Silvester 2020 – wilde verwegene Jagd der Raunächte

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein doch etwas besseres 2021. Ich will hier keinen Rückblick halten, Silvester ist überbewertet. Man kann an diesem Tag für sich selbst noch einmal Revue passieren lassen, was war. Zudem haben wir die herrlichen Raunächte, die zum Phantasieren und zum Deuten der Träume einladen, was allemal spannender ist als all die Rückblenden und das Aufzählen der bedeutenden Ereignisse. Und da es im hohen Norden an jenen Tagen um Weihnachten stürmte, an der Nordsee war es am 26.12. extrem und herrlich orkanartig, gehe ich davon aus, daß die Wilde Jagd einmal wieder unterwegs war: die Wotansreiter, Åsgårdsrei, zwischen der Wintersonnenwende und den orientalen und afrikanischen Dreikönigen. Vermutlich wird es wieder dumme Debatten geben, weil Kinder sich schwarz schminken; und die freudlose Zeit wird sich perpetuieren. In Helmut Lethens Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“ las ich im Blick auf Lethens Schulzeit und die Lehrer, die da nach dem Krieg in Deutschland unterrichteten, folgenden Satz:

„Es muss so etwas wie eine Selbstreinigung des Kollegiums gegeben haben. Die aber traf womöglich auch einen dunkelhaarigen Assessor, der uns unvorsichtigerweise Brechts „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ nahelegen wollte und prompt verschwand. Der Kalte Krieg ließ die Gymnasien nicht unberührt.“

Nichts Neues unter der Sonne also, nur eben daß in den 2010er Jahren das Internet bei solchen Jagden etwa auf Joanne K. Rowling, Monika Maron bis hin zu Lisa Eckhart als unheilvoller Verstärker und als eine Art Tribunal der anonymen Masse fungiert: und schwupp ist man in der Zeitung, und schwupp ist man Nazi, homophob oder wird sonst irgendwie bezichtigt, und solche Denunzianten wissen ganz genau: Semper aliquid haeret, igendwas wird schon hängenbleiben. Ich fürchte, auch diese Tendenz des Bezichtigens und Denunzierens wird uns 2021 erhalten bleiben und noch viele andere schlechte Angewohnheiten. Es wird also alles wie immer und Leben geht weiter wie bisher. Irgendwie.

Lieber also jene mythologischen Jagden und die Phantasie-Geschichten, die wilden Geschichten: Literatur und Essay. Apropos böse Geschichten: versäumt habe ich dieses Jahr eine Würdigung von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, das vor einhundert Jahren erschien. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Vielleicht ja dafür nächstes Jahr ein Blick in Houellebecqs kürzlich erschienenen Essay-Band, um das Böse zu goutieren und jener Dialektik der Aufklärung zu frönen. Und eben dem Verhältnis von Denken und Mythos sich zu widmen, auch dazu liefern die Raunächte Anlaß, und dazu habe ich heute und hier aus meiner Buchhandlung von Klaus Heinrich abgeholt: „Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie“ aus dem ça ira Verlag, wo auch das gesammte Werke von Heinrich erscheint – übernommen vom Stroemfeld Verlag, wo Heinrichs Werk teils erschien. Passendes Buch. Ich bin gespannt. Auch eine kleine Überraschung. Klaus Heinrich starb am 23. November in Berlin. Was ich – neben dem plötzlichen Tod – an diesem aus dem „Tagesspiegel“-Nachruf zu Klaus Heinrich am erschreckendsten finde, ist in einem Nebensatz verpackt:

„Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, dass er sein geliebtes Restaurant „La Marianna“ nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch – weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.“

Ich hoffe, wir reden hier in der BRD nach Corona über die Situation in deutschen Krankenhäusern, über Krankenhauskeime und über das Weggespare im Gesundheitswesen. Öffentliche Daseinsvorsorge gehört nicht auf den Marktplatz und sie ist nicht verhökerbar an den Meistbietenden, der dann mit der Gesundheit Profit erwirtschaften muß. Ein Sturz und die Einlieferung ins Krankenhaus setzten dem Leben von Klaus Heinrich ein Ende.

