„Einmal die 5 und die 52 bitte!“

Das  kann man auch mal machen: Alte Texte korrigieren, umschreiben und dann im Blog noch einmal posten. (Ist schon Sommerloch? Wann fängt es an? In Frankreich ist das einfacher, da gibt es les grandes vacances.) Bei Restaurantkritiken ist das System Wiedervorlage allerdings, anders als bei einer Buchkritik, ein Problem, weil ein Restaurantbetrieb sich ändern kann, während ein Buchinhalt immer der gleich bleibt, es sei denn, vielleicht, die Oulipo-Gruppe fände neue Formen von Text oder der Blick des Lesers änderte sich, was freilich häufig vorkommt. Lesen wir Rainald Goetz‘ Texte der 90er noch mit derselben Begeisterung wie damals oder ist da doch die Luft draußen?Alles wirkt anders, distanziert, der Ton einer verrauschten Epoche, Texte, die in genau dieser Zeit hielten und heute seltsam abgelebt wirken. Die große Party und das große Gelage sind vorbei.

Also nochmal einige Jahre zurück, als ich mit einer Freundin ein China-Restaurant namens „Hot Spot“ besuchte, wir fanden es durch einen Zufall. 2012 war das Lokal nur mäßig bekannt. Heute ist es schwierig, dort einen Sitzplatz zu bekommen, denn das Essen und vor allem die Weine gut sind. Gastro-Kritiker schwärmen – erst kürzlich wieder in der Berliner Zeitung Tina Hüttl. Ich stutzte bei ihrer Kritik zu diesem Restaurant, den normalerweise, so mein Eindruck, bespricht sie kaum Lokale die westlich vom Prenzlauer Berg, vermutlich ihrem Wohnort, und Kreuzberg liegen. Insofern lese ich ihre Kolumne kaum noch.

Eigentlich wollten die junge Frau und ich im abgestorbenen tiefen Westberlin ein zünftig Schnitzel essen. Der Westberliner ißt gerne Schnitzel, deshalb gibt es in Westberlin Schnitzelrestaurants. Das Lokal befindet sich in einer Seitenstraße vom Kudamm. Aber es hatte geschlossen. Wir standen vor einer Tür, die definitiv versperrt war, im Lokal war es finster. Meine Begleiterin wirkte enttäuscht und ihre Enttäuschung kippte ins Ungnädige. Wir hatte Hunger. Um sie aufzumuntern, schlug ich vor, daß wir woanders hingehen könnten, und weil es ihr vorletzter Tag in Berlin sei, würde ich sie zum Essen einladen wollen, bevor sie für drei Wochen nach New York reiste. Wir überließen uns dem Zufall, schauten uns um, warfen Blicke in die Seitenstraßen, ließen uns über den Kudamm treiben.

Was gibt es am Kudamm Gutes? Etwas anderes essen als immer nur Italienisch. Wir spazierten, suchten, der Magen wurde knurriger, sie auch,  was sich wiederum auf mich übertrug, und da entdeckten wir in einer Seitenstraße einen chinesischen Schriftzug. Ach, Glutamt könnte das übersetzt heißen. Lieber der klassische Italiener. Aber wir beschlossen dann doch, zunächst einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. „Wir können doch wenigstens schauen und wenn es uns nicht gefällt, gehen wir weiter. Bis unsere Laune dann endgültig auf dem Tiefpunkt ist.“ „Dree Cheenesen met dem Kentrebeß“ fing sie an zu singen. Ich lachte mein bekanntes Sezuan-Rednecklachen. Wir können rassistisch sein, wenn wir nur wollen, aber meist wollen wir nicht. Zumindest besitzen wir den gleichen bösen Humor. Außen hing eine Gastron-Kritik aus dem „Tagespiegel“, die vielversprechend klang. Der Name „Hot Spot“ ist einerseits für einen Restaurantnamen blöde, genausogut hätte das Lokal sich „Sching, Schang, Schong“ nennen können, andererseits für ein China-Restaurant auch wieder witzig gewählt: Kurz, scharf und knackig. Es prägt sich der Name ein.

