Der Bildungsroman – die Lesart Hegels – oder vom kommenden Fiktionalismus

Nicht von der Hand zu weisen ist, was Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik zur Prosa des bürgerlichen Lebens schreibt, die sich in die Literatur bannt – Hegel spricht vom Romanhaften:

„Nun gilt es, ein Loch in diese Ordnung der Dinge hineinzustoßen, die Welt zu verändern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenigstens einen Himmel auf Erden herauszuschneiden: das Mädchen, wie es sein soll, sich zu suchen, es zu finden und es nun den schlimmen Verwandten oder sonstigen Mißverhältnissen abzugewinnen, abzuerobern und abzutrotzen. Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit, und erhalten dadurch ihren wahren Sinn. Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt. Mag einer auch noch soviel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch; die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ungefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da.“

Planvolles Produzieren, nach Muster, und heraus springt das Einerlei des Lebens, so wie wir ahnen,  das es sowieso kommen wird. (Wie anders da, auch in der Sprache, Jean Pauls Siebenkäs, den Thomas Bernhard in „Auslöschung“ als eines der wenigen Meisterwerke der Literatur bezeichnete.) Der Autor pinselt die Realität ab, meist ist es zudem noch die ureigene, was sich seinerzeit unter dem Titel Autobiographie verkaufte, wie wir es heute im Wiederholungsmodus dessen, was sowieso schon der Fall ist, vielfach auch in der Literatur erleben müssen – mag es auch launig erzählt sein,wie man etwa Stuckrad-Barres „Panikherz“  nachsagt. Das Ringen ums Ich und um den poetischen Ausdruck. Schlecht nur, wenn man diesem Kampf die Mühe zu sehr ansieht, die es bereitete, diese Prosa zu realisieren. Freilich sind die Widrigkeiten, die es zu überwinden gilt, heute stärker ausgeprägt als zu Hegels Zeiten, die Tücke des Objekts oder die des Ichs ist mit einkalkuliert. Von Karl Ove Knausgård bis Stephan Thome. In der Samstagsausgabe der „Literarischen Welt“ berichtet Richard Kämmmerlings über diese jammervolle Tendenz der radikalen Autobiographie.

In der Prosa der 70er Jahre fanden wir schon einmal – und das sehr viel ausgeprägter als in unserer heutigen, doch pluralen Literatur – diese Vorliebe fürs Private und den Realismus des Eigenlebens. Sie firmierte unter dem Titel der Neuen Subjektivität. In ihren gelungenen Varianten wie Max Frischs beklemmend-ehrlichem „Montauk“ oder Peter Handkes Exzessen von Gegenwart und wahrer Empfindung bis hin zu ihren schlechteren Varianten wie Karin Struck oder Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“. Zu untersuchen wäre, weshalb in bestimmten Epochen und Zeiten diese Art des Schreibens vom Ich her so ausgeprägt auftritt. Marktförmig ist es allemal. Freilich kann man bockig dem entgegenhalten, der Autor schriebe immer von seinem Ich,  vom Ureigensten her. Richtig – nur ist es eine Frage der Konstruktion, in welcher ästhetischen Form sich diese Prozesse realisieren. Hier aber, bei Knausgård, aber auch bei nicht-autobiographischen Erzählern des Mittelmaßrealismus funktioniert im Text etwas nicht.

Ich gebe zu, ich las, als „Sommerhaus später“ 1997 erschien, das Buch zunächst mit Wohlwollen. Das ist ja das Vertrackte am identifikatorischen Lesen: man sieht sich in der Prosa immer mitgemeint. Aber das generiert zugleich Langeweile. Ebenso schnell kam ich dahinter, daß es sich bei dieser Prosa um einen kalkulierten Ton handelte. Technisch war das gut gearbeitet, keine Frage. Aber war es gut und vor allem gelungen als Werk und auch im Sinne einer Literaturästhetik? Was unterscheidet Handwerk und Kunstgewerbe, also das rein Poietische, von der Kunst, gar von der Dichtung, um auch noch diese Celansche Differenz aufzuziehen, die er in seiner Büchnerpreisrede zum Thema erhob? Und allemal stellt sich die Frage für die autobiographische Prosa. Max Frisch immerhin reflektierte auf dieses Prinzip der radikalen Ehrlichkeit, sein Leben durchsichtig zu bekommen. (Böse konnte man behaupten, je undurchsichtiger die sozialen Verhältnisse und je unabänderlicher die allgemeine Tendenz sich geriert, desto durchsichtiger die Prosa. Gälte zumindest für die BRD.)

