich angemessen begeh(r)en werden. Mit all ihren Phantasien, dem Begehrungsvermögen sowie dem Gefühl für die Lust und die Unlust. Wieweit in diesem Gefühl von Lust und Unlust der Schmerz zu sistieren sei, bleibt nochmal eine andere Frage. Eine Unlust, die Lust erzeugt? Zunächst ein Widerstreit, der da im Gemüt stattfindet. In gewisser Weise ist dieser Widerstreit analog zu Kants Konzeption des Erhabenen. Das Erschaudern angesichts einer Übermacht, etwa dem tosenden Meer im Sturm (überhaupt: die Seefahrts- Schiffs- und Meeresmetaphern bei Kant), zwar diesen Gewalten ausgesetzt und  nicht nur im Modus symbolisierender Bildlichkeit, vielmehr realiter, aber doch in einem Abstand genossen. Kant und de Sade: die zwei Seiten einer Medaille.

Von der ungeheuren Lust, ein Ich zu sein – Johann Gottlieb Fichte zum 250. Geburtstag

Diese Würdigung kommt verspätet, aber die Wahrheit läuft uns andererseits nicht weg: Die Philosophie Fichtes wird sich auch vier Tage später nicht grundsätzlich wandeln oder einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden.

Es war mir immer verhaßt: dieses Bild, seit Schulzeiten an, denn es zeigt den Biedermann als Brandstifter und Spießbürger zugleich:

Die Truppen Napoleons, die in Preußen und Österreich intervenierten, waren sicherlich keine himmlischen Heerscharen, die für eine bessere Welt antraten, um Preußen und Österreich vom Joch königlicher sowie kaiserlicher Tyrannei zu befreien. Aber schlimmer als Frankreich erschienen mir immer der preußische Staat und Österreich insbesondere. Wohl auch aus dieser Österreichwut heraus gründet sich meine Liebe zu Thomas Bernhard. Obwohl diese Sicht, Frankreich als Befreier zu feiern, zugleich übertrieben ausfällt, denn im Grunde ist jeder Staat zu dieser und zur heutigen Zeit von Übel, scheint mir die Invasion Napoleons über Europa doch als ein probates Mittel, eine andere Epoche zu schaffen – ähnlich wie es Goethe in seiner „Kampagne in Frankreich“ beim Kanonendonner von Valmy notierte. Jedoch die schönste, gelungenste Sentenz zu diesem, unserem Staat, der aus Preußen erwuchs, stammt nun einmal – nein: nicht von dem Nationalphilosophen Fichte, sondern von Wolfgang Neuss, und der Satz geht so: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.“

Aber machen wir die Philosophie nicht an den Äußerlichkeiten eines Bildes fest.

Mit der Veröffentlichung „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ trat Fichte hervor, das Publikum hielt diese zunächst anonym publizierte Schrift für ein Werk Kants – nämlich seine lang erwartete Religionsphilosophie. Kant klärte auf, Fichte ward berühmt. Leicht gestaltete Fichtes Weg sich freilich nicht, kam er doch aus armen Verhältnissen. Es war sein Werdegang zu seiner Zeit (und auch heute noch) keine Selbstverständlichkeit: aus einer Weberfamilie heraus mit acht Geschwistern machte es sich im 18 Jahrhundert nicht für selbstverständlich Karriere als Philosoph.

Im sogenannten Deutschen Idealismus angesiedelt, der eben nicht mit Kant, sondern mit Fichte seinen Anfang findet, setzte er eine Markierung, die sowohl für die Deutsche Romantik, Schelling und Hegel als auch für das Denken und Dichten Hölderlins von Bedeutung werden sollten: die absolute Reflexion, in der Sein und Selbst zu Deckung kämen und wo das Trennende der herkömmlichen Reflexion, die lediglich auseinanderschneidet, aufgehoben ist. (Für Hegel besaß der Begriff der Reflexion deshalb zugleich einen pejorativen oder zumindest defizitären Status, weil das, was in der Bestimmung im Grunde erst zu entfalten wäre, bereits allem Sein und Denken und das heißt dann: einschließlich des Seins des Subjekts voraussetzungslos vorgeordnet wurde. Die Wendung „Reflexionsphilosophie“ bei Hegel ist nicht freundlich gemeint. Eine erste Bestimmung davon samt ihrer Kritik liefert er in seiner Differenzschrift, die ich als Einstieg in die Philosophie Hegels zur Lektüre empfehle.)

