Gallery Weekend – nachträglich. Some Photographers, two Painters

Am 1. Mai hätte ein Text zur bildenden Kunst folgen sollen, denn es war Galerie-Wochenende in Berlin. Aber ich schrieb statt dessen, weshalb es heute schwierig ist, links zu sei. Und sowieso: auch das Politische läßt sich bekanntlich als ästhetisches Phänomen betrachten, solange man daraus nicht den ästhetischen Staat ableiten will oder mit Hingabe die Ästhetisierung der Politik betreibt. Besser Langeweile als Faschismus, wie Habermas sinngemäß sagte. Da hat er recht – andererseits gibt es ja auch andere Alternativen als den Faschismus. Ich kann politischen Aktionen lediglich etwas abgewinnen, wenn sie eruptive Ereignisse sind, wenn sie die Dimension des Alltäglichen durchbrechen, wenn sie meine Sinne reizen. Aber ich betrachte dies als Zuschauer, mich interessiert – im Sinne einer entfernt teilnehmenden Beobachtung, als Photograph oder mitlaufender Chronist – die Menge in der Revolution. Ebenso wie der Mensch in der Revolte. Ohne je involviert zu sein. Insofern ist für mich aus jenem aisthetischen Kitzel der Nerven heraus das schockhafte Ereignis als solches ästhetisch bedeutsam, betrachtet aus der sicheren Distanz. Das freilich ist eine riskante Haltung. Denn wenn man diesen Blick ganz ohne Inhalte praktiziert, eine Art Praktik ohne Praxis, kann man genauso die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen 1992 wie auch bei jenem legendären Maikrawall vor 30 Jahren ästhetisieren: als es bei Bolle und bei den Vietnamesen brannte. Man kann von Glück sagen, daß niemand starb. Nun also die Kunst. Benjaminschen Proklamationen eher abhold.

Gallery Weekend also – so sperrig dieses Wort ins Deutsche übersetzt klingt, so komplex und sperrig ist auch das Event. Die 47 „offiziellen“ Galerien mögen zu „bewältigen“ sein; deren Werke, all die Installationen lassen sich komfortabel betrachten. Aber die ans Gallery Weekend andockenden Kunsträume sind schier unendlich. Keiner, der das alles ablaufen könnte. Was bedeutet: nicht bloß drei Sekunden aufs Bild schauen, um dann weiterzuhetzen. So wie man einen 1000-Seiter der Weltliteratur nicht in drei Tagen mit Siebenmeilenstiefeln durcheilt. In dieser Hetze entgleitet das Wesentliche, die Details rutschen durch. Also nimmt sich der Leser Zeit.

Allerdings dienen solche Leistungsschauen und Messen – erst am 29.4. endete die Art Cologne – nicht der ästhetischen Versenkung, nichts soll analysiert werden, sondern der Kunstkenner verschafft sich einen Überblick, was auf dem Kunst-Markt läuft, was geht und was nicht, was dernier crie und was abgewirtschaftet bloß noch an der Wand hängt. Spazieren und das was da ausgestellt wird, betrachten, taxieren, bewerten. Immer wieder gerne erwähnt bei solchem Berliner Spaziergang und als eine absurde Dissonanz wahrgenommen, ist der Kontrast zwischen der Potsdamer Straßen mit ihren Ein-Euro-Läden, dem türkischen Gemüseladen in der XL-Variante, heruntergekommene Döner-Spelunken und ebenso alte, noch verbliebene Bars wie das „Joseph Roth“. Und natürlich peu à peu sich ausweitend die Galerien, die sich rund ums ehemalige Gebäude des Tagesspiegels gruppierten und manch Altes verdrängen. Das Farben- und Tapetengeschäft „Erwin Fron“ in der Kurfürstenstraße gibt es nicht mehr. Der Laden steht leer. Letztes Jahr existierte er noch und stellte sogar ein paar Farbbilder aus. Aber das half nichts. Und dort, wo vor zwei Jahren ein griechischer Kulturklub sein Domizil hatte, ist eine Galerie. Die Besitzerin einer kleinen Druckerei mußte den jungen wilden Künstlern weichen. Gegen Gentrifizierung wird immer dann erst protestiert, wenn das zahlungskräftige Klientel von noch Reicheren verdrängt wird.

Im Tagesspiegel-Gebäude selbst befinden sich die Großgalerien von Blain|Southern, was vom Klang her genauso ein Ölkonzern sein könnte. Und Esther Schippers, die vom Schöneberger Ufer ins Tagesspiegel-Gebäude zog. Blain|Southern zeichnet sich durch eine riesige Halle aus, in der früher die Druckmaschinen der Zeitung standen – allein wegen des Gebäudes lohnt der Besuch. Ideal für Gemälde von Jonas Burgert, und zwar mit den Maßen 6 x 22 Meter. Eine ganze Wand breit (siehe unten, Photo 5 u. 6). Da sehen wir ein wild-expressives Getümmel. Menschen verknäult in Farbe, eine malerische Großtat. Ich bin bei solch Pompösem ansonsten skeptisch, wenngleich die Riesengemälde im Louvre von David oder Gericault ebenso durch diese Größe ihre Wirkung entfalten – man denkt da auch an Kants Erhabenes, als Monumentales hier direkt auf die schiere Bildgröße bezogen. Diese Größe weckt eine ästhetische Idee in uns. Ein Objekt, das sich über die normalen Ansprüche der Sinnlichkeit erhebt, kein Guckkastenbild, sondern ein Koloß thront da. Das sollte man sich ansehen. Mal unabhängig davon, wie man das Kunstwerk selbst bewertet.

