Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (1)

Ich führe diese Sichtung Heideggers bzw. den Komplex „Heidegger und das Politische“ nicht als Selbstzweck durch und betreibe diese Lektüre nicht deshalb, weil ich das Feuilleton und bereits in anderen Medien Geschriebenes schlicht wiederkäuen möchte, um diesen Blog zu füllen. Sondern ich stelle mir immer wieder die Frage, wieweit in einem philosophischen Text die politischen Verstrickungen eines Autors bereits eingeschrieben sind – explizit oder implizit. Auch im Sinne einer Logik des Unbewußten. Zumal das Vokabular der Texte Heideggers manchem Aspekt der NS-Ideologie gefährlich nahe kommt. Adorno zeigte in seinem „Jargon der Eigentlichkeit“ auf polemische Weise recht gut auf, wieweit bestimmte Denkfiguren und Begriffe kontaminiert sind – nicht nur bei Heidegger selbst, sondern ebenso in dessen Umfeld und einige Stufen tiefer gelagert auf der Ebene der ganz gewöhnlichen Entschlossenheit der Volksgemeinschaft, die sich einige Jahre später dann mühelos in die kleinbürgerlich-akademische Gesellschaft der 50er-Jahre-BRD verwandelte und in hohen Ton, aber in anderer Verkleidung dennoch das Konservative weiter proklamierte. Jargon eben, der als Schmiermittel funktioniert, um die Interessen der Rackets in der „verwalteten Welt“ geschminkt oder ungeschminkt durchsetzen zu können.

Wie aber können Antisemitismus  – sei er nun seinsgeschichtlich gewirkt oder eher, wie bei Heideggers Frau Elfriede, Bewußtseinskonstante – und kleinbürgerliches Denken dennoch einen der bedeutenden philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts hervorbringen? Oder ist, wie Habermas schrieb, der Philosophie Heideggers der Faschismus qua einer bestimmten Begrifflichkeit und Denkweise bereits eingeschrieben, so daß die Biographie per se schon den Gehalt seiner Philosophie tangierte? Es ist diese Diskrepanz zwischen Text und Vita, die mich immer wieder zu dieser Frage hinzieht. Auch bei der Lektüre der „Schwarzen Hefte“. Gleiches gilt für die Haupttexte Heideggers und für seine Vorlesung. Vieles läßt sich in Heideggers Text kritisieren. Vieles jedoch bleibt im Text Heideggers faszinierend (ich schrieb darüber) und legt im Sinne eines fast schon dichterischen Sprechens, das Wahrheit nicht mehr nur als Aussagewahrheit kontextualisiert, die sich kommunikativ-mitteilend oder diskursiv vermitteln läßt, eine Dimension der Philosophie frei, die auf eine Dekonstruktion abendländischer Rationalität abzielt. Womöglich stehen sich in einigen Aspekten Ideologiekritik, Dekonstruktion und Heideggersche Destruktion näher als man für gewöhnlich denken mag, ohne daß freilich sich nun alles in eins und als dasselbe überführen ließe, denn dazu sind die philosophischen Voraussetzungen bereits zu unterschiedlich gebaut.

Ja, ja, durchaus – es ist vieles, fast alles bereits gesagt zum Komplex „Heidegger und der Nationalsozialismus“. Aber nicht ganz. Bisher galt bei jenen, die zwar Heideggers Haltung, sein Denken, sein Kleinbürgertum, seine heimattümelnde Politik, seinen Jargon des Eigentlichen und Ursprünglichen nicht teilten, aber dennoch nicht von vornherein von den Texten lassen wollten, die Differenz zwischen Leben und Werk. Das eine war jene opportunistische Lebensform eines zutiefst Konservativen, der vielfach Worte für jene Soldaten von Hitlers faschistischer Wehrmacht fand, die in der Sowjetunion in Gefangenschaft waren, aber kein einziges kam ihm über die Lippen, nicht der winzigste Ton zur Shoah. Dem doch wohl zentralen Ereignis des 20. Jahrhunderts, dem eine seinsgeschichtliche Dimension eingeschrieben ist, so daß es sich kaum wortlos ignorieren läßt. Das andere sind seine Texte, die in der Zeit des deutschen Faschismus und davor geschrieben wurden.

