Aleatorik, Identitätspolitik und Literatur – samt kurzem Blick zu Kafka: Wovon schreibt die Literatur?

„Der Eigenname ist bedeutungslos. Doch gibt es verschiedene Weisen, bedeutungslos zu sein.“(Jacques Derrida)

Von Nietzsche zum Beispiel wissen wir, daß er als Frau schrieb. Unter all den Schleiern und in all den Stilen, die manchmal einem Stilett gleichkamen. Wenn ich von meinem heutigen Ich herschreibe, bemerke ich an mir selber, grippal und das heißt krank auf dem Sofa liegen zu müssen. Und wenn ich diesen Satz mit meinem Eigennamen unterschriebe, wäre das dann tatsächlich mein eigener Name, mein Ich als Körper, das da beteuert, schwört und tätigt und kränkelt? Jenes eine Ich, das daliegt? Oder nicht vielmehr eine andere Instanz, die da (in meinem Namen) schreibt, die Krankheit und Identität in einen Text einwebt, in dem der Eigenname erlischt und zugleich deutlich hervortritt? Jenes einzige Mal, an jenem einzigen Ort. Einzigartig. Unbeschrieben.

Nun nähert es sich auf bald ein Jahr hin, als der Roman „Aléas Ich“ erschien. Auf dem Blog „Aboutsomething“ gibt es ein Interview mit der Schriftstellerin Aléa Torik. Dringend rate ich an, es zu lesen, denn es ist insofern instruktiv, weil dieses Gespräch noch einmal zentrale Aspekte von Literatur nennt, die unter den Bedingungen eines veränderten Identitätskonzeptes ihren Ort und ihren Rahmen haben. Diese Aspekte sind für manche/n, die auf eine konventionelle bzw. konservative Weise mit Literatur sich befassen, nur schwer vermittelbar: Daß nämlich empirisches Ich, erzählendes Ich, Autor, erzähltes Ich, Textfiguren nicht verschiedenerlei sein müssen und durch soziale Konvention getrennt, sondern einem bedingenden Diskurs unterliegen, der ein literarisches Feld erst anordnet und so etwas wie den Begriff des bürgerlichen Romans samt seinen Hierarchien und Figurenanordnungen, seinen Perspektiven und Wirklichkeitsweisen erst möglich macht; daß dieses Spiel der Identitäten, Personen, Figuren zuweilen die Grenze zur Realität überschreitet. Mit Derrida geschrieben, hängt dieser Wunsch nach Gegenwärtigkeit und Präsenz (des Subjekts) innerhalb der Literatur und außerhalb in ihren Darbietungsformen wesentlich mit einer Verdrängung der Schrift zugunsten der Stimme und der Verlautbarung sowie eines intakten, gegenwärtigen Körper-Ichs zusammen.

Diese Transgression der Literatur hin zum hyperbolischen, taumelnden Text mag für manche, die in den Finessen der Literatur, der Fiktionalisierungen und Maskeraden nur halb zu Hause sind, beunruhigen: Ja und diese Unruhe ist genau das, was sich ein Text, wenn er denn begehren könnte, wünscht, weil gelungene Literatur nun einmal – auch im Freudschen Sinne – viel mit dem Unheimlichen und sogar mit dem Ungeheuerlichen zu schaffen hat. Im Grunde handelt es sich bei solchen verstörten Leserinnen und Lesern um die idealen Leser:innen. Franz Kafka schrieb im Jahre 1903 an Oskar Pollak hellsichtig und ohne zu wissen, welchen „eigenen“ Text, unter seinem und in seinem Namen er einst würde schreiben müssen: „Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.“

Und in jenem allzu bekannten Zitat über die Funktion des Buches an ebendiesen Jugendfreund Oskar Pollak heißt es in einem Brief vom 27. Januar 1904:

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber Bücher, die auf uns einwirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tode eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder gestoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ (Franz Kafka)