Wie Silvester verbringen? Es wird dieses Jahr zum Glück ruhig werden. Keine Knallereien. Das ist gut so. Leider aber blitzt und funkelt in den herrlichen roten, gelben und grünen Farben auch kein Feuerwerk am Himmel. Keine Apparition. Seine Verwandtschaft hat das Feuerwerk als einmalig und flüchtig in der Zeit Erscheinendes mit dem Kunstwerk. Adorno schreibt von Kunstwerk:

„Es ist apparition κατ‘ ἐξοχήν: empirisch Erscheinendes, befreit von der Last der Empirie als einer der Dauer, Himmelszeichen und hergestellt in eins, Menetekel, aufblitzende und vergehende Schrift, die doch nicht ihrer Bedeutung nach sich lesen läßt. Die Absonderung des ästhetischen Bereichs in der vollendeten Zweckferne eines durch und durch Ephemeren bleibt nicht dessen formale Bestimmung. Nicht durch höhere Vollkommenheit scheiden sich die Kunstwerke vom fehlbaren Seienden, sondern gleich dem Feuerwerk dadurch, daß sie aufstrahlend zur ausdrückenden Erscheinung sich aktualisieren. Sie sind nicht allein das Andere der Empirie: alles in ihnen wird ein Anderes. Darauf spricht das vorkünstlerische Bewußtsein an den Kunstwerken am stärksten an. Es willfahrt der Lockung, welche zur Kunst überhaupt erst verführt, vermittelnd zwischen ihr und der Empirie.“

Zu diesem Jahresende also eine gewisse Stille und keine nächtlichen Himmelszeichen aus Pyrotechnik. Die Geister können nicht vertrieben werden. Herrlich etwa war es, den Chinesen aus dem China-Restaurant neben dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zuzusehen. Kein dummes Geböllere, niemand wirft auf Menschen oder will Rabatz machen, wie hier in Berlin-Schöneberg jene dummen Jugendlichen an der Pallasstraße, die noch auf Notarzt, Feuerwehr und Polizei Raketen schießen und Böller werfen. Sondern es werden Geister vertrieben. Wir brauchen zuweilen auch solche Mythen und die schönen oder die grausamen Geschichten.

Das gute freilich: kein Lärm bis tief in die Nacht. Dort, in dem sowieso schon stillen Stadtteil Berlins, wo ich lebe, ist es heute fast wie auf einem Dorf. Ich mag das. Stille und der letzte Tag des alten Jahres. Dazu ein leicht milchiges Licht, zuweilen mit Sonne gemischt. Eine schöne Stimmung zum Ausklang. Zu Silvester gibt es traditionell die Berliner, wobei man in Berlin eben Pfannkuchen dazu sagt, während im Norden die Pfannkuchen, wie der Name es bedeutet, aus der Pfanne kommen und mit Eierteig zubereitet werden. Überall in Berlin heute lange Schlangen vor den Bäckereien. Vor meinem Lieblingsbäcker Mälzer und der Konditorei Rabien ebenso. Also schlendere ich weiter und schaue, bis ich sehe, daß es beim Bäcker der „Bio Company“ relativ leer ist. Ich blicke in die Auslage. Dort gibt es auch das Glücksschwein Ebert, aber das wähle ich nicht, sondern ich erstehe einen Berliner mit Eierlikör und einen mit Himbeerfüllung. Der erste Berliner ist bereits verputzt. Er schmeckt so lala. Rabien ist deutlich besser und in dem Augenblick als ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, daß die Berliner von Mälzer gar nicht so gut sind, wie ich dachte. Ich hatte sie letztens probiert. Sonst ist Mälzer ein hervorragender Bäcker: guter Kuchen, gute Brötchen, aber die Pfannkuchen schmeckten alt und schal. Gute Berliner zu finden, ist schwierig, die besten hat halt die Konditorei Rabien. Ich esse die Berliner grundsätzlich nachmittags. Ich sehe den Sinn nicht, um 24 Uhr süßes Gebäck zu verzehren. Es gibt zu dieser Uhrzeit Wunderkerzen, einen italienischen Rotwein und vielleicht gegen 24 Uhr einen schönen Rieslingsekt.

