Tugendlehre als Form der Moralphilosophie und der Gesellschaftskritik? – Einige vorbereitende Überlegungen zu Adornos „Minima Moralia“ (1)

„Kurz, also was Moral heute vielleicht überhaupt noch heißen darf, das geht über an die Frage nach der Einrichtung der Welt – man könnte sagen: die Frage nach dem richtigen Leben wäre die Frage  nach der richtigen Politik, wenn eine solche richtige Politik selber heute im Bereich des zu Verwirklichenden gelegen wäre.“
(Th. W. Adorno, Probleme der Moralphilosophie. Vorlesungen 1963)

Foucault sagte einmal in einem seiner späteren Interviews, daß er drei Viertel seiner Text nicht hätte zu schreiben brauchen, wenn er Adorno früher entdeckt hätte. Das ist einerseits eine zwar nicht richtige, aber doch aus einer sehr genauen Beobachtung resultierende Sentenz, weil sich viele Überlegungen Adornos und Foucaults in der Tat berühren, wenngleich beide aus einem ganz anderen Traditions- und Theoriezusammenhang stammen. Was Adorno und Foucault allenfalls eint, ist einerseits das Interesse an einer Kritik des Bestehenden, mithin dies einschließend auch die berühmte Kantische Frage, was Aufklärung sei, sowie die Beschäftigung mit Nietzsche und Hegel. Die Denk-Weise dieser beiden Philosophen beieinflußte entscheidend auch die von Adorno und Foucault, wobei in Foucaults Denken die Struktur eher über den Text Nietzsches und bei Adorno über den Hegels erzeugt wurde. Andererseits zeugt dieser Satz Foucaults von einem hohen Maß an Bescheidenheit, denn auf so materiale Analysen wie „Überwachen und Strafen“ und „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Die Ordnung des Diskurses“ möchte ich nicht verzichten, und für eine Kritische Theorie der Gesellschaft können wir froh sein, daß diese Bücher sowie seine Studien zur Macht existieren.

Es ist nun 62 Jahre her, daß Adornos „Minima Moralia“ erschien, jene „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ wie es im Untertitel heißt: nämlich im Jahre 1951, inmitten des BRD-Muffs der Adenauer-Jahre, der Restaurationszeit, als die Faschisten des Nazi-Deutschland wieder aus den Löchern krochen und gewendet als lupenreine Demokraten sich ausgaben – im Herzen jedoch immer noch die, welche sie vorher waren. Nun nannte man dieses Denken konservativ. Eine denkbar ungünstige Zeit im Grunde für ein solches Buch wie die „Minima Moralia“, war doch das Klima der deutschen Ordinaren wesentlich reaktionär geprägt: entweder von einem Existenzialismus als Jasperscher „Jargon der Eigentlichkeit“ getragen, wo es um die echte Entscheidung, in die der Mensch gestellt sei, um wahrhafte Subjektivität oder den Humanismus und um dergleichen Pathos mehr ging, oder aber es herrschte als Richtung die Heideggersche Fundamentalontologie vor. Progressive Strömungen und die dialektischen Denktraditionen waren weitgehend verdrängt, oder deren Philosophen begaben sich gleich in den Machtbereich der DDR, aus dem sie, wie Ernst Bloch und Hans Mayer dann schnell wieder auszogen. Zudem wollten die wenigsten an jene Jahre deutscher Herrlichkeit und des Deutschen Wesens erinnert werden, die noch nicht lang zurücklagen. Es sollte nun besser die Sonne bei Capri oder lieber noch die rote Flotte dort im Meer versinken.

[Es gibt diese Version ebenfalls mit der Stadt Danzig, die 1977 von der Panzerbrigade 28 gesungen wurde. Die Brigade war in Dornstadt bei Ulm stationiert.)

Wenn bei Danzig die Rote Flotte im Meer versinkt
Und der Marschall Gretschko in Preßburg am Galgen schwingt,
Zieh’n die Grennis mit ihren Mardern in Moskau ein.
Dann wird endlich Friede in ganz Europa sein.

Wenn am Roten Platz das Deutschlandlied erklingt,
hört von fern wie es singt.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Kurz vor Moskau muß er stehn.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Dort muß er stehn.