In den „Schwarzen Heften“ nun fanden sich Passagen eindeutig antisemitischen Inhalts, die zumindest andeuten, daß dem Seyns-Denken Heideggers bestimmte Figuren des Antisemitismus nicht fremd gewesen sind. Und so stellt sich die Frage, inwieweit sich Anzeichen eines solchen Antisemitismus ebenso in bestimmten Passagen seiner Texte finden, die in der Gesamtausgabe veröffentlicht wurden. Bisher gab es keine expliziten Hinweise darauf, daß nachträglich Texte umgeschrieben wurden. Andererseits gibt es keinen Einblick in die Editionspraxis der im Klostermann Verlag erschienenen Heidegger-Gesamtausgabe. Wieweit in der Abschrift der Handschriften Heideggers durch seinen Bruder Fritz bestimmte inkriminierende Stellen in weiser Voraussicht und opportunistisch mit Billigung Heideggers, der den Text gegenlas, vom Bruder getilgt wurden, bleibt im Dunkel, solange Forscher keinen Einblick in die Ursprungsmanuskripte nehmen können und dürfen, sofern diese noch zugänglich sind. (Kritiker dieser Kritik werden vermutlich anführen: „Diese Retusche geschah doch um der Sache des Denkens willen.“ Doch ganz so einfach gestaltet es sich hier nicht.)

Inzwischen jedoch scheint die Frage, wieweit bestimmte Texte in der Gesamtausgabe nachträglich bearbeitet wurden, aufgrund eines Textfundes im Literaturarchiv Marbach ein wenig anders sich darzustellen. Die „Zeit“ der Ausgabe vom 13. November 2014 berichtet darüber in einem Artikel von Eggert Blum. So entdeckte die an der Universität Siegen lehrende Wissenschaftlerin Sidonie Kellerer im Literaturarchiv Marbach Belege für eine solche Textkorrektur, sprich nachträgliches Beschönigen:

„Der 36-jährigen Philosophin Sidonie Kellerer ist es gelungen, eine solche Retusche an einem für die Nachkriegsrezeption Heideggers entscheidenden Punkt nachzuweisen. 1950 erschien im viel diskutierten Sammelband Holzwege Heideggers Vortrag über die Zeit des Weltbildes, den er 1938 in Freiburg gehalten hatte. Heidegger, bis 1945 Mitglied der NSDAP und darum bemüht, sich neu zu inszenieren, versucht darin, sein Publikum davon zu überzeugen, dass er schon zwölf Jahre zuvor die nationalsozialistische Weltanschauung öffentlich kritisiert und vor den Gefahren der modernen Technik gewarnt habe.

Sidonie Kellerer bekam Zweifel an dieser Version und untersuchte 2010 im Literaturarchiv Marbach, wo Heideggers Nachlass liegt, seine Manuskripte. Fassung eins, Fassung zwei, weitere Abschriften. Sie findet schließlich heraus, welche Version 1938 tatsächlich vorgetragen wurde. Das Ergebnis ihrer philologisch-philosophischen Kärrnerarbeit: Der 1950 in den Holzwegen veröffentlichte Text weiche in wichtigen Passagen vom ursprünglich gehaltenen Vortrag ab. Heidegger, so Kellerer, fügte hinzu, strich weg, formulierte subtil um – und verschwieg all dies dem Leser. So sprach er 1950 vom ‚planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen‘ und ‚von einer technischen Herrschaft über die Erde‘ – doch im Redemanuskript von 1938 steht laut Kellerer nichts davon.

Damit nicht genug. Verlangt Heidegger 1938 von den Deutschen, auf der Höhe der Neuzeit zu sein, die ‚entarteten‘ Formen der Subjektivität zu bekämpfen und sich dabei der ‚totalen Mobilmachung‘ und der ‚Züchtung‘ zu bedienen, so behauptet er zwölf Jahre später, er habe den Nationalsozialismus als Höhepunkt einer von der Technik beherrschten Moderne kritisiert. Auch in der späteren Gesamtausgabe findet sich kein Hinweis auf die Manipulationen.

Bei ihrer Arbeit im Literaturarchiv Marbach stieß Sidonie Kellerer noch auf eine weitere Geschichtsfälschung. Für seinen Vortrag Die Zeit des Weltbildes, so behauptete Heidegger nach dem Krieg (und so steht es auch in der Gesamtausgabe), sei er 1938 von der NS-Zeitung Der Alemanne heftig angegriffen worden, und die Universität habe ihn gegen diese Attacke nicht verteidigt.

