Zur Sache Rühmkorf – Celan sowie zur Goll-Affäre

In einem der letzten Kommentare brachte Hartmut bzw. hf99 den Hinweis auf Peter Rühmkorf, dessen Celan-Kritik samt dem mit dieser Kritik verbundenen Vorwurf des Antisemitismus gegen Rühmkorf. Er verwies auf die Unredlichkeit in solcher Argumentation.

Ich möchte zunächst jene Stelle, die Anlaß des Vorwurfs war, zitieren. Sie stammt aus einem Aufsatz, der 1962 in dem von Hans Werner Richter (Gründer und Hofherr der „Gruppe 47“) herausgegebenen Sammelband „Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962“ erschien. Rühmkorfs Text heißt „Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen“:

„Indes, wer bei einem Gedicht wie der Todesfuge zum Lobe ansetzt und fast schon Worte wie meisterlich und eisig-einzigartig auf der Zunge wägt, der möchte dann den dreigestrichenen Applaus doch nicht ohne gewisse Zurücknahmen aus sich entlassen. Denn obwohl Celan sicher als Ausnahme nicht nur unter dichtenden Zeit-, sondern auch Artgenossen anzusprechen ist und obwohl bei ihm gemeinhin überzeugt, was bei anderen zeitgenössischen Zeitflüchtern von Poethen bis Demus, von Raeber bis zu Atabay nur als ein modisches Make-up empfindet (ich meine vor allem eine gewisse Feierlichkeit der Diktion und Stilisierung ins Würdevolle), vermag man doch bestimmte Schwächen und Mankos nicht übersehen.“ (S. 663, zit. nach „Paul Celan – Die Goll-Affäre, hrsg. v. Barbara Wiedemann, Frankfurt/M 2000)

Rühmkorf fährt in seiner Kritik fort, daß Schlüsselwörter wie Urne, Asche, Mohn, Kelch, Muschel, Schatten, schwarze Pappel – also Begriffe, welche in den Gedichten Celans vorkommen – nur ein „Sortiment von Nachschlüsseln“ sind, weil geborgt: es sind vorgegebene Symbole, die bereits bei Mallarmé, Trakl und Benn in Gebrauch waren. Tenor der Kritik: Im Grunde nichts Neues in dieser Dichtung.

Lassen wir einmal die Stimmigkeit oder Unstimmigkeit dieser Kritik beiseite; da ich kein Experte für Lyrik bin, kann ich diese Punkte im Detail nicht überblicken. Aber als Menninghaus-geschulter Schüler und Denker doch soviel: Mein genereller Einwand lautete: Selbst wenn es an dem wäre, wie Rühmkorf behauptet, so entwickelt Celans Text in seiner Sprache, in seiner Dichtung mittels dieser Begriffe eine Form von poetischer Sprache, die an die Grenzen des Ausdrucks geht und einerseits Bahnen der Kommunikation radikal abbricht, eine Atemwende eben, um zugleich ganz neue zu öffnen. Ein Gedicht wie „Engführung“ (1959) etwa verrätselt sich einerseits derart, daß für diese Form von Lyrik der Begriff Hermetik, wie als Reflex darauf, sich einstellte. Man sagt „Celan“, es folgt „Hermetik“und Kannitverstan. („fort aus Kannitverstan“ wie es in anderem Zusammenhang in einer Zeile des Gedichts „Kermorvan“ heißt). Zugleich aber ist dieses Gedicht derart überkonnotiert, funktioniert über mehrere Ebenen und arbeitet in und mit Sprache (als Musik, der Titel schon legt diese Lesart nahe), und es heißt ein Buch von Menninghaus über die Lyrik Celans ganz richtig „Magie der Form“. Der Vorwurf des Schlüsselklaus erscheint als vollkommen verfehlt und kurzsichtig.

