Kleiner philosophisch-ästhetischer Auftakt zum Jahr 2010

I.

Lange und häufig habe ich mich während meiner Studienzeit darüber geärgert und gezürnt, daß so viele der Professoren, die Philosophie lehrten oder dies zumindest versuchten, wenn sie sich überhaupt mit Adorno beschäftigten und nicht der sogenannten Analytischen Philosophie oder der Ethik in unschuldiger Weise huldigten, keinerlei Sinn oder Hintersinn für die Thesen aus der „Dialektik der Aufklärung“ aufbringen konnten. Immer und sofort kam, wie aus der Pistole des Nichtverstehers geschossen, der standardisiert vorgebrachte Einwand des performativen Selbstwiderspruchs, in den sich die Vernunft verstricke, sobald sie es unternehme, sich in ihrer Gänze durchzustreichen und als Instrumentelle zu setzten. Schön, daß alle Professoren zur selben Zeit Habermas gelesen hatten. Ein damaliger Freund pflegte sehr treffend über Habermas zu formulieren und brachte es in einem Begriff auf den Punkt: Sabbelkommunismus. Wahr ist‘s, in polemischer Überspitzung formuliert (1).

Dabei liegen diese Dinge, die in der „Dialektik der Aufklärung“ zur Darstellung kommen, deutlich und unverschleiert geradezu auf der Straße. Ein einziges Lesen im Kapitel über Kulturindustrie müßte ausreichen, um zu sehen. Aber es erging den Verbeamteten vermutlich ganz ähnlich wie jenem Philosophen, der erst als es zu spät war und er in den Brunnen fiel, vom Lachen der Thrakerin blickwärts wieder zur Erde gelenkt wurde.

Und es ist ja nicht einmal im Gleichtakt geblieben – um von Verbesserungen gar nicht zu sprechen: Was bei Adorno zart angedeutet wurde in jenen schwarzen Schriften aus dem Umkreis der „Dialektik der Aufklärung“, das ist heute eine gesteigerte Realität, die als solche kaum noch wahrgenommen wird. Nicht einmal mehr im Kreis der Kritischen, die es eigentlich besser wissen müßten. Das fängt bei Spex-Redakteure an, die ihr Eingeweihtsein als subversive Kritik verkaufen, und geht weiter hin zu Bands, ihr Name sei austauschbar, wo der Protest zum Tauschwert dazu gehört. Pop als Politikpose und leerlaufende Ersatzhandlung.

Daß sich die Wirklichkeit am Begriff zu messen habe und in eine noch irgendwie geartete Übereinstimmung mit demselben zu bringen sei: dieses einst gegen die Gesellschaft kritisch gedachte Diktum Hegels ist heute zur puren Affirmation geraten, weil der Begriff in seinem Abgebröckelten genau der Wirklichkeit entspricht, die er verdient zu haben scheint: Eine Negativität Hegelscher Dialektik, die nicht einmal Adorno in seinen schlimmsten Traumprotokollen in Schrift zu setzten vermocht hätte.

 „Aldous Huxley hat in einem Essay die Frage aufgeworfen, wer in einem Amüsierlokal sich eigentlich noch amüsiere.“ (Adorno, GS 14, S. 15)

 Alle, so muß man unsentimental nachschicken. Andererseits wollen wir nicht der Lustfeindlichkeit das Wort reden. Die Angelegenheit pendelt sich schwierig aus und gerät heikel. Nicht nicht-amüsieren ist nicht möglich, aber auch das Gegenteil will nicht gelingen. Wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, so kann sehr schnell der Schluß und der Ausweg aus der Aporie naheliegen, daß es dann sowieso relativ und mithin gleichgültig ist, was einer tut: Wenn es so oder so falsch sein mag, dann gehe ich mich lieber amüsieren. Warum verzweifeln, wenn sich Zweifel und Staunen im Platz in der Beobachterloge ganz gut machen und teils zur Erheiterung beitragen?

Da leuchtet ein Funken Wahrheit heraus. Es ist beim Amüsieren jedoch wie bei einem Spezialfall desselben, nämlich wie beim Trinken: man muß es mit Niveau betreiben. Kein Alkohol ist keine Lösung; blindes Saufen von irgendwelchem Zeug jedoch ist dämlich. Was aber bleibt?: Das stiften nicht die Dichter, sondern die gute Weinhandlung um die Ecke oder zwei U-Bahnstationen weiter: Saufen mit Niveau. Insofern bildet, darin möchte ich Bohrer recht geben, der Stil eine zentrale, nicht nur ästhetische (sondern auch eine moralische) Kategorie , die zudem Differenzierung erzeugt; ergänzt freilich um den (Adornoschen) Takt sowie den moralischen Impuls als nicht-diskursives Element von Moralphilosophie. Moral und Ethik sind im Zeichen dessen, was der Fall ist, nur als Individualmoral möglich. Dies zumindest kann man mit Adorno lernen. Und vielleicht schlagen sich hier auch ein paar Brücken zu Sartre und Foucault.

