Vierzig Jahre „Holocaust“

Die Überschrift klingt seltsam: als ob das Land da was zu feiern hätte oder als ob ein Ereignis erst vierzig Jahre her wäre. Auch sind die Anführungszeichen irritierend. Deuten sie auf einen Namen oder einen Titel, sollen sie einen Begriff relativieren? Nein, natürlich nicht. Viele Deutsche, auch solche, die Ende der 70er Jahre erwachsen wurden – und damit viele Jugendliche wie ich – schauten den Vierteiler damals im Fernsehen: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.

Solche Jubiläen sind eine heikle Sache. Kann man die Shoah in Bildern darstellen, gar in einer TV-Serie mit Suspense und mit Unterhaltungscharakter? Wie sich ein Bild machen? Jenseits von trockenen Fakten. Eine Zahl wie sechs Millionen bleibt abstrakt und daß davon in Auschwitz allein eine Million Juden ermordet wurden, ebenfalls. Wie immer geht es in diesen Fragen um die Versinnlichung, ums Anschaulich-Machen. Und das dies ein Aspekt ist, aber eben nicht der einzige, unter dem man die Shoah betrachten kann.

Es wurde diese Serie damals heiß debattiert. Die „Zeit“ beispielsweise kritisierte anfangs, vor der Ausstrahlung diesen laxen Umgang mit der deutschen Geschichte, schwenkte aber schnell um, als diese Serie durchaus das Bewußtsein der Menschen zu treffen schien. Daß viele schockiert waren, daß eigentlich zum ersten Mal breitenwirksam der Massenmord an Juden als Thema in die Öffentlichkeit kam, vergleichbar vielleicht nur mit den Auschwitz-Prozessen Anfang der 60er Jahre durch die unendlich wichtigen Ermittlungen des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Verbreitet wurde dieser Schrecken durch ein Medium wie das Fernsehen.

Jeder nimmt die Shoah anders wahr – das ist eine Trivialität. Ins Bewußtsein vieler aber kommt sie weniger durch Gedichte von Celan oder Romane von Primo Levi, so wichtig diese auch für die intellektuelle Auseinandersetzung sind, sondern durch starke, eindringliche Bilder und durch erzählte Geschichten, die im Kopf haften bleiben und Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß auch, weil diese Bilder und Geschichten uns erschüttern und aufwühlen. Man kann dieses Bewußtsein kritisieren, man kann es der kulturindustriellen Standardisierung verdächtigen, wie auch immer: man sollte aus der Shoah jedoch keine negative Theologie machen. Sie ist nichts, das hinter einem Vorhang liegt. Es sind in Auschwitz und anderswo sehr konkret Juden, Sinti, Roma und viele andere Mißliebige ermordert worden. Mit Systematik traf es die größte Gruppe der Opfer: die Juden. Und um das zu verhindern sind manchmal einfachere Mittel vonnöten. Selbst „Schindlers Liste“ war in diesem Sinne, trotz manchem Kitsch, ein legitimes Mittel.

„Bilder – trotz allem“ wie ein Buch von Georges Didi-Huberman heißt, darin er die Notwendigkeit von Photographien zu diesem Grauen zeigt, damit auch Claude Lanzmann oponierend. Und es ist auch sinnlos, die bilder- und szenenreiche Serie „Holocaust“ und Lanzmanns bildarme und erzählreiche „Shoah“ gegeneinander auszuspielen. Beide Filme treffen unterschiedliche Hinsichten ein und desselben Ereignisses. Ebenso wie 1956 „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, der erste Film zur Shoah. Mit einem Blick auf Auschwitz. Das Gras, die Gleise. Wer in Stichworten etwas zur Geschichte dieses Dokumentarfilms erfahren will und wer lesen will, wie die damalige Bundesregierung diesen Film bei den Festspielen von Cannes zu verhindern suchte, informiere sich auf Wikipedia:

„Mehr als 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mitten im Kalten Krieg – war der Film im Dezember 1955 fertiggestellt. Vertreter der deutschen Botschaft sahen ihn vorab bei einer Privataufführung in Paris. Der Produzent empfand ihre Reaktion auf den Film als „eisig“. Im Januar 1956 erhielt dieser den französischen Jean-Vigo-Preis und wurde im März einstimmig als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes im April nominiert.