Soviel zu den Traditionszusammenhängen und inwiefern das Vergangene längst vergangen ist, denn irgendwann muß auch mal Schluß sein mit diesen ewigen Aufarbeitungen und dem immerwährenden Herumgekrittel, Genörgle und der Nestbeschmutzung. Es muß doch schließlich auch etwas Positives gesagt werden dürfen.]

Doch zurück zu den „Minima Moralia“ sowie zu einigen grundsätzlichen Überlegungen, wie mit Texten umzugehen sei – gleichsam als Schnell-Hermeneutik konzipiert. Um ein Werk, um einen Text zu verstehen, muß man ihn zunächst als Reflex und Reflexion auf die Zeit begreifen, in der er entstand. Ein philosophischer Text zudem bezieht sich meist auf theoretische oder praktische Fragen, die im Raume stehen, und er setzt sich mit andern Texten auseinander; er bezieht sich absetzend, sie weiterschreibend und -treibend oder manchmal auch zustimmend auf sie. Kants „Kritik der reinen Vernunft“ entstand nicht aus dem Bedürfnis nach Reinheit, weil Kant einen Waschzwang betrieb oder weil er von den Tücken der Empirie nicht belästigt werden wollte, sondern es ging ihm um die zentrale Frage, wie inmitten der erstarkenden empirischen Wissenschaften Metaphysik überhaupt noch möglich sei. Jene Metaphysik, die einstmals die Königsdisziplin der Philosophie bildete. Diese Übung des Verstehens, d. h. sich die Umstände und die Bedingungen eines Textes zu vergegenwärtigen und – sich darauf beziehend – überlegen, was da in diesem Text gesagt wird, ist ein basales Merkmal von Lektüre. Erst im Anschluß daran läßt sich ein Text kritisieren oder gar dekonstruieren. Im Bereich der Philosophie gehört zu diesen Übungen des Verstehens zugleich das Wissen um die Traditionen und die Kenntnis dessen, was andere schrieben. Wie war die Lage? Auf welche Texte und Ansätze bezog sich Kant? Ansonsten ist ein angemessenes Verständnis philosophischer Texte nicht möglich. Philosophie bildet ein verschlungen-verickeltes Konvolut von Texten, sie wuchert und treibt rhizomartig oder aber wie ein Wurzelwerk, verzweigt sich, wächst. Dieser Zusammenhang sollte – zumindest basal – im Hinterkopf mitschwingen.

Adorno schrieb diese Sammlung aus Sentenzen, Beobachtungen, Zuspitzungen, Verdichtungen, Aphorismen und Reflexionen im amerikanischen Exil in den 40er Jahre. Geplant war eine Veröffentlichung zu Max Horkheimers fünfzigsten Geburtstag 1945. Ihm, dem langjährigen Weggefährten, ist dieses Buch gewidmet. Allererdings scheiterte dies durch andere Projekte, mit denen Adorno in den USA befaßt war. Man kann wohl sagen, daß die Zeit dort eine ausgesprochen produktive war: es entstanden in den USA die „Dialektik der Aufklärung“ sowie die „Philosophie der neuen Musik“, auch zahlreiche Aufsätze und Notizen, so seine „Aufzeichnungen zu Kafka“, die dann 1955 in den „Prismen“ erschienen – jenem Band, in dem dann jenen der Satz schrieb, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.

Angelehnt ist der Titel „Minima Moralia“ an eine moralphilosophische Schrift des Aristoteles, nämlich die „Magna Moralia“, und gleich zum Beginn in der „Zueignung“ spricht Adorno – in Anspielung an Nietzsche – von der „traurigen Wissenschaft“, diese bezieht sich, nach den Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, „auf einen Bereich, der für undenkliche Zeiten als der eigentliche der Philosophie galt, seit deren Verwandlung in Methode aber der intellektuellen Nichtachtung, der sententiösen Willkür und am Ende der Vergessenheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben.“ Was einst als eine Art „Fröhliche Wissenschaft“, als Lehre vom Leben gedacht war und sich den freilich subjektiven Überlegungen hingab, wie zu leben sei, gerät in das Fahrwasser einer gesellschaftlich destruktiven Tendenz. Diese Tendenz tangiert sowohl Theorie als auch die Formen von Praxis selbst.

