Berlin, Berlin [Bashing for Bohème]. Facetten des Populären (1)

Marktferne, aber dafür Kunstnähe? Dies war einmal! Heute geht in Berlin beides recht gut zusammen: Stadt als Kunst als Standortfaktor. Vom Wilden und Ungezähmten der Kunst blieben allenfalls die Brachen der Stadt, die sanft ruhen und den Schlaf schlummern. Bis sie erweckt werden. Sie liegen solange brach, bis sich ein für Investoren geeignetes Projekt findet, das sich wirklich lohnt. So wird es – meine Prognose – in 10 Jahren ebenso dem Tempelhofer Feld ergehen. Insofern hatten die Bebauungsgegner – obwohl dem Schein nach die Abstimmung gewonnen – bereits im Mai verloren; denn anstatt heute, im Hier und Jetzt, für eine sinnvolle Bebauung zu votierten, sperrten sie sich komplett. Auch das ist Berlin.

94_TZK_Cover_02_t_w470Die Juni-Ausgabe der „Texte zur Kunst“ widmet dieser Stadt in all seinen Facetten von Kunst, Kommunikation und Kommerz – rtl-alliteriert, freilich von mir, wie Biker, Busen, Büchsenbier – unter dem Titel „Berlin Update“ ein Heft: Vom radikalen Wandel Berlins innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte, der wesentlich durch ökonomische Faktoren bedingt ist, bis zum Kunsthype samt der Kommerzialisierung, vom „Theorie-Design“, das mit dieser Stadt durch drei Universitäten samt ihren Sonderforschungsbereichen verbunden ist sowie dem kulturellen Crossover verschiedener Institutionen wie Theatern, Museen und Kunst-Events (Berlinale, Theatertreffen, Berlin Biennale, Gallery Weekend, Monat der Fotografie, Kunst- und Modemessen usw.), bis hin zu einer Stadt der neuen Medien, für die symbolisch Orte wie das Café Sankt Oberholz oder andere Trendbars, -Restaurants und-Clubs stehen, die genauso schnell wechseln wie sie kamen, samt perfider Arbeitswelten, die den Schein des Authentischen malen, wo Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr machen, weil Freizeit den Charakter von Arbeit annimmt und Arbeit sich als Freizeit geriert – vom Fitnessprogramm bis zu den Plänen gesunder Ernährung, irgendwelchen Kursen im Creativ Writing und Schreibseminaren.

Berlin bietet für die Kreativ- und Kunstszene in relativ günstiger Weise zwei ökonomisch hoch wertvolle Ressource: Raum und Zeit. Immer noch läßt es sich in dieser Stadt für wenig Geld und gut leben, wenn man seine Essens- und Lebensansprüche gering ansetzt, sich von Nudeln ernährt und dieses Minimale als neue Zünftigkeit propagiert. Insofern ist billiger Wohnraum in guter Lage gewünscht und wird als Anspruch angemeldet. Gerne wird dabei in schäbiger Bude die Aura der Bohème gepflegt. In einer Weise freilich, die mich in diesem Klischee an Aki Kaurismäkis absurd-komischen Film „Das Leben der Bohème“ denken läßt. Ein Schuß Tragik und schönes Scheitern ist naturgemäß ebenso beigemischt, denn was wäre das Leben samt seinen Inszenierungen ohne jene Tragik und sei diese auch nur eine Posse und Simulationseffekt. In einem post-dramatischen, post-aristotelischen Zeitalter, in dem Ort, Zeit und Handlung sprunghaft divergieren können, bleibt das Dividuum.