Trotzdem ist diese Bewegung des Fichteschen Denkens konsequent, betrachtet man sie aus ihrer Zeit, denn sie greift die einschneidende Stelle aus einem der epochalen Werke der Philosophie heraus und gruppiert um diese Passage herum eine Philosophie des Subjekts: jenes zentrale Kapitel aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“, welches die Basis und zugleich den Drehpunkt für die Philosophie nach Kant bildete: „Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption“, wo es bei Kant heißt:

„Das Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung, die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung. Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das Ich denke, in demselben Subjet, darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird.“ (K.d.r.V., B 132, 133)

Wieder ist es – wie so häufig in Kants Konzeption – das duale Verhältnis von Anschauung und Begriff, das in seiner letzten Konsequenz – freilich ohne die notwendige Vermittlung – an seinen archimedischen Punkt gelangt. Jede Vorstellung läßt sich als die eines Gegenstandes ansetzen und ebenso als Teil unseres Ichs. Insofern fällt das Vermittelnde und Konstituierende ins Subjekt selbst. Nur dieses erbringt solche Syntheseleistung, was zugleich den Status der Welt der Dinge, der Objekte tangiert, die nicht mehr, wie bei Descartes, als Gegebenheiten angenommen werden können. Dieser gesamte Paragraph 16 der „Kritik der reinen Vernunft“ verdient es, immer wieder und wieder gelesen zu werden. Es ist, in die Wiederholung und in das Denken, auf den Begriff und die Vorstellung gebracht, gleichsam reines Zen, und wenn ich in Phrasen stanzte, schriebe ich: ungeheuer tief gedacht und zugleich schwierig in seiner Konzeption. Worin liegt dieses grundsätzlich Neue und weshalb übersteigt diese Kopernikanische Wendung der Philosophie hin zum Subjekt in einem modernen Sinne Descartes Prinzip des Cogito als fundamentum in concussum? Obwohl auch bei Kant eine gewisse Statik vorliegt, beginnt hier die Bewegung des Selbstbewußtseins, das nicht mehr nur als starres Prinzip, sondern als aktives, hervorbringendes Vermögen konzipiert wird – dies reicht erkenntnistheoretisch von der Welt der Erscheinungen bis zur menschlichen Freiheit hin. Einerseits findet sich bei Kant das sich selbst Durchhaltende im Denken (als Substanz), welches jedoch andererseits als Akt der Spontanität, d.h. als aktives Vermögen sich konzipiert: die Bedingungen des Denkens überhaupt freisetzt und die Einheit im Urteilen stiftet und dabei zugleich vom empirischen Denkakt sich abtrennt, weil dieses „Ich denke“ – Descartes Cogito-Formel übersteigend – einen Begriff von Form bedeutet, indem es die Vorstellung des „Ich denke“ hervorbringt und dabei zugleich die Verbindung von Mannigfaltigem (in der Anschauung) ermöglicht. Subjekt und Objekt fallen ins Subjekt selbst hinein. Einen solchen Akt nennt Kant Selbstbewußtsein. An dieses Konzept eines unteilbaren Fixpunktes, der zugleich ein aktives Vermögen darstellt, knüpft Fichtes Text an, indem er sein Denken auf das höchste Prinzip der Philosophie richtete. In mehreren Anläufen und Varianten unterbreitete Fichte es in seiner „Wissenschaftslehre“, in der er eine Prinzipientheorie des Wissens begründet, welche die Erkenntnis- wie auch die Handlungsregeln umfaßt, und zwar aus einem unbedingten Grundsatz heraus. Manfred Frank schreibt in seinem Buch „Einführung in die frühromantische Ästhetik“:

„Grundlage seines [Novalis‘ bzw. Hardenbergs] wie des Fichteschen Denkens war die Einsicht – man kann sie fast für ein Generationserlebnis erklären –, daß das Faktum unseres Selbstbewußtseins nicht aus Entgegensetzungen der Reflexion erklärt werden kann: Sich auf sich zurückwendend und das gefundene dem findenden Bewußtsein unter dem Titel ‚Ichheit‘gleichsetzend, mußte die Reflexion mit dem Inhalt beider Relata schon bekannt sein; anders könnte sie das in Objektstellung Erfaßte nicht als dasselbe wie das Subjektive erkennen. Darum kann sich die Reflexion aber überhaupt gar nicht als den Urheber des Selbstbewußtseins ansehen, höchstens als einen Ort, in welchem ein anderswoher schon Bekanntes noch einmal zum Thema eines ausdrücklichen Aufmerkens wird. Fichte suchte diesen Sachverhalt dadurch zu berücksichtigen, daß er der Ichheit Unmittelbarkeit zusprach, in ihr ist das Objekt mit dem Subjekt unmittelbar (d.h. nicht vermittelt über ein begriffliches Wissen) identisch.“ (S. 249 f.)