Tatsächlich stimmt das Gegenteil. Die Universität hatte das Kampfblatt sehr wohl scharf gerügt und sich vor ihr NS-Dozentenbunds-Mitglied Heidegger gestellt. Kellerer kann dies anhand der Korrespondenz zwischen dem Pressesprecher der Universität und Heidegger nachweisen; aber der Briefwechsel, der das belegt, wurde ihr im Literaturarchiv Marbach nur versehentlich ausgehändigt, sie hätte ihn gar nicht einsehen dürfen, weil er bisher nicht in der Gesamtausgabe veröffentlicht wurde – und dort steht er auch weiterhin nicht auf dem Editionsplan.“

Diese Art einer nachträglichen Umschrift aus rein opportunistischen Gründen wirft zumindest einiges an Fragen auf, und der Artikel von Blum geht noch weiter, indem er zeigt, wie die Publikation von eindeutig antisemitischen Äußerungen Heideggers verhindert wurde. So stieß Marion Holz, Professorin in Siegen, im Archiv zu Marbach auf eine Mappe mit Seminarprotokollen, die ihr lediglich durch einen Zufall und „versehentlich“ ausgehändigt wurde. Es schreibt Blum:

„Die Mappe enthielt studentische, von Heidegger korrigierte und somit autorisierte Nachschriften. In diesem im Wintersemester 1933/34 gehaltenen Seminar propagiert Heidegger Nationalsozialismus, Führerstaat und Antisemitismus. Die Juden nennt er ‚semitische Nomaden‘, denen ‚die Natur unseres deutschen Raumes vielleicht nie offenbar wird‘.

Bis heute fehlt dieses Seminar in der Gesamtausgabe, und dabei soll es laut Verlag auch bleiben, weitere Seminare Heideggers sollen dort nicht mehr publiziert werden. Damit blieben auch die Unterlagen zu mindestens fünf weiteren Seminaren des NS-Dozenten Heidegger der Forschung versperrt. Sidonie Kellerer nennt das eine Zensur, die die Erforschung eines wichtigen Kapitels deutscher Geschichte blockiere.“

Die Bereinigung des Denkens um des puren und reinen Heideggerschen Seyn-Denkens willen tut der Philosophie Heideggers keinen Gefallen. Im Gegenteil. Es erzeugt sich auf diese Weise des Weißwaschens von Texten lediglich der weitere Vorbehalt. Erst wenn auch diese drastischen, antisemitischen, völkischen Passagen in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, wird man dem Umfang der Philosophie Heideggers, ihrem Antimodernismus, ihrem Ressentiment ebenso wie ihrer Tiefe bzw. ihrem Wahrheitsgehalt gerecht werden können: dem Teil, worin sie irrte und dort, wo sich fruchtbar anknüpfen läßt, indem Bedingungen einer Struktur freigelegt werden, die die abendländische Philosophie in ihren Ausprägungen maßgeblich bestimmte. Solche (kritische) Sichtung kann jedoch lediglich dadurch vonstatten gehen, indem sämtliche Texte Heideggers in einer kritischen, kommentierten Ausgabe öffentlich publiziert werden. Ebenso die inkriminierenden Passagen und solche, die nicht ins Bild zu passen scheinen.

So einfach, billig und reduktionistisch jedoch wie Roger Behrens in einem schmalspurigen Beitrag (im ansonsten durchaus anregenden) Webzine „Beatpunk“ vorgeht, Heidegger mit populistischer Geste insgesamt als Nazi ad acta zu legen, sollte man es sich als Philosophierender nicht machen. Es ist dies lediglich der Facebook-Attitüde des „Daumen hoch“, „Daumen runter“ geschuldet: Ausdruck verdinglichten Denkens eben und insofern das Gegenteil von Philosophie. Wer Philosophie lediglich an ihrem politischen Statement mißt und wieweit sie sich unmittelbar gesellschaftskritisch zu engagieren vermag, im Modus eins-zu-eins, verfehlt nicht nur die Philosophie, sondern ebenso die Politik samt einer grundlegenden Kritik der Gesellschaft. Gut kann man solche blickverengte Fehllektüre etwa an der Philosophie Nietzsche lesen: Nietzsche schlicht dem Faschismus zuzuschlagen oder ihn als Protofaschisten zu labeln greift nicht nur zu kurz, sondern ist schlicht dumm. Was nicht heißt, das Nietzsches Philosophie frei von solchen Passagen wäre. Dies zeigt etwa das Buch von B. Taureck, Nietzsche und der Faschismus (Junius Verlag) gut auf. Als Georg Lukács diesen sowie Schopenhauer, Schelling, Kierkegaard in seinem Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ allesamt des Irrationalismus zieh, schrieb Adorno, daß an dieser Stelle wohl eher die Vernunft Lukács zerstört gewesen sein mußte.