Wie zu leben sei, war eine der zentralen Fragen, und es gab einstmals so etwas wie eine Tugendlehre als eine Weise von Moralphilosophie, in der nicht das Zeitlose, das Apriorische, das Bedingende und Konstituierende eines Transzendentals oder die Idee vom guten Leben verhandelt wurde, sondern die Reflexion richtete sich auf ganz konkrete Situation und Umstände und stellte anhand derer die Frage nach dem guten und dem gerechten Leben. Im Grunde eine Morallehre des Empirismus. Dabei freilich bleibt der Text Adornos nicht stehen. Im Gegenteil. Wobei sich Adorno andererseits – in dialektischer Weise – dem Gegensatz von Empirismus und Rationalismus, von Metaphysik und Materialismus aus guten Gründen entzieht. [Eine solche Tugendethik war in den 80er, 90er Jahren in einer (allerdings teils konservativen) Weise als Neo-Aristotelismus im Schwange. Profilierteste Vertreter sind Alasdair MacIntyre und in einer eher progressiven Variante Martha Nussbaum.]

Im Hinblick auf dieses empirische Moment und auf die Frage nach dem guten Leben tätigte die Moralphilosophie Kants einen tiefen Einschnitt: die Frage nach dem Glück und die nach dem guten und gelingenden Leben lassen sich anders als das moralisch Richtige philosophisch – und damit auch: allgemeingültig – nicht bestimmen.

„… daß mithin der Grund der Verbindlichkeit hier nicht in der Natur des Menschen, oder den Umständen in der Welt, darin er gesetzt ist, gesucht werden müsse, sondern a priori lediglich in Begriffen der reinen Vernunft, und daß jede andere Vorschrift, die sich auf Prinzipien der bloßen Erfahrung gründet, und sogar eine in gewissem Betracht allgemeine Vorschrift, so fern sie sich dem mindesten Teile, vielleicht nur einem Beweggrunde nach, auf empirische Gründe stützt, zwar eine praktische Regel, niemals aber ein moralisches Gesetz heißen kann.“
(I. Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten)

Es geht hier, wie ersichtlich, um ein Allgemeines, um ein Gesetz. Für diese Position gibt es gute Gründe, und zwar dann, wenn Menschen sich fragen, ob es eine Moral gäbe, die universal Geltung beanspruchen kann. Gibt es, so Kant, Gesetze a priori, also vor aller Erfahrung und nicht aus ihr ableitbar? (Denn vom Sein läßt sich bekanntlich nicht aufs Sollen schließen.) Daraus leitet sich die zentrale Frage ab, ob es Menschenrechte gäbe, die für jede/n auf dieser Welt anwendbar sind und die insofern nicht mit einem kulturellen Relativismus entschärft werden können und inwiefern diese universalen Rechte zu begründen sind. (An diese Fragen schließt sich ein ganzer Komplex von Überlegungen zur Ethik bzw. Rechtsphilosophie an. Von der Frage „Moralität oder Sittlichkeit“ hin zu Hegel und über Rawls bis zur „Theorie des Kommunikativen Handelns“ bzw. der darauf folgenden Diskursethik bei Habermas. Eine gute Einführung in die Probleme und Fragen der Moralphilosophie, liefert John Rawls‘ „Geschichte der Moralphilosophie“. In ganz anderer Weise richtet Adorno in seinen 1963 gehaltenen und 1996 publizierten Vorlesungen „Probleme der Moralphilosophie“ den Blick auf die Fragen der Moral und dem damit verbundenen Moment des Gesellschaftlichen.)

Adorno versucht nun in den „Minima Moralia“ nicht, das Empirische gegen eine von der Empirie befreiten Moralphilosophie auszuspielen. Es handelt sich bei diesem Buch vielmehr um eine sehr spezielle, subjektive Reflexion. Im Sinne einer (kantischen) reflektierenden Urteilskraft wird zum Besonderen das Allgemeine gesucht, das zugleich dieses Besondere immer mehr durchdringt (Habermas sprach später von der Kolonialisierung der Lebenswelt), um in solchen Denkbewegungen und Meditationen eine Kritik des Begriffes vom Leben zu liefern:

„Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz mitgeschleift wird.“ (Adorno, Mimima Moralia“)