Drastischer, schärfer und eindringlicher als Kafka schrieb wohl keiner gegen die Vergnügungs- und Selbstbespiegelungsleser:innen an, die sich als narzißtischer Akt mit ihrem mit sich identischen Ich in allem Geschriebenen gerne wiederlesen möchten, um darin die vielbeschworenen authentischen Erfahrungen zu machen und die am liebsten wahre Sätze finden möchten, aber am Ende des Prozesses doch nur den Dunst der allgegenwärtigen Konvention produzieren. Lesen und Schreiben haben auch (aber nicht nur) etwas mit einer – freilich unwillkürlichen – mimetischen Reaktion zu tun, die aus dem Schrecken, aus dem Unheimlichen herrührt, das dem Körper gegenübertritt und ins Denken, in den Text, in die Lebenswelt einfällt: Die Mimesis ans Verhärtete, ans Fremde, ans Andere und Unheimliche. Nietzsche fand für diese Abgrundstruktur den Begriff des Dionysischen und als „Schein des Scheins“ geschieht im Text ein Akt der Potenzierung. (Weshalb eben das mißlungene Buch impotent oder unfruchtbar ist. Je nach Lage.) Das eben ist gelungene Literatur: Sie will mehr als nur erzählen oder virtuos konstruieren.

Vor allem aber kommt in diesem Interview der Umstand zur Sprache, daß unter den Bedingungen eines postkonventionellen Erzählens im Rahmen eines Hyper-Realismus ein Roman verdeckt oder offen immer nach dem Grund von Autorinnenschaft bzw. von Autorenschaft fragt. Freilich ist es in der Literatur nicht neu, daß eine Romanfigur ihrem Schöpfer gegenübersteht. Doch in dem Roman „Aléas Ich“ geschieht dies auf eine Weise, wie es so bisher in der Literatur nicht vorkam. Der Schöpfer, die Schöpferin selbst sind als Instanz fragwürdig geworden und das heißt: in Frage gestellt. Politik der Identität: Was heißt es, eine Autorin, ein Autor zu sein? (Dies muß ebenso im Hinblick auf das Spiel und die Maskeraden des Geschlechts, auf das ich wert lege, gefragt werden.)

Ebenfalls berührt dieses Interview die moralischen Fragen, die sich an ein solches Spiel zwischen Blogwelt, Lebenswelt, Geschlecht und Literatur anknüpfen und die in dem Ton des „Darf die/der das“ mit leichter Empörung vorgetragen werden. Sind das Täuschungsversuche? Aléa Torik formuliert es in diesem Interview folgendermaßen:

„Wenn man in meinem Blog einen Text liest, passiv rezipiert, oder einen Kommentar abgibt, sich aktiv einmischt, dann erreicht man nicht die authentische Autorin. Aber wo steht, in welcher Netiquette, dass man – sei es in der U-Bahn oder sei es im Netz – mit sich identisch sein müsste? Nirgends. Hintergeht man die Menschen, die potentiellen Kommentatoren eines Blogs, wenn man nicht der oder die ist, die man zu sein vorgibt? Oder hintergeht man die Menschen, wenn man ihnen vorspielt, dass man der ist, als der man sich darstellt?“

Moral aber hat in der Kunst nicht viel zu suchen. Genau dies ist vielmehr der Aspekt, auf den es in jenem Diskurs über die Identität ankommt, in Absetzung zu eben jener Moralisierung von Kunst und Ästhetik: Virtualität und verschriftlichte Inszenierung, die simuliert, daß da hinter dem Bildschirm, hinter dem Pixelbild, hinter Autor und literarischer Figur ein lebendiger Körper vor dem Leser sich befindet, sind die Weisen, in denen die Kommunikation des Internets und auch die Arbeitsweise der Literatur abläuft. Was ist Authentizität? Einer spielt den Dandy, einer macht auf schlau, eine anderer gibt sich als Kennerin des Internets oder als Feministin aus. Ist es so, ist es anders? Keiner stößt sich daran. Unbesehen nehmen wir diese Spiele für wahr. Manche Spiele sind es, andere sind inszeniert. Die Welt der Social Media ist eine gigantische Wunschmaschine. Im guten wie im schlechten. Wenn aber auf den Grund dieses Spiels vorgestoßen wird, wie es Aléa Torik mit ihrem genialen Blog – und erweitert dann in ihrem Roman – tat, indem sie nach den Modi der Authentizität fragt und diese zugleich verwischt und ins Schwimmen bringt, dann kommt bei einigen die Empörung und die Wut. Viel interessanter aber als diese Wut selber ist es, danach zu fragen, was diese Wut erzeugte und motiviert: Man muß diese Wut beim Wort nehmen.