Spannend am Gallery Weekend ist, daß man auf interessante Kunst stößt und dafür nicht einmal den Museumseintritt bezahlen muß – wobei ich nichts gegen den Eintritt bei Museen haben – für die, die es sich leisten können. Die meisten Ausstellungen sind eine Zeit lange zu sehen, über das Weekend hinaus. Jonas Bungert noch bis zum 29. Juli.

Beeilen hingegen muß man sich in der galerie hiltawsky in der Tucholskystraße in Mitte. Dort sind die Photographien der legendären Lee Miller noch bis zum 6. Mai in einer wilden Petersburger Hängung im ersten Raum und schön nebeneinander im hinteren Teil, im schmalen Flur zu sehen. Ein Ansammlung, die man so schnell nicht wieder in den Blick bekommt: Reisephotos, Bilder in surrealistischer Manier, Reportagephotos aus dem befreiten Nazi-Deutschland. In der wilden Mischung versinkt leider das geniale Einzelbild. Aber es ist eine Galerie nun einmal kein pädagogisches Museum. Für einen Überblick jedoch reicht es.

Ebenso gibt es diese feine Übersicht in der Galerie Kicken (Linienstraße 161A), aber dort wohlgeordnet und jede Photographie einzeln für sich: nämlich die Bilder von Sibylle Bergemann und dazu andere legendäre Ost-Photographen wie Harald Hauswald, Arno Fischer, Helga Paris. (Bis 1.9.) Ebenfalls Sibylle Bergemann in der Galerie Loock (Potsdamer Straße 63). Bergemann ist schwer im Schwange, „Frauen. Und in Farbe“: das sind Mode- und auch Reisephotos, eine Masse wundervoller Bilder. Sehr genau hat Bergemann diese Menschen gesehen und abgelichtet. Ich haderte lange mit mir, ob ich ein oder zwei dieser Photos hier und bei Kicken kaufen solle.

Gleich nebenan die wohl seltsamsten Photographien, nämlich die des Norwegers Kåre Kivijärvi. Schwarz-weiß-Bilder zwischen 1959 und 1966 geschossen, hart im Kontrast, wie das zu seiner Zeit nur wenige Photographen praktizierten. Man kennt diese Art von Bildkontrast eigentlich eher aus der Japanischen Photographie Ende der 60er Jahre – wer es genauer sehen will, schaue sich den Bildband „Provoke“ vom Steidl-Verlag an, der von jenem gleichnamigen japanischen Photomagazin handelt: Provocative Materials for Thought. „Kåre Kivijärvi war ein komplizierter Mann voller Widersprüche. Er begann als Photojournalist, ums sich später als Romantiker zu bezeichnen.“ So beginnt der Ankündigungstext der Galerie Michael Janssen (Potsdamer Str. 63). Zu sehen gibt es Photographien aus dem Norden, Reisebilder aus Afghanisten. Kivijärvi photographiert die abgelegenen Orte dieser Welt, er macht Reportagebilder von der Seefahrt, in Nepal oder Grönland, Landschaftskompositionen, ein Kohlkopf im Feld.

Bei hunderten von Bildern trifft der Betrachter eine Auswahl. Willkürlich oder unwillkürlich – bei mir waren es die Gemälde der rumänischen Künstlerin Iulia Nistor. „canary in a coal mine“ heißt die Ausstellung in der Galerie Plan B (Potsdamer Straße 77-87, bis. 17.6). Ich kannte Iulia Nistor bisher nicht, aber wie es in der bildenden Kunst so ist, fallen einen momenthaft und ohne daß es einen Grund gibt, manche Werke auf den ersten Blick sofort an. Ästhetische Unwillkürlichkeiten. Wenn ein Künstler Farben in der Manier der Pastellmalerei weich auf die Leinwand bringt, springe ich nicht gerade vor Freude auf, weil das zartgetupfte Zartgetuschte meine Sache nicht ist. Oft sind solche Bilder verzärtelt und hinter die Zeit gefallen. Es haftet ihnen das Kunstgewerbliche an. Meist denke ich an Worpswede und an Schönwettermalerei. Aber natürlich: wie es immer ist – es gibt die Ausnahmen von der Regel. Diese Bilder von Iulian Nistor sind alles mögliche, nur nicht lieblich. (Photo 2 und 3)

Eine besondere Ausstellung findet sich in der Galerie Thomas Fischer (Potsdamer Straße 77–87). Irmel Kamp (*1937) photographiert das Neue Bauen in Tel Aviv und Brüssel. Es heißt ja, daß es in keiner anderen Stadt der Welt als in Tel Aviv derart viel Bauhausarchitektur gebe. Kamps Bilder zeigen diese Gebäude. Menschenleer und man könnte meinen alles sei kalt. Aber in der Anordnung und durch das Schwarz-weiß entfalten diese Photographien Spannung. Genau auskomponiert, exakt den Ausschnitt und den Anschnitt gewählt. Diese Leere der Straßen, wo nur die Dinge, das Haus, ein Auto so dastehen, berührt. Manchmal ragt bloß ein Zweig ins Bild oder Blätter, als wäre da auch noch die Natur. Der Mensch aber ist fort. Manches Haus sieht verfallen aus, andere wieder sind in einem passablen Zustand. Kamp geht es um die Besonderheit des jeweiligen Gebäudes, sein Spezifisches. Zwar für Menschen gemacht, aber erst weil diese Menschen fehlen, können diese Photographien veranschaulichen, daß Gebäude zwar für uns gebaut sind, aber dennoch ein Eigenleben führen. Reine Form und Funktion. Für jeden Bewohner zwar offen, aber erst der Bewohner ist es, der dann mit seinem Interieur dem Inneren zum besonderen Leben verhilft. Kamp zeigt Möglichkeitsbedingungen des Wohnens und des urbanen Lebens. Oberflächenbilder, die tief sind.

