Das, was bleiben wird, ist immer wieder, in jedem Augenblick neu: diese Literatur zwischen Realismus und Phantastik. Zum Tode von Günter Grass

Es wird genug geben, die nun von hinten herum oder auch offen ihre Häme verbreiten, manchmal als Trauerrede getarnt, und sich auf zwei oder drei Aspekte seines Lebens kaprizieren. Es wird ebenso viele geben, die kaum eine Zeile seines Werkes kennen und dennoch in die Lobhudeleien ausbrechen. Dies ist beides egal. Es starb einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller. Bildhauer und Graphiker zudem. Gewaltig seine Bücher, selbst noch die schlechten waren häufig besser, als manche der besten von unseren jungen und mittelalten Schriftstellern. Grass war ein Mann der literarischen Form. Nicht nur in Prosa, sondern ebenfalls in der Lyrik. Das Lachen mancher der Jüngeren über den alten Mann ist denn doch billig, wenn wir einmal anfangen, mit der genauen Elle die Texte des einen und die der anderen und was sie bereits in die Waagschale werfen können, zu messen. Da würde manch spöttische Stimme schnell leiser werden.

Ich halte es aus binnenästhetischen Gründen für falsch, wenn Menschen Kunst mit Politik verwechseln. Dennoch gehörte Grass zu denen, die Prosa und Poesie klug schrieben (nicht immer freilich, nein, wer vermag das schon?), die sich der Kunst verschrieben und die trotzdem Werke schufen, die nicht bloß beim Agitprop aufsprangen. Vor allem aber gehörte er zu den Schriftstellern, die sich einmischten, die nie still waren. Das mag mancher im Pathos, im Deklamatorischen und in dieser Apodiktik heute kitschig und unangemessen finden. Manchmal war es das auch. Doch andererseits kolportiert sich in dieser Haltung der Abgeklärten zugleich viel Vorurteil. Zudem ist mir ein lauter, polternder Grass immer noch lieber als all die arschlochhaften, schnöselig popmodernen (oder pupsmodernen) Leisetreter, die im erstbesten Arschloch drinnenstecken, das ihnen gute Vertragskonditionen bietet. Ein solcher Grass ist mir immer noch lieber als jene dümmliche und seichte Ironie der Abgeklärten.

Grass war in diesem Sinne eine laute Stimme. Und das war gut so. Es ist, zumindest was das Alltagsgeschäft anbelangt, vor allem diese politische Stimme, die uns fehlen wird, oft in einer Tonlage, die polarisierte und dabei dennoch, selbst wenn sie irrte, Debatten anwarf. Auch 1989, als es um Deutschland-einig-Vaterland ging und viele nicht schnell genug an die Futtertröge und die Westmark herankommen konnten oder betroffenheitstrunken von Brüdern  und Schwestern schwafelten. Ein paar Jahre später dann hieß V.E.B plötzlich anders: Vatis ehemaliger Betrieb, von westlichen Treuhandrafkes abgewrackt. Grass sparte nicht mit deutlichen Worten. Es gibt heute kaum noch solche Köpfe im allgemeinen Gemurmel von Twitter und Facebook und den Vielzuvielen. Alle nehmen sich ungemein wichtig und sind es am Ende denn doch nicht. Haben nichts zu sagen. Ein furchtbarer Egalititarismus hat sich breit gemacht. Mir sind freilich diese zornigen alten Männer (zu denen ebenfalls Martin Walser gehört) sehr viel lieber als all diese Leisetreter, die im Flüsterton kaum noch hörbar und was noch viel schlimmer ist: die in Vollkommenheit unwichtig sind.

Grass irrte oft, sein Faible für die SPD – jene Hartz-IV-Partei – nicht nachvollziehbar mehr im Grunde seit den 70ern. Manche werden immer wieder seinen mißratenen Text „Was gesagt werden muß“ hervorholen. Daran Grass zu messen, ist freilich nicht nur unfair, sondern zeugt zudem von literarischer Dummheit und Einfaltspinselei, sein Schreiben einzig auf das Politische zu reduzieren und mit wichtigtuerisch fuchtelndem Finger zu wedeln. Ein Gestus freilich, der in unserer Medienmoderne der ständigen Aufgeregtheiten weit verbreitet sich zeigt. Als hätte Grass nichts anderes als diese Zeilen geschrieben! Ich selber kritisierte hier harsch, polemisch und in der Sache richtig liegend.