Celan nun stieß sich in diesem Text Rühmkorfs an dem Begriff „Artgenosse“. Er assoziierte damit „artfremd“, „Artgemeinschaft“, und es läßt sich diese Kette von Assoziationen sicherlich im Kopf eines gerade dem Tod durch Vernichtung Entronnenen noch viel weiter fortschreiben. Celan hat in seinem Leseexemplar lediglich diese eine Passage im Textes unterstrichen. Nichts sonst.

Rühmkorfs Kritik an Celans Lyrik fiel – neben dem eingestreuten gönnerhaft-überheblichen Lob – in diesem Text ansonsten hart aus. Gut, möchte man sagen, damit muß ein Dichter leben und Rühmkorfs Äußerungen kann man genauso gut als Futterneid oder Gehacke unter Dichtern abtun. Alles halb so wild, so mag man aus der Perspektive des Nichtbetroffenen, Nichtgetroffenen sagen. Zudem: Künstler sind in der Regel die schlechtesten Rezensenten. („Und jedem Künstler ist es recht, spricht man von andren Künstlern schlecht“, wie es bei Kreisler heißt.)

Und wer sich mit Texten, mit Bildern, mit Gedichten in die Öffentlichkeit begibt, kann mißverstanden werden, muß mit Kritik rechnen. Bei Celan wirkte in der Wahrnehmung jedoch fort, daß er (von Deutschen) nicht als Dichter (und primär natürlich als Mensch), sondern womöglich zuvorderst als Jude beurteilt und betrachtet wurde. Der sich bis hin zum Systematisch-Eliminatorischen steigernde Antisemitismus ist ja nicht 1933 plötzlich gekommen und dann war er, oh Wunder, 1945 wieder fort. Der Schoß war und ist fruchtbar noch. Und die ästhetisch konventionelle und ästhetisch großenteils wenig avanciert auftretende realistische Nachkriegsmoderne beschäftigte sich mehr mit sich selbst, mit den Kriegsfolgen, dem eigenen Leid, kaum jedoch mit der Shoah. Was nicht einmal schlecht ist, denn wie ließe dies sich im Böllschen Realismus begreifen? Dieser Neorealismus mit seinen Härten und seinem (zuweilen) existentialen Pathos steht nun diametral zu Celans Lyrik, die im Grunde der einzige adäquate Ausdruck – zumindest auf dem Gebiet des Lyrischen – für das sein konnte, was wenige Jahre zuvor planmäßig organisiert wurde.

Gut, manchem Gebilde dieser Nachkriegsliteratur merkt man die Hilflosigkeit unmittelbar an, so Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“. Entlastungsstück allemal. Auch für eine junge Kriegsheimkehrergeneration, die sich womöglich mehr dafür interessierte, daß der Krieg ihnen die Jugend raubte als für das, was im polnischen und russischen Hinterland und in den Vernichtungslagern geschah; nicht nur gegenüber Juden, sondern auch mit Sinti und Roma, Schwulen, der politischen Linken, Zeugen Jehovas, Behinderten – mit allem, was anders war und in die bis 1943 im ganzen recht fröhliche Volksgemeinschaft nicht hinein sollte. So löblich die Moralfragen, die Borchart stellt, vom unmittelbar ethischen Standpunkt sein mögen, ästhetisch und politisch sind sie naiv. Doch geht es hier nicht um die ästhetische Bewertung der deutschen Nachkriegsmoderne.

Ja, die Angelegenheit Celan und seine Beziehung zu den BRD-Schriftstellern ist verwickelt. Celan hatte 1952 nach bzw. während einer Lesung bei der „Gruppe 47“ üble Erfahrungen mit einigen ihrer Mitgliedern gemacht. Der Vortrag seiner Gedichte wurde teils verlacht und stieß auf Unverständnis; wie in der Synagoge, hieß es. Ob es sich um eine Fehleinschätzung, Überbewertung  Celans handelte oder ob es de fact sich so verhielt, daß da ein latenter Antisemitismus mitschwang, ist aus dem Stand heraus schwierig auszumachen.