Nicht nur der Bericht im Tagesspiegel las sich gut, sondern auch die Speisekarte sah vielversprechend aus: es herrschte dort nicht das übliche Einerlei und Elend chinesischer Speisekarten, wenngleich sich die Karten ähneln, aber das tun die von Italienern ebenfalls. Aber was das beste ist: dieses Restaurant besitzt eine richtig gute und sehr umfassende Weinkarte. Zahlreiche Deutsche Weingüter sind dort vertreten. Denn der Hausherr, Herr Wu, ist Weinfreak. Unser Urteil ist schnell gefällt: da gehen wir hinein. Gedacht, gesagt, getan: Die Tür geöffnet. Wir sitzen direkt neben dem Weinschrank. Oh je. Verhängnisvoll für einen Schluckspecht wie mich, „in Schlucken, zwei Spechte“. Die Bedienung ist freundlich und zuvorkommend, auf eine angenehme, nicht servile Weise, sondern so wie ich es mir wünsche und wie es in der Gastronomie eigentlich selbstverständlich sein sollte.

„Einmal die 52 bitte!“, um eine alte Bestellphrase für China-Restaurants aufzugreifen. „Und noch die Flasche Riesling vom Weingut Leitz!“ Vorab bestellten wir uns jeder eine Suppe. Sie aß eine sehr leckere und schmackhafte „Sauer-Scharf-Suppe“, die mir aber zu sehr gewürzt erschien, für J. aber genau richtig zubereitet war. „Der Herr badet gerne lau“ wie Herbert Wehner über Willy Brandt sagte. Ich hingegen aß, ziemlich sozialdemokratisch, eine Maissuppe mit Hühnerfleisch, Koriander und Reisessig. Dazu gab es besagte Flasche Riesling und als diese beim Hauptgang geleert war, bestellte ich noch eine Flasche Riesling Kabinett von der Mosel, weil sie so gerne einen Moselwein trinken wollte. Zu einem scharfen Essen wie ihrem gebratenen Tintenfisch mit Chili-Soße und Sichuan-Pfeffer paßt die leichte Süße des Kabinettweins gut. Mir erschien der Riesling bei meinem weniger scharfen Gericht – gebratenes Entenfleisch mit Gemüse – etwas zu kraftlos und zu wenig in den Nuancen, aber gerne trank ich ihn doch. Mein Urteil mochte an der Kombination gelegen haben. Die Würze des Essens entstand, wie versprochen, nicht durch Geschmacksverstärker, sondern weil mit Kräutern und Salzen gewürzt wurde: so wie es sein soll.

Wer das Restaurant ausprobieren mag: Es befindet sich in der Eisenzahnstraße 66 beim Adenauerplatz. Das Interieur ist nicht wirklich gemütlich, aber es gibt Schlimmeres. Das Essen dort und die Weine gefielen. Ein angenehmes und unprätentiöses China-Restaurant. Insofern: „Aisthesis“ rät zu.X


 
 

 
 
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„Einmal die 5 und dann die 52 bitte!“

Eigentlich wollten wir im guten alten abgestorbenen Westberlin ganz zünftig Schnitzel essen gehen. Der Westberliner ißt nun einmal gerne Schnitzel, so wie er auch Eisbein mit Sauerkraut, Schmorgurken oder Buletten vertilgt, und deshalb gibt es in Westberlin Schnitzelrestaurants. Das Lokal befindet sich in einer Seitenstraße vom Kudamm. Aber es hatte geschlossen. Wir standen vor der Tür und die war zu. Definitiv. Drinnen war es finster. Meine Begleiterin wirkte enttäuscht und die Enttäuschung kippte sodann ins Ungnädige um. Zudem hatte wir beide ziemlichen Hunger. Um sie etwas aufzumuntern, schlug ich vor, daß wir woanders hingehen könnten, und weil es ihr vorletzter Tag in Berlin sei, würde ich sie zum Essen einladen wollen, bevor sie für drei Wochen nach New York reiste. Gesagt getan und so überließen wir uns dem Zufall, schauten uns ein wenig um, warfen Blicke in die Seitenstraßen, ließen uns über den Kudamm treiben – ach ja, wie passend: vorgestern war Marlenes 20. Todestag. „Berlin, Dein Gesicht hat Sommersprossen“, wie eine andere Große einst sang. Und heute: 8. Mai. Gehen wir eben zum Italiener! Was gibt es hier am Kudamm Gutes, wo wir schon mal waren? Oder doch was anderes essen als immer nur Italienisch? Und da entdeckten wir in einer Seitenstraße einen chinesischen Schriftzug. Ach, Glutamt. Lieber doch der klassische Italiener, wo’s uns hintreibt. Aber nein, wir beschlossen, zunächst mal einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. „Wir können doch wenigstens schauen und wenn es uns nicht gefällt, gehen wir eben weiter. Bis unsere Laune dann endgültig auf dem Tiefpunkt ist.“ „Dree Cheenesen met dem Kentrebeß“ fing sie an zu singen. Ich lachte mein bekanntes Sezuan-Rednecklachen. Wir beide können sehr rassistisch sein, wenn wir nur wollen, aber meist wollen wir nicht. Zumindest besitzen wir den gleichen bösen Humor. Außen hing eine Gastronomiekritik aus dem „Tagespiegel“, die sehr vielversprechend klang. Der Name „Hot Spot“ ist einerseits für einen Restaurantnamen blöde, andererseits für ein China-Restaurant auch wieder originell gewählt, zumal meine Begleiterin nicht nur scharf ist, sondern auch gerne scharf ißt.

