Biographisch markiert – Heinz Bude „Adorno für Ruinenkinder“

Das klingt im Buchtitel verheißungsvoll, zumindest für Adorniten, für Bewohner des Grandhotel Abgrund und auch für Leute jener Generation, die Adorno in Frankfurt in den Vorlesungen erlebten, um dort dialektisches Philosophieren im Sinne der Kritischen Theorie zu lernen. In Romanform ist dieser Adornobezug übrigens schön nachzulesen in Gisela von Wysockis feinem Buch „Wiesengrund“ – eine herrliche Lektüre, ein kluges Buch, das ich jedem ans Herz lege. Adorno für Ruinenkinder also, aber das führt zugleich in die Irre, denn es handelt sich bei Heinz Budes Buch keineswegs um eine subtilen Einführung ins Denken Adornos, sondern Bude bieten anhand von fünf unterschiedlichen Menschen einen Rückblick auf jene 60er Jahre, wie sich die Sache aus dem Abstand heraus perspektiviert, Frauen und Männer, darunter auch Peter Gente, der inzwischen verstorbene, ehemalige Verleger und Gründer des Merve Verlags. Ihn kennen wir bereits aus Philipp Felschs Der lange Sommer der Theorie. (Rezension hier.) Oder Klaus Bregenz, der bei Adorno am Institut studierte, für die politische Ökonomie zuständig war und eines der wenigen Arbeiterkinder. Oder Adelheit Guttmann, Radiofrau mit feministischem Einschlag der 68er: Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des SDS 1968 in Frankfurt.

„68 hießt nicht, das Ganze zu begreifen oder die Welt zu ändern, sondern seinem Sehnen nach Weite (…) Ausdruck zu verleihen. 68 ist nicht Weltveränderung, sondern Selbstveränderung. (…) In dieser Version von 1968 sind die Doors wichtiger als Adorno.“

Budes Buch ist, wie er selber schreibt, ein Remix seiner Untersuchung Das Altern einer Generation aus dem Jahr 1995, es ist insofern ein schmales Buch, weil es komprimiert die Bezüge zusammenfaßt, und es bietet uns in kompakter Form verschiedene Geschichten und Perspektiven. Es liest sich schnell, es ist unterhaltsam – im Grunde ein längeres Zeit-Dossier. Ob ich es empfehlen kann? Wer sich für diese Epoche im Detail interessiert, wird hier nette Geschichten finden. Großartige Neuentdeckungen sind jedoch nicht zu erwarten. Es ist also eher ein Buch für nebenbei und aufs Jubiläum hin konzipiert. Aber das macht im Grunde nichts, denn das Buch ist unterhaltsam. Wer allerdings etwas über jene wilde Zeit der Theorien lesen will, ist mit Felschs Buch besser bedient. Wer sich an einem oder an zwei Abenden auf dem Ohrensessel mit dem guten und lange gelagerten Rotwein anregen lassen oder wer schwelgen, rückblicken oder sich erinnern will, wie das mal war, kann zu Bude greifen. Ich liefere ein paar Perlen aus dem Buch:

„Wenn im Morgengrauen in der Adalbertstraße der Blick auf die Mauer am Ende der Sackgasse fiel, erschien die Dialektik, nach der immer und überall der Widerspruch die Dinge nach vorne bringt, mit einem Mal als eine Neurose des Geistes.“

So Peter Gentes über seine Zeit in Berlin-Kreuzberg, und solche verdichtete Szene beschreibt sicherlich ganz schön diesen Aufbruch in die 80er Jahre, weg von 68, und das ist natürlich melancholisch-kitschig-schön. Tempi passati. Weg vom Elend der Theorie oder wie es in anderem Kontext Botho Strauß schrieb, daß ohne Dialektik der Mensch auf Anhieb dümmer denke, aber es müsse sein: ohne sie. Doch dieses Zitat wird meist unvollständig wiedergegeben und erhält durch das, was davor kommt, einen anderen Bezug – auch im Sinne von Budes Essay:

„Heimat kommt auf (die doch keine Bleibe war), wenn ich in den ‚Minima Moralia‘ wieder lese. Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde, noch zu meiner Zeit! Es ist, als seine seither mehrere Generationen vergangen.
(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muß sein: ohne sie!)“
(Botho Strauß, Paare, Passanten)