Aléa Torik wies zudem auf den interessanten Umstand hin, daß auf Blogs, die sich hauptsächlich mit Netzliteratur bzw. mit dem Verhältnis von Literatur und Internet befassen, nichts oder kaum über diesen Roman geschrieben wurde. Wir können dieses Schweigen damit erklären, daß in der Bloggosphäre ein paar persönliche Verquickungen herrschen: Da schreibt eine, deren Literaturbegriff über Theodor Fontane nicht hinauskam und für die vermutlich selbst das Spiel der Geschwister Brontë intellektuell unverständlich erscheint, dem einen und auch dem anderen eine Mail usw. und schwups und haste-nicht-gesehen ist jemand aus der Autorenliste oder aus dem Raum der Diskussion in bestimmten Literaturblogs verschwunden. So geht das manchmal: Der Literaturbetrieb im Netz ist nicht viel anders als der offizielle, vom Feuilleton beglaubigte, in den jede/r am Ende hinein möchte. [Dies ist in der Philosophie übrigens nicht sehr viel anders.] Doch über diesen Umstand zu klagen, ist sinnlos und kontraproduktiv.

Ein Text – egal ob es sich um einen literarischen oder einen philosophischen handelt – wird von verschiedenen Bedingungen getragen: Bedingungen, über die niemand Herr ist und die von keiner Instanz kontrolliert werden können. Manche dieser Bedingungen bleiben sogar vollständig im Unlesbaren. Insofern gibt es nicht den Text als Singular, der als freischwebende Instanz, unverdorben, rein und statisch in seinen Buchstaben unter oder am ewigen Ideenhimmel hängt, wie manche/r in einem verkürzen Begriff von Derridascher Textualität annehmen. Sondern vielmehr schreibt sich jeder Text von einem Ort oder von verschiedenen Orten her, von einem Körper, von einem Ereignis, von einer Identität her, die nicht mit sich selber identisch sein muß. Diese disparaten Elemente strukturieren oder, etwas weniger emphatisch formuliert, beeinflussen den Text und entziehen sich zugleich der Lesbarkeit. Oder aber es wird in solchen Texten, wie im Falle der beiden Romane von Aléa Torik, die Frage nach der Identität Bestandteil des textuellen Spiels.

In wessen Namen signieren wir einen Text, unseren Text? Was ist der Schauplatz der Schrift? Es sind dies Fragen, die wir (über das Ereignis Freud hinaus und auch über den Begriff der empirischen Instanz des Autors als Schreibfaktum) als eine Frage der Signatur und der Inschriften stellen können.

Für alle, die sich jedoch mit Literatur, mit Theorie, mit dem Medium Internet jenseits des Twittergefasels, mit der Frage nach der Bedeutung und der Identität befassen, ist dieses Interview auf „Aboutsomething“ ungemein erhellend. Es ist klug geführt, und sehr anschaulich, aber dennoch nicht unterkomplex wird die Arbeit einer Schriftstellerin vorgeführt. Zentral bleibt – für Leserin und Autorin – die Frage: „Was ist ein Autor?“ Dies schließt auch die Frage nach dem Geschlecht mit ein.

Spiegelungen des Autors, Brechung des Auktorialen, Spiele der Prosa – „Aléas Ich“ in erster Lesung, erste Szene

Der Schein des Scheins ist das Wesen der Kunst. Potenzierung und Depotenzierung. Diese Leseszene, die Anordnung des Textes, die Wörter, die Identität sowie die Positionierungen von Erzählerin oder Erzähler lassen sich in bezug auf den Roman „Aléas Ich“ trefflich mit einem Zitat von Michel Foucault zeichnen und in eine Signatur bringen. Es ist jedoch, um das Gleichgewicht zu kippen, bloß eine von vielen möglichen Signaturen. Es ist diese Textstelle ein dem ersten Anschein nach fiktiver Dialog in Foucaults „Archäologie des Wissens“. (Über die Struktur von Eigennamen wäre noch zu schreiben.)