Galerietage in Berlin. Der Hipster, die Backstube Thoben und der Aesthic turn

Kunstwochenende in Berlin. Im kecken Ton subjektiven Befindens plaudert Ronja von Rönne in der Samstagswelt des Feuilletons prominent auf der ersten Seite über das Gallery Weekend. Sie berichtet uns, daß sie mit moderner Kunst nichts anfangen könne. Früher, in den Jahren des Qualitätsjournalismus wählte der Redakteur eine Kunstkennerin und erteilte ihr einen Rechercheauftrag. Heute läuft es anders. Ohne Inhalt fabulieren, schickt sich als neues Journalistenformat, und es ist gut, wenn eine Zeitung Autoren im Anekdotenstil über die Dinge schreiben läßt, mit denen jene Autoren nichts am Hut haben, denn am Ende drückt auch das die Preise der Schreiber. Für Qualität muß man etwas zahlen. Fürs Loslabern nicht so viel. Es wird in symbolischer Währung honoriert. Da ist der Schreibplatz Lohn genug. Aber vielleicht ist es von der „Welt“ bloß die angemessene Reaktion auf einen entleerten Kunstbetrieb, Rönne schreiben zu lassen. Während in der Abendschau vom Samstag Sascha Hingst mit einem Adorno-Zitat den Anfang macht – ich staunte nicht schlecht: Aufgabe der Kunst sei es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Exakt heißt es in Adornos „Ästhetischen Theorie“: „Mehrfach ist, zuerst wohl von Karl Kraus, ausgesprochen worden, daß, in der totalen Gesellschaft, Kunst eher Chaos in die Ordnung zu bringen habe als das Gegenteil.“ Sympathisch fand ich diesen Ausschweif in dialektische Ästhetik trotzdem.

Ob freilich Kunst dieses Verwirren noch leistet, bezweifle ich. Chaos, Bruch und Anarchisches verflogen oder wurden im Betrieb als wohlfeile Regung eingemeindet. Kunst stiftet Seelenheil, vom Épater le bourgeois blieb nicht einmal der Bourgeois übrig und das wirkte ebenso auf die Kunst zurück. Keiner regt sich auf. Alle regen sich an, wenn sie von Galerie zu Galerie schlendern oder im BMW-Shuttelservice kutschiert werden. Ich blicke in aufgekratzte Gesichter. Es hätte auch das von Ronja sein können. Die Provokation, die einst ein Manet mit seiner nackten „Olympia“ im Pariser Salon auslösten oder die Wut auf die Blutorgien eines Hermann Nitsch sind längst ausgedampfte Geschichte. Das Reinheitsgebot für Kunst fordern allenfalls noch AfDler oder die Identitären in Wien, wenn sie eine Jelinek-Aufführung im Burgtheater stürmen. Vielmehr delektieren wir uns an den Werken – verbrämt im Jargon der Kunsttheorie als ästhetische Erfahrung – wie wir eine fluffige Crème brûlée löffeln. Mit zufriedenen Gesichtern stehen die Menschen in den Galerien der Auguststraße, der Linienstraße, im alten Berlin in Kudammnähe oder rund um die Potsdamer Straße. Geschmack ist auf sein unmittelbar sinnliches Surrogat geschrumpft, Kunstwerke werden geschlürft, wie später bei den Empfängen dann die Austern. Sie prickeln und machen Lust auf mehr. Wie ein Champagner. Vom Wahrheitsgehalt eines Werkes oder von ästhetischer Wahrheit sind beim Betrachten kaum noch Spuren zu finden. Allenfalls rudimentär und in Vereinzelung. „Was weiß Kunst?“ fragt Alexander García Düttmann und plädiert im Untertitel seines Buches für eine „Ästhetik des Widerstands“.

Wenn wir schon anekdotisch über bildende Kunst schwätzeln und im Rönne-Sound statt Kenntnissen Nichtwissen für Text auftischen, dann werfe ich mich auf ein Randphänomen des Galerienwochenendes: Die Frakturen. Die zeigen sich deutlich sichtbar in der Potsdamer Straße. Aber ebenso in der Markgrafenstraße in Kreuzberg, nahe Springer und taz. Dort steht zwischen Charlottenstraße und Markgrafenstraße eines der letzten Gewerbegebäude, das nicht recht mehr in diese Gegend zwischen eleganten Hochhäusern zu passen scheint. Ein Lidl ist darin untergebracht, ein Hostel, ein Geschäft für Essens- und Trinkbedarf aus Spanien und eben auch einige Galerien. Alles hier sieht aus, als warte es nur auf den Abriß.

Zurück aber zur Potsdamer Straße. Keine 300 Meter vom schicken Galeriegeschehen entfernt, wie es sich im ehemaligen Haus des „Tagesspiegels“ abspielt, wo Erlesenes der Kunstwelt seine Location hat, liegt Wulle. Wulle ist keine In-Galerie oder eine neue Cocktailbar, die sich an der Potse zum Absinthsuff auftat, sondern das gute alte Woolworth. Beständig und billig. Wo Kanaksprakfrau mit Kopftucht günstig Omaschlüpper ersteht oder weniger wohlhabende Biodeutsche Shirts kaufen. Das Warenwesen in seiner Billigform. Wenn man möchte, kann man durch den Laden laufen und ohne zu kaufen die Plastik- und Kunststoffprodukte in ihrem Ausstellungswert besehen. Der Unterschied zwischen Wulle und einer Galerie ist, was die in Theoriedesign vielbeschworene ästhetische Erfahrung wie auch den absurden Sinnesreiz des ästhetizistischen Aufsteigerns anbelangt, nicht sonders groß. Es könnte Wulle oder irgendein anderes Warenhaus genauso eine Riesengalerie mit Ready Mades sein. Die Brillo-Box hat unsere Wahrnehmung entweder verdreht oder aber gut verschärft. Das kommt auf die Perspektive an.