Flaubert und Thomas Mann hingegen – aber das ist lange her – erwiesen sich als die Meister einer Sprache, die das Wörterbuch der Gemeinplätze ins Literarische hob und dem gewöhnlichen wie auch ungewöhnlichen Tun einen Platz in der Literatur verschaffte. Sie gestalteten eine Satire auf genau diese von Hegel beschriebene Welt des Gewöhnlichen. In Flauberts „L’éducation sentimentale“ (1869 erschienen) finden wir geradezu das Paradebeispiel eines solchen Anti-Bildungsromans, gleichsam das Gegenteil des „Wilhelm Meister“, dem es darauf ankommt, die Vielfalt seines Selbst ausbilden zu dürfen – was ihm zunächst in den Beruf des Schauspielers führt und zum Theater drängt. Bei Flaubert bleibt im Rückblick der Protagonisten als schaler Rest und absurder Höhepunkt einer Biographie der Bordellbesuch übrig:

„Sie überblickten ihr Leben. Sie hatten es beide verfehlt, der, der von der Liebe geträumt hatte, wie der, der von der Macht geträumt hatte.
(…)
Sie wurden gesehen, als sie das Haus verließen. Das gab eine Geschichte, die drei Jahre später noch nicht vergessen war.

Ausführlich erzählten sie einander davon, und jeder ergänzte die Erinnerungen des anderen; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:

‚Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!‘

‚Ja, vielleicht war das wirklich das Beste, was wir gehabt haben!‘ sagte Deslauriers.“

„Verlorene Illusionen“, so heißt ein Roman von Honoré de Balzac, der rund 25 Jahre vor Flauberts Schule der Empfindsamkeit erschien und einen Ausschnitt der menschlichen Komödie zum Gegenstand hat. Auch darin entdecken wir einen Teil von dieser Prosa des bürgerlichen Lebens. Über solche Illusionen als Prinzip Hoffnung oder als Simulation desselben in der Welt der Arbeitsteilung schreibt Flaubert in seinem „Wörterbuch der Gemeinplätze“:

„Illusion: Man gebärde sich, als habe man viele gehabt; man bedauere, sie verloren zu haben.“

Ein durchaus bekanntes Phänomen. Wir alle wissen davon. Vielleicht existiert um der Illusionslosigkeit und ob unseres wunschlosen Unglücks ein solcher Hang zum Realismus: sich auf das zu vereidigen, was ist: Sommerhausspätermenschen, Raketen angelnd im Gegenspiel. Ein beklemmender Positivismus des Mittelstands herrscht in der Literatur. Solche Hard-boiled-Fiktionäre wie Clemens Meyer oder Sven Heuchert mit seinem Erzähldebüt „Asche“ sind da die Ausnahme. Oder die großartige Daniela Danz, die in ihrem Prosadebüt  „Lange Fluchten“ stringend uns die heraufziehende Katastrophe erzählt. Die spielt sich im Privaten ab, meint aber viel mehr als diesen kleinen Bezirk. Danz gelingt solche Innenansicht. Von solcher komplex konstruierten Prosa müßte es mehr geben.