Ich gehe mit der tollsten Frau der Welt durch die Stadt, und diese phantastische Frau ist ab morgen drei Wochen fort. Aber es gibt für diese Zeit schließlich den Riesling, der mir den nötigen Trost spendet; heute Abend jedoch kapriziere ich mich auf zwei Flaschen Grauburgunder – die müssen endlich mal ausgetrunken werden. Bin ich nun eher der Thomas Brasch oder der Charles Bukowski des Grandhotel Abgrund?

Nicht nur der Bericht im Tagesspiegel liest sich gut, sondern auch die Speisekarte sieht vielversprechend aus: es herrscht dort nicht das übliche Einerlei und Elend chinesischer Speisekarten, wenngleich sich die Karten ähneln, aber das tun die von Italienern ebenfalls. Aber was das beste ist: dieses Restaurant besitzt eine richtig gute und sehr umfassende Weinkarte. Zahlreiche Deutsche Weingüter sind da vertreten. Denn der Hausherr, Herr Wu, ist Weinfreak. Unser Urteil ist schnell gefällt: da gehen wir hinein. Gedacht, gesagt, getan: Die Tür geöffnet. Wir sitzen direkt neben dem Weinschrank. Oh je. Das kann verhängnisvoll sein. Die Bedienung ist sehr freundlich und zuvorkommend, und zwar auf eine angenehme, nicht servile Weise, sondern so wie ich es mir wünsche und wie es in der Gastronomie eigentlich selbstverständlich sein sollte. Nein, ich schreibe hier keine klassische Restaurantkritik, denn ich bin kein Restaurantkritiker. Ich berichte lediglich von einem ganz und gar wunderbaren Abend, an dem alles stimmte.

„Einmal die 52 bitte!“, um eine alte Bestellphrase für China-Restaurants aufzugreifen. „Und noch die Flasche Riesling vom Weingut Leitz!“ Vorab bestellten wir uns jeder eine Suppe. Sie aß eine sehr leckere und schmackhafte „Sauer-Scharf-Suppe“, die mir aber zu sehr gewürzt erschien, für J. aber genau richtig zubereitet war. „Der Herr badet gerne lau“ wie Herbert Wehner einst über Willy Brandt sagte. Ich hingegen aß, ziemlich sozialdemokratisch, eine Maissuppe mit mit Hühnerfleisch, Koriander und Reisessig. Dazu gab es besagte Flasche Riesling und als diese beim Hauptgang geleert war, bestellte ich noch eine Flasche Riesling Kabinett von der Mosel, weil sie so gerne einen Moselwein trinken wollte. Zu einem scharfen Essen wie ihrem gebratenen Tintenfisch mit Chili-Soße und Sichuan-Pfeffer paßt die leichte Süße des Kabinettweins ganz gut. Mir erschien der Riesling bei meinem weniger scharfen Gericht – gebratenes Entenfleisch mit Gemüse – etwas zu kraftlos und zu wenig in den Nuancen, aber er schmeckte durchaus. Die Würze des Essens entstand, wie versprochen, nicht durch Geschmacksverstärker, sondern vermittels der Gewürze: genau so wie es sein soll.

Warum gehen diese wunderbaren Abende, die eine Intensität in ihrem Dasein, im Beieinandersein, im Gespräch besitzen, so schnell vorbei? Doch will ich diese Dinge in meiner nachgelagerten Reflexion nicht in die Philosophie oder in Proustsche Dimensionen herüberziehen. Bekanntlich hat alles seine Zeit. Was bleibt, sind Photographien.

Wer das Restaurant ausprobieren mag: Es befindet sich in der Eisenzahnstraße 66 beim Adenauerplatz. Das Interieur ist nicht wirklich gemütlich, aber es gibt eben auch schlimmeres. Das Essen dort und die Weine gefielen uns beiden ausnehmend gut. Nein, dieses China-Restaurant spielt nicht in der Spitzenliga, aber es ist angenehm unprätentiös. Insofern: „Aisthesis“ rät zu.

Ende der Woche gibt es dann den zweiten Teil zur Ausstellungsbesprechung „State of the Art – Photography“.

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