Daraufhin verlangte die Bundesregierung mit einem Brief des deutschen Botschafters von Maltzahn in Paris an den französischen Außenminister Christian Pineau die Absetzung der Kandidatur: Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber nach den Bestimmungen der Festspiele sollten die Filme in Cannes zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und nicht das Nationalgefühl eines Landes verletzen. Dieser Film werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Das Filmfestival von Cannes sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

Daraufhin strich das französische Auswahlkomitee für die Filmfestspiele den Film am 7. April 1956 von seiner Vorschlagsliste. Dies löste anhaltende Proteste in Frankreich ebenso wie in der Bundesrepublik aus. (…) In der Bundesrepublik protestierten prominente Autoren gegen das Vorgehen der Bundesregierung, darunter Alfred Andersch, Heinrich Böll, Hans Georg Brenner, Walter Dirks, Wolfgang Hildesheimer, Eugen Kogon, Ernst Kreuder, Erich Kuby, Hans Werner Richter und Paul Schallück. Der NDR sendete ihre Stellungnahme während der Festspiele am 16. April.

Im Deutschen Bundestag verlangte die SPD eine aktuelle Fragestunde zu dem Vorgang. Befragt nach den Gründen der Intervention, antwortete Staatssekretär Hans Ritter von Lex am 18. April, Cannes sei nicht ‚der rechte Ort… um einen Film zu zeigen, der nur allzuleicht dazu beitragen kann, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen erzeugten Hass gegen das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder zu beleben.‘“

Festzuhalten bleibt: „Holocaust“ war für die BRD damals ein Einschnitt und hat diesen Schrecken zu Bewußtsein gebracht – vielleicht auch, weil inzwischen ein Abstand in der Zeit herrschte. Insofern gehört die Ausstrahlung vor 40 Jahren zu einer der Sternstunden der BRD und war eines der zentralen Ereignisse. Vor allem aber brachte diese Serie Gespräche und Debatten. Nur so und nicht durchs Schweigen kann man sich dem schwer Faßbaren nähern. Man wird dieses einerseits singuläre Ereignis nie rationalisieren können, was gut ist, aber es im Bewußtsein zu halten und es dahin überhaupt erst zu bringen, ist ein großer Schritt.

Mit böser Zunge könnte man freilich wiederum sagen, es erzeugte diese Serie eine Übersensibilsierung, so daß eine gute Sache teils wieder zum Falschen hin kippt. Man denke an Philipp Jenninger und das, was man aus seiner Rede herauslas, bis hin zu der völlig unsinnigen Rücktrittsforderung – schon damals waren mir insbesondere die Grünen in schlimmer Erinnerung. Schuld, die als Monstranz vor sich hergetragen wird, hat etwas Unangemessenes. (Ich sehe da auch den unmöglichen Heiko Maas in Yad Vashem vor jede nur im Sichtfeld sich befindende Kamera hüpfen, um sich als aufrechten Antifaschisten zu inszenieren. Den anwesenden Juden war dies unendlich peinlich.) Und es bleibt der Verdacht: Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. Mit ein wenig Spekulation könnte man sagen, daß Jenninger ohne diese Serie nicht zurücktreten hätte müssen. Aber das sind Spekulationen. Festzuhalten bleibt: das Nazi-Narrativ sollte nicht dazu benutzt werden, um unliebsame Meinungen zu labeln und sich selbst damit einen moralischen Distinktionsgewinn zu verschaffen. Leute wie Gauland mögen problematisch sein. Sie sind aber keine Nazis. Wer diesen Begriff ubiquitär ausstreut, leert ihn aus und hat am Ende kaum noch Begriffe für solche, die tatsächlich Nazis sind. Differenzierung in der Begriffswahl ist also auch in dieser Sache, und gerade um dessentwillen wichtig, was historisch geschah.

Dennoch denke ich, daß diese Serie für die BRD eine wichtige Zäsur im Umgang mit einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte war. Abschließen möchte ich mit einer Überlegung von Woody Allen aus „Hanna und ihre Schwestern“: Ich wundere mich nicht, daß Auschwitz geschah, sondern eher darüber, weshalb es nicht viel öfter geschah. (Sinngemäß und aus dem Kopf zitiert.)