„Sie präparieren bereits den Ausweg, der Ihnen im nächsten Buch gestattet, woanders aufzutauchen und, wie Sie es jetzt tun, zu höhnen: nein, nein, ich bin nicht da, wo Ihr mich vermutet, sondern ich stehe hier, von wo aus ich Euch lachend ansehe?
Ja, glauben Sie denn, daß ich mir so viel Mühe machen würde und es mir soviel Spaß machen würde zu schreiben, (…), wenn ich nicht mit etwas fiebriger Hand das Labyrinth bereite, wo ich umherirre, meine Worte verlagere, (…). Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich und hat schließlich kein Gesicht mehr. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt zu schreiben.“
(M. Foucault, Archäologie des Wissens)

Text-Zitate sollten nicht als Motto verwendet werden, um bloß zu illustrieren oder in anderer Stimme anklingen zu lassen, was nicht selbst als Formulierung und Text geschafft wird. Aber sie sind dennoch eine (Text-)Stimme als Resonanz-Körper. Ich werde mich in einer, zwei oder drei Folgen an dem Roman „Aléas Ich“ entlangschreiben. Die Form herkömmlicher (literarischer) Kritik, wie wir sie in den Feuilletons der Zeitungen finden, scheint mir in diesem Falle unangemessen zu sein. Zu fragen, wer dieses Ich sei, das schreibt, inszeniert und in eine Anordnung bringt, drängt sich natürlich immer wieder auf, weil wir fixierte Bilder möchten. Für den Raum des Textes sind solche Fragen jedoch unerheblich.

„Aléas Ich“ läßt sich von verschiedenen Seiten her erzählen oder: in eine Darstellung bringen. Allerdings kann man, was meiner Abneigung gegen die Nacherzählung entgegenkommt, den Plot oder das, was Handlung heißt, nicht unmittelbar als Story und launig in Linie gebracht wiedergeben, denn jedes Erzählen, was genau da im Buch geschieht, verfehlt im Grunde den Gehalt des Textes. „Aléas Ich“ spielt damit, daß beständig die Perspektiven wechseln. Schreibszenen sind Fiktionsszenen, Fiktionsszenen werden – ich komme darauf noch zurück – wiederum selber als Fiktionalisierungen markiert. Es läßt sich dieser Text auch deshalb nicht gut (nach-)erzählen, weil dies bedeutete, sich auf eine Sprecher:innen:position, auf eine Blickachse zu kaprizieren. Ist es die junge Frau aus Rumänien, die Schriftstellerin werden will, die wir als Protagonistin inszenieren möchten? Oder ist es jener mysteriöse Mann, jenes Alter Ego, das als Adrian auftaucht und auf einem Friedhof in Bukarest dem Ich, das als Eigenname Aléa führt, eine Geschichte erzählt (S. 309)? Ist es jenes Wesen, das am frühen Morgen des 11. September 2011 sowie am Abend des 11. September 2012 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin sitzt und sich als Aléa Torik ausgibt – eingerahmt zwischen diese beiden Zeit-Räume eine Geschichte?

„Aléas Ich“ ist in gewissem Sinne zugleich ein Bildungsroman, allerdings ein solcher, der die klassische Struktur umpolt und sie überborden läßt. Nicht mehr verfolgen wir ein (sich irgendwie bildendes, entwickelndes) Subjekt beim Gang durch die Welt, an der dieses Subjekt wächst wie in Goethes „Wilhelm Meister“ oder eben nicht wächst, wie in Flauberts „Éducation sentimentale“, oder aber wo es in der Schwebe bleibt, ob überhaupt eine Entwicklung stattfand und wenn es sie gab oder nicht gab, wurde diese Ausbildung eines Ichs möglicherweise auf dem großen Schlachtfeld Europa ausgelöscht, so wie dies im „Zauberberg“ geschieht. Sondern vielmehr geht der Blick auf die Perspektivierungen des Ich. Klassisch mag in „Aléas ich“ noch jenes Motiv auftreten: Eine junge Frau, die ihr Elternhaus verläßt, in eine Großstadt zieht, um zu studieren und um partout und koste es, was es wolle, Schriftstellerin zu werden – zunächst als Lehrjahr inBukarest, dann prononcierter in Berlin. Ebenso handelt dieser Roman davon, wie ein Ich sich bildet, wie eine Fiktion entsteht, wie eine Autorin damit beginnt, „ich“ zu schreiben. Der Roman beginnt und endet in einer Art Solipsismus, der sich jedoch im seinem Verlauf, als Verlauf des Textes, nicht mehr bloß an ein einziges Ich bindet.