November – Fragmente der Melancholie

Novembermond, Novemberabend, Novemberhimmel, Novemberrauch, Novemberrevolution, Novemberassoziationen: November: dem November ist die Farbe schwarz zugeordnet. Mich erinnert November unter anderem an Martinsgansessen, Herbstlaub auf der Straße, das kühle Kleistgrab, unendliche Spaziergänge im Nebel unter kahlem Geäst, die Rotweinnächte mit ihr während des Studiums, Fahrradfahren in der Kälte, ein Seminar über Walter Benjamin, die Musik des Zufalls, Potsdam, am Ende des Monats November, als Du mir entgegen kamst, mit Deiner Mütze und eingehüllt in die Jacke, Dein Lächeln, mich erinnert der November an einen Spaziergang im Park Sanssouci und an eine abendliche Autofahrt nach Westberlin, verfahrene Wege und am Abend einen coq au vin zubereiten. November ist mir der liebste Monat. Bauernregel: „Allerheiligenreif macht zur Weihnacht alles steif.“ Männerträume im Dampfbad. November ist Nebel und nachts nach Hause im ersten Schnee. Morgens der Raureif und Gefrorenes. Schönes kaltes Herz. Frostherz.

Und natürlich erinnert mich der Monat November samt seiner Assoziationsketten und den kühlen Erinnerungsmomenten, die gleichzeitig wieder vergehen, verglühen und zerrinnen (call it hot love, call it simultaneity), an jene gleichnamige Erzählung von Gustav Flaubert:

„Ich liebe den Herbst; die Jahreszeit der Trauer stimmt gut zu Erinnerungen. Wenn die Bäume kahl sind, wenn am Himmel die tiefroten Farben des Sonnenuntergangs schwimmen und das vergilbte Gras übergolden, dann gewahrst du mit Entzücken, wie alles verlischt, was jüngst noch in dir brannte.“

November ist der Monat der Melancholiker. Er ist der Monat derer, die jenes l’art pour l’art als letzten Ort beziehen.

 
13_11_1_1
 
13_11_1_2
 
13_11_1_3
 
13_11_1_4
 
13_11_1_5
 
 

Zum 190. Geburtstag von Gustave Flaubert

Ich habe es vergessen, ich habe es verpatzt und vergeigt, doch selbst der klügste Kopf kann nicht alles im Leben hinbekommen. Und es schreibt sich ein guter Text kaum nebenbei. Was ich vergaß? Nun, den 190. Geburtstag Gustave Flauberts: 12. Dezember 1821 in Rouen geboren. Das haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, allesamt gewußt; und Sie haben mich nicht daran erinnert. Kein feiner Zug.

Sicherlich wäre es Flaubert egal gewesen, daß ich aktuell, mithin punktgenau nichts zu ihm schrieb und ich verspätet meinen Text darbringe – aber die Wahrscheinlichkeit, daß Flaubert es mitbekommt, ist andererseits eher gering als hoch anzusetzen. Da nehme ich aus meinem Weinglas sogleich einen verlegenen, aber doch großen Schluck vom Bordeaux, der im Schrank in der halbleeren, (nein halbvollen) Flasche noch unvertilgt und einladend herumsteht, um wenigstens im Rahmen des Französischen zu trinken: Jenes Frankreich, welches Flaubert so sehr verachtete und das er in seinen Romanen mit dem Seziermesser und mit dem Spott anging. Flaubert – ein wildgewordener Rentier und Spießbürger und dadurch, daß er sich so vollständig zurückzog und seinen Blick durch das intensive Studium eines jeden Details pflegte, der gründlichste Beobachter seiner Zeit. Spätestens nach dem (zeitweiligen) Verbot der „Madame Bovary“ im Jahre 1857 wußte Flaubert, voran er war.