Das „transgressive Potential von Underground-Parallelwelten“ diente immer schon – seit dem Phänomen des Pop und den läppischen Exzessen der Beat-Generation, allen voran J. Kerouac: keiner wußte das besser als Adorno – der radikalen Ökonomisierung von Gesellschaft. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“, drohte die Werbung der 80er Jahre. Oder mit Kunst. Oder mit Pop oder indem sich die Bezirke mischen. Neoliberalismus und Kunst sind zu einem gewissen Teil Komplizen derselben Sache. Selbst da noch, wo letztere sehnend an ihre Autonomie glaubte. In den letzten Zügen der Dialektik rettet sich Kunst in den Pop: in den Bezirk der identitätsstiftenden Erfahrungswelten im turnschuhmiefenden Teenager-Zimmer, wo sich mit diesem oder jenem Musikstück ein besonderer Raum von Existenz und Dasein verband. Das kroch ins Musikstück wie in Prousts Madeleine und im Tee die Erinnerungen sich aufbewahrten, so daß eine Situation inmitten der neuen Unübersichtlichkeiten qua Musik als Gestus und Haltung doch noch als allgemein kommunizierbare zu konnotieren war. So konnte sich das Phänomen Pop zumindest auf der Ebene der Referenzierungen am Leben halten. (D.  Diederichsen beschreibt diese Wirkungen des Pop – ich drücke es mal in meinen Worten aus, man muß das ja bei solch feinen Wortwendungen dazu sagen, sonst denkt jeder, das sei von Diederichsen – als aisthetische Erfahrung auf eine geniale Weise in seinem gleichnamigen Buch. Inwiefern er dieses Phänomen Pop dialektisiert und fruchtbar macht, ist durchaus tricky zu nennen. Aber so kennen wir ihn, dafür lieben wir ihn. Das ist eines dieser interessanten Interferenzphänomene. Affirmativsein ohne Affirmation)

Allerdings gibt es zu jedem Berlin-Trend genauso den Gegenzug. Daß immer mehr Menschen von Berlin genug haben und ihnen das Gewese um diese Stadt zum Halse heraushängt, haben manche bereits zum Beginn der Blase erkannt. Lange bevor ein New Yorker Magazin namens „Gawker“ Anfang des Jahres verkündete, „Berlin is over“, es ginge mit Berlins Habitus als irgendwie coole Stadt nun zu Ende. Sehr viel früher schon teilte zum Beispiel der großartig bissige Don Alphonso regelmäßig gegen Berlin und insbesondere die sogenannte Berliner Medien-Bohème mit ihrem Jammerton und ihrer Anspruchshaltung aus. Ein Habitus des Digitalen als Flow und Funding, ohne dabei irgend etwas an Kraft und Denk-Arbeit investieren zu wollen oder genauer geschrieben: zu können. Und ebenso früh polemisierte der Don gegen den widerlichen Ranz und das Unansehnliche dieser Stadt, die sich keine schönen Gebäude leisten mag, sondern das Verwildern von Flächen als Stadtplanung ausgibt oder aber Dokumente der Zeit, wie den Palast der Republik, abreißt. [Andererseits ist mir das Verwildern dann auch wieder lieber als eine Stadtpolitik, die nur für ein bestimmtes Klientel Geld in die Hand nimmt – zumal sich die Ödnis und der Dreck ungemein als Kulisse zur Photographie eignen: Die Welt ist bekanntlich seit Nietzsches Satz nur noch als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt – zumindest solange ich in einer solchen Umgebung nicht wohnen muß. Ergänzt sei fürs Heute und für jene, die bei Nietzsche vorauseilend zucken und sich wegducken: als eine Ästhetik des Häßlichen oder als anästhetische Angelegenheit. Andererseits mochte ich in den 90er Jahren ebenso wenig im Rollbergviertel oder im Weserkiez wohnen. Und wer es sich leisten konnte, der zog naturgemäß weg. Organisierte Verwahrlosung von Stadtteilen, so könnte man das gemeinsame Programm aller Berliner Parteien nennen, die den Senat stellten. Dieses Herunterranzen hat sicherlich Gründe. Seit Nietzsche wissen wir freilich, daß die Wahrheit durchaus gute Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen.]