Es sind Beobachtungen, die unter den Bedingungen eines auf ganz Europa übergreifenden Faschismus auf der einen, und dem totalitären Stalinismus auf der anderen Seiten entstanden, die jedwede individuelle Regung des Subjekts untergruben und es ins Kollektiv einpreßten. Dazwischen eingekeilt lag ein anglo-amerikanischer Kapitalismus, der alles bis hinein in die menschlichen Regungen nach seiner Verwertbarkeit mißt. Allemal zwar die bessere Option, aber deshalb lange nicht frei von Kritik. Und wie es bereits 1939 Max Horkheimer in „Die Juden und Europa“ formulierte. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Demnächst mehr auf Ihrem Blog „AISTHESIS“, wenn es in die Details von Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ geht.

Misreading Nietzsche (Teil 1)

Einige unsystematische, einleitende Vorbemerkungen
zum Werk Friedrich Nietzsches
(„Dem Feind einen Tritt in die Rippen“
Element of Crime)

Zunächst einmal möchte ich mich bei meinem Blog-Kollegen Hartmut bedanken und auf seinen sehr interessanten, guten Essay zu Nietzsche verweisen. Er beschleunigte durch seinen Text ein wenig meinen Entschluß, nun doch einen längeren, mehrteiligen Essay hinsichtlich verschiedener Aspekte bei Nietzsche zu schreiben, insbesondere dient dieser Essay als Auftakt zu seinem 110. Todestag im nächsten Jahr (25. August 1900), der gewiß in den Feuilletons und hoffentlich auch in der Philosophie groß und kritisch begangen wird.

Anlaß genug also, über einen der wichtigsten Philosophen (vielleicht sogar den wichtigsten Philosophen) der neueren Moderne im Übergang  vom 19. zum 20. Jhd., der den Auftakt setzte und ihr Ende bereits in den Blick nahm, bis hin zu ihrer (vermeintlichen) Überwindung, Verwindung, Überbietung, wie man es auch nennen mag, in der sogenannten Postmoderne oder Transmoderne, einige Gedanken zu verlieren und hierzu ein paar unsystematische Essays zu verfassen, die in verschiedene Richtungen gehen werden. Sicherlich ist einiges dabei, was die französische Philosophie des letzten Jahrhunderts streift. Gewiß erfolgt eine Lektüre von Derridas bedeutendem Aufsatz/Vortrag zu den Stilen Nietzsches und der Frage der Frau, den er 1972 auf dem großen Nietzsche-Kolloqium in Cerisy-la-Salle gehalten hat („Sporen. Die Stile Nietzsches“). Zu dem insgesamt sehr bedeutenden Band „Nietzsche aus Frankreich“, wo dieser Aufsatz abgedruckt ist, (ehemals erschienen bei Ullstein, im Philo Verlag neu und erweitert aufgelegt) sei auf die Rezension bei „Literaturkritik.de“ verwiesen. Um auch einen Bogen zur Literatur zu schlagen, wird exemplarisch natürlich Thomas Mann mit an Bord sein. Ich will das aber nicht zu sehr ausdehnen und Dinge versprechen, die ich nachher nicht halten kann. Wir werden insofern sehen, wohin die Reise geht. Auf alle Fälle aber wird es eine Lektüre zu Heideggers Nietzsche-Interpretation und zu Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ geben.