Dennoch muß ich im Rückblick gestehen, daß er inhaltlich in vielem, was er in diesem Text schrieb (nicht in allem), recht hatte. Wenige nur trauten sich, diese scharfe, aber berechtigte Kritik an Israel zu äußern: Ein Land, das de facto und vielfach auch de jure ein Apartheitssystem errichtet hat.

Aber das eben waren nicht die wesentlichen Texte von Grass. Immer wieder wird gesagt, Grass wäre ein bundesdeutscher Intellektueller gewesen. Dies ist schlicht falsch. Grass war niemals und wollte niemals ein solcher Intellektueller sein. Grass war ein Mensch der Sinne, ein Schriftsteller, ein Bildhauer, ein Graphiker, der mit dem Einsatz seines Körpers arbeitete. Ganz und gar. Und wenn man es im Duktus der philosophischen Ästhetik sagen wollte, gar ein postmoderner Kritiker der Postmoderne avant la lettre. Zumindest in dieser einen  Szene. Denn zum Schreiben von Literatur heißt es in der Blechtrommel gleich im ersten Kapitel mit dem schönen Titel „Ein weiter Rock“, (wir erinnern uns, was auf dem weiten Feld unter diesem Rock Wundersames geschah):

 „Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen, und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften. Man kann sich modern geben, alle Zeiten, Entfernungen wegstreichen und hinterher verkünden oder verkünden lassen, man habe endlich und in letzter Stunde das Raum-Zeit-Problem gelöst. Man kann auch ganz zu Anfang behaupten, es sei heutzutage unmöglich einen Roman zu schreiben, dann aber, sozusagen hinter dem eigenen Rücken, einen kräftigen Knüller hinlegen, um schließlich als letztmöglicher Romanschreiber dazustehen. Auch habe ich mir sagen lassen, daß es sich gut und bescheiden ausnimmt, wenn man anfangs beteuert: Es gibt keine Romanhelden mehr, weil es keine Individualisten mehr gibt, weil die Individualität verloren gegangen, weil der Mensch einsam, jeder Mensch gleich einsam, ohne Recht auf individuelle Einsamkeit ist und eine namen- und heldenlose einsame Masse bildet. Das mag alles so sein und seine Richtigkeit haben. Für mich, Oskar, und meinen Pfleger Bruno möchte ich jedoch feststellen: Wir beide sind Helden, ganz verschiedene Helden, er hinter dem Guckloch, ich vor dem Guckloch; und wenn er die Tür aufmacht, sind wir beide, bei aller Freundschaft und Einsamkeit, noch immer keine namen- und heldenlosen Masse. Ich beginne weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens die Hälfte seiner Großeltern zu gedenken, Ihnen allen, die Sie außerhalb meiner Heil- und Pflegeanstalt ein verworrenes Leben führen müssen, Euch Freunden und allwöchentlichen Besuchern, die Ihr von meinem Papiervorrat nichts ahnt, stelle ich Oskars Großmutter mütterlicherseits vor.“

 Eine Sentenz gegen die Menschen in Masse und gegen eine bestimmte Weise der Literatur, die den Menschen in eine Struktur einverleibt sieht: Noch einmal es versuchen: Erzählen, von einem Helden, denn der ist ja, seit dem Epos, aus dem der bürgerliche Roman erwuchs, das eigentlich Sujet all der Geschichten. Ein Individuum, das sich, den Tücken und Widrigkeiten trotzend, den Mächten und dem Schicksal entringt, um Charakter zu gewinnen. Eine Geschichte, einstmals in Versmaß gebunden erzählt. Und diese Geschichte klingt uralt und nach Äonen; doch ist sie immer wieder neu: eine Geschichte, die die unsrige ist. Auf einer rotweißen Trommel geschlagen. Ach, es sind dieselben Fragen, dieselben Probleme wie heute, und ein Realismus der es sich eben nicht darin bequem macht und sich dem realistischen Prinzip fügt, sondern der die Phantastik der Literatur hochhält und bewahrt. Diesen Ton in die deutschsprachige Literatur gebracht zu haben, macht die Größe von Grass aus. Nicht nur bloß bundesrepublikanisch und provinziell. Sondern auf dem Parkett der Weltliteratur.