Nun kann man aber jetze schonmal anfangen, ein gutes neues Jahr zu wünschen und einen netten Silvesterabend mit höchstens fünf Personen aus zwei Haushalten. Bei mir ist es in der Regel ein Silvester mit einer Person aus einem Haushalt. Denn ich hasse Silvester, und ich feiere es nicht gerne. Früher, als ich noch am Theater Kartenabreißer war, habe ich vorgezogen, am Silvester zu arbeiten. So wie ich Weihnachten liebe, mag ich Silvester und diese Fröhlichkeit nicht. Die Nachbarin saugt ihre Wohnung, wie ich gerade höre. Brav am letzten Tag noch Ordnung zu machen. Vielleicht sollte ich sie zu mir in mein Grandhotel Abgrund bitten. Es ist auf den 90 qm einiges zu säubern. Ich sitze hier ansonsten schon in den Startlöchern zur imaginierten Bunga-Bunga-Party mit Italien-Rotwein und Rimini-Schlagern. Der erste Berliner ist bereits verspeist. Wo ich ihn kaufte, schrieb ich in diesem kleinen Blog-Text. Und auch wie er schmeckte. Empfindungsprosa und Beschreibungspotenz. Die es freilich auf AISTHESIS auch nächstes Jahr wieder geben wird – sofern die Zeit es zuläßt. In diesem Sinne: Allet Jute für 2021, wie der Berliner so sagt. Guten Rutsch allen, die es verdienen. Und die, die es nicht verdienen, sollen mich am Arsch lecken.

Rückblich aufs Lesejahr 2018 oder Die ersten zwei von drei Geschenktips

Alle machen Weihnachtstips in Büchern – ich also auch. Eigentlich sollte hier eine Rezension zu Max Czollekts Desintegriert Euch! stehen. Die folgt dann nächstens, zumal sie auch nicht so weihnachtlich-besinnlich ausfallen wird. Aber da christliche Weihnachtszeit ist und da ich Menschen zum Schenken und zum Kaufen animieren möchte – denn im Sinne von Marx‘ Gedanken zum Gebrauchswert bleibt festzustellen: Warenwerte sind wahre Werte –, und wir Vielleser wollen nun einmal unseren kleinen Buchhändler unterstützen: so folgt hier Donnerstag mein Geschenke-Tip. Und weil dieser Tip wieder einmal ein langer Beitrag wird, habe ich bereits diesen ersten Absatz separat gestellt, um unter den magischen 15.000 Zeichen zu bleiben.

Wer nun freilich ganz ungeduldig ist, dem lege ich schon einmal zwei schöne Bücher des Jahres 2018 ans Herz. Einmal aus der Rubrik Belletristik. Nämlich Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise. Darin ist die offensichtlich und wie bereits in vielen Hoppe-Büchern sich autobiographisch fikionalisierend (be)schreibende Autorin auf den Spuren der beiden russischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow quer durch die USA unterwegs. Auch Ilf und Petrow, dieses seltsame Duo, bereisten1935 während der Weltwirtschaftskrise die USA. Deren Bericht ist vor einigen Jahren in Die Andere Bibliothek erschienen. Hoppe fährt ihnen mit drei Gefährten in einem roten Ford-Transit nach. Dabei geschieht allerlei Seltsames und Komisches. Der Besuch der Fordwerke in Detroit: dort der Blick auf echt arbeitende Arbeiter, die museal besichtigt werden dürfen, und ebenso kommt man mit dem ersten elektrischen Stuhl – sozusagen – in Berührung. Hoppes Witz und ihre Assoziationen sind inspirierend, antreibend. Es ist dies kein klassisches literarisches Reisebuch, sondern Hoppe erfindet gewissermaßen das Reisen neu: als Nachreisen, als Jubilieren vor Landschaft und Menschen. Und Olʼ man river immer, immer immer: Der ewige Mythos.