Zu Lebzeiten war Nietzsche der Erfolg nicht oder zumindest kaum vergönnt; Nietzsches große Wirkung setzte erst unmittelbar nach seinem Tode ein, die Lebensphilosophie des gerade angebrochenen 20. Jahrhunderts, das, von den Auseinandersetzungen an den Peripherien der Imperien abgesehen, noch friedlich dämmerte, und die Jugendbewegung als antibürgerlicher Reflex von Bürgersöhnchen waren Motoren einer immer mehr sich in die Höhe und dann in die Breite treibenden Nietzsche-Euphorie, die sich zunächst als Kraftmeierei kundtat und dann teils groteske Züge annahm – Passagen aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ persiflieren diesen Gestus der Jünger auf gelungene Weise. Wie es mit Subkulturen und ihren Inhalten auf die immergleiche Weise und bis heute hin so geht, sinken sie nach einem kurzen (avantgardistischen) Höhenflug hinab in die allgemeinen Niederungen, und so setzte sich die Euphorie im Namen Nietzsches dann bis hinein in die bürgerlichen Kreise fort; Nietzsche wurde, darin seinem Schicksalsgenossen Hölderlin gleich, zur Tornisterliteratur, etwas Schiller noch im Beipack, und so zog es sich im blauen Rock gut ins Feld. In den zwanziger Jahren dann war Nietzsche einer der Gewährsmänner jener „Konservativen Revolution“. (Vgl. zur Konservativen Revolution auch ganz allgemein die Studie von Stefan Breuer „Anatomie der Konservativen Revolution“ und aus der rechtsextremen Ecke heraus Armin Mohler „Die Konservative Revolution“.) Diese Euphorie und das Herausreißen von Bruchstücken aus dem Steinbruch Nietzsche nahm am Ende verhängnisvolle Züge an, und führte zu entsetzlichen Lektüren. Hier sei unbedingt auf das hervorragende Buch von Bernhard Taureck „Nietzsche und der Faschismus“ verwiesen.

Der Titel dieser Essayreihe als „Misreading“ möchte diesbezüglich auch ein Licht auf all die Fehllektüren werfen, die mit dem Namen Nietzsche einhergehen und die in seinem Namen begangen wurden. Wenngleich, dies muß vorab bereits gesagt werden, der Text Nietzsches aufgrund seines unsystematischen, teils aphoristischen Umfanges geradezu einlädt, einer Form von Fehllektüre zu verfallen und Fehllektüren zu produzieren. Insofern wird es in diesen Essays natürlich – implizit – auch um die Kunst der Interpretation gehen.

Die Lektüren Nietzsches setzen sich fort bis in die Gegenwart, wenn er gleichsam als „Hausphilosoph“ der Postmoderne gefeiert wird. Als Gründungsdokument mag hier der frühe Text „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ genannt werden, in dem eine Vielzahl der Motive postmodernen Philosophierens angespielt werden. Dies reicht von der reinen Textualität, zu der es kein Außen mehr gibt (Il n‘y pas dehors du texte, so bei Derrida, etwas eliptisch angeprochen) bis hin zur Wahrheit (und zum Subjekt) als Diskurseffekt. [Die Metapher des Tigers, auf dessen Rücken wir sitzen, taucht sowohl bei Nietzsche als auch in Anspielung auf den Text Nietzsches bei Foucault in „Die Ordnung der Dinge“ auf, um jenes Moment des Träumerisch-flüchtigen und des Illusionären anzuzeigen, dessen wir uns aber kaum bewußt sind. Wir stehen in der Moderne des 20. Jahrhunderts, die sich vor Nietzsche auftat, nicht mehr auf den Schultern von Riesen, die unseren Blick erst möglich machen, sondern das Motiv des Ephemeren und der (möglichen) Dekonstruierbarkeit jeglichen Wissens hat nun mit dieser Metapher des Tigers Einzug gehalten. War es einst das Band der Tradition, eben die Schulter des Riesen, von woher der (neue, erweiterte) Blick und die Kraft genommen wurden, so hat die Moderne des 20. Jahrhunderts vielfach nur Bruchstücke und Fragmente sowie viel Ungesichertes anzubieten, was allerdings bereit bei Kant im Ansatz anklang, bleib doch für den „Weisen aus Königsberg“, wie Nietzsche ihn halb anerkennend, halb spöttisch nannte, allein der kritische Weg noch offen.]

Wahrheit wird bei Nietzsche nicht mehr als zu Erreichendes und Mögliches präsentiert bzw. korrespondenztheoretisch im Sinne der Adäquatio-Formel (Veritas est adaequatio rei et intellectus, Wahrheit als Übereinstimmung von Sache/Ding und Wissen/Geist) begriffen, sondern vielmehr als Effekt der Sprache, als bewegliches Heer von Metaphern, genauer noch als Verschiebung und Übertragung (die Kategorien der Psychoanalyse sind nicht mehr sehr weit entfernt). So heißt es in jenem oben genannten Text Nietzsches:

„Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.“ (Nietzsche, KSA 1, S. 880 f.; Kritische Studienausgabe, im Folgenden abgekürzt KSA)