Einige Bemerkungen zu Israel, zum Iran und zum Grasstext

Zu einem Teil ist dieser kleine Text auch als Antwort an Hanneswurst geschrieben: Ich lasse die ästhetischen Kriterien in der Sicht auf den Grasstext einmal beiseite, obwohl dies sichtlich schwer fällt, denn warum nennt der Mann das, was er schreibt, Gedicht? Darauf wüßte ich gerne eine Antwort. Grass‘ Kokettieren mit den Figuren von Schweigen und Reden ist schlechterdings albern. Es gab genug Gelegenheiten, sich zu äußern. Und sollte Grass nicht stark genug im Diskurs des Politischen positioniert sein, um dem Vorwurf des Antisemitismus standhalten zu können? Ach, und dieses Hin- und Herschieben der Antisemitismusvorwürfe beider Seiten erscheint mir nur lächerlich und es geht mir zudem am Arsch vorbei. Vielleicht bin ich ein Antisemit oder ein Anti-Antisemit, aber dafür dann doch ein netter. Und ausgerechnet am Karfreitag schreibe ich einen solchen Text. Ob der Papst wohl die Juden in seinem Karfreitagsgebet in seine Fürbitte mit einschließen wird? Ach, der Mann am Kreuz. Dionysos gegen den Gekreuzigten fällt mir da mit Nietzsche ein, und ich denke daran, welche beiden Flaschen Rotwein ich heute Abend mir auftue. Tuet auf, damit euch aufgetan wird! Na, dann tue ich heute mal wieder den Korken auf(machen). Doch ich schweife in die Regionen des Weinbaus, dort wo ich im Grunde am liebsten verkehre.

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Zunächst einmal: Wie die hauptamtlichen Medien mit Günter Grass‘ inhaltlichen Auslassungen umgehen, das kennen wir im Grunde nur aus der DDR: es ist der eine Sound des ND, um es ein wenig überspitzt zu formulieren. Der Oberton ist ein Herfallen über Grass. Damit hat man nun eine Grass-Debatte, eine Mediendebatte, eine Antisemitismus-Debatte und keine, der es um die Politik im Nahen und Mittleren Osten geht. Darin steckt sicherlich zum großen Teil auch eine Strategie der Entschärfung.

Es wäre also zu sprechen über die Waffenexporte von BRD-Unternehmen, nicht nur nach Israel. Diese Unternehmen liefern an jeden. Sie würden, wenn sie dürften, der Logik der Verwertung folgend, auch den Teufel beliefern. (Und wer von Waffenexporten spricht, sollte insgesamt vom Kapitalismus und seiner Logik nicht schweigen.)

Es wäre zu sprechen vom Umgang Israels mit den Palästinensern. Ein Staat Palästina, der aber bloß einen Flickenteppich darstellt und von Gnaden der Israelischen Armee existiert, ist kein eigenständiger Staat. Wer Palästinenserinnen und Palästinenser andauernder Schikane unterzieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn jene dagegen Protest anmelden oder sich wehren. Auf diese Weise, wie Israel seine Siedlungspolitik betreibt, wird sich die Spirale der Gewalt nicht lösen. Die Israelis wollen Sicherheit und erhalten durch die Politik des Staates Israel das Gegenteil.

Zudem: Staaten mit Konflikten stehen sich als Konkurrenten gegenüber, zumindest in der Logik dieses Systems, in dem in dieser Welt mit Konflikten umgegangen wird. Wenn es ein autonomes Palästina gibt, werden diese Konflikte sich verschärfen. Einer davon wird der um den Rohstoff Wasser sein.