Dieses tiefe Denken, ein Denken der Kritik, in dialektischen Figuren der Aufhebung wurde mit dem Poststrukturalismus transformiert. Diese Haltung verkörpert auch das Zitat zum Aufbruch Ende der 70er:

„Der Punk brachte den Riss auf den Punkt. ‚No future!’‘war weder als geschichtsphilosophische Trauer noch als gesellschaftliche Anklage gemeint. Es ging um die Behauptung einer Gegenwart, in der sich die Frage des Daseins stellte.“

Ganz der Augenblick also, Lust des Moments, woraus sich dann später in de Hochzeit der Postmoderne der späten 80er, in seiner Trivialform eine Art Ästhetik der Existenz ableitete, die freilich mit Foucaults Denken nicht viel mehr gemeinsam hatte. Was alle in diesem Buch beschriebenen Charaktere eint: Theorie war ein Weg heraus. Heraus aus dem Mief, heraus aus der restaurativen Phase, um Gesellschaft und ihre Mechanismen zu begreifen und vor alle mit kritischem, wenn nicht argwöhnischem Blick zu begleiten. Und Adorno war ihnen ein Wegbegleiter aus dieser Hölle, der Hölle einer Immanenz, einer deformierten Gesellschaft und die Hölle waren natürlich die anderen. Es ging ihnen mit Adorno wie in der Oper, heißt es in dem Buch, man verstand zwar nicht viel, konnte aber alle Passagen mitsingen.

„Über dieses rätselhafte Eigenleben der Gesellschaft konnte man sich in heiligen Büchern informieren. In Adornos Mimima Moralia zum Beispiel, das man als Brevier des Überlebens in Zeiten des Erfahrungshungers mit sich tragen konnte, oder in Lukács‘ Geschichte und Klassenbewußtsein, …“

Theorie als Rüstzeug und ein wenig auch, zumindest im Keim angelegt: Theorie als Pop, als Habitus, den man sich qua bestimmter Autorennamen zulegte. Was dann im Poststrukturalismus, der im Gente-Kapitel angerissen wird, voll ausgefahren wird. Theoriegeladene Nächte und Hedonismus, Punk und Foucault. Solche Aspekte streift das Buch auf eine anekdotenhafte Weise, vermittelt über die unterschiedlichen Biographien.

„Die Gummizäune der liberalen Presse“, so Bregenz, „und die legenden des Kalten Kriegs stabilisierten eine Gesellschaft ohne seelische Zukunft, die zwanghaft darauf bedacht war, dass die historischen Kompromisse der Nachkriegszeit nicht gefährdet wurden. Aber die ‚Risse in der Mauer‘ waren nicht zu übersehen.“

Geschichte ist auch ein Projekt der Generationen. Insofern nimmt Bude am Ende seines Buches ebenso die Enkel der 68er in den Blick. Von einem neuen 68 sei die Rede, so Bude. „Dieses akademisch gebildete Linkssein hat jedoch wenig mit Befreiung und viel mit Gerechtigkeit zu tun.“ Die Minderheit einer Minderheit wurde plötzlich als relevant entdeckt, was sich dann bis hin zu grotesken Detaildebatten aufsplitterte. So hat jede Generation ihr Dogma. Aber es gab noch andere Unterschiede zwischen den alten 68ern und einer neuen kulturalistischen Linken:

„Für sie findet zweitens die politische Willensbildung vor allem im Netz statt. Sie sind damit aufgewachsen, dass ein Tweet, ein Posting oder ein Snapshot eine Bewegung in Gang setzen kann, die plötzlich exponentiell wächst und zu ganz realen Aktionen auf Plätzen, bei Festivals oder um die Ecke führt.“

Wobei Bude hier unterschlägt, daß daraus genauso das Verhängnis der Shitstorms und der unreflektierten Bezugnahme aller auf alles erwuchs. Damit einher ging die Entropie von Bedeutung. Aber dieser Aspekt der Beschleunigung ist ein anderes Thema. Zu recht allerdings weist Bude auf die absurden Auswüchse einer Kultur hin, die sich in Triggerwarnungen, victimhood-culture, safer spaces für Heulsusen (ist meine Wortwahl nicht die Budes) und einer Karikatur von critical whiteness in moralischer Überheblichkeit eingeigelt hat. Mit Jonny Thunders kann man diesen Gestalten nur zurufen: „Born to lose“. Mehr Punk, mehr Politische Ökonomie, mehr Kunst, weniger Moralspackotum

