„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat …“ – 200 Jahre Grimms Märchen

„Da sprach das Mädchen endlich ‚sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen.‘ Dann band es sein goldenes Strumpfband ab und that es dem Rehchen um den Hals, und rupfte Binsen und flocht ein weiches Seil daraus. Daran band es das Thierchen und führte es weiter, und gieng immer tiefer in den Wald hinein.“ (Brüderchen und Schwesterchen)

„Durch das planlose Umherstreifen, durch die planlosen Streifzüge der Phantasie wird nicht selten das Wild aufgejagt, das die planvolle Philosophie in ihrer wohlgeordneten Haushaltung gebrauchen kann.“ (G. Ch. Lichtenberg)

Vor zweihundert Jahren kam am 20.12.1812 im Verlag Georg Andreas Reimer eine Sammlung von Kinder- und Hausmärchen auf den Markt, die ins kollektive Erzählen einbrach und sich im kulturellen Unterbewußten tief verwurzelte. Als Stichwort zu solcher Mythologisierung sei nur dieses Gebilde genannt, um das sich Legenden ranken: Wald – ein aufgeladenes Arcanum, romantischer Sehnsuchtsort – sowie Begriffe wie Waldeinsamkeit, Waldeslust. Diese Sammlung entstand inmitten der Deutschen Romantik, als das Kunstmärchen zur Literaturform sich aufschwang – von Goethes Mährchen in den „Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderten“ (1795) als Reaktion auf die Französische Revolution samt dem Zerfall einer bestimmten Weise vonKultur sowie als Darstellungsweise des Poetisierens, orientiert an Boccaccios „Decamerone“, über Novalis Märchen im „Heinrich von Ofterdingen“ (um 1800) bis hin zu von Arnims „Des Knaben Wunderhorn“ (1808), woran die Grimmbrüder mitwirkten.

Aber die von den Brüdern Grimm zusammengetragenen Märchen sind mehr als Kunstmärchen, und in gewissem Sinne eine Gegenbewegung, die von der Kunstpoesie hin zur Naturpoesie führte – teils im Geiste der Schlegelschen Früh-Romantik. Indem Jacob und Wilhelm Grimm den Charakter von Dichtung umpolten und auf die Volksdichtung rekurrierten, greifen sie in die sogenannte Volksliteratur hinein und verquicken sie mit der Kunstform. Damit knüpften sie zum einen an den Johann Gottfried Herders Volkslieder, der 1778/79 jene bahnbrechende Sammlung von Texten verschiedener Art zusammenstellte: Märchen, Lieder, Gedichte aus unterschiedlichen Kulturkreisen – im Grunde eine Art ethnologische Sammlung. So scheint es zunächst.

Bei den Grimms lag aber das Gewicht auf der Volksliteratur sowie der Märchenerzählung. Derer Vorläufer gab es zwar auf dem Gebiet der Deutschen Fürstentümer viele. Doch die Zusammenstellung der Gebrüder Grimm gelangte zum Ruhm, wobei der Volkscharakter zunehmend zugunsten des Regionalen verortet wurde, und es ranken sich um diese Märchen zugleich Märchen. So schreiben Jacob und Wilhelm Grimm in ihrer Vorrede der Ausgabe von 1837:

„Gesammelt haben wir an diesen Märchen seit etwa dreizehn Jahren, der erste Band, welcher im Jahre 1812 erschien, enthielt meist was wir nach und nach in Hessen, in den Main- und Kinziggegenden der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, von mündlichen Überlieferungen aufgefaßt hatten.“

Ganz so verhielt es sich indessen nicht. Meist kamen Menschen zu den Grimms, die keineswegs aus dem sogenannten einfachen Volke stammten, und erzählten ihnen diese Geschichten – unter anderem die Schwestern Annette und Jenny von Droste-Hülshoff. So kann man – fast im Sinne Theweleits – sagen: Dahinter steckt immer eine kluge Frau! Und die Erzählungen aus dem einfachen Volke fielen womöglich, wenn man die Frage anders stellte, zudem anders aus, und sie handelten von Mühsal, Unterdrückung, Armut und Willkür.

Viele Märchen dieser Sammlung sind zudem keineswegs rein deutsche Märchen: „Rotkäppchen“ etwa tauchte bereits in der Französischen Märchensammlung von Charles Perrault auf (1691 ff.), es heißt dort „Le Petit Chaperon rouge“. Solche Überschneidungen verwundern nicht, und sie werden sich über die Märchen der verschiedenen Kulturkreise – auch der außereuropäischen – hinweg zeigen lassen, weil es sich um universale Parabeln, Lehrgeschichten und archetypische Muster von Verhalten handelt: Gut und Böse, Rollenbilder von Männern und Frauen, Initiationsriten von Jungen und Mädchen. Einer, der auszog, um als anderer oder eben: mit gar nichts und im Grunde doch mit vielem heimzukommen wie Hans im Glück, der häufig als Held einer antikapitalistischen Parabel gedeutet wurde.