Zwei schöne Sätze:

„Ein Hoch auf alle Touristen der Welt, immer Hase und Igel in einer Person. Sobald ich von A nach B reisen will, um meinen Blick möglichst ungestört auf das Gute, Wahre und Schöne zu richten, sind die anderen immer schon vor mir da. Ich komme einfach nicht an, ich komme einfach nicht mit, ich komme einfach nicht durch, weder zum Guten noch zum Wahren, zum Schönen schon gar nicht.“

„Denn die Dinge leben länger als wir und werden noch da sein, wenn wir längst nicht mehr sind.“

Auch eine Form von Verdinglichung bei gleichzeitiger Entdinglichung. Reisen – dialektisch.

Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise, Fischer Verlag 2018, EUR 20,00

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Das zweite Buch ist seltsamer Natur. Es ist eine Fiktion und es ist zugleich doch ein Sachbuch, daß die Zeit der 30er und 40er Jahre in Deutschland  in den Blick nimmt, nämlich Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Die vier sind sich niemals persönlich in längeren Gesprächen begegnet, und doch erfindet Lethen sieben Treffen und Dialoge zwischen diesen Menschen, die im NS-Staat auf unterschiedliche Weise Karriere machten. Von Hermann Göring wurden alle Anfang der 30er Jahre zu Staatsräten ernannt, eine freilich funktionslose Funktion in der Führerdiktatur. Teils agierten diese vier in kleine Regungen widerständisch und doch waren sie Mitläufer, die das Regime am Leben hielten.

Das ist von Lethen pfiffig gemacht. Man bekommt einen Blick aus der Kältekammer, Einsichten in die „Verhaltenslehre der Kälte“, Formbewußtsein als Reizschutz, der zugleich das moralische Empfinden stillstellte, die kühlen Distanz: Ein Ästhetizismus des Bösen, dem Gründgens auf der Theaterbühne nicht abhold war und den er doch im Leben ablehnt oder einfach nicht fähig war umzusetzen. Immer der Gefahr ausgesetzt, als Schwuler von der Bildfläche zu verschwinden. Göring hielt seine schützende Hand über ihn. Carl Schmitt hingegen, der „Kronjurist des Dritten Reiches“, der er am Ende doch nicht war, ist jeglicher Ästhetizismus im Bereich des Rechts abhold, insbesondere seine Freund/Feind-Unterscheidung, von Linken wie Rechten faszinierend teils betrachtet, wollte Schmitt nicht ästhetisch verstanden wissen. Und da kommt es zwischen Gründgens und Schmitt bei einem der Salongespräche zum Streit. Schmitt als Avandgardist auf verlorenem Posten, so Gründgens, den es durch Zufall in die Juristenzunft verschlagen habe:

„Den Vergleich mit den Avantgardisten hätte Gründgens nicht riskieren dürfen. Staatsrat Schmitt mit rotem Kopf: Nie habe er sich in die vorgebliche Autonomie der ästhetischen Praxis geflüchtet. Was die Salon-Avantgardisten veranstalteten, sei doch nur Kinderkram. Erst wagen es diese Scheinradikalen, zivile Normen  zu durchbrechen, wenn dann aber der Rechtsstaat zurückschlägt, berufen sie sich feige auf die Kunstfreiheit.“

Das Schöne an diesem Fabulieren: Man kann als Fiktion verschiedene Positionen durchspielen und erhält dabei doch einen guten Einblick in eine schreckliche Zeit. Lethen macht all das ohne das aufgeregte Tamtam hochgetunter Moralisierungen.