„Bei diesen Enkeln der 68er handelt es sich offenbar um eine Generation von rigoroser Empfindlichkeit, medialer Versiertheit und affektiver Mobilisierbarkeit“

Von der Kritik des falschen Lebens im Falschen geht es zur Gesinnungspolizei, die das richtige Leben im falschen installieren will. Mochte es schon bei Adorno auf Unverständnis gestoßen sein, wenn man seine Texte als Parolen auf Universitätswände schrieb, so haben wir bei jenen Neu-Puritanern eine Wendung, die kaum noch etwas mit einem ursprünglichen Sinn von Linkssein zu tun hat, wie ihn die 68er verstanden. Auch darauf deutet Budes Buch knapp. Auch hier wieder tritt jener Aspekt auf – Bude spricht leider nicht darüber, sondern deutet es allenfalls implizit an –, weshalb linkes Denken sich vielfach marginalisiert hat und eine Angelegenheit für Minderheiten wurde. Partialgruppen, die Partialinteressen vertreten, was nicht per se falsch ist, dabei aber das Ganze und gesellschaftliche Mechanismen zunehmend aus den Augen verlierenend. Mehr Hegel, mehr Marx, mehr Derrida – den vor allem textimmanent gelesen und nicht zum Gewährsmann aufgeplustert – täte in diesem Falle gut. Aber das ist eine andere Sache und wird nur am Rande als Thema des Buches verhandelt.

Das ist ganz interessant und ein gutes Experiment: Bude läßt in einem fiktiven Spiel die Protagonisten auf diese neue, diese andere diese jetzige Zeit blicken. Wie sie diese neue Weise des Protests interpretierten:

„Peter Gente würde diesen neuen puritanischen Ernst, der nichts kostet, vermutlich lächerlich finden, Adelheit Guttmann würde die Bereitschaft vermissen, sich woandershin aufzumachen; Klaus Bregenz würde wohl mit Adorno einwenden, dass das sich selbst schützende Subjekt, das sich in absoluten Gegensatz zur Gesellschaft versteht, nur deren innerstes Prinzip zum Ausdruck bringt; …“

Schön ist die Aufmachung des Buches, sie erinnert, allerdings nur dezent, an die Bände der Bibliothek Suhrkamp, insbesondere an Adornos weiße Minima Moralia. Nur daß die schwarze Banderole bei Bude farbig ist – von Dunkelrot bis Orangensaftgelb.

Und so können wir zwar nicht diese Epoche, aber doch den Weg, den Bude mit uns Lesern schreitet, mit einem Zitat abschließen:

„68 dauerte, wie Peter Gente unmissverständlich darlegte, im Grunde nur einen Sommer lang. Die Vorgeschichte mag zwar um 1964 begonnen haben, aber 1972 oder, wenn man großzügiger ist und den Terror des Deutschen Herbstes dazunimmt, spätestens 1977 war die Geschichte vorbei.“

Die Zeiten mögen vorbei sein. Aber Geschichte dauert eben in ihren Deutungen. Adorno für Ruinenkinder mag in dieser Hinsicht kein besonderer theoretischer oder praktischer Wurf sein, und das Buch wirkt leider wie eine auf die Schnelle nochmal in der Zweitverwertung aufgerührte Speise, weil halt gerade Jubiläum ist. Aber als Anekdote dann doch auch wieder ganz nett lesbar. 1968 war, wie es Paul Veyne in dem Buch bemerkt, das letzte heiße revolutionäre Ereignis und die erste coole Revolution. Der Protest aus dem Geist des Pop eben, so möchte ich hinzufügen. Daß Adorno damit nicht viel anzufangen wußte, verwundert nicht.

Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968, Carl Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446259157, gebunden, 128 Seiten, 17,00 EUR

Achtundsechziger Geschichtszeichen (2). Bilderwelten: „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“

„Wer die rote Fahne schwingt, wird dadurch so wenig zum Proletarier wie zum Sadhu wird, wer ein Krishna-Poster an die Wand hängt.“ So formulierte es sardonisch der Rechtskonservative Caspar von Schrenck-Notzing. 68 ist ein Geschichtszeichen, ein Ereigniswort und ein Reizwort bis heute. Aber auch viel Mythos schwingt darin mit, was eben bedeutet: erzählte Geschichten, gestrickte Legenden, manch Tragisches. Manches auch voll Komik: „Wer zweimal mit derselben pennt …“. Man probierte und merkte, daß in dieser vermeintlichen Freiheit doch nicht alles so rund lief wie erträumt. Vorrecht der Jugend eben, Fehler zu machen. Rebels Without a Cause gab es zahlreiche und schon lange vorher, insofern ist dieser Aufstand kein Phänomen bloß der 68er, vielmehr knüpften sie an eine bereits bestehende rebellische Jugendkultur an und transformierten das ins Politische. Doch ihr Protest war zugleich auch Rock’n’Roll. Die USA-Dialektik will ich hier gar nicht aufmachen, weil sie falsch ist. Man kann natürlich die Politik eines Landes kritisieren und trotzdem von ihrer Kultur fasziniert sein. Gerade die der Musik. Weshalb zur Epoche 68 nicht nur eine Polit- und Gesellschaftsgeschichte gehört, sondern ebenso eine der Musik. Und sicherlich gab es in diesen Jahren eine sehr viel stärkere Kluft zwischen den Generationen als in den nachfolgenden Jahrzehnten. Wenn Vater wie auch Sohn beide „Feine Sahne Fischfilet“ hören, wenn Mutter und Tochter beide Tocotronic-Songs in ihrer Cloud haben, so hat sich was verändert.

In seinem neuen Buch nannte Heinz Bude diese Generation, die da antrat, die Welt zu ändern und nicht nur zu interpretieren, Ruinenkinder – in Anspielung auf einen Text von Rolf Dieter Brinkmann. Denn genau so wuchsen viele von dieser Generation auf, die in den 40er Jahren geboren wurden: entweder mitten im Krieg geboren, im zerbombten Deutschland, Kinder auf der Flucht, oder in den unmittelbaren Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, in den Ruinen und in Trümmern spielend. Insofern ist das für diese Generation eine treffende Bezeichnung:

„Ruinenkinder, Bombensplitterkinder, ja, Todessplittereisen haben wir, jeder auf seine Art, gespielt, und die frühe Kulisse waren aufgerissene Straßen, abgedeckte Häuser, brennende Ruinen – lange her und in der ersten Zeit des Lebens, des Sehens, der Neugier, der ersten halbbewußten Wahrnehmungen versiegelt, eingeschlossen, nämlich was?: Trümmer, zerrissene Häuser, Betonbrocken, Brandphosphorbomben und blaue Narben am Körper eines Spielkameraden – …“ (Brinkmann, Rom, Blicke)

Brinkman wurde 1940 in Vechta geboren, im selben Jahr wie Rudi Dutschke, Uschi Glas im Jahr 1944, am 1. März, mancher kennt sie noch aus „Zur Sache Schätzchen“, von May Spils, ebenfalls aus dem Jahre 1968. Die Filmkomödie atmete viel von jenem unkonventionellen Geist dieser Jahre, ebenso aber jene legendäre Serie „Der Kommissar“ mit Erik Ode, die 1968 ihren Anfang nahm und 1975 endete. „Der Kommissar“ griff kongenial die Probleme und Fragen zur Zeit auf, in einer politisch oft trivialen, filmisch aber nicht ganz uninteressanten Form – in dramatischem schwarz/weiß zudem, wie die Bilderwelt dieser Zeit in der BRD meist war, herrliche Dialoge und teils eine avancierte Kameraführung.