Die Märchen der Gebrüder Grimm fallen zwar einerseits in das Projekt der deutschen Romantik, doch Jacob und Wilhelm Grimm begriffen sich nicht als reine Romantiker, wenngleich sie mit Clemens Brentano sowie Achim und Bettina von Arnim befreundet waren und literarisch in ähnlichen Feldern wirkten. In ihrem Sinne ging es ihnen darum, Kulturgeschichte zu erforschen, und zwar auf eine wissenschaftliche Weise, die der Dichtung widerstand. Das Grimmsche Wörterbuch zeugt von diesem methodologischen Ansatz. Eine universale Poetisierung der Welt war ihr Projekt nicht, sondern vielmehr legten sie als Sammlung jene Geschichten und Erzählungen frei, die im Verborgenen lagen und die teils in mündlicher Überlieferung kursierten.

„So ist es uns vorgekommen, wenn wir gesehen haben wie von so vielem, was in früherer Zeit geblüht, nichts mehr übrig geblieben, selbst die Erinnerung daran fast ganz verloren war, als unter dem Volke Lieder, ein paar Bücher, Sagen, und diese unschuldigen Hausmärchen. Die Plätze am Ofen, der Küchenherd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Wälder in ihrer Stille, vor allem die ungetrübte Phantasie sind die Hecken gewesen, die sie gesichert und einer Zeit aus der andern überliefert haben.“ (Kinder- und Hausmärchen, Vorrede zur 3. Auflage von 1837)

Was aber als Narratives sich gerierte und eine Tradition von mündlicher Erzählung simulierte, die im Verborgenen siedelte, erwies sich am Ende doch zutiefst an die Schrift und damit an ein Projekt von Poetisierung sowie Textualisierung (und eben auch: Entschärfung von überliefertem Text) gebunden,was sich bereits darin zeigt, daß die Gebrüder der mündlichen Überlieferung die feste und strukturierte Form der Erzählung entgegensetzten. Es gibt, und diese wissen die Gebrüder Grimm, keine ursprüngliche Erzählungen, die man am Wegesrand aufliest, dem Volke vom Mund abschreibt, sondern diese mündliche Tradition ist immer schon von einem anderen Text überformt. Der Unmittelbarkeitsgestus der Romantiker ist ein Trugbild und damit auch: ein Stück Ideologie, das einer Epoche radikaler Umbrüche geschuldet ist, eben jener Sattelzeit (R. Kosseleck) zwischen 1750 und 1850. Aber die industrielle Revolution und die Ausbildung von Kapital läßt sich poetisch nicht revozieren – wenngleich die deutsche Romantik im selben Atemzug im Gebiet des Ästhetischen ebenso ein eminent modernes Projekt war. Den Riß, der durch das Subjekt lief, stellten deren Texte mit Schärfe und Genauigkeit fest.

Wollte man diesen Bruch der Zeit visualisieren, so könnte man sich jene (romantischen) Landschaftsgemälde und -bilder von Carl Blechen ansehen, wo inmitten der Natur plötzlich ein Säge-, Hütten oder ein Walzwerk ragt. Die Naturlandschaft erweist sich als trügerisch. Die Märchensammlung der Gebrüder Grimm ist ein Reflex darauf.

Die Phantasmen von Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit, Natürlichkeit und jene seit gefühlten Ewigkeiten postulierte Subjektivität als Ausdrucksform wurde bereits Schiller in „Über naive und sentimentalische Dichtung“ nicht müde zu kritisieren. Mochte der Mensch früherer Epochen – obgleich ich auch dies für eine Projektion jener Wunschmaschine halte, die sich Subjekt nennt – eine „ungeteilte sinnliche Einheit“ darstellen, so ist diese Position innerhalb der Gegenwart Schillers nicht mehr möglich. Jenes mit Brüchen versehene, reflektierte Bewußtsein, kann die verlorene Unschuld nicht durch Einfühlung und bloße Nachahmung von Volkes Stimme wiedergewinnen:

„Ist der Mensch in den Stand der Kultur getreten, und hat die Kunst ihre Hand an ihn gelegt, so ist jene sinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moralische Einheit, d. h. als nach Einheit strebend, sich äußern. Die Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten Zustande wirklich statt fand, existiert jetzt bloß idealisch; sie ist nicht mehr in ihm, sondern außer ihm; als ein Gedanke, der erst realisiert werden soll, nicht mehr als Thatsache seines Lebens.“ (F. Schiller)

Die Volkslieder der Romantik und die Nationalpoesie stellen insofern ein Simulacrum dar und fallen in jenen Bereich, für den in einem anderen Zusammenhang Philippe Lacoue-Labarthe jenem Begriff von der „Fiktion des Politischen“ prägte.

