Von der neuen Unsichtbarkeit über Guillaume Paoli zum NetzDG – der kulturalistischen „Linken“ ins Stammbuch geschrieben

Ein instruktives wie auch gutes Interview gibt es im „Freitag“ dieser Woche, und zwar mit dem Philosophen Guillaume Paoli. Es trägt den Titel „Die Armen sind Gegner“. Zu Beginn des Marx-Jahres bereits vom Titel her ein guter Auftakt.

Wer sind jene Unsichtbaren und aus wessen Perspektive wird da jeweils gedacht? Das ist ja der eigentliche Clou dieser ganzen Geschichte von den Marginalisierten: Sie dienen einer kulturalistischen Linken, genauer gesagt einer neoliberalen Elite, die sich selbst als progressiv wahrnimmt, als Projektionsfläche oder als Deckmäntelchen oder sie werden, weil politisch nicht genehm, dem rechten Rand zugeschlagen. In deren Namen verrichtet man in die eine, wie in die andere Richtung sein politisches Geschäft. Manche dieser scheinbar Marginalisierten sind inzwischen als Schwule, als Farbige, als sogenannte LGBT bereits selbst in prominente Position gerutscht und alles andere als marginalisiert. Sie sind mit Medienmacht, mit Sprache und all dem Rüstzeug, um kulturell sich zu positionieren, bestens ausgestattet, verkaufen aber ihre Privilegien im Jammerton als Repression der Gesellschaft. Diese Leute arbeiten in Medien, in Agenturen, haben Buchverträge mit arrivierten Verlagen wie Bertelsmann, sie wohnen in Vierteln, aus denen die alten Bewohner längst verdrängt wurden. (Auf diese Widersprüche wies in den 60er Jahren bereits Pier Paolo Pasolini hin, wenn er schrieb, daß die wahren Underdogs nicht die damals protestierenden Studenten aus dem bürgerlichen Milieu waren, sondern die Arbeiter bei der Polizei, denen diese Jugend gegenüberstand.)

Solche Verdrängung der Alteingesessenen aus Wohnvierteln ist in Kreuzberg, Kreuzkölln nicht anders als im Schanzen- und Karoviertel in Hamburg der Fall. Der Protest dieses Milieus neoliberaler Linker gegen Gentrifizierung hat etwas seltsam Bigottes, wie auch ansonsten ihre politische Haltung. Vorgebliche Toleranz dient als kulturelle Währung, als kulturelles Kapital. Die sogenannte Diversity ist in Wahrheit das alte Identitäre, der Einheitsbrei, nur in einem neuen, einem vorgeblich linken Gewand. Oder wie es Adorno in bezug auf die Ideologie des „Melting pots“ in den Minima Moralia unter dem Titel Melange schrieb:

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. Wollte man demgegenüber die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, als Ideal fordern, anstatt sie als Tatsache zu unterstellen, so würde das wenig helfen. Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimtesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser so paßte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, daß man es noch nicht weit genug gebracht hat; daß irgend etwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist. Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern. Der Rassenunterschied wird zum absoluten erhoben, damit man ihn absolut abschaffen kann, wäre es selbst, indem nichts Verschiedenes mehr überlebt. Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann. Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren. Der melting pot war eine Einrichtung des losgelassenen Industriekapitalismus. Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.“ (Th. W. Adorno)

Diesen Aphorismus kann man in alle möglichen Richtungen hin abwandeln. Das Negative bleibt negativ bis es verging. Solange dies so ist, bleiben Dissens und Widerstreit.