Im zweiten Teil mehr zu Heidegger.

Schwarzheftig Heidegger, Jazz und Kommunismus: „Glotzt nicht so romantisch!“

Das zumindest stand auf den Plakaten, die im September 1922 in den Münchener Kammerspielen zur Uraufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“ im Zuschauerraum des Theaters hingen. Sowieso, es naht der Herbst. Die ersten Blätter und so weiter. Im Prater blühn nicht mehr die Bäume. Na ja, noch tun sie’s. Rosen rot, Sommer tot. Die Tage werden länger, wer jetzt kein Buch hat, liest lange keines mehr. Und deutsch ruft der Wald: ’S ist Herbst, ’s ist Herbst, auf Wegen und Stegen, den Stege des Anfangs. Bereits vor einigen Tagen sah ich das erste angegilbte Blatt in einem unserer Bäume auf der Waldwiese. Und die ersten Blätter des Weins gehen ins Rot über, oder ist es der Efeu? Vielleicht scheint es im Schimmern der Sonne bloß so. Die Sonne steht flacher, Licht gegen Ende des August. Keine staubigen, stickigen Seitenstraßen. Ich liebe die Zeit, wenn der Sommer vorbei zieht und nachts die Kühle aus den Gräsern und Gräben steigt. Und die weißen Nebel wunderbar… Eine schöne Textzeile aus einem berührenden Lied. [Aber alles, alles ist so hundertmal totzitiert, jedes Schöne wird vernutzt, weil es von Arschlöchern und Dumpfbatzen wiederkaue[r]nd (nicht käuend! Aber das vielleicht auch) im Munde gedreht wird.] Ich mag den Herbst, den Winter, und ich mag es nicht, wenn Menschen in Blogs ständig bekunden, was sie mögen oder nicht mögen. Es langweilt so unermeßlich. Kriminell gutes Schreiben ist selten. Aber es blüht immerhin noch das gute alte Kunstgewerbe und das reichlich. Der traute Ton. Am liebsten wieder das zu beleben: 100 Zeilen Haß – jene zuweilen lustige Kolumne von Maxim Biller im „Tempo“. Nichts darf gerinnen und nichts sich verfestigen. „Bücher der Unruhe“. Alles in den Malstrom ziehen, in den Spott. Ich sitze gemächlich im Café, könnte eine Geschichte anfangen. Könnte, könnte, könnte. Humorloser Lebensranz. Einige dieser Tage.

In der Kuhwärme der Blogwelt (samt Stallgeruch) grenzt die Sucht nach dem schönen Wort dicht an die Produktion des Kitschs:

Mir ist so warm und wunderlich
Doch all die Reime? Mag ich nicht!

Die dornichten Pfade der Kritik: Lieber Immanuel, laß mich niemals den Text vergessen. Diese Theorie der Erkenntnis. Die Arbeit der Urteilskraft und die Einbildungskraft als produktives Vermögen. Aber wer denkt, betet nicht.

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Der Riesling schmeckt muffig. „Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick“ läßt Goethe seinen Faust sprechen. Ich lese Heideggers „Schwarze Hefte“ und frage mich immer mehr, was das alles soll und wohin das geht. Teilweise in den schlimmen Kitsch gerinnende Afterpoesie: „Uns fügend in die Fuge des Seyns//stehen wir zur Verfügung den Göttern. Die Besinnung auf die Wahrheit//des Seyns ist das erste Beziehen/des Postens der Wächterschaft//für die Stille des Vorbeigangs//des letzten Gottes.“ Das ist lange schon kein Dichten und Denken mehr oder der Versuch in Sprache das einzubringen, was sich schwierig aussprechen läßt. („Sagt es niemand, nur den Weisen …“ kennen wir von Goethen) Gut: es sind das Notizen aus Heften, mag man verteidigend sagen. Der Versuch der Philosophie, von einer anderen Sprache her einem Gebiet sich zu nähern – ohne Karte und Kompaß: Fahrt aufs Meer und vom brandenden Ozean geschrieben. Wir kennen diese Seefahrer-Metapher insbesondere aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Können Notizen und Skizzen eine ganze Philosophie desavouieren, sofern man nicht bereits vorher mit einer großen Portion Skepsis sich Heidegger näherte? Dazu lese ich im Beipack Peter Trawnys „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“. Eine ausgewogene Kritik, was Heideggers „antisemitische Ideen“ betrifft, die „die ‚Geschichte des Seins‘ belagern“.