Es ist jener Riß zwischen Sinnlichkeit und Verstand, der die Welt durchzieht, und er wird bleiben, weil er konstitutiv ist und immer schon strukturierend wirkte.

Vielleicht haben Leserinnen und Leser erwartet, daß ich ein wenig über die Märchen selber schreibe: der Froschkönig als Parabel der Entjungferung, die Aufstiegsmöglichkeiten eines kleinen Schneiderleins zum König, was ja nicht alle Tage vorkommt. Aber die Texte durchstreichen und verhageln die Subjektivität der Wahl. Auch vermissen Leserinnen und Leser womöglich den im letzten Beitrag versprochenen Sex. Doch Sie wissen ja: ein Text ist bereits Sex. Und mehr.

Die Entschärfung der Schärfe bei den Gebrüdern Grimm. Oder die Archive der Nacht (1)

Und als die Mutter uns das Geschichtlein am Bett zum Abend hin vorlas, mit einem hämischen Lachen, und als sie uns Kindern zurief: „So müßt ihr die Mädchen später nehmen, ihr müßt sie nehmen, wie sie kommen!“: Da ahnte ich fürdahin meine Bestimmung: Schreiben, Texte sammeln, den Essay als Form produzieren, schöpfen, abschöpfen. Es entstand – Jahrzehnte später – ein herrlicher Blog, der sich Aisthesis nannte. Denn ich wußte, daß man mit der Schrift Mädchen und vor allem Frauen binden kann. Nicht unbedingt auf die Weise wie Lewis Carroll es in seinen „Briefe an kleine Mädchen“ tat – das Verhältnis von Pädophilie (bzw. sexuellem Mißbrauch) und „Alice im Wunderland“ ist eine eigene Serie wert – und auch Kafkas Briefe an Felice erweisen sich als ungeeignet zum Brauterwerb. Bettgeschichten. Und die Mutter las mit ihrer mahnenden Stimme, während der Vater im Hintergrund streng und stumm blickte. „Ich liebe den Puritanismus, ich liebe das Evangelikale. Und im Zeichen des Kreuzes will ich es bluten sehen!“, so rief der Vater mit einem Male. Er sprang von seinem Platze auf in die Höhe, reckte sich und verließ den Raum. Und inmitten der grauen, für den kindlichen Blick nicht endenden Hochhaussiedlung in den 60er Jahren war das eine Ausnahmesituation, und die Mutter begann zu lesen:

„Der Prinz […] sprang in das Zimmer, fiel Rapunzel zu Füßen, schlug die Arme um ihre Knie und sagte ihr damit Dinge, die sie glauben konnte. Aber sie fürchtete sich doch und schrie ganz erbärmlich, hörte auch nicht eher auf, als bis sie so verliebt in den Prinzen war als er in sie, und da wurde sie stille. Er sagte ihr sehr viel schöne Sachen, und sie war bloß bestürzt und antwortete nicht. Das machte ihm gute Hoffnung, und endlich ward er so dreist, dass er Heiratens vorgab und sie gleich nehmen wollte. Sie sagte ja, ohne zu wissen, wozu es geschah, ohne zu wissen, wie, und es war ihr wohl und weh, ohne zu wissen, wo. Das war recht artig.“ (W. Schulze, Kleine Romane, 1795)

Ein Text voll von wundersamen Stellen, Paradoxien, Gegenwendigkeiten wie man sie später in der Prosa Kafkas findet: „Aber sie fürchtete sich doch und schrie ganz erbärmlich, hörte auch nicht eher auf, als bis sie so verliebt in den Prinzen war als er in sie, und da wurde sie stille.“ Auf welch seltsamen Wegen sich zuweilen die Liebe einer Frau zu einem Manne einstellt. Die parataktische Syntax eignet sich vorzüglich, das Geschehen zu transportieren und terminiert in jenem Satz: „Das war recht artig.“ Wilhelm Grimm formte diese Stelle in der Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1837 auf diese Weise um:

„Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fieng an ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sey bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wolle, und sie sah daß er jung und schön war, so dachte sie ‚der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,‘ und sagte ja, und reichte ihm ihre Hand. Sie verabredeten daß er alle Abend zu ihr kommen sollte, …“

Lesen Sie morgen weiter, wenn es hier auf „Aisthesis“ zum 200. Jahrestag der Kinder-und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm heißt: GRRRRRIMMSSSS AND SEX: So zärtlich war die Nacht!

[Bitte rammsteinmäßig mit sehr gerolltem r aussprechen!]