Diese gesellschaftlichen Widersprüche zwischen denen da unten, jenen Unsichtbaren, und den kulturell Arrivierten, die zunehmend auch in der Kunst verschleiert und zugedeckt werden, spricht Guillaume Paoli in dem Interview an. Eine Kunst der gesunden Mittelschichtkinder, mit gesunden Mittelschichtproblemen. Flüchtlinge sind ihre Objekte, aber keine Akteure wie es eigentlich sein sollte: Jenen eine Stimme zu geben, indem man sie sprechen läßt, statt über sie zu sprechen. Eine um sich selbst kreisende Kunst, die kaum noch weh tut, deren innovative oder avantgardistische Potentiale sich längst abgenutzt haben zugunsten einer fetten Rendite, als kulturelles Kapital, wie Bourdieu es formulierte, oder aber als moraliner Mehrwert. Gesellschaftliche Widersprüche geraten kaum noch auf die Bühne oder aufs Papier und wenn, dann so seicht, daß es nichtssagend wirkt. (Ich befürchte sehr, daß Juli Zehs neuer Roman sehr gut gemeint, aber in der Ästhetik eher simpel gestrickt ist.)

Überhaupt: das, was wir benötigen, ist eine Kultur, eine Kunst des Konflikts, des Disputes, der Verschiedenheiten, des Widerstreits. Die Meinung des Gegenübers nicht gleich als Hatespeech zu verbieten oder als Nazisprech zu denunzieren, sogar dort, wo es sich um eine dezidiert kritische Ansicht handelt, wie etwa bei Sloterdijk oder Safranski, sondern zunächst einmal zu begreifen, was eigentlich gemeint ist, um dann gegebenenfalls mit Argumenten zu reagieren.

Und manchmal ist es sogar so, daß man eine andere Meinung eben ertragen muß. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, nur das eigene Theorem gelten zu lassen. Meinungsfreiheit gilt uneingeschränkt, unbedingt und überall, auch für solche Ansichten, die nicht mit der eigenen Gesinnung kompatibel sind, selbst wenn sich Menschen beleidigt fühlen. Ansonsten regeln näheres die Strafgesetze, die bei bestimmten Äußerungen, wie etwa der Schmähkritik oder unwahren Behauptungen eine Grenze setzen. Gefühlter Rassismus ist eine private Sache, jeder kann annehmen, was er mag, aber das rechtfertigt kein Verbot. Und in diesem Sinne ist auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verhängnisvoll. Wer heute über die Sperrung der Beatrix Storch jubelt, sollte bedenken, daß er morgen der nächste sein könnte – Stichwort Indymedia. Und wer allzuforsch auf Facebook über die G20-Riots schreibt, riskiert eben eine im vorauseilenden Gehorsam ausgeübte Sperrung. So geht das nämlich, wenn man am Eingang zur Hölle rüttelt. Zensur ist keine Einbahnstraße.

Nun aber zu Auszügen aus dem instruktiven Interview, erschienen im Freitag der Ausgabe 1/2018.

Frage: Schuld am Elend ist also der Relativismus der Poststrukturalisten!

Guillaume Paoli: Mitschuld, würde ich sagen. Mit dieser Haltung schaut alles wahnsinnig tolerant aus, wer aber diese Pose nicht annimmt, wird als Ewiggestriger gebrandmarkt. Übrigens spielen die aktuellen Rechten dieses Spiel gekonnt mit, wenn sie sagen, sie seien keine Nazis. Sie berufen sich eben auf ihre Identität, nicht umsonst heißt eine Bewegung „Die Identitären“. Das ist in den Zeiten von identity politics konsequent modern.

Das bringt uns zu Themen wie Trump und Brexit. Haben einfach die Ewiggestrigen gewonnen?

Nein, ich denke, die eigentliche Sensation bestand darin, dass plötzlich Menschen sichtbar wurden, die bis dato unsichtbar waren.

Wie wurden sie unsichtbar?