Das Ontologische befleckt sich am Ende sehr ontisch, und das vorgeblich reine Seyn: Kontaminiert von der kruden Empirie. Mit dieser Kritik kennzeichnete Adorno im „Jargon der Eigentlichkeit“ und in den entsprechenden Passagen in der „Negativen Dialektik“ Heideggers Denken bündig und bringt triftig den Geist der Zeit auf den Begriff, der zu dieser Zeit in bestimmten Kreisen des Anti-Modernen „Die Juden sind an allem Schuld!“ hieß: rechnende Machenschaften. Nichts Besonderes im Grunde – nur der Antisemitismus des durchschnittlichen deutschen Konservativen, der denkend dümpelt. Fast Wagnersch alliteriert. [Ich mag’s ja doch, wenn‘s funkelt. Und sei’s nur aus dem Arschloch der Geschichte.]

Heidegger ist in diesen Notizen kaum der Denker des Seins. Eher sein ontischer Schamane. Man kann, sofern man ihn liest, Heidegger einzig gegen Heidegger lesen, wer seine Werke studiert, muß einen Strang des Textes herausdestillieren, der nicht mehr der Ton Heideggers ist, sondern in einer dekonstruktiven Lektüre das Andere der abendländischen Ratio ans Licht bringen: einen Subtext, ein Ungedachtes, Unbewußtes: Heidegger, mit Freud und Lacan gelesen. Aufs Sofa gestreckt assoziierend, was freilich dann wieder in Bahnen des Begriffs kommen muß, denn schließlich sollte mit der Kur irgendwann Schluß sein, um, wenn nicht als geheilt, dann wenigstens als entlassen betrachtet zu werden. Eine Sprache, die ausgreift. Aber nicht im Nebelton gedichteter Philosophie, die keine mehr ist, sondern das Verstummen jeglicher Kritik bedeutet. Dann mag sich daraus so etwas wie ein Funke schlagen lassen. Heideggers Texte sind nicht antimodern, sondern in ihrem Ton vielfach schlicht regressiv.

Ich würde durchaus zur Lektüre der Heideggerschen Texte raten. Und ich frage mich, weshalb mich dieser Ton, dieses Denken in bestimmten Konstellationen fesselt und in den Bann schlägt. Vielleicht ist es der Funke des Geheimnisses, der schimmert. Daß im Extrem ein Moment von Wahrheit steckt. Vom Text, vom Fall Heideggers läßt sich lernen, wie man sich auf akademisch ungewöhnliche Weise in der Philosophiegeschichte bewegen kann; ebenso wie auch die Leipziger Vorlesungen zur Philosophie von Bloch oder die Frankfurter von Adorno – wenngleich von Gehalt und Struktur her ganz anders – bleibt Heidegger ein anregender Lehrer, der vorführt, auf welche Weise man sich der Philosophie nähern kann. Zugleich jedoch zeigt der Text Heideggers, wie man unter Absehen von jeglicher Geschichte auf keinen Fall philosophieren sollte. Mag die abendländische 2000-jährige Moderne durch die Seinsvergessenheit gekennzeichnet sein, so ist es die Heideggersche Philosophie durch die Geschichtsvergessenheit.

Gerade dort, wo im Denken ganz und gar gegensätzliche Strömungen sich einstellen und zusammenfließen, wie die dialektisch-kritische Philosophie von Hegel, Marx, Adorno sowie Benjamin und andererseits die dis-kontinuierliche von Nietzsche, Heidegger, Lacan, Foucault und Derrida, die beide in gewisser Weise ihren Reiz ausüben – die eine sicherlich stärker als die andere – frage ich mich, weshalb das so ist und woher das rührt. Die Gegensätze zusammen und in eins zu bringen, ohne sie unterschiedslos zu vermischen, sondern sie in ihrer Differenz zu bewahren, so riet Jacques Derrida einem seiner Schüler, um sich über diese eigenwillige Wahl ganz und gar gegensätzlicher Themen, die zueinander passen wie Fuchs zu Igel, ohne jegliche Wertung Rechenschaft abzugeben und zu befragen, weshalb und was das ist. Am Ende laufen diese Bewegungen immer auf die Frage hinaus, was die Philosophie sei: eine akademische Veranstaltung, welche die Positionen des Faches sichtbar macht, die Fähigkeit zur Kritik oder das Denken eines anderen Zustandes? In jedem Falle aber ist die Philosophie die Arbeit und nicht das Gären des Begriffes. Solche Absage ans Geschwätz heißt nicht, daß Philosophie sich der Schlichtheit verschreibt und einfache Wahrheiten postuliert, die dem gesunden Menschenverstand genehm sind oder daß sie (die Philosophie ist in der Tat ein Weib!) ein Programm hat, das gerne wahre Sätze und fromme Worte findet.