Dieses Wesen von Mensch, das bei Wulle nicht betrachtet, sondern kauft, wohnt und wohnte bislang in dieser Umgebung. Der Sozialpalast z.B. ist keine drei Straßenzüge entfernt. Genannt Pallasstraße. Ein Hochhaus, das über eine Straße ragt, darunter dann die Autos z.B. zum Biomarkt auf dem Winterfeldtplatz fahren. Eine Nummer größer in Berlin gibt es das nur an der Schlangenbader Straße. Eine Autobahn führt unter einem Hochhauskomplex hindurch.

Den üblichen Hipster zu erwähnen, den ubiquitären mit dem Bart, ist im Bericht öde, denn er gehört zum Distinktionsmerkmal Kunst in der Art dazu wie Hure auf Kurfürstenstraße, und der Hipster verirrt sich nie nicht ins Woolworth, um zu shoppen. Nicht mal aus Spaß. Dafür aber finden wir ihn in den Galerien. Belustigende Szene in der Galerie Fuchs, wo Montagen von Tomi Ungerer gezeigt wurden. Da stehen sie, staunen, einer der beiden Hipster, in weinroter Hose und einer weißen Kapuzenjacke, die halbangezogen wie bei Kindern zwischen Ellenbogen, Unterarm und Hüfte baumelt, murmelt so zum anderen und schüttelt voll Unverständnis sein bärtiges Köpfchen: „Das ist ja echt 68er-Kritik.“

Der Hipster sieht diese Menschen, die in ihrem Kiez seit Jahrzehnten leben, allenfalls belustigt als Requisiten. Oder gar nicht. Auf der Potse aber sitzen nur wenige Schritte vom nächsten Hipster entfernt, der einen dunklen Poncho-Umhang aus Schurwolle trägt, wie vor 20 Jahren die Indiomusiker in den Fußgängerzonen (nur das deren Gewänder bunter waren, während das vom Hipster drastisch feiner ist), die Frauen vom Kiez. Sie hocken auf den Plastikstühlen vor der Backstube Thoben mit den schlechten billigen Brötchen, die nach Luft schmecken. Die Frauen plaudern, sie trinken ihren Kaffee, sie lachen, sie zeigen ihre Goldzähne oder es erfüllt das Gebiß eine Lücke. In Sichtweite, aus der Richtung zum „Wintergarten“-Varieté hin wehen Gitarrenklänge herüber und ein schwarzbärtiger Mann von rundlicher Gestalt singt französische Lieder: Wenn man nichts hat als die Liebe. Ein neues Bistro feiert mittags Eröffnung. Weine und Speisen der französischen Küche werden gereicht. Gemüse und Fleisch vom Grill, Rosé- und Weißwein fließt oder steht im Glas. Anders als Thobenkaffeeleute trinken und essen. Potsdamer Straße. Ich frage mich, wie lange die Menschen, die hier wohnen, noch wohnen. Die Frau, mit der Druckerei, die ihr Leben ausmacht und ihr den Unterhalt sichert, muß sich mit Vermieter und Künstlern streiten, die in dem Gewerbehof anderes vorhaben und gerne Bierflaschen liegenlassen.

Wo vor zwei Jahren in der Kurfürstenstraße ein Verein mit Griechen seine Räume hatte, zeigt nun eine Galerie Photographien von geschundenen Kühen. Aber vielleicht war auch der Verein mit den Griechen bereits eine Inszenierung von geschundenen Griechen, denke ich mir. Ein Kunstprojekt. Man sollte in der Potsdamer Straße auch Woolworth, das finanziell wackelt, als einen Show-and-Collectorsroom betreiben.

Präsenz-Punkte. Oder: Bilderwelten und Bleiben ist für ein Bild nirgends. Kein Ort (Gallery Weekend 2014, Berlin)

Aus der Fülle der gezeigten Bilder das Gesichtete zu ordnen, fällt schwer. Was bleibt, wo blieb ich stehen? Es waren zwei Galerien, die nicht im offiziellen Programm vertreten waren, und zwar einerseits die Maerzgalerie mit Sitz in Berlin und Leipzig – sowieso gehört meine Liebe dieser wunderbaren Stadt, und ich mache demnächst einen Abstecher nach Plagwitz in die ehemalige Baumwollspinnerei, und viel lieber als am Gallery Weekend in Berlin hätte ich am Frühjahrsrundgang der Galerien auf der Leipziger Baumwollspinnerei teilgenommen.