„‚He, ich bin/im Krieg geboren‘“

So heißt es in einer Zeile in dem Gedicht „Westwärts, Teil 2“. Zwar spricht da ein lyrisches Ich, aber das ist auch so ein typischer Zug an Brinkmann und an jener Zeit um 68: daß da ästhetisch keine Differenz mehr zwischen einer Autobiographie, einer subjektiven (lyrischen) Impression und einer literarischen Fiktion eröffnet wird. Insofern bleibt es teils im vagen, ob es sich bei Brinkmann um eine Autorenrede handelt oder um eine (lyrische) Fiktion – zumindest wenn man das Schreibprinzip jener Jahre zuspitzt und auch die dokumentarischen und zugleich schnappschußhaften Photographien in „Westwärts 1&2“ mit berücksichtigt, ist das eine interpretatorische Möglichkeit. Brinkmanns „Rom, Blicke“ – ebenfalls mit Photographien angereichert sowie mit Bildern, Postkarten, Pornos – wie auch Bernward Vespers On-the-Road-Lebensbeschreibung „Die Reise“ sind wohl mit die ausdrucksstärksten Texte für jene Art der Literatur, die in den frühen Siebzigern unter der Rubrik „Neue Subjektivität“ firmierte und die viel mit jenen wilden Jahren zum Ausklang der 60er zu tun hat – vom Tod der Literatur, der in jenen Jahren ausgerufen wurde und der als Topos und Gestalt für eine neue Kunst die Runde machte, ganz zu schweigen; ein gescheitertes Konzept freilich, auf das ich ebenfalls noch zu sprechen kommen müßte. Vom Tod der Literatur zum Tod des Märchenprinzen ist es leider ein konsequenter Weg. Da es sich in dieser losen Serie aber um kein Buch handelt, müssen diese Fragen deshalb auch gar nicht so sehr systematisch angepackt werden, sondern ich händele diese Gedanken als eine Streuung.

Einiges von diesem Mythos 68 und von den gestrickten Legenden entzaubert Martin Stallmanns Medienstudie Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998, letztes Jahr im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Und da es sich um eine Dissertation handelt, ist das Buch in den Belegen faktenreich und wenig spekulativ gehalten. Manch hübsches und gerne gepflegtes Vorurteil darf man nach der Lektüre getrost abbauen. Triebkraft etwa beim Wandel im Umgang mit dem 3. Reich waren nicht die primär die Studentenproteste, sondern vielmehr die bereits lange vorher stattfindenden „spektakulären NS-Prozesse zwischen 1958 und 1965, die Bundestagsdebatten um Verjährung von Mord und Totschlag in den Jahren 1960/61 und 1965 sowie die breite dazugehörige Medienberichterstattung.“ Präsent war das Thema also schon lange vor den Studentenunruhen. Die Studenten griffen freilich das, was als Geist der Zeit bereits in der Luft lag, auf und spitzten es zu. In diesem Sinne fungierten sie als Verstärker, aber es waren nicht die Studenten, die diese Debatte initiierten. Weiter heißt es bei Stallmann:

„Ihre schrille Rhetorik und Aufmerksamkeit erregende Protestaktionen verwiesen zwar auf die Kontinuitätslinie zwischen nationalsozialistischer Zeit in der Bundesrepublik, standen laut Wilfried Mausbach ‚einer angemessenen Aufarbeitung allerdings im Wege.‘ Gleichwohl haben sich Protestakteure der späten 1960er Jahre intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und auch zur wissenschaftlichen Diskussion beigetragen. Dies geschah jedoch verstärkt in späteren Lebensphasen – vor allem ab den frühen 1980er Jahren.“

Stallmann untersucht das konkret an Dokumenten und kratzt damit an mancher Legende. Von einer „Erfindung von ‚1968‘ spricht Stallmann, weil es sich bei dieser „68er-Generation“ um eine narrated community handelt, also eine Angelegenheit, die sich ganz wesentlich durchs Erzählen und über mediale Vermittlung konstituiert. In diesem Kontext stellt Stallmann fest, daß sich der Begriff der 68er erst Ende der 70er Jahre herauskristallisierte und zudem mehr und mehr zu einem Generationsbegriff wurde. (Daß der Begriff 68er politisch sowieso ungenau ist, darauf deutete ich im letzten Teil der Serie: Denn der Protest begann weit früher und spätestens mit dem 2. Juni, dem Mord an Benno Ohnsorg lief er zum Höhepunkt auf. Im Grunde ist die Chiffre 68er eher schon ein melancholisches Verwehungszeichen.)