Ein bedenkenswerter Satz:

„Für den Einzelnen war es entlastend, sich das Dritte Reich als ein gigantisches KZ vorzustellen. Die Möglichkeit von Freiräumen impliziert das Vorhandensein von ‚Ermessensspielräumen‘, unterstellt Verantwortung. Nach 1945 war es daher vorteilhaft, sich nicht mehr an Freiräume des Überlebens zu erinnern.“

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt, Rowohlt Berlin 2018, EUR 24,00

 

Buchmesse Leipzig. Literaturkritik als eine Form der Kunst sowie Helmut Lethens Blick auf die nomadisierenden Bilder

Rollköfferchen hin, Rollköfferchen her. Mangagirls hier, Mangaboys da. Hübsches Personal verkauft Kaffee und Eßwaren an die hungrigen Besucher, adrette Buchmenschen schlendern oder stehen dienstfertig am Ausstellerstand. Es ist, wie immer, ein quirliges Treiben unter dem Glasdach der Messe Leipzig. Ich schaue auf Schenkel und Businesskostüme, blicke auf die Waden einer Lektorin. Es ist warm, aber ich ziehe meine schwarze, knapp unter der Taille endende Lederjacke nicht aus, weil sie in Kombination mit einem schwarzen Hemd wie ein Jackett wirkt – nur lässiger eben.

Um 14 Uhr geht es ins „Berliner Zimmer“, dort wird gleich der Alfred-Kerr-Preis an die Literaturkritikerin Insa Wilke verliehen. Roger Willemsen hält eine geistreiche, spritzige, sprudelnde und belebende Laudatio – aus dem Stehgreif heraus, ohne Notizzettel, druckreif sprechend: Was vermag und in welche Richtung geht die Literaturkritik? Jedes Buch brauche einen Zöllner so Willemsen. Solche Sätze kann man natürlich als die Geste des Kritikers abtun, sich unentbehrlich zu machen. Aber wenn man diese Sicht einmal diesseits des überkommenen Feuilleton- und Marktbetriebs im Sinne eines essayistischen Schreibens über Literatur sieht, dann bekommt dieser Satz einige Tragweite: jegliches Kunstwerk will gedeutet werden und möchte doch zugleich als Rätsel weiterleben. Dieser Dialektik weicht die Kritik nicht aus, sondern stellt sich ihr, weist auf die „wolkigen Stellen“ eines Werkes, die verdecken, scheinen und schimmern. Dies kann nur die Kritik selber. Andererseits enthält – zumindest im Idealfalle – der im Geist der Romantik konzipierte Roman bereits seine eigene Kritik in sich. Das autopoietische System der Kunst- und Kunstkritik feierte in diesen Übergangszeiten vom 18. Ins 19. Jahrhundert seine herrlichen Triumpfe.
 

 
Literatur- und überhaupt die Kunstkritik, die mehr sein will als bloßes Aburteilen und Abarbeiten eines Werkes, die sich aber ebensowenig in der Befindlichkeit subjektiver Lesesituationen erschöpfen mag, begibt sich ins Detail und geht aufs Ganze. Dieses Ganze ist das Buch selber, das als Maßstab dient. Nicht in der Pose des Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Feuilletonbetriebes funktioniert die Literaturkritik, sondern sie sichtet das Werk wägt ab, begibt sich in die Struktur, sie erzählt nicht, was uns denn der Autor nun eigentlich sagen wollte und legt zur Beruhigung die Sinnhorizonte frei oder bettet das Buch in den eigenen, meist doch eher bescheidenen Referenzrahmen ein, sondern Literaturkritik schreibt sich an ihrem Gegenstand entlang, schreibt ihn weiter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Manche lassen sich gerne von Literatur ergreifen oder fühlen sich von Gedichten mitgenommen. Kann man machen, bleibt aber in der Beliebigkeit des Meinens stecken. Wer keine anderen Gründe als seine kunstreligiöse Ergriffenheit dafür angeben kann, weshalb ein Buch oder überhaupt ein Kunstwerk als gelungen zu bezeichnen ist, und zwar jenseits der bloßen Wirkung auf Psyche und Körper, der hat dem Esser nicht viel voraus, welcher den Verzehr bei MacDonalds als kulinarischen Höhepunkt ausgibt. Gegen beide Positionen lassen sich Gründe anführen. Wer ästhetisch keine Sicht auf ein Kunstwerk zu entwickeln vermag, wer nicht zu klaren Sätzen und zu Analysen fähig ist, sollte keine Buchbesprechungen schreiben. Ästhetische Kritik und Essays zur Literatur können sich in ihrem Urteil irren, es mag am Ende ganz anders sein als angenommen. Aber ich irre lieber in einem Text, als daß ich den Salms des persönlichen Befindens absondere, wie und auf welche Weise ich ein Buch gelesen habe, was ich mir dabei dachte und wie sehr es mich ergriffen hat. Ich will schließlich auch nichts vom Klogang des Kritikers lesen oder wie er den Abwasch macht. Bücher können berühren, bewegen und die Sinne erschüttern. Die Frage ist nur, wie ein Kritiker dieses Moment, welches ich das somatische nennen möchte, aufnimmt und in eine Form bringt. Gute Kritik vermittelt den Moment des Subjektiven und die objektive Struktur eines Textes, seine Tiefenschichten und das Mehrdimensionale.
 