In der Maerzgalerie zu Berlin nun wurden die Photographien von Steffen Junghans gezeigt, einem Leipziger Photographen, Jahrgang 1963, der teils Reportagephotographie betrieb und später dann an der HGB in Leipzig studierte. Es handelt sich bei seinen Photographien um analog aufgenommene Motive, klassisch photographiert und entwickelt. All dies muß (oder sollte) man wissen, wenn sich die Betrachterin, der Betrachter den Photographien von Junghans nähern. Den das Sujet der Bilder ist häufig derart abgelichtet, daß einen der Gedanke überkommt, es sei dies eine Welt des bloß Artifiziellen wie im Gemälde oder eine des rein Digitalen: am Computer erzeugte Bilder; die „Fotografie nach der Fotografie“ eben, wie seinerzeit Anfang der 90er Jahre ein Foto-Projekt bzw. der dazugehörige Katalog hieß. Realismus ohne Realität, so wie viele der heute am Computer entworfenen Filme funktionieren: das nahm in Spielbergs „Jurassic Park“ seinen Anfang. Und so auch in der Photographie, Körper ohne Körper, rein digital konzipiert und im Spiel der Zeichen ohne den nötigen Referenten auskommend. Der Referent bleibt das Simulierte: Cyberfaces, Cyberbodies. In der Ordnung der Malerei nahm der Photorealismus des Gerhard Richter durchaus die Photographie zur Vorlage, um die Dingwelt in den anderen Status, den der Malerei nämlich, zu überführen, sich dabei freilich, um das Dinghafte zu beglaubigen, an den Wirklichkeitsvorgaben der Photographie orientierend, deren Beglaubigungs- und Zeugnismodus ein anderer ist als der des gemalten Bildes, das wir, mag es noch so sehr Trompe-l’œil sein oder eine reale Situation wiedergebend, als Fiktion durchschauen. Real ist das, was photographiert werden kann. Mehr oder weniger gewöhnliche Dinge wie Stühle oder Düsenflugzeuge, Szenen aus der Werbephotographie erhielten im Stile deutscher Pop-Art die Weihe des Gemalten und des Realen in einem, eines eigentümlich schillernden Zwischen-Dings, gleichsam ein Hyper-Reales.
 
mg_jun13_synkope_form_ii[Quelle: Homepage Maerzgalerie]

Anders Junghans. Dinge, Menschen, Objekte erscheinen wie stillgestellt in ihrem So-Sein, in ihrer Anordnung wirken sie zwar outriert oder seltsam, wie jener Mensch mit der Gitarre über dem Kopf. Das, was das Wesen einer Photographie einstmals ausmachte, was sie gegen die Malerei abheben sollte und was doch nicht gelang: im Modus der Physik des Lichts die Dinge selber zum Sprechen zu bringen, indem ein Objekt mittels einer optischen Verrichtung auf ein Trägermaterial gebannt wurde, nämlich ein Negativ: etwas mittels Chemie und Physik so zu zeigen, wie es ist, wurde am Ende vom Medium selber konterkariert. Eine Sicht auf dieses Phänomen von Präsentation und Repräsentation unternehmen etwa jüngst Helmut Lethen in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Der Schatten des Fotografen“ oder in anderer Weise – nämlich in der nötigen kunstgeschichtlichen Tiefenbohrung – Hans Belting in „Faces“: Die Codierung des Blickes, die Präformierung des Objekts durch die Ordnung der Gesellschaft samt ihrer Diskurse und das unverstellte reine Objekt stehen im Spannungsfeld. „Ceci nʼest pas une pipe“ …
 
mg_jun13_echo[Quelle: Homepage Maerzgalerie]

Was in der Photographie von Junghans wie die Farbspur eines abstrakten Gemäldes wirkt, so daß man zunächst an eine Variante der Farbfeldmalerei denken mag, erweist sich als schlichte Wandbohrung: Herabrieselnder roter Staub, wie man ihn aus Altbauwohnungen kennt, sedimentiert auf einer schwarzen Wand. Dabei handelt es sich einerseits um eine inszenierte Wirklichkeit – das Bild trägt den Titel „Echo“ –, andererseits zeigt uns die Photographie genau das, was ist und was sich zugetragen hat: ein in die Wand gebohrtes Loch samt dem Bohrstaub. Verdoppelung im Klang der Tiefenbohrung. Nicht mehr, nicht weniger. Dieses Spiel, das in die Drastik des Realen mündet, macht die Stärke dieser Photographien aus: eine Dingwelt, die die Betrachter:innen in ihrer Dinghaftigkeit des So-Seins geradezu anspringen. Eine Photographie kann mit dem Dinghaften allerdings nur spielen und es zeigen, wie es ist, wenn sie in der Komposition zu reduzieren vermag. Nicht der Bohrer, das Instrument, der Mensch, der tätig ist, all die nötigen Utensilien sind auf dieser Photographie zu sehen, sondern lediglich jener gefrorene Augenblick einer Wand mit einem Loch und dem rieselnde Staub, der sich an die Wand heftet und am Boden sammelt.

Ganz anders ist es um die Drastik des Realen in der Ausstellung „Kentucky Karaoke“ bestellt, und zwar in einem temporären Kunstraum namens DMNDKT. Nach diesem Wochenende existiert die Ausstellung nicht mehr, alle präsentierten Bilder sind verschwunden, es gibt allenfalls Hinweise auf die Künstlerinnen und Künstler. Ich nehme aus dieser wundersamen, spannenden Ausstellung, die sicherlich eine ausführlichere Besprechung verdient hätte, exemplarisch ein bzw. zwei Bilder, die zusammengehören heraus, nämlich die von Betty Böhm, welche die Titel „R.H“ und „Darling“ tragen.
 