Auschwitz in Bildern. Peter Trawny „Was ist deutsch?“ (2)

Eine Gestalt der Gesellschaft scheint alt geworden zu sein. Kritische Theorie der ersten Generation, so hallte es allerorten, ist nur noch gut für die Philosophiegeschichte und historisch geworden. Aber stimmt das tatsächlich? Weil etwas behauptet wird, muß es nicht wahr sein. Ganz zu recht schreibt Peter Trawny über Adornos Begriff des Nichtidentischen, daß dieses späte Projekt bis heute eine philosophische Herausforderung bedeutet. Insbesondere, so möchte ich ergänzen, wenn man diesen Begriff mit der Differánce-Philosophie Derridas zusammenliest, die inzwischen ebensowenig noch à la mode ist, und mit dem Konzept des radikal Anderen von Emanuel Levinas korrespondieren läßt, so scheint es mir, daß sich neue und anregende Perspektiven bzw. im Adornoschen Sinne Konstellationen kritischen Philosophierens auftun könnten.

Interessant ist Trawnys Essay zu Adorno, weil er diese Leerstelle einerseits richtig benennt. Kritische Theorie steht nicht mehr primär auf der Tagesordnung und doch bedürfen wir ihrer. (Ich zeigte dies in meinem ersten Teil des Rezensionsessays und auch gelegentlich hier im Blog.) Mit Adornos Anfang der Negativen Dialektik könnte man schreiben: Kritische Theorie hält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward – was vielleicht sogar ein gutes Motiv abgibt, die Zeit niemals stillzustellen und die Verwirklichung hinauszuschieben. Um der Kritik willen, ein kritisches Korrektiv.

Andererseits eignet sich die Philosophie Adornos zur Selbstbesinnung. Zumal aktuell, wo die Frage, was eigentlich deutsch sei, durch Wahlerfolge der AfD augenblicklich wieder virulent wurde und weil in ganz Europa ein neuer Nationalismus erstarkt. Adorno selbst stellte diese Frage, was deutsch sei, explizit in seinem gleichnamigen Essay in den Stichworten. Vielleicht würde er heute fragen, was europäisch sei. So unterschiedliche Denker wie Habermas und Derrida bemühten sich 2003 in einem gemeinsamen Aufruf in der FAZ: „Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas“.

Trawnys Essay liefert auf jene Frage, was deutsch sei, einen Blick, und zwar im Kontext von Begriffen wie Heimat, Deutschland, Auschwitz als Konstellation von Geschichte und individueller Biographie. In diesem Sinne muß man Adorno (auch) als deutschen Denker verstehen. Seine Ausführungen zum geliebten Odenwald und zu Amorbach, die ihm Imago der Kindheit waren, sind bekannt. Ebenso seine Gebirgsaufstiege in Theorie: seine Essays zu Goethe, Hölderlin, Heine und Eichendorff. Was also ist deutsch? Mit Adorno gedacht.

Nach einem der furchtbarsten Verbrechen – der Historiker Dan Diner sprach vom Zivilisationsbruch nach Auschwitz – führt für Adorno kein Weg in die Normalität zurück. Ebensowenig aber reichen Bußübungen aus, die zum leeren Ritual verkommen – eine moderne Variante des Ablaßhandels. 1998 hat Martin Walser in seiner angefeindeten Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu recht auf diese sinnentleerten Rituale hingewiesen: Auschwitz als Kranzabwurfstelle. Auschwitz jedoch eignet sich nicht zur negativen Theologie, ebensowenig aber zum Bekenntniszwang der politisch aufrichtigen Gesinnung. Botho Strauß schrieb kürzlich in der „Zeit“ vom „Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester“. Bei aller Kritik, die man an Strauß‘ Text äußern mag, trifft das und noch ein paar andere Sätze einiges am Ton auch des heutigen Zeitgeistes. Man mag ansonsten von dem Text, der fürs Sprachformat von Strauß an der Oberfläche dümpelt, halten, was man will.