„Aléas Ich“ scheint auf eine Weise verworren und klar in einem. Aléa Torik ist eine Schriftstellerin, die sich der Frage stellt, wie sich die Identität von Autorin/Autor, aber auch die des Fiktiven, die von Romanfiguren konzipiert. Aber es bleibt festzuhalten „Natürlich heißt niemand Aléa Torik“, wie wie Nicole Henneberg ihre FAZ-Kritik zu „Das Geräusch des Werdens“ titelte. Insofern ist „Aléas Ich“ als Roman und als Text grenzgängerisch: Erzählung, Poetik und Metapoetik in einem. Es wird solches Verfahren von den Verfechtern des Identitären und des Bei-sich-seins im Raum vorgeblicher Erfahrungen als haltloses Spiel, wenn nicht als Betrug abgetan. Aber Authentizität ist innerhalb der Literatur eher ein Schimpfwort und nichts, das es anzustreben gilt oder was als Kategorie der Poetik etwas taugt. Literatur ist nicht authentisch, sondern sie ist in sich stimmig gebaut, enthält einen Wahrheitskern, ist gekonnt geschrieben, gehorcht den Gesetzen der Rhetorik, sie führt Rhythmus mit sich, sie fabuliert, erzählt, läßt die Phantasie strömen oder aber sie streicht diese Elemente im selben Akt und zugleich durch, sie radiert und löscht aus. Was zählt, ist die Konstruktion, und die entscheidende Frage – egal in welcher Weise nun erzählt wird – bleibt immer: Funktioniert es? Insofern kann, dies zeigt der Roman „Aléas Ich“ gut, eine Ästhetik des Erzählerischen plural verfaßt sein. Auktorialer Blick und assoziativer Bewußtseinsstrom, innerer Monolog, Figurenrede und objektivistischer Kamerablick schließen sich – diese Erkenntnis ist für die literarische (Post-)Moderne keineswegs neu – nicht aus, und es läßt sich innerhalb des Erzählens das Erzählen dekonstruieren, ohne daß es wie eine akademische Übung ausschaut. Dies zumindest vergegenwärtigt der Roman „Aléas Ich“. Was zugleich nicht bedeutet, dieser Text wäre ganz frei von Schwächen. (Welcher Text ist das schon?) Und es will dieser Essay keineswegs einen Lobgesang anstimmen. Vielmehr möchte auch dieser Essay sich Phänomenen wie Fiktion, Schein, Wahrheit und Text näheren. Ein Unternehmen, nebenbei, das dieser Blog schon seit einigen Jahren versucht, wenn es ihm um die Rhetorik von Bildern, um ihr Leben, ihre Macht und ihre Struktur geht.

Das inszenatorische Spiel, das Aléa Torik über die Literatur sowie ihren Blog betrieb, um sich als reale Person, als Schriftstellerin, als Schriftsteller zu verbergen und zu maskieren, wurde von einigen mit dem Hinweis darauf kritisiert, daß in solchem Verfahren nicht ein multiples Subjekt dargestellt oder eine Dekonstruktion der Begriffe männlich/weiblich durchgeführt würde, sondern vielmehr ein Spieler hier wie im Marionettenspiel sämtliche Fäden in der Hand halten möchte, während alle anderen an diesen Fäden zappeln. Dies sei mit Freiheit und dem Spielcharakter nicht zu vereinbaren. Ein im Hinblick auf das Spiel der Literatur, das die Grenzen überschreitet und überschreibt, eigentümlicher Vorwurf; zumal wenn man bedenkt, daß dieselben Menschen vor den personen- und subjektinszenierten Photographien und multiplen Selbstportraits von Cindy Sherman mit andächtigem „Oh“ verweilen. Natürlich hängt ein Text, eine Photographie – auch – an einer Autorin, an einem Autor. Doch ist das zugleich eine Binsenweisheit. An wem sollten sie sonst hängen? Vom Himmel kommen Werke nicht gefallen. Aber Autorinnen und Autoren sind zugleich bloße Instanzen im Betrieb der Kunst und des Feuilletons. Im Akt der Produktion oder des Schreibens, in ihren Rollen, Inszenierungen, wenn sie sich im Arsenal der Figuren und Figurationen entäußern und entwerfen, bleibt nichts von der Identität übrig. Der Blick hinter die Masken schuldet sich lediglich dem identifizierenden Denken. Doch selbst die Biographie bleibt ein Stück weit Inszenierung.

Eine Grenze jedoch läßt sich – zumindest im herkömmlichen Medium Buch/Werk – nicht überschreiten: die zwischen Produzent und Rezipient. Es sein denn, die Rezipienten produzierten selbst.