Diese Gabe der sezierenden, auseinanderlegenden, kalt analysierenden Beobachtung kulminiert in seinem letzten (fragmentarischen) Werk „Bouvard und Pécuchet“. Die beiden Protagonisten streben nach Gelehrsamkeit und führen den Wunsch nach Bildung und damit auch den belesenen Fleiß eines Bildungsbürgertums, das bereits dem Kleinbürgertum entstammt, ad absurdum. Es ist dieses Buch, wie manche schreiben, nicht Flauberts bestes, weil die Figuren teils sehr starr und schematisch geraten sind, die Form ist nicht auskomponiert, was freilich auch daran liegt, daß der Romans unvollendet bleib. Die beiden Protagonisten führen ein Prinzip der Gelehrsamkeit vor, welches als inszenierte und zwanghaft betriebene Wissensproduktion und -anhäufung auf die bloße Fleißarbeit hinausläuft. Diese Art von Aneignung kann nicht funktionieren, weil solche Arbeit dem Wesen von Wissen widerspricht – bei Sartre taucht eine ähnliche Figur in seinem Roman „Der Ekel“ auf: jener Enzyklopädist bzw. Autodidakt, der seine Sicherheit durch das alphabetische Ablernen gewinnt und in dieser Arbeit doch nicht über die ersten Buchstaben hinauskommt: Sinnbild eines verkorksten Humanismus. Ich halte dieses letzte Werk Flauberts freilich für außerordentlich modern, seiner Zeit weit voraus.

Bouvard und Pécuchet wollen Menschen des Wissens sein, und sind doch zugleich die Parodie derselben. Sie widmen sich in ihren gelehrsamen Studien allen Gebieten des Wissens – von den Naturwissenschaften, der Landwirtschaft, über die Medizin, die Biologie, Geschichte, die Künste bis hin zu den höchsten Dinge: mithin der Philosophie und der Religion, kulminierend in dem Blick auf Gesellschaft. Im Grunde ist dieser unvollendete, Fragment gebliebene Roman eine Komödie der Menschheitsgeschichte. Der Gedanke der theoria hyperventiliert und kollabiert angesichts einer entfesselten Gesellschaft, welche Theorie eben nicht mehr als Selbstzweck und unabhängig von der Kosten-Nutzen-Kalkulation zu betreiben vermag und es von ihren Voraussetzungen auch gar nicht mehr kann, selbst wenn diese Gesellschaft es noch so sehr intendiert. Die Situation ist grotesk: im dörflichen, abgeschiedenen Idyll, welches ein Refugium bilden soll, gerät die Situation des Sich-Bildens aus den Fugen. Die Dorfbewohner rebellieren und verschwören sich gegen diese zwei Sonderlinge. Die abgeschiedene Welt, das gleichsam Monastische, welche einstmals den Ort der Bildung ausmachten, sind ebenso vom gesellschaftlichen Moment durchzogen und konditioniert wie jeder andere Ort der Welt auch.

Nichts kommt zu sich selbst:

„Eine zu starke Betonung des Wahren geschieht immer auf Kosten der Schönheit, wobei allerdings der dauernde Gedanke an die Schönheit dem Wahren hinderlich ist; aber ohne Ideal keine Wahrheit; und deshalb sind die Typen von dauernderer Realität als die Portraits. Übrigens will die Kunst nur die Wahrscheinlichkeit, aber diese hängt vom Beobachter ab, ist etwas Relatives, Vergängliches.
In diesen Tüfteleien fanden sie sich bald nicht mehr zurecht und glaubten immer weniger an die Ästhetik.“ (Bouvard und Pécuchet, S. 202, Fft/M 1979)

Der style indirect libre, jene erlebte Rede, welche sowohl in „Madame Bovary“ als auch in der „Education sentimentale“ die Form bestimmt, eröffnet den Blick auf das Objekt gleichsam von innen und von außen. Die bestimmte Negation ist das konstitutive Prinzip Flauberts. Und in jenen Lehrjahren bzw. in der Erziehung des Herzens zerrinnt das Leben bereits zum Anfang des Romans. Und es ist das, was sich ereignen wird, eingeklemmt zwischen einem anfänglichen und einem abschließenden lächerlichen Szenario des Scheiterns.