I‘m Coming Virginia.

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Adorno, Heidegger, Derrida. Philosophie und Denken nach Auschwitz

Ich schrieb es mehrfach schon: Schade ist es, wenn eine ausführliche Antwort auf einen Kommentar, wenn ein Text, angeregt durch einen Kommentar, für nichts und im Nichts, im Strang der Kommentare stranguliert wird, untergeht und schwierig nur auffindbar ist. Das Privileg des Bloggers ist es, eigene Texte und Essays schreiben zu können. Anders als die Kommentatorinnen und Kommentatoren – mögen deren Beiträge zur Philosophie noch so gelungen sein. Am Ende aber, im Fluß der Lektüren und der sich verwebenden Texte gehen im Dickicht der Einträge auch die Blogbeiträge selber verloren. Ein Thema ist tot und abgelebt und wie es im Feuilletongeplauder der Tage so geht, kommt ein neues Thema, dem ich mich schreibend nähere. Doch zurück zu Heidegger. Zu einem Teil antwortet dieser Eintrag einem Kommentar von Viktor. Ja, es gibt diese Irrwege, insbesondere dort, wo sich das Engagement mit der Philosophie paart. Davon wissen einige Philosophen ein Lied zu singen. Und diese Lied hat manchmal viele Strophen.

In der Diskussion um Heidegger und den Nationalsozialismus sind, was Heideggers Biographie betrifft, die wesentlichen Punkte genannt und gesagt, darin gebe ich Viktor Recht. Abzuwarten ist, was Heidegger in jene „Schwarzen Hefte“ schrieb. Es bleibt aber im Gang der Debatten jener Aspekt der Geschichtsphilosophie als eine Art Rest übrig. Zu all dem hier im Blog über die Politik Heideggers Geschriebenen allerdings läßt sich die Perspektive erweitern, indem man in Heideggers Texte (noch einmal, als Rekurs, oder überhaupt erst) einsteigt und darin einerseits einen Aspekt der Philosophie findet, der weitergedacht werden muß und zugleich das Befremdende mitliest, wie in „Wozu Dichter?“ und ebenso in anderen Texten: solche Passagen, die in einer Sprache abgefaßt sind, die das – höflich geschrieben – rechtsaußenkonservative Moment an Heideggers Denken signalisieren. Jener Punkt, an dem Heidegger sein eigenes Denken nicht mehr verstand und in den Blick bekam. Seinsvergessen. Aber diese Lektüre des Textes von Heidegger ist Detailarbeit – im Hinblick auf die Politik Heideggers, jene „Fiktion des Politischen“ stehen die Grundzüge der Diskussion wohl fest. Was ich in Heideggers Text immer wieder lese: Wie sehr das Ontische, das Faktische in die vorgeblich ontologische Dimension hineinspielt. Diesen „Jargon“ stellte Adorno ziemlich klar heraus. Wenngleich er manches an Heideggers Philosophie dann auch wieder unter einer ganz anderen Optik wahrnahm und insofern für Heideggers philosophische Frage nichts übrig hatte. Womit wir beim Aspekt der Geschichtsphilosophie angelangt sind.

Doch dieser Gegensatz Heidegger – Adorno ist zusammenzudenken. Ohne ihn dabei in eins fallen zu lassen und die These zu vertreten, daß sie beide dasselbe sagten, aber bloß auf eine andere Weise. Entscheidend bleibt die Differenz. Trotzdem stelle ich mir die Frage, weshalb ich diese beiden Autoren lese. Und das heißt: sie zusammenzudenke, ohne daß sie in irgendeiner Weise zusammengehören.

