In den Digitalgewittern: Post Privacy. Oder: die NSA-Überwachung ist keine Schande mehr, sondern nur E-Commerce (Teil 1)

It’s not real, it’s a Sony

Werbewelten, Zwischenwelten, Lebenswelten. Das Wesen der Moderne sei die Technik? Nein. Technik ist etwas, das Menschen in den Bann zieht und das für sie zugleich notwendig ist. Unabhängig von der Epochenbeschreibung. Der Mensch als Prothesenwesen strebt von Natur aus nach Technik. Ich schätze freilich anthropologische Konstanten wenig.

Post-Privacy, das ist in ihrer simpelsten Variante Nudeln für die Berliner Bohème im Internet kochen und die eigene subjektive Lebensform oder Stillosigkeit als Medium im Medium zu inszenieren. Sich nackig, machen, sich zum Affen machen, sich zeigen: unter Klarnamen oder im Tarnnamen, je nachdem. Das Netz vergißt nichts, so heißt es: und das ist auch gut so. Im Netz sind wir Zwischenwesen: Ganz und gar real und physisch vor dem Bildschirm, wenn wir die Finger in die Scheide oder die Hand an den Schwanz packen, um uns solche gewissen, mittlerweile nicht mehr verbotenen Filmchen anzusehen, wenn wir Nudelkochshows sehen  und darin die Banalität des Banalen abgefeiert wird. Und zugleich transformieren wir uns im Netz, sobald wir die Buchstaben  in die Tastatur hauen oder die Bilder, Photographien und Töne hochladen, zu einer Art Klon, eine Kunstfigur, wenn wir uns in diesem virtuellen Raum in irgend einer Form präsentieren – sei es als Bersarin, als Schriftsteller, als Malerin als eine Figur der Literatur, die zugleich ein Autor ist.

Beispiele für diesen Fluß und das Schwinden der Grenzen zwischen dem Realen (nicht im psychoanalytischen Sinne von Lacan) und der Fiktion sind der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst und die Schriftstellerin Aléa Torik. Diese Zustände aber haben weniger mit Post Privacy zu tun als vielmehr mit einem Leben in den Digitalgewittern: wenn die literarische Figur, die Instanz der Autorin, des Autors neu ausgeschrieben und in ein Konzept von Dekonstruktion und Fiktionalisierung eingebettet wird. Sogar Frau-Sein und Mann-Sein bilden im Text und innerhalb der Person des Autors am Ende ein (literarisches) Konstrukt, das sich in der Schrift eines Textes entfaltet und manifestiert. Post Privacy kann ebenso eine Weise der Literarisierung von Welt, eine Form von Literatur sein. Allerdings verwischen in ihr diese Grenzen zwischen Fiktion und Realem. Eine Grenze zu setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten, das wußten sowohl Hegel als auch der real existierende Sozialismus der DDR, welcher Hegel aufs Niveau des Arbeitermarxismus hinunterbugsierte.

Diese Grenzen sind fließend. „Post Privacy“, so schalt‘s und tönt’s als ein neuer Slogan durch den Raum des Netzes. „Schall und Wahn, ich bin euch untertan!“ Ein Zustand, den die Zuckerbergs der Welt sich wünschen. Durchsichtig sein: Da sein und präsent sein im Strom der Daten. Kunde sein. Nein, das ist falsch: unbezahlter Lieferant von Daten sein.

Aber so ganz stimmt das nicht. Post Privacy, das ist auch: sich in der Öffentlichkeit als private Person öffentlich zu machen. Natürlich: das Private ist Politisch und auch das Banale ist politisch. Alles ist politisch, sogar das Politische ist politisch. Der Begriff des Politischen diente im Gefüge der Nationalstaaten einstmals dazu, Freund und Feind zu scheiden, so der antisemitische Jurist Carl Schmitt. Darin hat er zu einem Teil sogar recht. Das Politische des Internet lagert sich anders. Post Privacy bedeutet die „Tyrannei der Intimität“ und der Überwachung; einer Intimität von subjektiven Sichtungen und Entäußerungen, die wir häufig niemals so und in dieser Weise sehen wollten: Dinge und Aspekte, die Internetbenutzer vorher so genau gar nicht wissen wollten, werden erfahrbar, lesbar, sichtbar für jeden, der es mag.