Es ist das Sich-selbst-Setzen des Ichs, um das Fichtes Philosophie kreist, und gleichzeitig versucht er, die Kantische Trennung von praktischer und theoretischer Vernunft einer Revision zu unterziehen. Dieser Begriff des Ichs bei Fichte darf jedoch nicht als individualisierter genommen werden, und er liest sich ebenso wenig im Sinne einer ersten Person Singular. Vielmehr handelt es sich um einen Strukturbegriff, dem eine transzendentale Qualität zukommt. Dieses Ich ist die reine Produktivität sowie Tätigkeit, was in jenem häufig zitierten Satz terminiert:

„Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit desselben. – Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses blossen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: das Ich ist, und es setzt sein Seyn, vermöge seines blossen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Product der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: Ich bin, Ausdruck einer Thathandlung; aber auch der einzig-möglichen, wie sich aus der ganzen Wissenschaftslehre ergeben muss.“ (Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, § 1 Erster, schlechthin unbedingter Grundsatz)

Fichtes Philosophie bricht nicht die Bahn, wie das die Hegelsche dann tat, aber sie öffnete Tore: sei dies nun innerhalb der Romantik, wenn man Novalis‘ „Fichte-Studien“ liest, welche um diese Reflexionsfigur kreisen, oder aber für das Konzept einer Philosophie des Selbstbewußtsteins, die nicht beim bloßen Ich = Ich und damit beim leeren Om Om verharrt.

„Das Ich setzt sich selbst, …“: Als Arthur Schopenhauer während einer Vorlesung Fichtes in Berlin diese Sätze vernahm, malte er dazu in seinen Notizen in ironischer Absicht einen Stuhl.

Einhundert Taler

Zum Beginn der Woche, als Nachklang zum religiösen Spektakel der letzten Woche, sei eine kurze Passage gegeben aus einem Text von Heinrich Heine, und zwar zu Kant. Heine ist bekanntlich kein Philosoph, seine Darstellung der Philosophie Kants fällt zuweilen etwas seicht aus, aber schreiben und zuspitzen: das macht Heine ganz wunderbar. Bei jenem im Text erwähnten Lampe handelt es sich – für die, welche der Biographie Kants nicht kundig sind, – um Kants Diener. Es schreibt Heinrich Heine:

Ich enthalte mich, wie gesagt, aller popularisierenden Erörterung der Kantschen Polemik gegen jene Beweise. [Gemeint ist Kants Kritik an den Gottesbeweisen, insbesondere dem ontologischen, hinw. Bersarin.] Ich begnüge mich zu versichern, daß der Deismus seitdem im Reiche der spekulativen Vernunft erblichen ist. Diese betrübende Todesnachricht bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein verbreitet hat – wir aber haben längst Trauer angelegt. De profundis!

Ihr meint, wir könnten jetzt nach Hause gehn? Bei Leibe! es wird noch ein Stück aufgeführt. Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen tragiert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt – und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: „Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.“ In Folge dieses Arguments, unterscheidet Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen belebte er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.

Hat vielleicht Kant diese Resurrektion nicht bloß des alten Lampe wegen, sondern auch der Polizei wegen unternommen? Oder hat er wirklich aus Überzeugung gehandelt? Hat er uns eben dadurch, daß er alle Beweise für das Dasein Gottes zerstörte, recht zeigen wollen, wie mißlich es ist, wenn wir nichts von der Existenz Gottes wissen können? Er handelte da fast ebenso weise wie mein westfälischer Freund, welcher alle Laternen auf der Grohnderstraße zu Göttingen zerschlagen hatte, und uns nun dort, im Dunkeln stehend, eine lange Rede hielt über die praktische Notwendigkeit der Laternen, welche er nur deshalb theoretisch zerschlagen habe, um uns zu zeigen, wie wir ohne dieselben nichts sehen können.

(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch. S. 604 f., in: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, Bd. 5. Frankfurt/M, Berlin, Wien, 1981)