Wahrheit ist etwas, das bezogen wird auf den Menschen, metaphysischer Hintersinn oder korrespondenztheoretische Überlegungen zur Wahrheit scheiden nunmehr aus. Zum Wesen der Dinge ist der Weg verbaut, (was allerdings bereits Kant wußte, die „Kritik der reinen Vernunft“ ist ja das Unterfangen, die Grenzbereiche zu bestimmen und aufzuzeigen, was geht und was nicht geht). Nur hat, so Nietzsche, der Mensch dieses Wissen verdrängt und vergessen. Es taucht dann bezüglich dieser Vorgänge einige Zeilen weiter der Begriff der „Unbewußtheit“ (S. 881) auf. Wie gesagt: Der Weg zur Psychoanalyse und zu ihrer Arbeit der Aufklärung ist hier nicht mehr weit. Es ist alles bereits angelegt und vorbereitet in Nietzsches Texten. Nietzsche: ein großer Fundus, aus dem sich mancher bediente. Doch zugleich ist der Text Nietzsches, contre coeur, ein Stück Aufklärung: nämlich im Hinblick auf diese uns im verborgenen bleibenden Mechanismen.

Hinzuzunehmen als „postmoderner Gründungstext“ ist vielleicht noch jene sehr viel später erschienene Passage aus der „Götzendämmerung“, diese mag zumindest als verkürzte metaphorische Geschichtserzählung den Gehalt postmodernen Denkens illustrieren (und in gewissem Sinne auch ihre Art veranschaulichen, Dinge zu flüchtig und ohne Intensitäten wahrzunehmen): nämlich der Textteil „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrtums“. (KSA 6, S. 80)

In Anspruch nehmen läßt sich der Steinbruch Nietzsche also von vielen, dies reicht vom Jungkonservativen bis hin zum Neomarxisten und Poststrukturalisten. Darin mag der Reiz und die Verlockung des Textes liegen.

Man muß sich bei der Nietzsche-Lektüre zugleich aber selbst befragen, was eigentlich genau da steht. Denn die Texte sind teils heikel, und über diese heiklen Stellen sollte man nicht hinweglesen oder sie unreflektiert rationalisieren. Schlecht nur taugt Nietzsche zum Hausgott und Hausphilosoph. Glücklicherweise bin ich spät erst zu Nietzsche gestoßen. In den Interpretationsübungen des Philosophiekurses am Gymnasium blieb er mir fremd mit seiner Herrenmoral und seinem mit dem Hammer philosophierenden Denken. Die Lektüre Hegel/Marx/Sartre/ lag näher, und für die nachredenden Jünger blieb nur pubertätsmarxistische Verachtung übrig. Im Grunde schon damals, wie auch heute noch: Nietzsches Text als Selbstermächtigung zu rotzigem Verhalten ohne Reflexion. Pubertierenden und Achtzehnjährigen sollte man Nietzsche nur mit Vorsicht in die Hand geben. Da ist es wie mit den Drogen: ein wenig zum Probieren schadet nicht, zu viel ist ungesund. Das Aristotelische Maßhalten ist nicht unangebracht. Klug ist es, die Mitte zu wählen. Bitte Mitte. Kein Exzeß, keine Ekstase.

Erst bei Adornos/Horkheimers Nietzsche-Kapitel aus der „Dialektik der Aufklärung“ sowie bei den Auseinandersetzungen mit Denkern wie Foucault, Deleuze und Derrida wurde es dann  nötig, sich intensiver mit Nietzsche zu beschäftigen. „Jenseits von Gut und Böse“ war das erste komplette Werk, der „Zarathustra“ und die „Fröhliche Wissenschaft“ folgten. Und so tat sich ein Nietzsche-Universum auf. Allerdings wollte sich jene unmittelbare Affinität wie zu den Texten Adornos oder Derridas nicht so recht einstellen. Dennoch: Wie habe ich damals im Rausch dieser Worte über so manche Stelle hinweggelesen, ohne explizit zu fragen: „Wer sind eigentlich die Schwachen, wer die Herde?“ Nun, man selber natürlich und selbstredend nicht, denn man saß ja an der Tafelrunde der edlen, edel Denkenden, dem guten alten Geistesadel. Es sind immer die anderen, die dazugehören. Aber wer genau waren nun diese Schwachen, die Herde, die unter der Knute der Herrenmoral stehen und sich ihr zu beugen haben? Was genau ist der Übermensch? Eine Entäußerung von ungeheuren Kräften im strukturalen Spiel von Differenz und Wiederholung? Fadenscheinige Erklärungen waren schnell zur Hand. Insbesondere die Lektüre Deleuzes war in vielen Punkten unbefriedigend und trotz der Dichte und Komplexität der Untersuchung und auch mancher faszinierender Gedanken teilweise deklamatorisch.