So fährt der Protagonist Frédéric Moreau, frisch bestandener Bakkalaureus, bereits zum Beginn dieses Bildungsromans, der eine Parodie auf die bürgerliche Bildung abgibt, von jenen Studien in der Großstadt Paris mit dem Schiff heim: und zwar dorthin, von wo er herkam: in die Provinz. Und es endet mit dem wohl absurdesten Rückblick auf jene Jahre der Bildung. Moreau und sein Freund Deslauriers überblicken ihr Leben und stellen fest, daß sie es beide verfehlt haben. Sie erinnern sich an einen Besuch in einem Bordell, der drei Jahre zurücklag:

„Ausführlich erzählten sie einander davon, und jeder ergänzte die Erinnerungen des anderen; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:
‚Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!‘
‚Ja, vielleicht war das wirklich das Beste, was wir gehabt haben!‘ sagte Deslauriers.“

Ein lakonisches Ende, und es hat, anders als der Titel des Buches andeutet, welcher in Kenntnis der Geschichte nur als ein ironischer zu verstehen ist, nicht einmal zur Liebe hin gereicht. Ein Leben, eine Jugend, welche als Höhepunkt im Bordellbesuch sich niederschlägt: Grandioser und absurder kann man sich ein Scheitern eigentlich nicht vorstellen. Im Sinne der ästhetischen Form ist der Bildungsroman mit Flaubert zu sich selber gekommen, es wacht keine Turmgesellschaft mehr schützend über dem Protagonisten, allenfalls steuert die unsichtbare Hand des Marktes, und Bildung zeigt sich in der bürgerlichen Gesellschaft als das, was sie in dieser Konstellation ist. Fortgeschrieben wird der Bildungsroman unter den Bedingungen der Moderne des 20. Jahrhunderts bei Franz Kafka.

„Die ‚Education sentimentale‘ aber ist ein Buch, das mir durch sehr viele Jahre nahegestanden ist, wie kaum zwei oder drei Menschen; wann und wo ich es aufgeschlagen habe, hat es mich aufgeschreckt und völlig hingenommen; und ich habe mich dann immer als ein geistiges Kind dieses Schriftstellers gefühlt, wenn auch als ein armes und unbeholfenes.“
(F. Kafka, Briefe an Felice, Brief v. 15.11.1912, 11 ½ Uhr abends)

Elsaß – Obernai

In den dunklen, schmalen Gassen der kleinen Fachwerkhäuserstädte des Elsaß spielt sich die französische Provinz ab. Es ist jene Mischung aus Bigotterie, Langeweile, Spießertum, Behaglichkeit, Tourismus, fragiler Schönheit, Verschlafenheit, und ein wenig sind es auch die Phantome des Hutmachers. Claude Chabrol besaß den richtigen Blick für jene Provinz und ihre Menschen. Der großartige Inspektor Lavardin reagierte darauf in der ihm eigenen Art, die genau richtig war: ironisch, zynisch, sarkastisch. Bösartig. Und natürlich überführte der Inspektor den bürgerlichen Verbrecher.

Auf den ersten Blick muten jene Städte und kleinen Ortschaften des Elsaß charmant an: all das Fachwerk. Diese Behaglichkeit laugt sich aber nach einer Weile aus. Die Fassade ist eine gebrochene. Wie überall auf der Welt, freilich je nach Lokalität in jeweils anderer Ausprägung und Gestalt, ist es das Gleiche: man erinnere sich an jene erste Kamerafahrt in David Lynchs „Blue Velvet“, die den Auftakt abgab und die durch eine amerikanische Stadt ging. Zum Beginn eine Musik wie in einem Filmdrama der 40er Jahre. Greller bonbonfarbener Kitsch und die Behaglichkeit, das amerikansiche Blumenidyll der Vorstädte. Sonntags in der kleinen Stadt, und das Verhängnis beginnt mit einem Gartenschlauch und einem Schlag. Ein grotesker Todesauftakt. . Nch der Idylle. Darunter aber, bei der Fahrt in den Garten, in das Gras und Gestrüpp hinein, da gelangt der Blick in das Reich der Insekten: all das Krabbeln und Kriechen. Wie Maden in einer Leiche. Auf Mallorca sah ich auf einem Gang durchs Gebirge zwei verweste Schafe liegen, deren ehemals weiße Wolle sich in ein durchgesupptes, weiches Braunschwarz verwandelt hatte. Der Übergang zwischen Gestalt und Zermatschtem war fließend. Die beiden Tiere lagen dort, ihre Köpfe auf die Erde gebettet, es krochen nicht einmal mehr Maden im Fleisch oder Fliegen umschwirrten es, jedoch ging von dem Aas ein widerlicher Geruch aus. Bei „Blue Velvet“ handelt es sich um einen der besten Filmanfänge. Er bringt den Abgrund, der überall, in jedem Detail in jeder Regung wohnt – von der Liebe bis in die gesellschaftlichen Verhältnisse hinein – in das Bild.