OLYMPUS DIGITAL CAMERA[Quelle: Bersarin, 2014]

Es sind Geisterbilder eines wie tot wirkenden Raumes, unheimlich, fremd und wie von einem Spuk des Verschwindens beherrscht. Referenz ins Nirgendwo. Ein Raum, in dem eine Frau (oder ein Mann) die Füße auf einem Stuhl lagert, mit schweren Stiefeln versehen, dann die unbekleideten stämmigen Fesseln. Ansonsten bleibt der Körper unsichtbar, kein Wesen, kein Blick, keine Gestalt. Die Perspektive oder der Blick bzw. der Apparat verschiebt sich in der zweiten Photographie um ein winziges im Uhrzeigersinn und es ist die sowieso anonyme Person nun verschwunden. Referenz des Nichts, Mensch ohne Körper – allenfalls als Anzeichen oder als Spur eines Körpers im Bild inszeniert. Ich kann nicht einmal genau sagen oder beschreiben, was mich gleich beim ersten Betrachten dieser beiden (oder doch: dieses einen) Bildes anzog. Der von Barthes stammende, mittlerweile überstrapazierte Begriff des punctum trifft es nur ungenau:

„das Element selber schießt wie ein Pfeil aus dem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren. Ein Wort gibt es im Lateinischen, um diese Verletzung, diesen Stich, dieses Mal zu bezeichnen, das ein spitzes Instrument hinterläßt; dieses Wort entspricht meiner Vorstellung ums so besser, als es auch die Idee der Punktierung reflektiert und die Photographien, von denen ich hier spreche, in der Tat wie punktiert, manchmal geradezu übersät sind von diesem empfindlichen Stellen; und genau genommen sind diese Male, diese Verletzungen Punkte. Dies zweite Element, welches das studium aus dem Gleichgewicht bringt, möchte ich daher punctum nennen; denn punctum, das meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und: Wurf der Würfel. Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).“ (R. Barthes, Die helle Kammer)

Spur, Spurung, in die Haut fahrende Sporen. (Und nebenbei enthält ja ebenfalls die Bohrungs-Photographie von Junghans im wahrsten Sinne des Wortes genau diese Punktierung, und zwar im Bild selbst manifestiert. Als ob sie den Satz von Barthes nachgerade illustrierte.) Aber jener Satz von Barthes reicht andererseits nicht aus. Er beläßt die Angelegenheit in der bloß subjektiven Veranstaltung, und es raunt mir das punctum zu sehr: Zufall, Zufall, Unwillkürlichkeit. Das Moment der Nicht-Intention gerät zu leicht in die Spirale der bloßen Inszenierung. Die unwillkürliche subjektive Regung, auf die sich insbesondere in der Kunst so gerne berufen wird, erweist sich meist als real durchaus vermittelt und damit zugleich als inszeniert.

Ein Bild besticht, dies registrierte Barthes sehr richtig. Aus Zufall, aus Notwendigkeit? Es gibt Gründe, weshalb es besticht, weshalb es anspringt und weshalb es in diesem Akt – selbst noch in seiner Struktur – gelungen erscheint. Die Psychoanalyse des Bildes samt seiner Betrachtung: weshalb affiziert mich dieses Verschwinden, diese Fragmentierung so außerordentlich? Betrachten wir Bilder oder Strukturen? Zwei Photographien bzw. eine Photographie; unscharf gemacht, technisch (mit Absicht) lausig oder wenig perfekt gefertigt, wie eine Lomographie vom Gespenst der Leere geschossen, gleißend das Licht, das durch die Fenster bricht und damit hart im Kontrast. Im Grunde ist es eine Photographie wie ein Gemälde – nur eben in der vollendeten Unperfektion, in der inszenierten Zufälligkeit, als betätigte da einer den Auslöser wie aus Reflex, um auf der Flucht den flüchtigen Moment zu bannen. Es weist auf einen Menschen. Im Raum. Und verschwunden zugleich.

Das Motiv des Vorhangs bzw. des Schleiers: was hinter dem Vorhang sei, denn dieser muß nun einmal im Begehren samt seiner Zirkulation beiseite gezogen werden, wie der Schleier zu Sais: „Es zeigt sich, daß hinter dem sogenannten Vorhange, welcher das Innere verdecken soll, nichts zu sehen ist, wenn wir nicht selbst dahintergehen, ebensosehr damit gesehen werde, als daß etwas dahinter sei, das gesehen werden kann. Aber es ergibt sich zugleich, daß nicht ohne alle Umstände geradezu dahintergegangen werden könne; …“ so schreibt es Hegel in seiner „Phänomenologie“. Enthüllung als Nichts bleibt das Faszinosum samt dem Tod, der hinter jeder Enthüllung lauert. Die Wahrheit ist ein Weib und trägt Schleier, hat Gründe, ihre Gründe nicht sehen zu lassen, so wußte bereits Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft“. Dennoch begehren wir in einem und als Fetischist die Hüllen als auch die Enthüllung des Körpers. Wenn die Finger unter jenes Stück Wäsche gleiten, jene Spaltung freilegen, dort ins das Warme, in das Feuchte und Unebene eingleiten und wenn der Körper sich windet.

Spekulation auf den Namen, auf den Titel eines Bildes, der sich in den Initialen, die keinen Namen nennen, und in dem liebkosenden Substantiv des Darlings zeigt. Ein Eigen-Name als Geheimnis gewahrt, in der Photographie gebahrt. Es ist eine Referenz ins Nichts, die Leere des Raumes, des Namens, das Geisterhafte der Vorhänge, die geöffnet sind und die zugleich die Szenerie verschließen. Diese Anordnung der Elemente ist kompositorisch klug in die Photographie gebracht, das in Flächen aufgeteilte Bild: Ein Gespenst geht um.