 
Jeglicher Kunst ist ein somatisches Moment eigen. Wer sie aber darauf reduziert und dieses Somatische für den Kitsch des schwelgenden Gefühls mißbraucht, um in der eigenen Blase der Subjektivität seine Triumpfe zu feiern, verfehlt nicht nur den Text, sondern am Ende auch das worauf so sehr gepocht wurde: nämlich das Subjekt selbst. Daß Literaturkritik zu einem Teil ebenso der Kunst angehört wie das Werk selber und Teil von ihr ist, wissen wir seit den Texten der Gebrüder Schlegel, und Walter Benjamin hat die Bedeutung der Kunstkritik in der Romantik in seiner gleichnamigen Dissertation dargelegt. Gute Kritik vermag das einzulösen. Sie ist in den Feuilletons und in der Blogwelt leider sehr selten zu finden. Soviel – so gut. Als knappe Vorbemerkung.

Weiterhin wurde am Donnerstag in einer stickigen, von Lärm erfüllten Halle der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Über den Charakter solcher Preisverleihungen sowie die Auswahlkriterien für Literatur läßt sich streiten. Der unvermeidlicher Hubert Winkels hielt die Eröffnungsrede. Der Preis in der Kategorie Roman ging an das Buch „Vor dem Fest“. Für Saša Stanišić freut es mich. Ich werde das Buch demnächst lesen. Erstaunt war ich freilich über den Ausgang beim prämierten Sachbuch. Ich hatte auf die Weber-Biographie oder auf Barbara Vinkens Buch zur Mode gesetzt. Diederichsens Buch über Pop ist zu elaboriert, da muß man sich beim Lesen anstrengen, das mögen die Leute nicht so sehr, wenn sie irgendwie von ihren eigenen Denkmustern abgebracht werden.

Stattdessen gewann Helmut Lethen für sein Buch „Der Schatten des Fotografen“ diesen Preis. Es trifft sich gut, daß ich dieses Buch gerade lese. Geschrieben ist es in der Tat auf eine sehr eigenwillige Weise: und zwar radikal vom Autor her als Subjekt des Wahrnehmens und des Schreibens, wie wir es im herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb selten kennen, wenn es um Bild- und Medientheorie geht. Über das Moment des Subjektiven möchte Lethen zum Grund der Bilder bzw. der Dinge vordringen, die von den Bildern in Szene gesetzt werden. Sozusagen eine Phänomenologie der Medien: Was liegt unter der Oberfläche der Bilder?, so fragt Lethens Buch, wie und auf welche Weise wechseln die Bilder das Medium, um zum Ausdruck zu gelangen? Ontologie der Dinge oder ist der Körper, der Blick, das Bild immer schon in der symbolischen Ordnung vermittelt, so fragt Lethen. Sein Wunsch ist es, das Objekt als solches freizulegen, einen Erfahrungsgehalt freizusetzen, den man, mit Adorno gesprochen, als die Freiheit zum Objekt wird lesen können. Ich bin im Augenblick in der Lektüre unschlüssig, wieweit solcher Blick vom Autor-Subjekt her bedeutsam ist oder aber ob er bloß das spiegelt, was sowieso schon ist und die Mechanismen von Wahrnehmung viel zu kurz schließt. Dies wird sicherlich demnächst meine Buchbesprechung zeigen, auf die ich schon einmal aufmerksam machen möchte.
 
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