Diese Debatten unserer Gegenwart sind einerseits zwar weit entfernt von den Disputen, mit denen Adorno konfrontiert war – angefangen bei den restaurativen Tendenzen und daß Straftäter nicht oder erst viel zu spät bestraft wurden, daß Mitläufer wie Globke ungehindert im Staatsdienst weitermachen konnten, daß 1966 Mörder wie Filbinger Ministerpräsident wurden, bis hin zum verdeckten Faschismus, der nun in Gestalt des gewandelten des Demokraten auftrat. Vielfach haben sich inzwischen die Koordinaten verschoben, andererseits aber besteht eine geschichtliche Kontinuität. Die bittere, aber eben auch produktive Geschichte der BRD. Trotz allem Beschweigen und aller Versuche, kleinzureden: Kaum ein Land hat derart seine Verbrechen mit Reflexion bedacht und sich in den Steinbruch der Geschichte begeben. Für China oder Rußland bis heute unvorstellbar. Und auch die ehemaligen Kolonialmächte sowie die USA tun sich schwer. Die Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer als zurückgekehrte Exilanten hatte in den 50er Jahren wesentlichen Anteil an diesen Debatten. Diese Frage nach Identität und Gemeinschaft (auch qua Schuld und Sühnezeichen samt einer daran anschließenden Reflexion auch auf die Modi der Aufarbeitung) bestimmt bis heute die gesellschaftlichen Debatten. Jedoch hat sich in den politischen Diskursen sowie in den gesellschaftlich relevanten Fragen ein weiteres Mal eine Art Strukturwandel der Öffentlichkeit eingestellt. Trawny schreibt:

„Was untergeht, was nach einer langen Zeit der Erosion verschwindet, ist eine spezifische Gestaltung der politischen Öffentlichkeit.“

Diese spezifische öffentliche Sphäre war zu Adornos Zeit noch gegeben. Man kann mutmaßen, woran dieses Erodieren liegt: am Verfasern der Diskurse durch die neuen Medien, einer Tendenz zur Zerfransung von Themen und des unbezüglichen Geschwätzes aller über alles und jedes, das sich auf sämtlichen Kanälen viral verbreitet und auf das von überall her geantwortet und geliket wird. Unendlicher Verbrauch von Ressourcen. Die politisch und akademisch interessierte Öffentlichkeit zu Adornos Zeiten war auf andere Medien bezogen und die Fragen nach einem verlorenen Krieg, der den entsetzlichen Massenmord in seinem ganzen Ausmaß erst ans Licht brachte, waren ebenfalls andere. In diese Lücke stieß das Denken Adornos.

Zentral im Denken Adornos ist die Bedeutung von Auschwitz, auch als „Modell für die Kälte der Technokratie“ (Trawny). Daß Auschwitz sich nicht wiederholen dürfe, so nennt Adorno den neuen Kategorischen Imperativ in seiner „Negativen Dialektik“. Er liefert das Leitmotiv seiner Philosophie. Wesentlich ist dabei, daß Auschwitz auch theoretisch ins Denken aufgenommen werden müsse. Gleichzeitig besteht die oben genannte Gefahr, der Habitualisierung von Auschwitz, Trawny beschreibt diese Gefahr und nennt hier insbesondere Celans bekannten Unwillen dagegen, daß sein Gedichts Todesfuge in Schulbüchern verwertet wurde und so zum konsumierbaren Gedicht geriet. Aber es herrscht in solchen Verhältnissen eine interessante Dialektik: Erst durch solche Habitualisierung und durch die Rituale im Umgang konnte sich ein öffentlicher Diskurs an Auschwitz überhaupt erst einstellen. Söhne befragten ihre Väter, Enkel ihre Großväter. Gleichzeitig wurde der Umgang mit Auschwitz seit den späten 70er Jahren zum Normalton und hielt selbst in die Populärkultur Einzug.

Das begann für die BRD 1978 mit der Serie „Holocaust“, die millionenfach ins deutsche Wohnzimmer ausgestrahlt wurde. Was bisher nur als eine Art kollektives und zugleich beschwiegenes Narrativ irgendwie diffus die verbotenen Zonen berührte, ein „kollektives Unterbewußtes“, wurde mit einem Male anschaulich und konnte sich reifizieren. Adorno hätte die Serie vermutlich mit Entsetzen betrachtet. Auswuchs von Kulturindustrie, konsumistische Funktionalisierung, wo noch aus dem äußersten Schrecken so etwas sie ästhetischer Genuß herausgepreßt wurde. Für viele ist solche Rigorosität heute kaum noch vermittelbar, aber vielleicht sollten wir versuchen, zu begreifen, was eigentlich genau Adornos Ablehnung motivierte. Solcher Nachvollzug ist meist sinnvoller als die reflexhafte Abwehr eines unbequemen Gedankens.