Bei aller berechtigter Kritik an Berlin, sehe ich vieles entspannter als der Don, denke mir daß München doch zu gediegen ist, allenfalls für die Besuche in den einschlägigen Museen geeignet, sicherlich eine Stadt mit schönen Vierteln und hervorragender Küche, viel Mode, gutem Weine sowieso, aber doch zu glatt. München ist wie ein Mann oder eine Frau in den 60ern. Nahe genug an Italien – immerhin. Wenn ich irgendwo leben möchte, dann in Leipzig, vielleicht noch in Essen, Köln oder Duisburg. Gerne in Hamburg wegen des breiten Stroms. Nur eine Stadt mit einem richtigen Fluß als Ader ist eine lebenswerte Stadt. Wir sehen dies an New York und Lissabon. Was ich an Berlin schätze, sind nicht die ungentrifizierten oder mittlerweile aufgewerteten Stadtviertel, die so oder so in ihrem Ranz daliegen, sondern die Weite der Stadt. Alles verläuft sich. Anders als in Hamburg oder Essen. Mein Mitleid mit den Gentrizifizierungsjammerlappen allerdings, für die Lankwitz oder Wilmersdorf Zumutungen sind, hält sich arg in Grenzen. Die Profiteure von gestern sind nun einmal die Verlierer von heute. So geht die Geschichte übers Subjekt hinweg. So funktioniert nun einmal eine über den Markt organisierte Gesellschaft. Seid nicht böse darüber. Es kommen andere Zeiten!

Recht hat der Don freilich, wenn er in witzig-böser Weise gegen die Berliner Medien-Bohème austeilt: Menschen, die irgendwie und irgendwo einmal einen Text geschrieben haben, sei es auf einem (Zeitungs-)Blog oder anderswo, bezeichnen sich ernsthaft als „Journalisten“. Es ist doch eher lachhaft. Menschen, die keine drei Zeilen Foucault, Adorno, Hegel, Marx oder Zizek gelesen haben, führen diese Namen im Munde, als hätten sie zehn Jahre deren Texte beackert. Nichtlesen, aber trotzdem vollmundig darüber sprechen oder in Kurz-Zeichenzahl die Namen als Referenz- und Distinktionsmerkmal fallenlassen, weil’s den kulturellen Mehrwert erzeugt. Trends, trendy. Auf der Ebene der Textfakten nachprüfen können es sowieso nur wenige, weil niemand diese Texte zusammenhängend studierte. Schlagwortsound wird abgesondert.

Gleiche gilt für die Internetphänomene. Es werden Banalitäten zu riesigen Wolken und Gebirgen gebauscht, und dabei plustert man sich selber gleich mit auf wie’s Vögelchen im Walde. Und immer mal wieder geschieht im Schwung der Tage ein Paradigmenwechsel, Post-Privacy und Meme treten auf den Plan, werden wieder abbestellt, vielleicht springt morgen ein digitaler Platonismus aus dem Schächtelchen. Pseudo-Kenntnis der Philosophie und Medienwissen aus dem Kindergarten als Halbbildung spielen sich als Wissensformen auf: sozusagen als intrinsische Qualität des zugereisten Berlin-Bewohners. Insbesondere hier sehen wir, welchen Schaden das Studium der Kulturwissenschaften auf breiter Flur anrichtete. [Ende vom ersten Teil des kulturellen Narrativs]
 
 
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
 

Hamburg und eine Nebenbemerkung zur Gentrifizierung

Dieses Wochenende muß der Blog geschlossen bleiben, denn es geht zu einer lange erwarteten Party nach Hamburg. Beim Aufenthalt in jener Stadt werden zudem Photographien vom Hafen, am besten südlich der Elbe und auf der Veddel, gemacht und demnächst hier gezeigt – vielleicht auch von anderen Orten. Einige Photographien von Hamburg gibt es schon einmal hier zu sehen.

Vor einige Zeit hielt ich mich bereits in Hamburg auf; und dort verabredete sich mit mir abends eine Frau in einem Restaurant namens „Bullerei“. Solche Lokalitäten sind nun Inbegriff dessen, was sich Gentrifzierung eines Viertels – hier: des Schanzenviertels – nennt. Hochpreisniveau, welches weiteres Hochpreisiges nach sich zieht. Das Hochpreisniveau als solches ist nicht das Problem, wenn es bei einem oder zwei Restaurants bliebe, was aber naturgemäß ein widersinniger Wunsch ist, welcher aus dem Heile-Welt-Denken heraus geboren wurde.