Fixpunkt all dieser sich summierenden Anfeindungen und der Kritik ist sicherlich die Goll-Affäre. Es wurde Celan durch diese Angelegenheit auf der persönlichen als auch der ästhetischen Ebene übel mitgespielt, denn das böse Weib Claire Goll bezichtigte Celan, die Gedichte des expressionistischen, surrealistischen Lyrikers Yvan Goll zu plagiieren. Dieser Vorwurf traf Celan hart. Der Kontakt zwischen den Golls und Celan begann Anfang November 1949 mit einem Besuch Celans am Sterbebett Golls in Paris. Celan sollte einige von Golls Gedichten vom Französischen ins Deutsche übersetzten. 1950 verstarb Goll. Celan übersetzte.

Die Beziehung zwischen der Witwe und Celan brach aber 1952 aufgrund von Unstimmigkeiten ab. 1953 äußerte Claire Goll im privaten Kreis zum ersten Mal Vorwürfe, da ein amerikanischer Germanist (Richard Exner) zu bemerken glaubte, daß es (Wort-)Übereinstimmungen in den Gedichten von Goll und Celan gebe. Er löste damit (vermutlich unfreiwillig und ungewollt) eine tiefgreifende Diskussion aus. Den Höhepunkt erreichte diese Kampagne 1960, als Claire Goll in einem diffamierenden Artikel der Münchener Zeitschrift „Baubudenpoet“ Celan direkt und unverhohlen des Plagiats bezichtigte. Es entbrannte in der BRD eine Debatte unter einigen Schriftstellern, Journalisten und Literaturwissenschaftlern. So etwa Peter Szondi, Marie Luise Kaschnitz, Armin Mohler, Dietrich Schaefer und anderen. Rühmkorf beteiligte sich daran nicht. (Meiner Sicht nach ging es ihm in seinen Texten um eine Kritik von Celans Lyrik mit binnenästhetischen Mitteln.) Diese Debatte reichte bis in die 80er Jahre hinein.

Detailliert kann man den Gang dieser Diffamierungskampagne sowie die Äußerungen der Verteidiger und Kritiker Celans nachlesen in dem Dokumentationsband „Paul Celan – Die Goll-Affäre“. Das Buch wurde von der in Tübingen lehrenden Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann herausgegeben. Es ist unbedingt lesenswert, wenn man sich zu den verschiedenen Positionen einen Überblick verschaffen möchte. Am Ende erwiesen sich diese Anschuldigungen als haltlos, bestimmten aber jahrelang die Debatten. Paul Celan beschädigten sie schwer: sowohl physisch und als auch psychisch. 1962 kam er zu einem zeitweisen Aufenthalt in die Psychiatrie, er mußte Psychopharmaka nehmen. 1970 nahm er sich in Paris das Leben, indem er nachts von der Pont Mirabeau in die Seine sprang.

Auch diese kurze,  im Rückblick womöglich harmlos erscheinende Äußerung Rühmkorfs ist es für Celan eben nicht harmlos gewesen, und er verband damit mehr als nur eine Kritik an seinen Gedichten. Es ist eine tragische Verstrickung. Rühmkorf beabsichtigte sicherlich nicht die geistige Vernichtung Celans. Wieweit latente antisemitische Unterströmungen als politisch Unterbewußtes dennoch mitwirkten, ist schwierig auszumachen, und die Analyse erforderte sicherlich eine intensive Sichtung verschiedener Materialien, um die kollektiven Strömungen in den Blick zu bekommen.

Was ernst zu nehmen ist: dieses Bedrohung, die ja nicht nur latent war, sondern geschichtlich und biographisch ganz real nur wenige Jahre zuvor sich ereignete. Wer kann dieses Gefühl, daß sich da erneut Unheil zusammenbraut, und diese kaum irreal zu nennende Bedrohung jemandem absprechen, dessen Familie in den Todeslagern von den Menschen, in dessen Sprache er als rumänische Jude schrieb, ausgerottet wurde? Manchmal genügt eine falsche Wahl der Worte.

Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwer, in der Tat. Ich lese ihn aus dieser Passage des Rühmkorf-Textes in einer unmittelbaren Lektüre nicht heraus. Daß Celan jedoch zutiefst irritiert gewesen ist, verwundert angesichts der Ereignisse wenig. Zudem: auch andere Intellektuelle, wie etwa Marcel Reich-Ranicki äußersten ihr Befremden in dieser Gesellschaft: daß sie zuweilen primär als Juden und nicht als Literaten oder Kritiker wahrgenommen wurden. So etwas Ranickis Vorwurf gegen „Die Zeit“ für die er in den 60er Jahren Artikel schrieb. Natürlich: es sind immer nur Anzeichen und Äußerlichkeiten: „Aber das Ihr Zimmer ganz am Ende des Ganges in einer abgelegenen Ecke inmitten von alten Zeitungen liegt, hat doch nur etwas mit den räumlichen Gegebenheiten hier im Haus zu tun. Daß Sie an den Redaktionskonferenzen nicht teilnehmen, findet seinen Grund lediglich darin, daß Sie freier Redakteur sind. Da muß man sich nichts bei denken.“

Und daß Celan mit nicht einer Zeile in dem durchaus wichtigen Buch von Hugo Friedrich „Die Struktur der modernen Lyrik“ (1956) vorkam – das ist kein Zufall. Das Buch ist in neunter Auflage erschienen. Friedrich lebte bis 1970. Sand aus den Urnen: 1948, Mohn und Gedächtnis: 1952 Von Schwelle zu Schwelle: 1955, Sprachgitter: 1959. Entweder hat Friedrich 1956 noch nie etwas von Celan gehört, dann ist es ein eher unvollständiges Buch zur modernen Lyrik, wenn er den avanciertesten Lyriker seiner eigenen Gegenwart nicht kennt, nicht wahrnimmt; oder Friedrich wollte es ganz einfach nicht. (Aber das Buch ist im Rahmen des Lehrhaften gut: ich rate trotzdem zu.)

Die Gesellschaft der Nachkriegs-BRD ist durch und durch antisemitisch. Sie verklausulierte es nur anders. Und der Philosemitismus eines Axel Springer stellt bloß das Zerrbild jenes Antisemitismus dar. Gestern haben wir Juden ausgerottet, heute erdrücken wir sie in der Umarmung. In der zuweilen sehr lustigen, aber dann auch wieder bedenklichen und fragwürdigen Sendung am Sonntag im ARD „Entweder Broder – Die Deutschlandsafari“ begibt sich Broder, als Stein des Holocaust-Mahnmals verkleidet, zur Jubiläumsfeier „5 Jahre Holocaust-Denkmal“. Broder fragt seine Begleiter Hamed Abdel-Samad, ob er wisse, was das für Musik sei, die da zu hören ist. „Irgend etwas Hebräisches“, antwortete Abdel-Samad. „Nein, schlimmer“, so Broder, „es ist Klezmer!“ Der Witz war wahrscheinlich abgesprochen: inszenierte Spontaneität. Trotzdem trifft der Gehalt desselben zu.

Diese Überlegungen zu Celan lassen sich genauso gut ins Jetzt wenden, wenn man darauf schaut, wie mit Minderheiten verfahren wird. Insofern möchte ich mich nicht nur auf den latenten und manifesten Antisemitismus beschränken. Hier aber ging es um Paul Celan. Was übrigbleibt, ist das kritische Denken, das sichtet und genau prüft. Denn nur der kritische Weg steht offen, so möchte ich es auch in diesem Zusammenhang anzitieren. Hätte man beizeiten die Texte Celans und Golls gründlicher angesehen, betrachtete man die Dokumente genauer, wäre vieles erspart geblieben. Erst im Jahre 2000 ist es Barbara Wiedemann gelungen, in ihrem äußerst instruktiven Buch diese Dinge ein für alle Mal klarzustellen.