 II. 

Was bleibt in der Rückschau auf‘s Jahr 2009? Harald Jähner schreibt in der „Berliner Zeitung“ vom 31.12.2009 im Hinblick auf die Kunst, die Medien und die Philosophie unter der schönen Überschrift „Der Zauber des Realen“ (Lacan versetzte diese Überschrift womöglich in einen Taumel):

 „Theoretiker sind die Verlierer des Jahrzehnts. Hielt man einst die Wirklichkeit für eine niedere Kategorie, aus der höhere Wahrheiten erst abstrahiert werden mussten, ist uns heute eine Unterscheidung von Wesen und Erscheinung fremd geworden. Wir glauben nicht mehr an tiefere Schichten des Seins, aber an immer neue Fassetten der Oberfläche. Deshalb empfinden sich immer mehr Menschen von der Deutung der Welt durch Kundigere emanzipert. Sie wollen Fakten hautnah präsentiert bekommen und die Schlüsse daraus selber ziehen. 

Ein unstillbarer Erfahrungshunger verschleißt die Präsentationsformen von Wirklichkeit und will immer neue Intensitäten: im Privatfernsehen kann man die permanente Neuerfindung und Wiederauszehrung von Reality-Formaten in irrwitziger Geschwindigkeit erleben. Hier wird das neue Interesse am Realen ausgebeutet und mit billigen Surrogaten abgefüttert. Ursprünglich interessante Experimente wie „Frauentausch“ werden zu hämischen Spektakeln, in denen auf Kosten der Teilnehmer nur das Immergleiche hervorgekitzelt wird.“

 Nun zaubert Jähner hier allerdings aus einem alter Hut. Die Differenz von Wesen und Erscheinung geriet nicht erst in diesem letzten Jahrzehnt zunichte: Liegt in der Einebnung doch einer der zentralen Topoi der sogenannten Postmoderne seit den 70er, 80er Jahren: Die Oberfläche und ihre Faltungen sind das Wesen in der Erscheinung; die dialektische Differenzierung wird ohne Umstände eingezogen. (Prominentester Vertreter mag hier Deleuze sein, den dann allerdings die Dialektik schneller einholte, als es ihm lieb war. Da ist es dann wie mit dem Hasen und dem Swinegel. Derrida ist in dieser Angelegenheit der Verabschiedung von Dialektik allemal sehr viel reflektierter vorgegangen. Diese Auseinandersetzungen mit der Hegelschen Dialektik, hinter die kein Weg zurückführt, finden sich etwa prominent und instruktiv in seinem Text zu Bataille und der Ökonomie. Doch immerhin ist Deleuze dafür an vielen Stellen spaßiger und inspirierender. Kann auch ein Mehrwert sein.) 

Interessant ist in dem Zusammenhang, den Jähner in seinem Artikel aufzeigt, der Aspekt des Dokumentarischen, welcher sich nicht nur im Medium Fernsehen in seiner herabgesunkenen Form zeigt – siehe etwa (unfreiwillig geniale) Projekte wie „Big Brother“ –, sondern das Dokumentarische erhält auch in der Kunst einen zunehmend hohen Stellenwert und bestimmte – wenn man dem Untertitel des Textes folgt – dieses Jahrzehnt. Als Indikatoren hierfür nimmt Jähner etwa Schlingensiefs jüngste Körper-Selbstbeobachtungen, Kempowskis Echolot-Buch oder die (Theater-)Projekte von Rimini Protokoll. Diese Tendenz ist gut beobachtet. Allerdings: Das Dokumentarische in der Kunst kann schnell trivial werden und sich ausreizen: man denke etwa an Tracey Emins bekannteste Installation „My bed“ (als Dokument des Privaten sozusagen); Environments, die in diese Richtung laufen, sind einmal, zweimal ganz originell, ja stellenweise sogar witzig, nutzt sich jedoch beim dritten Mal ab. Interessanter sind da in der Tat die Arbeiten von Rimini Protokoll oder die Inszenierungen Schlingensiefs. Insbesondere seine Aktion „Ausländer raus“ in Wien, die Jähner erwähnt, wo im Big-Brother-Stil Flüchtlinge herausgewählt werden durften. Hier handelt es sich um den guten Agitprop: Man muß lachen und doch ist die Angelegenheit bitterernst. Insofern hat hier Big Brother in der Tat die Maßstäbe gesetzt. (Andererseits witzelte ich bereits in den 80er Jahren mit dem Aufkommen des Privatfernsehens über selbiges: Mein Projekt war, eine Inkontinenzshow mit dem Titel: „Die Alten, wie lange können sie‘s halten?“ zu bringen. Doch kein Sender hätte es zu dieser Zeit wohl haben gewollt.) Wieweit bei Schlingensief der herkömmliche Kunstbegriff aber überhaupt noch trifft, dies ist eine andere Frage. Nimmt man diesen Begriff weit, so kann man sicherlich sagen: Paßt schon! Und ich muß gestehen: Obwohl ich von einer solchen Art der Kunst im Grunde nicht viel halte, weil die laute (politische) Provokation sich schnell totläuft und diese am Ende objektiv schlecht ist, weil sie ihrem Part, gegen den sie rebelliert, so fatal ähnlich sieht, so muß ich sagen, daß Schlingensief hier trotz alledem etwas geglückt ist, das funktioniert. 