 

Gallery Weekend 2014 – Die Listen der Kunst

Im Grunde bin ich nach all dem Umherschweifen durch die Galerien und Räume ein wenig ratlos: eine solche Gewalttour ist angesichts von über 50 Galerien lediglich für Sammler und Museumsdirektoren etwas, die ihrem Kunstraum etwas Neues hinzufügen möchten. Denn angesichts der Überfülle an Material – eben an Kunst – scheint mir ein angemessener Umgang mit diesem kaum möglich. Gehetzt eilt der Blick von Bild zu Bild, tragen einen die Schritte von Galerie zu Galerie. Und so bleibt am Ende nichts hängen. Die Betrachtung von Kunst ist eine kontemplative Angelegenheit, wie auch das Lesen von Literatur oder das Hören bestimmter Musik erfordert es eine Form von Konzentration und Eingehen auf die Sache selbst. Eine Vielzahl an Menschen sowie ein Überfluß an Werken mögen allenfalls die assoziativen Komponenten im Kopfe anreizen und zur Geltung bringen. Aber das hat mit den Werken selber wenig zu tun. Zumal es sich bei solchen Veranstaltungen ebenfalls um die Origen des Konsums handelt: Geldwert und genießerisch in einem. Kapital und Geschmack (in einem nicht nur produktiven Sinne) stellen sich zur Schau. Exzesse der Bildhaftigkeit: Teilnehmer und Werke gleichermaßen inszenieren und kapitalisieren ihren Ausstellungswert. Tauschwerttransformationsprozesse im Champagnergewitter.
 
OLYMPUS DIGITAL CAMERA [Plakat am Schöneberger Ufer (Landwehrkanal), Mai 2014]
 
Am Ende geht es bei solchen Veranstaltungen vielmehr um Sicht und Sichtung: wie verhält sich der Kunstmarkt im eher bescheiden-kleinen Berlin? Denn anders als Düsseldorf oder Köln war Berlin bis nach der Wende keine Galeriestadt. Die reichen Kunstkäufer saßen am Rhein. (Von den Kunstmärkten Londons, Basels oder New Yorks ganz zu schweigen.) Wer sich in Berlin für Kunst interessiert, wird sicherlich nicht das Gallery Weekend benutzen, um sich umzutun. Bei vielem, was ich sah – insbesondere im Bereich der Gemälde – verstärkte sich bei mir der Eindruck, dies bereits 100-fach gesehen zu haben. Die Bildende Kunst der Moderne ist an ihr Ende gekommen. Das avancierte Material ist verbraucht, vom Superlativ des Adjektivs ganz zu schweigen, die Fortschrittsspirale in der Beherrschung der Form stillgestellt. Es gab all dies bereits, und wer gewinnbringend seine Bilder ausstellen darf, die oder der hat in gewissem Sinne Glück gehabt. Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die keinen Fuß aufs Parkett (sprich in die Kunstzeitschriften und die renommierten Ausstellungen) bekommen, die freilich in ihren Werken genauso gut in Museen ausgestellt oder in Galerien zum Verkauf angeboten werden könnten wie andere.

Nun gut: jeder möchte von seiner Kunst leben, nicht alle können es. Das ist im Litertaturbetrieb so, der bestimmten Marktgesetzen folgt, das verhält sich ebenfalls in anderen Künsten auf diese Weise. Ich mag nicht lamentieren. Es ist vieles dem Zufall geschuldet. Es könnten meine Photographien ebenso gut in einer Galerie hängen, statt hier im Blog ihr Schattendasein zu fristen. Leider neige ich aber zu Faulheit (Acedia – gleichsam als schwere Sünde – und dazu gehörend die vagatio mentis circa illicita, nämlich das Schweifen des Denkens hin zum Verbotenen, Unerlaubten, hin zu dem, was nicht gedacht werden darf). Und bin zurückgezogen. Andere Menschen anzusprechen und mit meinem Photographien oder Texten hausieren zu gehen, verursacht mir Übelkeit.

Man wird sich also sinnvollerweise bei einer solchen Leistungsschau der Galerie, wo die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in einer Tour de Force präsentiert wird, auf das kaprizieren, was dem ästhetischen Sinn ins Auge springt. Das ist nicht anders als in den größeren Kunstschau-Formaten wie der documenta in Kassel oder der Venedig-Biennale. (Und Ende Mai eröffnet zudem die Berlin Biennale.) Die Betrachter verschaffen sich den Blick über die Szenerie. Andererseits besteht in der Rezeption von Gegenwartskunst doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Moment des „Gefällt-mir-subjektiv-gut“ – genau das, was dem ästhetischen Sinn als interessant oder im interesselosen Wohlgefallen ins Auge sticht – und dem Aspekt des ästhetisch Gelungenen, das im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Status der Bildenden Kunst im 21. Jahrhundert steht, so wie es die ästhetische Kritik sichtet, die sich dem Kunstwerk annähert, indem sie selber sich in ihrer begleitenden Lektüre zum Kunstwerk transformiert. Was heißt es mit der Zeit zu sein: kontemporär eben? Die Gegenwart der Kunst zu sichten, ihre Ausprägungen in einen Zusammenhang zu bringen? Und wie vermögen die Kunstbetrachterin und der Kunstbetrachter angesichts einer wuchernden Pluralität der Kunst, die alle Stile zu kombinieren vermag und deren Produkte zwischen dem Dokumentarischen und der spielerischen Inszenierung, der Freiheit der Form und dem Spiel mit dem Zonen wechselt, einen geeigneten Blick auszubilden?