The medium is the message: Selbstreferenz bleibt der letzte Ort, er koppelt sich an einen ungeheuren Narzißmus: ich bin, ich bin sichtbar, ich bin, ich inszeniere mich. Das Medium ist die Massage – das Denken wird konditioniert, geprägt, eingespielt, einmassiert in die Struktur und verschwindet darin. Konformitätsdruck als Individuierungsdruck so lautet die Zauberformel der Mediumsmassage, die in den Kopf, ins Hirn dringt. Ich bin sichtbar und präsent. Homo Ludens wirkt auch in der Technik – gerade dort. Ich spiele mich. Als Figur, als Klon, als Ich-Selbst. „Wie führst Du Dich wieder auf?“, so sagte früher die Mutter in strengem Ton zu ihrem Sohn oder zur Tochter. Was die NSA ansonsten nur unter erschwerten Bedingungen herausbekommt, das legen und leben die Benutzter des Internet gerne und gutwillig und freiwillig auf den Tisch. Sich über die NSA zu echauffieren, ist für die, die sowieso alle ihre Daten und ihr Leben freiwillig preisgeben ganz und gar sinnfrei. Wir sind eine transparente Gesellschaft, wenn wir uns in den sozialen Netzwerken, in Twitter, auf Facebook, bei Instagram, bei Word-Press oder anderswo bewegen. Im Internet kann ich meine Bedürfnisse nach benutzten Höschen, langen Schwänzen, Hegellektürediskussionsforen, nach blonden Frauen oder ganzkörperrasierten Männern, nach Blogs mit niedlichen Tierchen ausleben. Es ist für jeden und jede gesorgt, und wer es ausgefallen oder besonders anonym mag, der lebt sich im Tor-Net aus. In der Geschwindigkeit langsam geht es dort zwar zu, aber für ein abenteuerliches Herz mag es allemal ein Ort sein, an dem sich Wohlgefallen einstellt. Sogar einen Killer kann man dort mieten oder Waffen kaufen. So sagen manche.

Die NSA-Überwachung ist keine Schande, denn es ist mein Recht, überall sichtbar zu sein und jeden über meine Lebensregungen zu informieren. Und wer reinen Gewissens und mit sich selbst als Subjekt im Einklang ist, der hat weder etwas zu befürchten, noch wird ihm oder ihr ein Ungemach drohen. Post Privacy war immer der Traum der Menschheit. Egal ob nun Orwell oder jenes „Sag mir wo du stehst!“ im Vorzeigesozialismus. (Allerdings haben daran auch die Lidl- oder Aldi-Filialen ein Interesse, um zu sehen, was die Mitarbeiter gerade treiben und ob sie auch arbeiten. Da hilft dann die heimlich installierte Kamera.) Im Zeitalter des Internet wird aus diesem Ostgut-Liedslogan vor dem Bildschirm ein Zeichen: „Zeig mir ob er steht“. Sex sells. Mit oder ohne Kunden- oder Kreditkarte. Von den Ausgängen aus Platons Höhle bis hin zur der Tätigkeit, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen (Wittgenstein) strömte einiges an Zeit hin. Die Bewußtseinsindustrie (H.M. Enzensberger) trug das ihrige bei, die Fliegenglasproduktion im Taylorismus in die Höhe zu treiben.

Der Ausweg aus der Sichtbarkeit: die Ausflucht aus der Sichtbarkeit: „Der Mensch ist das sichtbare Wesen in einem emphatischen Sinne. Er ist betroffen von seiner Sichtbarkeit durch die Auffälligkeit des aufrechten Ganges und durch die Wehrlosigkeit seiner unspezifischen organischen Ausstattung. Das macht ihn anfällig für die Rückkehr in die Lockungen der Höhle. Sie ist die einzige Erfüllung seines tief in dieser Gattungslage verwurzelten Wunsches nach Unsichtbarkeit.“ So raunt es Hans Blumenberg in einer Art Onto-Anthropologie. Ist das Gegenteil der „Transparenzgesellschaft“ die Höhlengesellschaft? Das Internet ist ein Ort der sichtbaren Unsichtbarkeit. Es markieren sich in ihm immer wieder die Leerstellen, die zugleich den Umriß und die Kontur von Internetsubjekten, mithin von virtueller Existenz, erzeugen. Das Internet ist wie eine Burka: es könnte Dein eigener Onkel sein, der in Deinem Blog kommentiert. Dieses Spiel macht den Reiz aus, und es ist zugleich ein solches, das jegliches Vertrauen erschüttert. Denn Ich ist im Internet, nach Rimbaud, nicht nur ein anderer, sondern möglicherweise auch ein Poser und Betrüger.

Das Wesen des Internet ist die Fiktionalisierung und zugleich das Spiel mit ihr. Der erste Held des Internet ist der Don Quichote. Der erste moderne, angeblich von dem Autor Cervantes geschriebene Roman ist „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“.

(Teil 1 Ende)