Weilt man etwa eine Woche lang in solchen französischen Fachwerkstädten, dann realisiert man mit etwas Fähigkeit zur Empfindung sehr schnell das, was Flaubert gesehen haben muß und das er nicht müde wurde, mit Spott zu bedecken und in die Schrift der Literatur zu bringen. Man lese hierzu sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“, „Madame Bovary“ oder „Bouvard und Pécuchet“.

Aber zurück zum Elsaß zu der kleinen Stadt Obernai, welche etwa 30 km südwestlich von Straßburg liegt. Einige Photographien gibt es auf Proteus Image zu sehen. Machen Sie sich ansonsten ein schönes Wochenende und bis demnächst.

Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert

Über diese Sätze wäre einmal nachzudenken, um sie, in Vermittlung mit der Literatur, der Ästhetik, in eine philosophische Theorie des Bürgers zu überführen: 

„Flaubert ist dagegen voll von Widersprüchen, und seine widerspruchsvolle Beziehung zur Romantik entspricht einem ebenso widerspruchsvollen Verhältnis zum Bürgertum. Sein Haß gegen den Bourgeois ist, wie oft bemerkt wurde, die Quelle seiner Inspiration und der Ursprung seines Naturalismus. Er läßt das bürgerliche Prinzip in seinem Verfolgungswahn zu einer metaphysischen Substanz werden, zu einer Art von ‚Ding an sich‘, das unergründlich, unerschöpflich ist. ‚Der Bourgeois ist für mich etwas Undefinierbares‘, schreibt er an einen Freund – ein Wort, in dem neben dem Begriff des Unbestimmten auch der des Unendlichen mitklingt. Die Entdeckung, daß die Bourgeoisie selber romantisch, ja gewissermaßen das romantische Element schlechthin geworden ist, daß die Verse der Romantiker von niemandem mit so viel Gefühl deklamiert werden wie von ihr, und daß die Emma Bovarys die letzten Repräsentanten des romantischen Lebensideals sind, hat viel dazu beigetragen, Flaubert von seinem Romantizismus abzubringen. Flaubert ist aber im tiefsten Wesen selber ein Bourgeois, und er weiß es.“ (Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, S. 829 f.) 

Bohrer hat ja ein seinem Buch zur Romantik ganz zu recht die These formuliert, daß mit der Romantik der eigentliche Beginn der (literarischen) Moderne ansetzt, nicht unbedingt manifest, aber doch in Latenz. Auch gesellschaftlich, in der fortschreitenden Emanzipation des Bürgertums als treibende geschichtliche Kraft, kann die Moderne im 19. Jahrhundert beginnen. Die technischen Einschnitte, welche ja auch für die Kunst außerordentliche Bedeutung haben, man denke an die Bilder Blechens und Turners, stellen etwas Ungeheures dar und erzeugen Potenzierungen.  

Das bürgerliche Prinzip als metaphysische Substanz: dies ist wirklich gut gedacht und gut formuliert. Aber dieses Ding an sich läßt sich, ganz anders als das Kantische (1), durchaus in sich selbst bestimmen; im 20. Jahrhundert betreibt dies dezidiert Benjamin in seinem Passagenwerk und damit zusammenhängend in seinen Studien zu Baudelaire und dem Paris des Second Empire (2). Ein Paris der Moderne, ein Paris des Bürgers, aber auch eines mit seinem menschlichen Kehricht wird aufgetan als (nicht nur höllischer) Ursprungsort und mit Verlängerungen in das Jetzt hinein. Adorno kritisierte diesen Materialismus Benjamins in seinen Briefen an Benjamin scharf. Er sah diese Zusammenschlüsse von Gesellschaftlichem und Ästhetischem, die Benjamin in seinem Baudelaire-Buch tätigte, als zu kurz gegriffen an; gewissermaßen ein (brechtscher) Vulgärmaterialismus. (Davon wäre jedoch ein andermal zu handeln.)