Dennoch ist die Funktion solcher Serien für den öffentlichen Diskurs nicht per se abzulehnen. Trawny schreibt:

„Die Serie jedenfalls wurde deshalb so wichtig, weil die deutsche Gesellschaft bisher noch nicht über bewegte Bilder vom Holocaust verfügte, die ins kollektive Gedächtnis übergehen konnten.“

Was Trawny hier kurz anspricht, ist brisant, und nebenbei bemerkt und abseits der Pfade, die Trawny in seiner Frage beschreitet, was deutsch ist: Kann und darf es von Auschwitz überhaupt Bilder geben? Gilt nicht insbesondere hier das Bilderverbot? Eine Frage, die insbesondere bei Adorno besondere Relevanz besitzt. Die Frage des Bilderverbotes spart Trawny leider aus – was nicht als Vorwurf gemeint ist, sondern eher als ein „Ach, schade“. Denn auch darüber hätte ich von Trawny gerne mehr gelesen.

Claude Lanzmann brachte 1985 seinen Dokumentarfilm „Shoah“ ohne ein einziges Bild von Leichen. Vielmehr ließ er Menschen sprechen. Überhaupt harrt da diese Frage, die sich bis zum Ikonoklasmus zuspitzt: Was dürfen Bilder zeigen?

Ein Aspekt, der diesen Disput des Bilderzeigens steuert und der bis zum byzantinischen Bilderstreit im 8./9. Jhd reicht und weiter noch bis hinein in Platons Höhle weist, ist die Frage nach dem Wesen des Bildes. Wenn Gott nicht darstellbar ist, wenn das Wesen der Dinge sich nicht in Nachbildern erschöpft, besitzen Bilder einen defizitären Status. Diese Kontroverse zieht sich bis in die Gegenwart, und sie umfaßt insbesondere auch die Bilder aus den Vernichtungslagern der deutschen Faschisten: Ist dieses Grauen und darf es überhaupt in Photographien festgehalten werden, wenn die Shoah das Undarstellbare ist, das sich jeglicher Kommunikation entzieht? Für die Gegenwart und angesichts der Flut von Bildern, die Tote und Gewalt zeigen, besitzen solche Debatten heute lediglich noch akademische Relevanz.

Ein Plädoyer für die Photographie, für die Darstellbarkeit und dafür Bilder als Dokumente einzusetzen liefert Georges Didi-Huberman in seinem Buch „Bilder trotz allem“ (Fink Verlag, 2007). Darin geht es um vier Photographien, die im August 1944 aus dem Inneren von Auschwitz aufgenommen wurden. Sie zeigen etwas, das es bisher nicht zu sehen gab. Wir sehen auf diesen Photographien nämlich unmittelbare Szenen der Vernichtung. Häftlinge eines Sonderkommandos machten von dem Krematorium V und dem Gelände dort herum unter großen Schwierigkeiten vier Bilder: die ersten beiden Negative zeigen, wie Vergaste in sogenannten Verbrennungsgräben eingeäschert wurden. Auf dem anderen Negativ sind unbekleidete Frauen zu sehen, die auf dem Weg in die Gaskammern sind. Das vierte Negativ ist fast abstrakt, kaum etwas ist zu erkennen. Zu sehen sind darauf Schatten und Baumwipfel. Ein Kunstphoto, könnte man meinen, wenn hier, an diesem Ort nicht jegliche Kunst versagen würde. Diese Bilder wurden unter schwierigsten Bedingungen aufgenommen. Die Negative ließen die Häftlinge aus dem Lager schmuggeln, und sie gelangten in die Hände des polnischen Widerstands. Daß diese Photos dann im Jahre 2000 in Paris in einer Ausstellung gezeigt wurden, rief teils empörte Reaktionen hervor. Insbesondere Claude Lanzmann opponierte scharf. (Auf jene negativ-metaphysische Erfahrung von Auschwitz komme ich im dritten Teil zu sprechen.)