Zugleich aber muß man mit dem Dokumentarischen in der Kunst behutsam umgehen, wenn man es gekonnt einsetzten möchte, und vorsichtig sein, kann es doch leicht dazu führen, daß das Kunstwerk eine Verdoppelung dessen erzeugt, was sowieso schon der Fall ist. Es will insofern mit Bedacht verwendet werden. Interessanter wären hier sicherlich die Fiktionen von Dokumentarischem. Auch scheint es mir angesichts der plural verfaßten Kunstwelten unzureichend, die Kunst auf einen Begriff zu bringen. Sicherlich zeigen sich in der Zeit, in den Jahrzehnten, bestimmte Tendenzen, doch gehen damit (zum Glück) immer die Gegenbewegungen und die Korrektive einher. Bildende Künstler wie der großartige, im letzten Jahr verstorbene Hrdlicka zeigen dies gut. 

Einige interessante ästhetisch-gesellschaftliche Aspekte aus dem Text von Jähner seien zum Schluß noch zitiert: 

„Das letzte Argument ist immer die Karteikarte. Sie brachte komplexe Biografien ins Wanken wie die von Walter Jens und Günter Grass, die sich ein bundesrepublikanisches Leben lang nicht mehr an ihre Mitgliedschaft als junge Männer in der NSDAP erinnerten.

 Eine nach vielen ideologischen Jahrzehnten plötzlich dem Dokument verfallene Öffentlichkeit wischte Grass‘ freimütige literarische Beschäftigung mit seiner jugendlichen NS-Treue vom Tisch und fixierte sich rechthaberisch auf die Aktenlage. Die Karteikarte triumphierte über die politische Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte, indem die Aufarbeitung sich auf die Abklärung der Stasi-Akten fixierte. Und keine ideologische Debatte hätte die alte Linke so beschämen können, wie die Fakten aus dem 1998 erschienenen ‚Schwarzbuch Kommunismus‘.“

 Hinzufügen muß man freilich, daß damit zugleich die Lektüre eines „Schwarzbuch Kapitalismus“ einherzugehen habe. (Am besten vom „Grand Hotel Abgrund“ aus; ich liebe die plüschigen Logen und die gemütlichen Sessel, ausgestattet mit dem roten Samt.) Leider aber sind komplexe Auseinandersetzungen nicht immer möglich und gehen sehr oft entweder in die eine oder in die andere Richtung. Das ist im Sozialen so, das ist in der Ästhetik nicht anders.

__________________

(1) Wenn wir es einmal beiseite lassen und die Fehllektüre ausräumen, daß Habermas zur Kritischen Theorie noch gehört – denn dies ist eine Lesart, die ihm nicht gerecht wird – so ließe sich womöglich manches Mißverständnis aus der Welt schaffen, welches sich in den Diskussionen um Habermas ergab. Stellen wir ihn also nur bedingt in die Linie der Frankfurter Schule. Man wird dann womöglich sehr viel leichter seine „Theorie des Kommunikativen Handelns“ als ein sozialphilosophisches Grundlagenwerk lesen können. Eine der wesentlichen Leistungen des Buches besteht darin, die verschiedensten philosophischen und soziologischen Stränge, von der Sprachphilosophie zur Hermeneutik, über den Pragmatismus und die amerikanische Soziologie sowie Max Webers Theorie der Rationalität, zu vermitteln und sich durchdringen zu lassen.