Spannend zum Schluß bleibt zu lesen, ob es der Verfolgungswahn Flauberts oder der des bürgerlichen Prinzips selber ist. Die letztere Lesart bleibt mir die sympathischere. 

Und so möchten wir abschließend, gleichsam in einer Übersprungshandlung (Behaviour out of context), aber doch geprägt von der ersten Lesart, zu Sartre überleiten und mit ihm und seinen Ausführungen zu Flaubert beschließen: 

„… was kann man heute von einem Menschen wissen? Eine Antwort auf diese Frage schien mir nur durch die Untersuchung eines konkreten Falles möglich: Was wissen wir – zum Beispiel – von Gustave Flaubert? Diese Frage beantworten heißt, die Informationen, die wir über ihn haben, zu totalisieren. Nichts beweist zunächst, ob eine solche Totalisierung möglich und ob die Wahrheit einer Person nicht plural ist; (…) Laufen wir nicht Gefahr, auf Schichten heterogener und unreduzierbarer Bedeutungen zu stoßen? Dieses Buch versucht zu beweisen, daß die Unreduzierbarkeit nur scheinbar ist und daß jede Information in ihrem Kontext zum Teil eines Ganzen wird, das nicht aufhört, sich hervorzubringen, und zugleich seine eigentliche Homogenität mit allen andern Teilen offenbart. 

Ein Mensch ist nämlich niemals ein Individuum; man sollte ihn besser ein einzelnes Allgemeines nennen: von seiner Epoche totalisiert und eben dadurch allgemein geworden, retotalisiert er sie, indem er sich in ihr als Einzelheit wiederhervorbringt. Da er durch die einzelne Allgemeinheit der menschlichen Geschichte allgemein und durch die allgemeinmachende Einzelheit seiner Entwürfe einzeln ist, muß er zugleich von beiden Enden her untersucht werden.“ (Jean-Paul Sartre, Der Idiot der Familie, S. 7)

Flaubert ist sicherlich eine schillernde Figur in bezug auf das Bürgertum, und wer es hierzu dann ein wenig gallig-heiter möchte, der lese als Quintessenz „Bouvard und Pécuchet“. Sehr dicht sind wir hier schon an Beckett dran. Dieser Roman begibt sich in die Abgründe nicht nur der Gelehrsamkeit: einen Bildungsroman mit umgekehrten Vorzeichen schrieb Flaubert und konzipierte einen gedoppelten Odysseus, der von seiner Reise an (fast) genau dieselbe Stelle zurückkehrt – erfahrungslos, angereichert mit Ballast und Scheitern. Zudem fragmentiert und mitten im Geschehen interruptierend. Zum schöner Scheitern, zum gelingenden Scheitern eines Beckett ist es da wie gesagt nicht mehr weit, Scheitern als Chance, um mit Schlingensief zu sprechen, Scheitern als ästhetische-moralische Kategorie, Scheitern als Aufgabe des Bürgertums:

 „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Samuel Beckett, Worstward Ho)
____________

(1) Die Dialektik von der Grenze, die unüberbrückbar gesetzt wird, und der These, daß eine Grenze zu setzten bereits deren Überschreitung intendiert, soll beiseite gestellt werden. Auch die Gedanken Adornos in seinen „Meditationen zur Metaphysik“, daß, gegen Hegel gewendet, dieses Ding an sich als rettender Block in bestimmtem Sinne aufrechtzuerhalten sei. Obwohl allerdings diese Angelegenheit sehr gut in den philosophischen Teil einer Theorie der Bürgerlichkeit hineinpaßte.

(2) Ich möchte hier der Gerechtigkeit halber auch noch Siegfried Kracauers soziologisch-biographisches Buch „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ nennen. Die Biographie als bürgerliche Kunstform des 20. Jahrhunderts.