„Ja, die ‚blonde Bestie‘; damit ist natürlich der Löwe gemeint, das ist eine Metapher.“ Und so fort und immer weiter ging es mit der Rationalisierung unliebsamer Stellen. Um solche Fragen zu vermeiden, die im Hinterkopf zwar auftauchten, aber in der Gesamtlektüre doch in Latenz bleiben, wurden einfache Konstrukte gebildet. Es verbindet sich mit dem Namen Nietzsche eine vielfältige, spannende, oft geistreiche Lektüre, und zugleich ist viel Fragwürdiges dort vorhanden. Ein großer Stilist in der Tradition der Französischen Aphorisiker und Essayisten wie Montainge und La Rochefoucauld, von dem sich Schreiben und Stil lernen läßt, ist er allemal.

Und so mag als Auftakt der Misreading-Essays ein Zitat Nietzsches gesetzt werden, welches zwar – zu Nietzsches Ende hin – mit einigem Größenwahn daherkommt, das aber dennoch ganz gut – fast hellsichtig zu nennen – einige der Perspektiven vorwegnimmt, in der seine Philosophie stehen wird. Dies geschieht zwar mit einiger Übertreibung und Rhetorik sowie einer gehörigen Portion Pathos. Dennoch: diese Passage ist bezeichnend. So schreibt Nietzsche in seiner letzte Schrift „Ecce homo“ unter dem Titel „Warum ich ein Schicksal bin“:

„Ich kenne mein Loos. Es wird sich in meinem Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, ­– an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Collision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ (KSA 6, S. 365)

Dies ist hochfahrend, gewiß. In Teilen zwar nicht einmal falsch gedacht, nur geschieht dieses von Nietzsche Beschriebene nicht im Namen Nietzsches, sondern es handelt sich um Prozesse einer im beginnenden 20. Jahrhundert vollkommen entfesselten Moderne, die in eine totale, totalitäre und absolute Krise stürzen wird. Hellsichtig allerdings sah Nietzsche mit seinem seismographischen Denken einiges. Und so heißt es eine Passage weiter:

„Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Politik.–“ (KSA 6, S. 366)­

Auch wenn die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die im Holocaust sowie in den stalinistischen und maoistischen Völker- und Massenmorden ihren Kulminationspunkt fanden, weder unmittelbar noch mittelbar im Zusammenhang mit Nietzsche und seinem Denken stehen, so hat es dennoch Korrespondenzen und Verbindungslinien gegeben. Insbesondere die zum Faschismus lassen sich nicht einfach eskamotieren. Wenngleich man andererseits durchaus, etwa in der Lesart Adornos/Horkheimers, Nietzsche zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums zählen kann, die die dunkle Seite des Mondes besuchten und von ihr erzählten.

Inspiriert zumindest hat Nietzsche viele der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, ob dies nun Heidegger, Jaspers, Gadamer, Löwith, Bloch oder Adorno waren. Die einzige philosophische Richtung, die sich gar nicht oder kaum mit Nietzsche befaßte, war wohl die analytische (Sprach-)Philososphie (Rorty einmal ausgenommen, aber gehört der noch dazu?). Interessant wäre es zudem, die sprachphilosophischen Bezüge zwischen Wittgenstein und Nietzsche herzustellen. (Mir sind hier momentan keine gewichtigen Arbeiten bekannt, und ich wäre für Anregungen dankbar.)

Einer der nächsten Essays wird sich mit Nietzsches früher Schrift „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“, jenem oben genannten Gründungsdokument der Postmoderne befassen.

Bis dahin wünsche ich eine schöne Zeit, und machen Sie es sich gemütlich.