Clemens Meyers „Im Stein“ – ein kurzer Vorausblick, Shortcut

Im heutigen Arbeitsjournal berichtete Alban Nikolai Herbst von seinem gestrigen Besuch einer Lesung mit Clemens Meyer in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg. Ich habe das leider verpaßt und nicht mitbekommen. Insofern konnte ich nicht hingehen. Ich habe zu seinem Journaleintrag, in dem es auch eine Diskussion mit unterschiedlichen Positionen gibt, einen kleinen Kommentar verfaßt – sozusagen eine Vorab-Eloge zu dem von mir hoch geschätzten, hoch verehrten Clemens Meyer und seinem im Milieu der Bordelle, der Prostitution und der Halbwelt spielenden neuen Roman „Im Stein“. Freilich alles noch vorläufig formuliert, tentativ, erste Sichtung. Und das geht dann so:

u1_978-3-10-048602-8 Dieser Roman ist nicht nur gut geschrieben und klug komponiert, sondern er verweist in einen Bereich, in den nur wenige der deutschen Gegenwartsautorinnen und -autoren literarisch sich hineinbegeben: nämlich die Welt der Huren, der Bordelle, der gemieteten Wohnungen, wo für Geld gefickt wird. Das Buch ist in den Montagen gelungen gebaut, poetisch in der Sprache und in den verwendeten Bildern, geglückt in der Form, in der Anordnung seiner Elemente: der lineare Zeitstrahl von der DDR über die Wende bis ins Heute wird diachron aufgebrochen und gefächert in die Ströme des Bewußtseins, in die Perspektiven, in denen die verschiedenen Protagonisten zu Wort kommen: Sexarbeiterinnen, Zuhälter, Bullen, ein Vater, der seine Tochter sucht. Die Wende 1990: das ist ein Bordell und ein Kampfplatz um die besten Plätze für die Huren im Kampf zwischen den rivalisierenden Parteien. Aber Meyer ist dabei kein Gossenpoet, der betont cool hinrotzt und den Gangster mimt. Ganz im Gegenteil. Das Buch ist eben kein Hurenbuch mit Votzensound. Wer Ohren zum Hören hat und damit auch ein wenig liest, wird dies bereits beim Titel erlauschen, erlesen, bemerken, wie poetisch, fein und geschliffen da ein Schriftsteller vorgeht. Ohne irgendwie seinen Text gefühlig und rührig zu machen.

Bereits Meyers erster Roman „Als wir träumten“ brachte Leipzig, brachte die Wende, brachte die Wendeverlierer in den Plattenbauten ins Bild. Nicht dieses ewige Berlin-Getaumel, die Findungsexistenz des akademischen Literaturprekariats. Eines der genialsten und eindrucksvollsten Debüts, das ich gelesen habe. Nicht immer wieder, in der Schleife-endlos, dieser ewige Mittelschichtenjungakademiker/innen-Literaten-Judith-Hermann-Kram: Ich finde meine männliche, meine weibliche Identität: Versonnen schauten sie die Existenz.

Die Frauenfiguren sind von Meyer teils dokumentarisch recherchiert. Es wird die Sicht von Huren präsentiert. Es werden die Beziehungen von Frauen untereinander gezeigt, so z.B. wenn jene beiden schon etwas älteren Huren (so Mitte vierzig) gemeinsam Tango tanzen: „Sag zum Abschied leise Servus“. Ein großartig geschriebenes Bild, wie Frauen auf Frauen blicken und miteinander zärtlich-distanziert umgehen. (Auch das gibt es in diesem Buch. Übrigens auch bei „Aléas Ich“: Olga und Aléa nämlich) Allein um dieser Szene willen ist das Buch mehr als ein bloßes Stückchen über die Welt des Rotlichtmilieus. Zudem durchdringen sich beim Aspekt der Prostitution die Ebenen: Dokument einerseits und Literarisierung: Meyer spielt mit der ästhetischen Form, öffnet sie. Gerne wird bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten weggeschaut. Macht Frau nicht, paßt nicht. Paßt nicht so gut ins moraline Rundumwohlfühlbild des doch eher quasi-bürgerlichen Feminismus. (Sofern es Bürgerlichkeit denn überhaupt noch gibt.) Prostitution und Porno: Bääää, pfui, maskulinistisch. Meyer schaut nicht weg, sondern bringt ein Sujet in die Literatur, das dort selten so zum Thema gemacht wurde, ohne es zu verherrlichen oder per se zu verurteilen. Zudem weiß er, wovon er schreibt. Genauso wie er es in „Als wir träumten“, in seinem großartigen Erzählungsband „Die Nacht die Lichter“ und in „Gewalten“ tat.

