„It always rains in Wuppertal“ (2) – Seltsamkeiten, Enthüllungen und Verhüllungen

Wieder gibt es hier einige Photographien von Wuppertal zu sehen; es ist der zweite Teil der Serie. Damit die Angelegenheit aber nicht im Sakralen verbleibt, wird – ganz trinitätisch oder schlicht im Dreiklang – in der nächsten Woche auch ein dritter (und letzter) Teil der Bildserie geboten, welcher dem Betrachter die weltlichen Dinge der Stadt zeigt. Freuen Sie sich also an und auf Wuppertal.

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Seltsam bis verschroben geht es manchmal bei den Sammlern zu. Das Gemälde „Frühlingsstimmung bei Vétheuil“ (1880) von Claude Monet ist seit dem 19.1.2011 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Eine ältere Frau schenkte es dem Museum und bewahrte das Bild aus Angst vor Dieben jahrelang auf dem Dachboden in einer Pappschachtel auf, so berichteten gestern verschiedene Zeitungen. Das Museum erhielt dieses Bild allerdings mit der Auflage, daß es erst nach dem Tod der Frau ausgestellt werden dürfe.

Dies ist eine Geschichte, wie sie angesichts ihrer Skurrilität in dem Band „Der Stimmenimitator“ von Th. Bernhard enthalten sein könnte. Warum macht eine Frau das mit einem solchen Bild? Geht sie von Zeit zu Zeit heimlich auf den Dachboden, schaut versunken auf dieses wunderbare Landschaft? Anstatt sich diese Szenerie jeden Tag im Wohnzimmer, im Salon oder wo auch immer anzusehen. Aber im Entzug oder in der Verhüllung, die selber zum Fetisch zu werden vermag, steckt bekanntlich der höchste Genuß, und das Begehren entfacht sich vollständig in der Abwesenheit der geliebten Objekts, welches zuweilen auch ein Subjekt sein kann. Nur was man nicht ganz besitzt, läßt sich rein genießen. Erwarten Sie, liebe Leserinnen und Leser, hier und an dieser Stelle jedoch keinen großartigen Text zum Verhältnis von Begehren, Subjekt, Objekt und Entzug. Es fällt mit nichts ein, denn ich bin ausgebrannt und leer.

Im Zweifelsfalle reicht es, wenn Sie ein wenig bei Lacan nachlesen. Ich habe das ein kleines Studium lang auch gemacht, und warum soll ich Ihnen immerzu die Arbeit des Begriffes abnehmen? Na ja, das mit dem Lacanlesen sagt sich so leicht und unbeschwert dahin, denn dort werden diese Begriffe ziemlich komplex, und auf verschlungenen Wegen gar, entfaltet.

Auch biographisch trifft man bei Lacan auf ein skurriles Moment. Er ersteigerte zusammen mit seiner Frau Sylvia Bataille Gustav Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ für seine Wohnung. Lacan versteckte Courbets Gemälde bekanntlich auf eigenwillige Weise. Wenn Leserin oder Leser auf den Link gehen, werden sie sehen, was ich meine. Vorher mit dem Kursor das Bild „berühren“. Der Rest ist selbstevident.

Zu Lacan heißt es bei „Welt-Online“

„Als einer der führenden Psychoanalytiker Frankreichs konzentrierte sich Lacan bei seiner Neuinterpretation Freuds vor allem auf die erotische Sublimation. Dabei spielten Scham und Enthüllung eine zentrale Rolle.

Auch Lacan verhüllte Courbets ‚L’Origine du monde‘, wie ein Besucher berichtete: ‚Rechts vom Flur, in einem schweren Goldrahmen, hing eine abstrakte Arbeit von Masson, breite Pinselstriche auf dunklem Grund. Und dann sagte Lacan, er sprach mich überhaupt zum ersten Mal an: ‚Jetzt zeige ich Ihnen etwas Außergewöhnliches.‘

Der Masson war auf einer dünnen Platte aufgebracht, die aus dem Rahmen glitt und eine detaillierte, wunderbar ausgeführte Nahaufnahme von den Genitalien einer prallen, fast beleibten Frau zeigte.‘ Massons ‚cache sexe‘ war mit weißer Farbe auf braunen Grund gemalt und stilisierte in einer an japanische Kalligrafie erinnernden Pinselführung die Formen des Körpers zu einer Art Seerosenlandschaft.

Für Lacan definierte gerade die Verhüllung, der Vorhang, die Ikonografie dieser Arbeit. Der Vorhang, die Tarnung, die ablenkende Ersatzleinwand, das verschämte Verstecken gehört für ihn untrennbar zum Werk. Lacan schreibt: ‚Die Abdeckung, der Vorhang ist immer noch die beste Möglichkeit, uns in die Lage zu versetzen, die fundamentale Situation der Liebe zu imaginieren.‘

Der Vorhang steht wie die Bekleidung des nackten Körpers nicht nur für Scham, sondern – in der Entkleidung, der Enthüllung, der Befreiung – auch für Schamlosigkeit. Er ist Teil des erotischen Spiels.

Der Vorhang minimiert die Sexualisierung des Motivs nicht, er verstärkt sie. Dessen war sich auch schon der erste Besitzer des Bildes, Khalil Bey, genauestens bewusst. Er führte ja das Verhüllungsmotiv als untrennbaren Teil der Inszenierung der Arbeit ein.“

(Sehen wir davon ab, daß dieser Text, so scheint es, von Mathias Döpfner stammt. Auch Widerlinge, die ansonsten unter ihrem Dache „Zeitungen“ wie Bild auf den Markt schmeißen, können also den Anschein des Kunstsinnigen erwecken.)

Zum Aspekt der Verhüllung, zur An- und Abwesenheit möchte ich auf Lacans Text „Das Seminar über E.A. Poes ‚Der entwendete Brief‘“ hinweisen, wo es um diese Struktur von Verbergen und Verhüllen sowie Subjekt und Anderes aber auch um die Frage geht, wie man in der Illusion wahrhaft täuschen kann bzw. inwiefern in der Täuschung eben das Moment der Wahrheit sich „verbirgt“. Es handelt sich jedoch, wie bei allen Texten Lacans, um einen schwierigen Aufsatz. Diese Schwierigkeit beim Lesen von Lacan schuldet sich nicht nur einem Manierismus, sondern hat eine gleichsam therapeutische Motivation. Foucault sagte dazu in einem Interview:

„Ich glaube, Lacans Schriften sind deshalb hermetisch, weil er wollte, dass man sich seine Ideen nicht einfach nur ‚bewußt macht‘. Er wollte, dass der Leser sich in der Lektüre selbat als Subjekt des Begehrens entdeckt. Lacan wollte, dass die Dunkelheit seiner Ecrits so komplex wie das Subjekt und die zum Verständnis erforderliche Arbeit eine Arbeit an sich selbst sei.“ (Foucault, Dits et Ecrits, IV, S. 249)

So, nun war heute also doch wieder Bildungstag bei Bersarin. Demnext dann, nach wiederhergestellter Gesundheit, geht es, wie angekündigt, über zur Lektüre Derridas.