Sicherlich: qualitativ hochwertiges, gut zubereitetes Essen kostet nun einmal etwas mehr Geld. Wobei dieses Restaurant eher den Charakter eines überlaufenen Speisesaales besitzt, nur leider nicht so gemütlich und angenehm wie etwa „Chartier“ in Paris. (Eigentlich aber ein Quatschvergleich, weil das zwei ganz verschiedene Räumlichkeiten und Gebäude sind. Das „Chartier“ entspringt der Welt der Pariser Passagen, die „Bullerei“ zehrt von der Backstein-Werksarchitektur.) Man geht in die „Bullerei“, weil alle dahingehen. Reflexionslosigkeit im Ausgehen. Der Wein ist allerdings sehr gut dort, aber der Ort besitzt keinen Stil, keine Aura und keine Atmosphäre. Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte, als der Barmann beim Einschenken eines Glases Riesling und als er mit mir sprach, mitten im Akt des Vollzuges sich bei mir dafür entschuldigte, daß er mich beim Sprechen nicht angeschaut habe.

Eigentlich wollte ich diese Kritik an der Gentrifizierung im Hinblick auf ihre idiotische Moralität, mithin die darin enthaltene moralische Komponente des Das-tut-man-aber-nicht, kritisieren. Alles soll nur schön bleiben, wie es ist und böse Restaurants nicht das Viertel kaputt machen. Die schöne Welt der Bürgerstöchter und -söhne darf keinen Schaden leiden. Kapitalismus wird kritisiert, weil er so böse Sachen macht. Ja, woher mag das wohl kommen? Solche naive Kritik verkennt aber die Lage. Denn der Kapitalismus kann nur so sein, wie er ist, er „handelt“ seinem Wesen gemäß, und es verhält sich ganz stringent und folgerichtig, daß ein Restaurant wie die „Bullerei“ eben dort eröffnet, wo es aufgemacht hat. Die Menschen werden, sobald das sogenannte „soziale“ der Marktwirtschaft abnippelt, mit einem Male ganz bekümmert. Ohne dabei aber in ihrer Sorge oder ihrem Ärger das Wesen zu treffen, nämlich in eine Kritik an den Systemstrukturen überzugehen, bleibt solche Moralisierung hilflos und arbeitet nur darin mit, daß das, was ist, so bleibt wie es ist. Als ob man kapitalistisches Wirtschaften mit Reformen und winzigen Änderungen an den Stellschrauben bessern könne. Aber ich habe im Grunde gar keine Lust dazu, dieses Thema heute auszuwalzen. Richtig ist allerdings, daß es kritisiert und bekämpft werden muß, wenn ganze Viertel umkippen. Doch ohne ein Maß an Theorie, welche Einblick in die Strukturen von Kapitalismus nimmt, ist gelingende, d.h. treffende Kritik aber nicht möglich. Aber auch das ist im Grunde keine ganz neue Erkenntnis. Was nicht geht: sich irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg seine Kuschelecken zu bewahren, damit es dort nur schön flauschig bleibt. Es gibt keine Freiräume. Kein Ort, nirgends. Und gegen die Insistenz eines Systems helfen auch kein Yoga oder asiatische Versenkungskünste.

Und ansonsten aber gilt, etwas sprunghaft gedacht: Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll-Freitag:

6. Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin (1)

Da fährt man nun in die nicht ganz so ferne Ferne des Ruhrgebiets und vergißt darüber, daß in Berlin am Sonntag die 6. Biennale zu Ende geht. Schnell also hingeeilt. Als ein kurzer Überblick, sofern man dies überhaupt leisten kann, da dort doch eine Vielfalt von Projekten an sechs verschiedenen Orten dargeboten wird, sei nur soviel gesagt: Es ist eine Biennale, die wohl weniger deshalb für Furore sorgen wird, weil sie sich mit den Positionen gegenwärtiger Kunsttheorie oder gegenwärtiger Kunst viel beschäftigt, indem sie auf das verweist, was – binnenästhetisch – in aller Vielfalt, gerade geschieht oder den Kanon der Formen grandios erweitert. Ganz im Gegenteil, es passiert kaum ein Fall von Selbstreferenz: Kunst, die sich mit Kunst beschäftigt bzw. sich mit ihrem Material auseinandersetzt, wie ich es für eine angebrachte Position halte, sondern es werden Werke gezeigt, die sich auf unterschiedliche Weise – ganz im Sinne des Realismus – auf die Dimension des Sozialen beziehen. Vielfach sind die Werke explizit politisch oder wollen es zumindest sein. Denn das Konzept der Kuratorin Kathrin Rhomberg ist die Umkreisung des Begriffs der (politischen und sozialen) Wirklichkeit. Die Biennale heißt dann auch vieldeutig: „was draußen wartet“. Das Motto ist nicht schlecht gewählt.