Bücher zu lesen, bedeutet immer auch wahrzunehmen, ob und wie sich die literarischen Formen erweitern, auf welche Weise sie das herkömmliche Erzählen zu überschreiten vermögen. (Aus diesem Grund auch mein vehementes Plädoyer für Aléa Torik in all ihren  Facetten.) Wer allerdings Texte verschlingt und sie sich kannibalisch einverleibt, der verfehlt meist die Texte. Da ist es wie mit guten Speisen und gutem Wein. Das beste wird in (narzißtischer) Gier versäumt, wenn man die feinen Speisen nur in sich hineinhaut.

Clemens Meyer selber habe ich eigentlich immer als witzig, freundlich, aber doch bestimmt erlebt. So auf der Leipziger Buchmesse 2011, als er die Laudatio auf die Litertaturkritikerin Ina Hartwig hielt, die den Alfred-Kerr-Preis bekam. Der Vortrag fiel lebendig, witzig und spannend aus. Ein wenig mag Meyer sicherlich die Show. Aber auf eine sympathische Weise. Im Leben geht es bunt zu: es gibt die Bühnen- und Rampensäue, die das brauchen und dann gibt es die, welche im stillen Winkel schreiben. Meyer ist dabei noch einer der angenehmen Typen, weil er zwar krakelt, aber auf eine mir nicht unähnliche und deshalb vielleicht sympathische Weise. Schön auch in einem Interview seine Antwort, weshalb er nicht in Berlin wohne, sondern in Leipzig: Aber in Berlin lebten doch alle Schriftsteller. Was solle er dort? Leipzig sei seine Stadt. Was stimmt. Leipzig ist eine sehr coole Stadt.

Leichte Kritik möchte ich allenfalls daran üben, daß sich manche der inneren Monologe bzw. der Bewußtseinsströme gleichen. Die eigentlich unterschiedliche Perspektivierung, die erforderlich wäre, um die Charaktere zu zeichnen,  bzw. die Auffächerung des Geschehens in Blicke fällt – teils zumindest – so different denn doch nicht aus: Der Text des Bielefelder Groß-Bordellbetreibers, der von Hans, dem Besitzer eines kleinen Puffs, die Sicht von AK, dem Vermieter von Wohnungen zwecks Sex: sie gleichen sich vom Duktus her zuweilen. Aber das müßte ich noch im Detail sichten. Ausgeglichen wird dieser Mangel aber auf alle Fälle durch die Sprachgewalt von Meyer sowie durch die Bilder, die er erzeugt. Wie bisher jedes Buch von Clemens Meyer ist es ein großer Wurf.

Demnächst dazu in meinem Blog eine Rezension. Zweihundert Seiten fehlen noch.

Nachtrag: Clemens Meyer ist seit dem 11.9 auch in der Shortlist für den Deutschen Buchpreis vertreten. Zu Recht und mit guten Gründen. Ich wünsche ihm das beste. Verdient hat dieses Buch einen Preis, weil es literarisch avanciert geschrieben wurde und zudem – in einem guten Sinne – arschcool ist, wie wir Luden von der Herbertstraße so sagen: der Wiener Peter und der PoC-Kalle.

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Hinzuweisen bleibt – darauf insistierte zu recht die Kommentatorin(?) Kombina  – daß es oben im Text, wo die beiden Frauen miteinander tanzen, nicht heißen dürfe Tango, sondern heißen müsse: Walzer. Richtig, ich assoziierte da den Kreisler mit hinein: „Zwei alten Tanten tanzen Tango“. So geht es im Leben: Walzer oder Tango? Welcher Tänzertyp sind Sie? Alles eine Frage des Gefühls. Ach, wie wir die Gefühle und die Cafeteria-Fragen lieben.