Reduzierte man den herrschenden Kunstbetriebs auf den Kommerz samt Konsum und Geldwert sowie darauf, soziologisch gesehen, Stadtteile standortgemäß aufzuwerten, greift das ebenso zu kurz, als verfiele man der Hybris, daß Kunst so etwas wie einen besseren Blick oder ein geschärftes Bewußtsein hervorbrächte. Das gentrifizierungsmäßige Antikunstsalbadern der Anästhetiker ist genauso inhaltsleer wie die ästhetizistischen Verzückungsschreie perlenkettentragender Frauen oder von Männern in ausgefallenen Kleidungsstücken im Angesicht des vermeintlich exzeptionellen Kunstwerkes. Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern ist gesellschaftlich vermittelt. Richtiges Bewußtsein manifestiert sich noch im Falschen und falsches in der richtigen Sache: nämlich die der Kunst.

Was sich der Betreiber dieses Blog angeschaut hat, das erfahren Sie, liebe Leserinnen und Leser, morgen, hier, im Blog, in gewohnter Qualität auf Ihrem beliebten Kunstservice-Blog „Aisthesis“
 
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Gallery Weekend Berlin

So stand es im schönsten Englisch auf der Ausstellungs-Broschüre geschrieben. Der Prospekt kam vermutlich gerade aus der Druckerei, denn er roch nach frischer Druckfarbe. Ich mag diesen Geruch, welchen frisch gedruckte Farbe auf matt gestrichenem Papier hervorruft.

Ja, es reiht sich in Berlin bekanntermaßen Kunst an Kunst und Galerie an Galerie. Während des Wochenendes der Galerien vom 27. bis zum 29. April konnten eine Vielzahl von Kunstwerken betrachtet werden. Es besteht bei einem solchen Marathon jedoch die Gefahr, daß die Werke zum bloßen Nebeneinander geraten. Die Besucher klappern eines nach dem anderen ab und wissen am Ende nicht mehr, was sie eigentlich gesehen haben. Die Reihung erzeugt Unverbindlichkeit. Und es scheint mir sehr fraglich, ob bei einem solchen Parkour eine angemessene Auseinandersetzung mit Kunst möglich ist. Aber schließlich wollen die Kunstwerke verkauft und nicht analysiert werden. Wesentlich bleibt in diesem schnellen Durchmarsch das Element des rein Sinnlichen: Viel zu häufig betonten die Besucher das Verzücktsein: alles muß immerzu ein Augenschmaus sein. Es ist das altbekannte Problem der Kunst. Momentan bewegt sich die Spannbreite der Bildenden Kunst in Berlin zwischen der 7. Berliner Biennale, die sich diesmal extrem politisch gibt, und der üblichen kulturschickeriahaften Kunst für Sammler, welche die Kunst als solche schätzen oder aber sie als Wertanlage gebrauchen.

Es gab an diesem Wochenende einige interessante Werke zu sehen: So stellt zum Beispiel die Galerie carlier/gebauer unter dem Titel „The Present“ die Straßenphotographien von Paul Graham aus. Es sind dies sehr eindringliche Photographien, die insbesondere über das Moment des Lichts, das auf die Menschen fällt, eine ungewöhnliche Sicht auf die Straßen New Yorks freigeben. Weiterhin werden in der Galerie Aurel Scheibler die (frühen) expressionistischen Bilder und Zeichnungen von Leon Golub präsentiert. Bei Sprüth Magers gibt es die Ausstellung „Endgames“ von Jenny Holzer, die nach über 30 Jahren wieder zur Malereien findet und sich dort mit der US-Politik von Guantanamo und den Folterlagern auseinandersetzt. Ich will hier nicht zu viel aufzählen, aber das waren die Orte, welche mich am meisten inspirierten. Recht witzig waren die gehäckelten Stoffpuppen von Wesen aus der Cartoon- und Kinderpuppenmedienwelt von Patricia Waller: ein Ernie als Clochard, Winnie-the-Pooh, der sich erhängt hat oder der Sandmann, in einem Bett schlafend, von Joints betäubt. Virtuelle Figuren, die wir aus den Medien kennen, werden als gescheiterte bzw. aus dem Kontext gerissene Existenzen gezeigt – auf die Puppenform reduziert. Nichts Großartiges und von der Idee am Ende monoton, aber dennoch spaßig – sozusagen von der rein subjektiven Seite genommen: es erheiterte mich für den Augenblick, und das ist doch bereits viel wert.

Die meisten der gezeigten Werke können Betrachterin und Betrachter noch über den April hinaus sich ansehen. Eine Besprechung einzelner Ausstellungen, die mich interessierten, mache ich dann im Laufe der Zeit, es eilt ja nicht. Zunächst aber möchte ich einige Photographien von diesem Wochenende zeigen. Ich kommentiere nicht, welches Bild in dieser Serie von einem Kunstwerk stammt, und welches nicht: und als ich, einen kleinen Schlenker zur 7. Biennale unternehmend, ins KW eintrat und mir das dort ansässige Occupy-Camp ansah, da konnte ich den Unterschied eigentlich kaum ausmachen: Was ist Kunst und was nicht? Und da taucht sie wieder auf, jene Frage, was den wesensmäßigen Unterschied zwischen jenem Urinoir im Museum und dem in einer öffentlichen Toilette ausmacht, wieweit es um die Referenzrahmen oder um die Reflexion auf die Struktur eines Werkes geht und bis an welchen Ort der Werkscharakter seine Ausdehnung erfährt.

Allerdings: was ich beim Wochenende der Galerien an Photographien sah, da denke ich mir zuweilen, ich müßte auch einmal meine Bilder irgendwo ausstellen. Aber das wiederum ist ein anderes Thema.