Was aber bewegt uns an dieser Zahl heute noch? Was den Betreiber dieses Blogs? Ich bin, von der Generation her kein 68er, viel zu spät geboren und selbst noch für den Anfang des Punk 1976 zu jung, um das angemessen zu begreifen, aber doch prägten uns diese 68-Leute, die da nach dem großen Aufbruch von den Universitäten an die Schulen und von den Fachschulen an die Kindergärten kamen. Die linken Lehrer mit ihren Ideen und Idealen, was sich bis in die 80er Jahren mit Anti-AKW-Protest und Protest gegen den Nato-Doppelbeschluß sowie Friedensbewegung manifestierte, ihrer legeren Kleidung, teils kluge Köpfe darunter, belesen und sprachlich brillant, genauso aber mancher Blender, es gab, zumindest für mich und ich denke, für einige andere auch, eine Freiheit im Lernen, wie sie vorher in dieser Form nur bedingt existierte. Da wurde in der Erziehung eine Tür geöffnet und es kam ein frischer Wind, der nötig war, bei mancher berechtigten Klage über den Formverfall von der Seite unserer konservativen Freunde. Aber wie wir Dialektiker wissen, setzt Form immer auch einen Inhalt voraus. Die bloße Form als Form bleibt leer und regrediert zum Fetisch. Das wissen viele der Rechtskonservativen nicht. (Ein guter Konservativer ist sich seines Hegels wohl bewußt. Aber da kommen wir in andere Gefilde und wir schreiben heute und hier nicht von der Ritter-Schule.)

Zugleich aber stellte sich mit diesem Wandel auch eine Kultur des unendlichen Auslaberns ein. Das Fehlen intellektueller Strenge. Aber all dies sind subjektive Aspekte, jeder aus der Generation der Mitte der 60er bis Mitte der 70er Geborenen erzählt eine andere Geschichte, hat eine andere Vita. Mit Kindergarten, Kinderladen und Schule, und man müßte genauso davon schreiben, wie diese Zeit in der DDR wahrgenommen wurde, was da anders oder ähnlich lief. Ich hatte das unendliche Glück auf ein linkes und zugleich liberales Gymnasium zu gehen. Ich würde gerne von diesen wunderbaren Jahren schreiben, die mir eine Entwicklung und eine Freigeistigkeit ermöglichten, die ich woanders womöglich nicht gefunden hätte. Aber wer kann schon hellsehen, was unter anderen Bedingungen, vielleicht im Strauß-Bayern, aus ihm geworden wäre? All das zumindest sind für uns, die wir in diesen Jahren geboren wurden, nolens volens und für jeden unterschiedlich, die unmittelbaren Nachwirkungen von 68. Einfache Thesen lassen sich daraus nicht ableiten. Und wir blicken inzwischen auf fünfzig Jahre zurück, sind nun in dem Alter, in dem damals noch nicht einmal unsere Lehrer waren, die nun alt oder auch schon tot sind. Dieses Denken hat insofern auch eine ästhetische und eine melancholische Perspektive, weil sie vom Vergehen der Zeit und von unserer Endlichkeit handelt. Deshalb sind solche Jubiläen und Gedenktage als eine Form des An-Denkens wichtig.

Heinz Bude schreibt in Adorno für Ruinenkinder (Rezension folgt im nächsten Teil) in bezug auf unsere individuelle Biographie und unser Verhältnis zu dem, was mal unsere rebellische oder unsere jugendliche Gegenwart war und was inzwischen die Vergangenheit ist:

„Weil wir aber mit unserem kontingenten Leben nicht allein dastehen wollen, suchen wir nach Resonanz bei den ungefähr Gleichaltrigen, bei denen wir ähnliche Bedingungen und Verläufe feststellen können. Für dieses ‚übertriebene Wir‘ der Generationen, wie Julia Kristeva in den Erinnerungen an ihr 68 formuliert hat, stellen sich in fortgeschrittenem Lebensalter mit einer gewissen Unabweislichkeit die Frage, was von uns bleibt und was mit uns verschwindet.“ (Bude, Ruinenkinder, S. 116)