Doch es ist eine alte Leier, es ist ein altes Lied, und man singt es immer wieder neu: Das engagierte Kunstwerk scheitert in der Regel. Gut gemeint, aber meist schlecht gemacht; nicht durchgearbeitet. Oder aber es fällt das Werk eben aus der rein Bildenden Kunst heraus und steht im Bereich des Dokumentarischen, welches kritisch interveniert. Freilich läßt sich hier – manchmal nicht ganz zu unrecht – einwenden, daß die Grenzen eben fließend geworden sind. Insbesondere an dem Kunstort im Haus Oranienplatz 17 sieht man viele solcher Werke, die zwischen Dokumentarischem und dem Willen, Wirklichkeit durch (ästhetische) Gestaltung widerzuspiegeln, changieren. So gab es dort manche politische oder am Sozialen ausgerichtete DVD-Film-Kunst (Kurzfilme), die man sich allerdings teils lieber in einem Kino angeschaut hätte, und die, auch um der Sache willen, besser ins Genre Dokumentarfilm paßte.

Um es jedoch vorweg klarzustellen: ich will das Dokumentarische nicht abwerten oder gegen sogenannte hohe Kunst, was auch immer dies sei, ausspielen. Ganz im Gegenteil. Es ist das Konzept, politische Wirklichkeit zu reflektieren, nicht schlecht, und es ist nicht falsch, diese politischen Wirklichkeiten mit den Mitteln der Kunst zu bearbeiten. Die unscharfen mit Photohandy aufgenommenen Bilder von Gefängnisinsassen (bzw. von Szenen aus ihrem Alltag) in Frankreich, die Mohamed Bourousissa zu Negativen kopierte und dann als großformatige Photos abzog, sind in ihrer Verschwommenheit faszinierend und merkwürdig zugleich. Vom Digitalen ins Analoge gewandelter Alltag eines Gefängnisses. Die Übermittlung verbotener Bilder. Das Handy als Mittel der Kommunikation. Nicht ganz alltägliche Banalität, die von überall her stammen könnte.

Einige der Filme sind als Dokumentarkurzfilm in ihrer Drastik durchaus gelungen. So etwa das Projekt „Details 2 & 3“ (2004) von Avi Mograbi, der an einem israelisch-palästinensischen Grenzübergang bzw. Kontrollpunkt filmt und sich weigert, der Aufforderung des Militärs nachzukommen, die Kamera abzustellen. Die Bilder geraten verwackelt, es gibt Wortgefechte, alles Geschehen wird lediglich durch diese Filmkamera gezeigt, die eben den Blick Mograbis wiedergibt und gleichsam die Position des (subjektiven) Auges besetzt, das eine bestimmte Wirklichkeit einfängt, die vordergründig eindeutig zu sein scheint, es aber durchaus nicht ist. Lediglich Mograbis bohrenden Fragen an die Grenzposten und deren Antworten sowie seine Beschimpfungen sind zu hören, seine sich steigernde Wut, die Empörung, daß eine kurz zu sehende Gruppe palästinensischer Kinder nicht durch einen Passierpunkt gelassen wird. Die Hände der Soldaten, die die Kamera abdecken oder fortstoßen. Soldaten, die auf ihre Befehle verweisen (müssen), provokante Fragen Mograbis, daß die Armee schließlich für das Volk arbeite und von diesem auch bezahlt wird. Um die Schulkinder geht es schon lange nicht mehr, und der Zuschauer weiß mit einem Mal: An einem Kontrollposten der Hamas wäre der Filmemacher bereits erschossen. Mit ästhetischen Mittel wird hier das Medium bloßer Fernsehdokumentation, wie man sie aus den unzähligen Nahostreportagen kennt, gebrochen und ein andere, verschobene Sicht auf Wirklichkeit vermittelt.