„den Verursacher der erkennbaren Gefahr“, so dichtet es Grass, was bedeutet, es gäbe in dieser Region nur einen einzigen Verursacher. Dies zeugt von unglaublicher Naivität. Allerdings muß mit Gegenwehr rechnen, wer sagt: „Ich treibe den Staat Israel ins Meer!“ Diese Aussagen zum zukünftigen Status Israels sind kein bloßes Maulheldentum. Sie können zwar strategisch motiviert sein, um am Verhandlungstisch einen besseren Platz zu erhalten, ebenso mögen sie auch ernst gemeint sein. Zuweilen auch beides. Daß aus Absichtsbekundungen Taten folgen können, scheint mir angesichts der Betrachtungen in die Geschichte hinein nicht vollständig abwegig zu sein.

Ahmadinedschad ist alles andere als ein bloßer Maulheld. Der Iran ist eine Regionalmacht, alles andere als die verfolgte Unschuld und sie versucht, sich in der Region des Nahen und Mittleren Ostens strategisch zu positionieren. Eigentümlich ist es allerdings, wenn Länder, die Atomwaffen besitzen und nicht bereit sind, diese zu reduzieren oder (geordnet) abzubauen (wie immer das gehen mag), anderen Ländern den Besitz derselben vorhalten. Diese Anklage besitzt insofern einen schalen Beigeschmack. (Aus der Perspektive instrumenteller Machtpolitik ist sie freilich stringent, und sich darüber zu wundern, ohne Systemfragen zu stellen und Weisen des zweckrationalen Denkens in die Kritik zu nehmen, zeugt wiederum von Naivität.)

Wenn ausgerechnet Ahmadinedschad sich um Palästinenser sorgt, scheint mir das ausgesprochen verlogen, diese dienen ihm als Verhandlungsmasse und innerhalb des Raumes Israel/Palästina/Arabien als strategische Ressource. Und daß er in seinen Atomanlagen bloß ein wenig Stromerzeugung betreibt, halte ich für ebenso fragwürdig. Wieweit hier wer die Wahrheit sagt, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

(Daß Ahmadinedschad ein Folterknecht ist, steht dabei noch auf einem ganz anderen Blatt. Das Problem des Konfliktes Israel/Iran, Israel/Palästina: es hängt eine Vielzahl an politischen Konstellationen daran. Dies macht die Lage sehr unübersichtlich und einfache Antworten sehr schwierig. Ich gestehe, daß ich keine richtige weiß.)

Eine Kritik am Staat Israel sollte mit einer gewissen Vorsicht zu erfolgen haben, dies sei vorausgesetzt und diesen Aspekt betont auch Grass. Es bedeutet diese Vorsicht freilich nicht, daß der Staat Israel bzw. dessen Politik nicht kritisiert werden dürfe, auch dies sieht Grass richtig. (Ob es dazu aber dieser eigenwilligen Prosa bedurft hat?) Die Frage ist allerdings, in welcher Weise die Kritk da vorgeht. Ist Israel ein Kriegstreiber? Hier mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten, scheint mir zu einfach und verkennt die komplizierte Lage, in der Israel sich befindet. Zudem muß ich bekennen, daß ich mich mit der geopolitischen und strategischen Lage, mit den politischen Aspekten in dieser Region zu wenig auskenne, um adäquat urteilen zu können. Kritiker und Affirmierer sitzen allesamt weit weg im gemütlichen Deutschland.

Richtig ist es, ebenfalls Grass‘ inhaltliche Ausführungen zu betrachten und nicht nur auf den ästhetischen Aspekt zu schauen. Teils sind diese Ausführungen dürftig. Aber immerhin, das mag richtig sein: er legt einen Finger auf eine Wunde. Die Weise, in der er das betrieb, mißlang jedoch ums ganze. Und da er seinen Text nun einmal „Gedicht“ nannte (er hätte diesen Text ebenso anders bezeichnen können), habe ich ihn zunächst als solches wahr- und in die Kritik genommen. Dies – wie gesagt – entbindet nicht von einer Kritik an Israel, an den USA, an der BRD, am Iran, an einige anderen Regional- und Subregionalmächten. Und es zeigt sich auch hier: Einzig der kritische Weg bleibt offen.