Was nun die Subjektlosigkeit anbelangt, so scheint mir der Hinweis auf zwei so unterschiedliche Autoren wie Foucault und Luhmann richtig, denn unter Bezug auf Heidegger – bei Foucault ganz deutlich, bei Luhmann lediglich über ein strukturelles Moment – existiert in ihrer Theorie kein Subjekt als Instanz. Dieses ist entweder – grob geschrieben – Diskurseffekt und damit selber in den Blick der Theorie zu nehmen, oder es ist wie bei Luhmann in der Theorie nicht existent, weil Theorien nun einmal nur von Objekten handeln und sich auf Objekte beziehen. Insofern hat, so Luhmann in einem Interview, das Subjekt darin nichts zu suchen. All diese Oppositionen unterläuft hingegen Derrida: er schreibt in die Theorie seinen eigenen Namen, seinen Eigen-Namen ein, ohne diese Inschrift aber in einer Geste narzißtischer Subjektivierung oder als transzendental-empirisches Double zu praktizieren. (Ich komme auf diese Inschrift des Namens, dieses Schreibens im eigenen Namen im Laufe meiner Derrida-Lektüre, die ich dieses Jahr anstimmen möchte, zurück.)

Nein, nach Auschwitz hin – und das bleibt die entscheidende Frage in diesem Diskurs, wobei die Äußerungen und das Verhalten Heideggers dabei lediglich einen hinzutretender Aspekt bedeuten – führte nicht das Tun oder das Schreiben einzelner. Weder Heideggers Denken, noch sein Handeln. Dazu bedurfte es mehr. Das, was sich unter der Metapher, dem Begriff, dem Ereignis und Geschen Auschwitz manifestiert, bedurfte vielfacher Faktoren. Insbesondere eine Gesellschaft, in deren Struktur der Antisemitismus vor allem in seiner eliminatorischen Variante, fest verankert ist. Snyders These in „Bloodlands“ allerdings scheint mir zu kurz zu greifen. Ich sehe ein Problem darin, inwiefern sich Tote (geopolitisch) zusammenrechnen lassen. Auschwitz beruht auf einem anderen Prinzip (obwohl: Prinzip ist nicht das richtige Wort) als Stalins Gulag. Der von Snyder ausgemachte geopolitische Todesraum verkennt den Aspekt des Antisemitismus (dies stellte die Kritik in der FR seinerzeit hersaus), er verkennt das vollkommen Irrationale dieser Vernichtung der Juden, die zugleich mit einer ungeheuren Akribie durchgeführt wurde. Sobald eine Region unter faschistischer deutscher Herrschaft gelangte, wurden Juden aus diesen Gebieten und am Ende aus fast jedem Winkel Europas zusammengetrieben. Nicht um sie irgendeinem Arbeits- oder Vernutzungszweck „zuzuführen“, sondern um sie, unter Ausbeutung ihrer Habe, zu vernichten. Nicht in einem Gulag, irgendwo in Kolyma oder anderswo, zu versklaven und diese Juden irgendwie noch als produktive Kraft wirken zu lassen, sondern um sie umzubringen. Nur das. Die geopolitische Orientierungen, die ein Geschehen auf die geschichtliche Beschaffenheit eines Raumes festmachen will, greift nicht nur zu kurz, sondern relativiert auch die Shoah auf universelles Geschehen von Mord, der irgendwie mit allem und jedem, was sich in diesem Raum ereignete, zusammenhängt. Mord an Völkern, an Ethnien, an Gruppen gab es immer. Dieses Vorgehen aber war so ganz und gar anders.

Auschwitz ist, das scheint mir zumindest ein wesentlicher Aspekt zu sein, ein Ereignis, das in mehrfacher Hinsicht ans Unaussprechliche grenzt, und zwar bereits auf der Ebene des Faktischen: Wer im Vernichtungslager war und durch die Maschinerie ging, kann darüber nicht mehr sprechen, weil sie oder er am Ende dieses Vorgangs meisten tot sind. Wer trotzdem entkam und Zeuge bleibt, dessen Blick ist entstellt und zerstört, weil solches Geschehen in keinen Erfahrungsraum mehr eingeholt werden kann. Es geschieht in der schreibenden, sprechenden Wiederholung eine Anamnesis an einen Ort, der quer zu jeglicher Rationalität liegt, anamnetisch nicht erreichbar ist und der dennoch ganz und gar rational durchorganisiert war. Es geschieht der (literarische oder dokumentarische) Versuch, das in Sprache zu bringen, was sich nicht zum Sprechen bringen läßt. Deshalb Adornos Diktum, daß nach Auschwitz keine Gedichte mehr sich schreiben lasse. (Meist wird dieser Satz nicht in seiner weitreichenden Dimension genommen, daß jegliche Diskursivierung oder Verbildlichung des Sinnlosen nur eine weitere Produktion von Sinn bedeutet, sondern in einer Banalvariante. Wie auch der Satz vom richtigen Leben im falschen.)