Um jedoch etwas zu wissen, so schreibt der Kunsthistoriker Didi-Huberman, müssen wir uns ein Bild machen – nicht anders im Grunde als Celans „Todesfuge“ im Schulunterreicht. Diese Fotos sind an einem Ort der radikalen Vernichtung entstanden, der nichts als Leichen, Asche, Gaskammern, Baracken und Verbrennungsöfen übrigließ, und es sind diese Bilder-Fetzen beunruhigender und kostbarer für uns als alle Kunstwerke. Es sind, schreibt Didi-Huberman,

„Bilder trotz allem: trotz unserer eigenen Unfähigkeit, sie so anschauen zu können wie sie es verdienen, trotz unserer übersättigten und vom Markt der Bilder beinahe erstickten Welt.“

Es wurden der Wirklichkeit Bilder entrissen, die bezeugen. Bilder, die nicht das Hinterher zeigen, die Leichenberge nach der Befreiung, nicht die gemütlich schmausenden oder Akkordeon spielenden SS-Schergen mit ihren Frauen. Diese Bilder zeigen das Unvorstellbare, und sie widerlegen zugleich den Begriff des Unvorstellbaren. Diese Bilder bezeugen das, was die deutschen Faschisten niemals irgendwo zeigen und dokumentiert sehen wollten. Es war strikt verboten, diese Lagerszenen zu photographieren. Hielte man diese Bilder zurück und setzte das Bilderverbot absolut, hätten die Faschisten genau das erreicht, was sie erreichen wollten. Auszulöschen.

Auch diese Bilder gehören zu jener Frage mit dazu, was deutsch eigentlich sei. Weit entfernt im besetzten Polen.

Achtung: Heute Action-Event mit Suspense-Faktor!

„Nazi-Herrschaft: So haben Sie den Holocaust garantiert noch nie gesehen“ titelte am heutigen Tage das Onlineboulevardblatt „Huffington Post“ und macht uns Leserinnen und Lesern den Holocaust endlich wieder hinguckerisch schmackhaft. Und alle so: yeah Holocaust!

Immer wieder interessant und mit ironisch gelächeltem Mund zu lesen, wie manche in ihrem Ressentiment oder in ihrem Medienkonservatismus den Herrn Adorno der Übertreibung bezichtigten. Aber andererseits stimmt das sogar – freilich in einer anderen Variante als gedacht. Der Begriff Kulturindustrie war zu hoch gegriffen. Denn dieser setzte wenigstens ein Minimum an Kultur als Bestandteil von Gesellschaft noch voraus.

Im Grunde ist es traurig, einen solchen Text schreiben zu müssen, weil auch solche Glosse bereits dieses schwarze Geschehen, diesen absoluten Zivilisationsbruch instrumentalisiert. Einerseits soll und darf Auschwitz weder zu einer Veranstaltung des medialen Quotenhypes werden, andererseits darf dieser Begriff, der einen Ortsnamen als Bild des brutalen Todes und der grenzenlosen Vernichtung als pars pro toto in ein Zeichen bringt, nicht zu einer negativen Theologie oder zum bewußtlosen Erinnerungsritual erstarren. Lebendig bleibt Auschwitz für uns, also die Täterinnen und Täter bzw. deren Nachkommen als Akt barbarischer Gewalt, der im Namen Deutschlands von normalen Menschen und allzu willigen Vollstreckern durchgeführt wurde. Die, die das taten, hatten, wie auch all die Opfer, Namen. Daß die Auschwitzprozesse erst 19 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus durch die UdSSR, die USA und England stattfanden, bleibt ein weiteres Skandalon für die BRD.

Die andere Seite Warschaus

Ein Text aus Warschau ließe sich mit einem Gang durch die Kunst beginnen – etwa indem ich einige Gedanken über das Muzeum Narodowe (Nationalmuseum) verliere oder ein paar Zeilen über die Moderne Kunst Polens in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta schreibe. Das ergäbe eine behagliche Reise zum Guten, Wahren und natürlich zum Schönen. Alles ist erleuchtet und ästhetisch illuminiert. Das käme dem Residenzler im Grandhotel Abgrund entgegen. Weit gefehlt. Ja, Kunst gibt es in Warschau reichlich, insbesondere im (teils noch) verfallenen Stadtteil Praga rechts von der Weichsel, der sein Image als kulturell aufstrebendes Viertel pflegt. Und auch die Deutschen als Kulturnation hinterließen in Warschau bleibenden Eindruck,weshalb die Altstadt gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in mühevoller Arbeit und anhand alter Stiche und Gemälde rekonstruiert werden mußte. Und ebenso das Pawiak-Gefängnis zeugte von den kulturellen Leistungen der Deutschen. Heute kann man an der Stelle, wo sich dieses Gefängnis befand – es wurde von den Deutschen 1944 in feiger Voraussicht zerstört –, ein kleines Museum mit Exponaten und mit Hintergrundinformationen über das Morden von Gestapo und SD sowie über den polnischen Widerstand besichtigen.