1969 waren die Achtundsechziger vorbei. Die Träume der Revolution waren ausgeträumt, es begann mit den 70ern entweder ein langer Marsch durch die Institutionen, andere machten sich auf den Weg in den Exzeß der Innerlichkeit, auf nach Indien oder in die „Windungen des German Ableitungsmarxismus“. Andere fanden den Weg in den bewaffneten Untergrund, es folgte, mit Hölderlin gesprochen und wie dann 1981 ein Film Margarete von Trottas auch hieß, die „bleierne Zeit“. Andere wurden irre und nahmen Pillen, wie Bernward Vesper, in den 60er Jahren der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin. Er starb 1971 in Hamburg. Ob die Chiffre 68 mit dem Deutschen Herbst ihre Unschuld verlor, bleibt dahingestellt, denn zu vielfältig waren die Aspekte, die mit jenen Jahren verbunden waren. Zumindest verdichtete sich diese Chiffre 68 in den medialen Diskursen der späten 70er Jahre zum Zeitzeichen, oft, vor dem Hintergrund der RAF-Angriffe auf den Staat, als Menetekel, im Kontext des Deutschen Herbstes, der für Skepsis sorgte. Stallmann schreibt auch darüber in seinem Buch. Die Toten der Nomenklatura: Buback, Ponto, Schleyer. Die Toten von Stammheim; Bader, Ensslin, Raspe. Die vielen nichtgenannten Toten: die Fahrer der Wagen, Polizisten, und Benno Ohnsorg sowie Rudi Dutschke, der 4. Dezember 1979 in Aarhus in der Badewanne starb – auch eine Nachwehe jener Protestzeit. Aber Tote kann man nicht aufrechnen.

Genauso begannen mit den frühen 70ern und als Nachklang zu den 60ern jedoch die ersten Umweltbewegungen, die Platzbesetzungen von AKW-Baustellen und neue Formen des sozialen Protests und der sozialen Bewegungen – bis hin zur Gründung der Grünen. Verwiesen sei hier auch auf die zahlreichen Archive für Soziale Bewegungen, wo diese Zeit dokumentiert ist – von dem Archiv in Freiburg bis hin zu dem in Hamburg. Lebenswelt gegen Systemrationalität. Aber spätestens 1976/77 als Punk aufkam und davor schon, als die ersten Autonomen die Black Blocks bildeten, war es mit jener Zeit im Grunde vorbei, die wir im Rückblick oft als seligen Mythos verklären – manchmal arkadisch – oder aber von rechter und konservativer Seite (teils) generalisierend fürs Böse der Welt verantwortlich machten. Jedoch: Eine neue Generation trat an und das geht in manchen Phasen nicht ohne Kampf ab. In diesem Sinne war der Protest von 68 auch ein Väter-Söhne-Konflikt um die Macht. Der Punk stellt auch diese nicht mehr ganz so junge Generation infrage und amüsierte sich über Hippies. Der Begriff wurde zum Schimpfwort. Die letzten Hippies, so könnte man bösen sagen, waren Crass- und Slime-Hörer.

Und 1980, meine Zeit, meine Politik, meine erste Demo überhaupt, und zur Bundestagswahl mit Strauß als Kanzlerkandidat erscholl es im schwarzen Block in Hamburg, im August 1980, ich sollte eigentlich zur ersten Tennisstunde: „Buback, Ponto Schleyer: der nächste ist ein Bayer!“ In Hamburg starb bei jener Anti-Strauß-Demo am 29. August 1980 Olaf Ritzmann. Ritzmann war mein Jahrgang, dennoch trennten uns Welten. Vielleicht trennte uns auch bloß eine Polizeikette, so daß ich abends wieder nach Hause trottete und mir eine Kamera für Photos wünschte, um all diese Szenen irgendwie festzuhalten.

„1968 war getilgt, die achtziger Jahre konnten mit Helmut Kohl und dem Poststrukturalismus beginnen“ schreibt Heinz Bude. Sein Buch Adorno für Ruinenkinder werde ich in der nächsten Woche hier vorstellen.

(Teil 1 der Serie hier)


 
 

 
 

 
 

Die Photographien zeigen nicht die Stoppt-Strauß-Demonstration, sondern eine Solidaritätskundgebung für El Salvador, mit robustem Polizeieinsatz. (Etwa 1981)