Zugleich aber eignet Auschwitz sich nicht, um in einer Art negativen Theologie auf die Knie zu fallen und es zu zelebrieren. Auschwitz ist der Punkt, an dem alles Reflektieren nach 1945 hängt, der Ort, wo Sache und Begriff, Denken und Gegenstand in keinen Einklang mehr zu bringen sind. Eine tragfähige Analyse liefert komprimiert und auf den Punkt gebracht Wolfgang Pohrt in seinem Text „Nationalsozialismus und KZ-System“. (Noch einmal Dank an den Nörgler für diesen Text!)

„Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die ‚adaequatio rei et intellectus‘, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann. Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.“ (W. Pohrt, Nationalsozialismus und KZ-System, in: Ausverkauf)

Insofern tangiert Auschwitz die Philosophie als Aufgabe. Und darin versagte Heidegger auf ganzer Ebene. Insbesondere in seiner Philosophie. Das Ungeheuerliche, das Heidegger in seiner Hölderlinvorlesung über dessen Gedicht „Der Isther“ anspricht, in der er auf das Chorlied in Sophokles‘ „Antigone“, sowie das Unheimliche des Menschen Bezug nimmt, werden zur ontologischen Befindlichkeit abstrakten Daseins relegiert.

Vielleicht ist es richtig, die „Beiträge zur Philosophie“, jenes zweite, nach „Sein und Zeit“ bahnbrechende Werk, wieder zu lesen. Den Heidegger der Kehre, der vom Seyn her denkt. Nur bleibt der Gedanke, daß Heidegger in seiner Metaphysikverwindung, für die er eine Sprache sucht, um an die Grenzen und über die Grenze hinaus zu gelangt, am Ende in einem luftleeren Raum verbleibt. Adornos „Negative Dialektik“ bewegt sich Lichtjahre näher an dem, was sich nicht zur Sprache bringen läßt und was dennoch dahin drängt, ausgesprochen zu werden – jenes Ungeheure, das den (Eigen-)Namen Shoah oder Alles-Verbrennung trägt. Ebenfalls der Text Derridas. Bei Heideggers Lektüre des Seins bleibt dieser Verdacht, daß da zugleich die Nebelkerzen geworfen werden. Das Da-Sein und das Seyn als strukturale (Nicht-)Struktur fallen am Ende zurück in die abstrakte Verdünnung des Unwesentlichen, des Man. Es bleibt eine Weise des Sprechens, bei der nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich nun um Aphasie, Dichtung, Mystik oder aber ein irres Raunen handelt. [Diese Unentscheidbarkeit wiederum macht den Text Heideggers einprägsam und interessant, wenngleich der Ton vielfach in den Jargon kippt. Dennoch: es zusammenzudenken.]

Der Text der späteren Philosophie Heideggers erinnert mich an das erste Kapitel, genauer gesagt an den Anfang von Hegels „Wissenschaft der Logik“. Im Grunde beginnt überhaut erst an diesem Punkt der Unterschiedslosigkeit, der unbestimmten Unmittelbarkeit – über Heidegger hinaus – die Philosophie. Nach Adorno kommt die Philosophie Jacques Derridas diesem Denken zwischen Metaphysik und ihrem Ende, diese Symphilosphie (freilich anders als es sich die Jenaer Romantiker dachten), die sich zwischen Dichtung und Denken bewegt, wohl am nächsten. Insbesondere sein „Schibboleth“. Und es bleibt in dieser Anordnung diese eine Frage, die Jean-François Lyotard 1980 auf dem Symposion in Cerisy-la-Salle zum Thema „Les Fins de l’homme“ als Titel eines Vortrags stellte: „Discussion, ou phraser ‚après Auschwitz‘“. Hier liegt der „Einsatz des Denkens“. In vielfacher Ausprägung als Denken des Datums, als eine Schreibweise, die die Grenze zwischen Literatur und Philosophie oder, eine Spur weihevoller geschrieben, zwischen Denken und Dichten, in einer anderen Weise schreibt, ohne dabei die Unterschiede der Gattungen einzuziehen. Aber dieser Aspekt des Grenzgängerischen zwischen Literatur und Philosophie wäre ein andermal zu thematisieren.

Was bleibt, ist die Frage: Wie nach Auschwitz sprechen, ohne simpel zu reifizieren oder ins Betroffenheitsgequatsche der evangelischen Akademien zu driften?