Im Blick aufs ganze am Oranienplatz 17 läßt sich sagen, daß es wichtig und richtig ist, die verschiedenen Formen des sozialen Protestes zu visualisieren und künstlerisch durchzuarbeiten. Die Fahrt jedoch zwischen einer Überästhetisierung, die mit einer wichtigen Sache ein Spiel um ihrer selbst willen treibt, und der allzuplatten Parteinahme inniger Selbstbespiegelung dessen, was die Protagonisten sowieso bereits wissen, gerät oft nicht ganz einfach. Hier den richtigen Takt und eine avancierte ästhetische Position zu finden sowie Grenzen politischer Wirklichkeit auszuloten, scheint eine nicht immer leicht zu lösende Aufgabe abzugeben. Häufig auch ist ein beschaulicher, wenngleich kritisch gemeinter Positivismus zu beobachten, der leider in eine langweilige Bestandsaufnahme abdriftet. Dies zumindest ist bei manchem Film mein erster Eindruck. Und was die Zeichnungen von Sven-Åke Johansson dort sollen, das weiß ich nicht, möchte mich aber mit Drastik zurückhalten, weil ich mir diese nur grob und schnell anschaute.

Fast wie ein Ruhepol inmitten des Politischen, der aber verstörend wie die Ästhetik eines Familienalbums wirkt, ist die geniale auf DVD kopierte 16 mm-Arbeit von Margaret Salmon „Hyde Park, 2009“, ohne Ton grobkörnig und in schwarz/weiß, eine filmische Reihung von Park-Szenen unterschiedlichster Ausprägung, so wie der Flaneur, welcher auf einer Bank eine Zeit verweilt, die sich entwickelnden Szenerien und die Vorübergehenden wahrnehmen mag: Kinder, die laufen, Menschen, die miteinander sprechen, streiten, spazierengehen. Eine weiße Plastiktüte, die – für einfachso – vom Wind getrieben, über einen Rasen weht. Den Namen Margaret Salmon werde ich mir sicherlich merken.

Das Haus am Oranienplatz, ein leerstehendes altes Gebäude, wurde passend gewählt. Es faszinierte bereits durch die Räumlichkeiten, und manches der ausgestellten Objekte entfaltete gerade in dieser Konstellation eine ganz besondere Wirkung, so etwa das Environment von Adrian Lohmüller „Das Haus bleibt still“. Eine sich über die Etagen durch das ganze Haus ziehende Installation von wasserleitenden Kupferrohren und Wasserbehältern, die im ersten Stock, wo das Environment kulminierte, in einen kleinen Gasbrenner mündeten, der das Wasser, welches durch die Rohre transportiert wurde, erhitzte. Es tropft dort auf einen Salzstein und gerät auf den Boden, wo ein Daunenbettzeug ausgebreitet ist. In dieses zieht es ein. Fast sieht es aus, als zersetzte das Salzwasser die Daunendecke, weiß geht in weiß über, Wasser verdunstet und Salz kristallisiert sich auf dem Boden aus.Ganz privat, unprätentiös und still wird so ein ganzes Haus in einen Kreislauf einbezogen.

X

X

Doch: am Ende hin muß ich es schon sagen: Was ich am Oranienplatz 17 gesehen habe, das war im großen und ganzen nicht schlecht. Ich rate jedem, der noch Zeit übrig hat, dort hinzugehen. Let there be rock. Wie es sich an den anderen Orten verhält, sehe ich dann die nächsten Tage.

Hinzuweisen sei noch auf diesen Part:

X

X

X

X

X

X

Ich weiß nicht, ob das echt ist oder am Ende eine Simulation, um der Kunst sozusagen einen Schuß künstliche Provokation zu verpassen. Wie sagt man da für beide Fälle? Papiertiger. Allerdings ist die Angelegenheit auch wieder zu komplex, um sie in ein paar Nebensätzen abzuhandeln. Das Thema Gentrifizierung und Kunst wäre wohl einen eigenen Beitrag wert. Berichtet wird über diese Dinge zum Auftakt der Biennale auf Gentrification Blog.