So, und nun hoffe ich, über die paar freien Tage mich nicht damit zu beschäftigen, auf Antisemitismus- und Anti-Antisemitismus-Vorwürfe eingehen zu müssen. Im Grunde habe ich hier ein paar tentative Gedanken ausgeführt. Diesseits des ästhetischen Diskurses.

Günter Grass. Noch n’Gedicht? Oh, bitte nicht!

Was wird das hier, Herr Grass?: Der Musikantenstadl der Dichtung, die Ergüsse des ästhetischen Minderleisters, die Kapitulation vor der Form? Wer einen Text zu Israel schreiben möchte, wer Israel kritisieren will, der mag das tun. Aber er sollte es dann nicht Gedicht nennen, wenn es sich um keines handelt. Grass ist, wie Böll, Andersch, später dann Walser ein Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands – manchmal (aber nicht immer) gilt jener Satz: No Country for Old Men. Die „Blechtrommel“ ist gut, aber vieles glänzt durch ästhetische Belanglosigkeit. Die langweiligste Literatur der Welt wurde in Deutschland nach dem Kriege verfaßt, sieht man von wenigen Ausnahmen wie Arno Schmidt einmal ab.

Und nun kommt Günter Grass zur Israeldebatte. Er nennt den Text „Gedicht“. Seine politischen Statements fielen mir deshalb auf, weil sie teils undifferenziert sind – dicht bei der Lichterkettenbetroffenheit gebaut. Gut gemeint, ist aber häufig das Gegenteil von gut gemacht. Wenn Schriftsteller politisch Stellung nehmen, sich engagieren, so geht das nicht immer so aus, wie man es sich zuweilen wünscht. Es entsteht oft ein hoher, ein hohler, ein phrasenhafter Ton. Ich gebe diesen Text von Grass im ganzen wieder. Wer es durchhält, das zu lesen, ist gut konstituiert. Ich stelle das hier hinein auch aus satirischen Gründen. Es ist im Grunde zum Lachen, wenn es nicht so traurig und bescheuert wäre. Aber trotz alledem: bitte wenigstens bis nach unten scrollen, weil ich da noch zwei Zeilen schreibe.
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

So etwas gehört mit zehn Jahren Besuch und Lernen an einer Schreibschule oder mit einem Kursus Kreatives Schreiben bestraft. Solche Texte zu lesen, erzeugt Grausen. Es ist ein dummer, totgebrauchter Begriff, aber hier trifft er: Fremdschämen.

Oh, wenn Du geschwiegen hättest: Wir hielten Dich zwar auch dann nicht für Weise, aber es täte wenigstens nicht so derart im Kopfe weh. Dieser Text ist die Kapitulation vor der Form, zeugt vom Mangel an Bewußtsein für dieselbe. Was kommt als nächstes? Eine Hommage an Wolfgang Borcherts Gedicht „Sagt nein“? Die freie Form zu benutzen, bedeutet nicht, sogleich jeden Einfall herunterzuschreiben, der gerade in den Sinn kommt.

Zugegeben: das politische Gedicht ist ein schwierig zu bewältigendes Gedicht. Das heißt aber nicht, es sei deshalb unmöglich, ein solches zu komponieren. Bereits durch ein winziges Verschweigen hindurch, durch die kleine Verschiebung läßt sich im Ausdruck und auch über die Form mehr vermitteln und in die Darstellung bringen als mit jenem Grassschen Holzhammer.

Allerdings ist der Vorwurf, das „Gedicht“ sei antisemitisch, genauso idiotisch wie das „Gedicht“ selbst. Der Text ist nicht antisemitisch, sondern schlecht gemacht. Manchmal ist schweigen besser als fabulieren.