Nehmen wir Seattle. Das ist eine wunderbare Stadt, alle fahren Fahrrad, es gibt nur noch Bioläden, Hühner laufen durch die Stadt. In Seattle sitzen Microsoft, Amazon und Starbucks, die Bewohner im Zentrum sind gut bezahlte Mitarbeiter der genannten Firmen. Die alte Bevölkerung, die noch vor 15 Jahren in Seattle wohnte, wohnt jetzt außerhalb. Die können nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die müssen weit anreisen, um den hippen Bewohnern die Sandwiches zu machen, im Stadtleben aber sind sie vollkommen unsichtbar. Seattle hat übrigens mit 87 Prozent Clinton gewählt, darauf ist man dann stolz.

Was ist denn an 87 Prozent Clinton so schlecht?

Zumindest ist es bedenklich. Denn diese Leute, die so vorbildlich leben und Clinton wählen, sie rümpfen verächtlich die Nase über die anderen. Sie merken nicht, dass sie damit eine Klassenverachtung wie im schlimmsten 19. Jahrhundert reproduzieren. Damals schimpfte die Bourgeoisie über die stinkenden Arbeiter, jetzt aber – und das ist das Perfide – mit einem guten Gewissen.

Jetzt reden wir endlich über Klassenkampf. Also auch über Marx?

Jaja, aber es gibt da eine Pointe: Im Kommunistischen Manifest lobt Marx die Bourgeoisie dafür, dass sie starre Institutionen wie Nation, Tradition oder das Patriarchat hinwegfegen würde, um den Kapitalismus vollends zu entfesseln. Wenn sich moderne Linke heute für ihren Kampf gegen konservative Traditionen rühmen, vervollständigen sie im Grunde das Projekt der Bourgeoisie von 1848. Ich meine, kann man machen, aber ich frage mich doch, wo bleibt da der Antikapitalismus? (Lacht.)

Sagen Sie’s uns!

Das weiß ich nicht. Aber dieser Logik zufolge sind die Gegner der Emanzipation plötzlich nicht mehr die Reichen wie früher, sondern die Armen und die Arbeiter. Sie wählen Trump, kaufen nicht im Bioladen und sind wahrscheinlich sexistisch.

Warum fällt es Schriftstellern, Journalisten und Künstlern so schwer, die Unsichtbaren sichtbar zu machen?

Die große Frage. Wo ist heute jemand wie John Steinbeck, der in den 30er Jahren das Elend in der Gesellschaft beschrieben hat, wo sind die Hollywood-Filme, die beispielsweise das Drogenelend der weißen Unter- und Mittelschicht in Amerika zeigen oder die Ausbeutung von Leihmüttern durch wohlhabende Frauen, die sich ihre Körper nicht mit einer Schwangerschaft ruinieren wollen? Es gäbe so viele unerzählte Geschichten aus der Wirklichkeit.

(…)

Sie sagen außerdem, wir leben in einer Zeit der andauernden Gegenwart. Was meinen Sie damit?

Da ist die Volksbühne wieder ein gutes Beispiel. Es hieß immer, ein Vierteljahrhundert Castorf reiche jetzt, denn nun komme das Zeitgenössische! Ganz so, als hätte das Zeitgenössische an sich einen Wert. Das Erstaunliche ist, niemals zuvor wurde so viel über Kreativität gesprochen, doch das einzig Neue sind Updates. Ich frage mich, ob bei diesem ständigen Drang nach Innovation und Selbstoptimierung überhaupt noch etwas Neues möglich ist.

Ist das die dialektische Pointe im späten Kapitalismus?

Was ich als Mutation beschrieben habe, das ist eine Form der Gesellschaft, in der es keine Gegenkräfte mehr gibt: Arbeiterklasse, Sozialismus, Gewerkschaften, alle unsichtbar oder irrelevant. Die Pointe aber ist, dass die größte Gefahr für den Kapitalismus der Kapitalismus selbst ist, seine Selbstzerstörungskraft. Das merken wir jetzt anhand der ökologischen Katastrophen, und es sind – wie damals die Arbeiter mit den Gewerkschaften – heute im Grunde die Kapitalismusgegner, die versuchen, den Kapitalismus zu retten.“