Unabdingbar ist es ebenfalls, daß siebzig Jahre nach dem Warschauer Ghetto samt dem Jüdischen Widerstand gegen die Faschisten im April/Mai 1943 ein Museum im Bau ist, daß sich mit dem Jüdischen Leben in Polen befaßt. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden wurde von den Finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki gestaltet, die sich gegen Daniel Libeskind durchsetzten. Es liegt gleich hinter dem Denkmal der Helden des Ghettos, also jenem Ort, an dem Willy Brandt das einzig richtige tat und was ihm die Altnazis in der CDU und auch ansonsten große Teile der Bevölkerung in der BRD samt der Springerpresse auf ewig übelnahm. Noch der widerliche Konrad Adenauer nannte Willy Brandt in denunziatorischer Absicht mit seinem ursprünglichen Namen Herbert Frahm. Als ob es sich Brandt ausgesucht hätte, einen anderen Namen annehmen zu müssen. Und es zeigte sich das wahre Gesicht des angeblich so israelfreundlichen Philosemiten Axel Springer in den Reaktionen seiner Zeitungen. Ach, diese Vergangenheit. Denn irgendwann muß doch mal Schluß sein mit der Vergangenheit und dem ewigen Darinherumbohren. Mag sein, mag nicht sein. Aber damit dieser Satz vom Schlußstrich überhaupt eine Sinn ergibt, hätte mit der Auseinandersetzung erst einmal begonnen werden müssen, und zwar nicht dreißig Jahre später – von der juristischen Seite einmal ganz zu schweigen. Daß ein Bundespräsident wie Roman Herzog den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto und den Warschauer Aufstand nicht hat auseinanderhalten können, ist bezeichnend für die Prioritäten in der Deutschen Geschichte. Manchmal tut es bereits gut, wenn ein Ruck nur durch den Kopf geht, um die Hohlphrasenproduktion abzubremsen. Zudem: es sind noch genug Kasernen der Bundeswehr nach den Generälen der Wehrmacht benannt, die an den Massenmorden in Polen und auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR beteiligt war.

Man kann manches gegen die SPD der 60er, 70er Jahre und gegen Willy Brandt vorbringen, aber dieser Geste war eindringlich und die einzig richtige: „Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.“ Und der hatte es von seiner Biographie her am wenigsten nötig, an jenem Mahnmal niederzuknien.

Wieweit vermögen Eingedenken und historische Erinnerung stattfinden, wenn in einer Stadt wie Warschau kaum noch ein Stein auf dem anderen steht? Es ist das Dilemma: Warschau ist eine Stadt aus Blut – es gab an unzähligen Orten Stätten für Massenexekutionen, eine halbe Million Warschauer, darunter 350 000 Juden wurden ermordet. Doch nichts ist mehr sichtbar, was zugleich gut und richtig ist. Wieweit taugen Symbolisierungen und Denkmäler, wenn sich darin ein Verhalten zum Ritual ohne Reflexion verwandelt? Die Stadt ist durchzogen von Erinnerungslinien und Spuren, aber es sind keine mythologischen Traumpfade, sondern reale Geschichte geschah an den verschiedenen Orten dieser Stadt. Erinnerung ist ein komplizierter Vorgang, und es ist in diesem Prozeß eine Form von Architektur gefragt, die einerseits nichts verkitscht oder mit einem hohlen Pathos versieht, damit man sich eben nicht mehr erinnern muß, und die andererseits über das Moment des Ausdrucks Geschichte nicht gleichgültig werden läßt. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas von Peter Eisenman in Berlin oder das Jüdische Museum von Daniel Libeskind sind dafür gelungene Bespiele. Ebenso die Grenzsteine, welche an verschiedenen Positionen in Warschau, die Grenze des Ghettos markieren.

Nachtrag: Fast alle Vernichtungslager, in denen die Deutschen Roma und Sinti, Homosexuelle, Juden, politisch Mißliebige, Zeugen Jehovas ermordeten, befanden sich auf polnischem Gebiet: Belzec, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Chelmno, Auschwitz-Birkenau.

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