Von den Photographien: Phronesis des Betrachtens – f/stop Leipzig (2)

„Die Fotografie – das ist diese Gesellschaft
der Bilder: Kein einzelnes Bild, sondern alle.“

„Der Terror der Bilder zielt auf den Alltag,
auf das, was lebendig ist in uns.“

Ebenso wie die Philosophie, als Ontologie und Erkenntnistheorie, fragt die Photographie danach: Was ist Wirklichkeit? Liefert die Photographie Abbilder dessen, was ist, oder trägt sie selbst dazu bei, diese Wirklichkeit überhaupt erst zu konstituieren? Die 7. f/stop Leipzig geht genau dieser Frage nach: was Bilder machen, was sie mit uns machen. Insbesondere als Dokumente, in der Reportage eingesetzt oder als Aufmacher einer Zeitung, die auf den Effekt schielt – dazu etwa in der in der Halle 14 im Raum der Künstlerklasse HfG Karlsruhe das Video-Gespräch zwischen dem Filmemacher Harun Farocki und Vilém Flusser über die Machart der Bild-„Zeitung“. „Schlagworte – Schlagbilder“ so heißt das dreizehnminütige Gesprächsvideo.

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Wenn wir das Zentrum der Ausstellung in der Halle 12 betreten, so lesen wir rechts und links vom Eingang angebracht zwei Tafeln, auf denen eine Position für und eine gegen die Photographie angeführt wird. These und Gegenthese begleiten uns. Bei dem Titel „Gegen Fotografie“ denken wir sofort an Susan Sontags Essaysammlung „Über Fotografie“. Sie maß diesem Medium zwar Bedeutung bei, hielt es jedoch aufgrund seines manipulativen Charakters und der Selektion sowie angesichts der Beschränkung der Bilder für schädlich und gefährlich. Allein Bericht und Reportage vermitteln einen Überblick und zeigen in ihren Facetten den Zugang zur „Wirklichkeit“. „Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“ (S. Sontag)

Diese These umkreist implizit auch die f/stop, und man könnte sie überhaupt als einen Ausstellungsessay zu Sontags beiden Büchern zur Photographie betrachten – angereichert mit ungemein viel Bildmaterial, das gesehen und erschlossen werden will. Die f/stop zeigt all diese Bilder nicht explizit, um zu widerlegen oder die Richtigkeit zu beweisen, daß es Bilder braucht, „um sich tief in die Welt zu verstricken“, sondern sie weist auf unterschiedliche Perspektiven, wie Photographien und Text gemeinsam die Welt erschließen und eben auch – konstituieren. Gar nicht so sehr im Sinne eines Radikalen Konstruktivismus, sondern als Interpretationshorizont, der uns zur Verfügung steht oder in den wir genauso gedrängt werden können.

Dieser ruhige Ton – trotz drastischer Photographien – macht die Ausstellung angenehm und sympathisch. Sie analysiert die Weisen der Bildproduktion und der Rezeption. Dazu durchlaufen wir verschiedene Parcours und Szenarien. Gleich zum Eingang das erste Tafelfeld: „Ein aus dem Zusammenhang gerissener Junge“. Jener Aylan Kurdi, das syrische Flüchtlingskind kurdischer Abstammung, tot an einen Mittelmeerstrand gespült. Warum gerade dieser Junge? Weshalb kein anderer, dessen Abbild zur Ikone wurde? Aber die Auswahl, der Name, die Person ist beliebig. Der Anlaß freilich nicht: es ertrinken täglich Menschen, weil Europa ihnen die Flucht erschwert und weil die USA sich um die von ihnen unterstützten (wenn nicht sogar entfesselten) Aufstände und die daraus resultierenden Folge eines Bürgerkriegs nicht einen Deut schert.

16_06_26_P_5_6366Die Titelseiten der Zeitungen, die das Bild des toten Aylan brachten, sind kombiniert mit Photographien von Versehrten und Geflüchteten aus dem 2. Weltkrieg, die dem Life-Magazin entnommen wurde. Darunter Gedichte aus Brechts „Kriegsfibel“, sehr passend diese Zeile, sie mag deklamierend auftreten und insofern kann man binnenästhetisch genommen über den künstlerischen Rang des Gedicht streiten. Weniger avancierte Lyrik, sicherlich, sondern ein Lehrgedicht. Im Ton aber rüttelt es auf: „Und viele von uns sanken nah den Küsten//nach langer Nacht beim ersten frühen Licht.//Sie kämen, sagten wir, wenn sie nur wüßten.//Denn daß sie wußten, wußten wir noch nicht.“

16_06_24_P_5_6017Diese Korrespondenz von Text und Bild wie auch den Bezug der Vergangenheit zur Gegenwart entdecken wir ebenfalls in dem Raum „Gerade eben jetzt“. Dort werden der Facebook-Timeline von Khaled Barakeh, Paul Feigelfeld und der Gruppe Lampedusa die Aufzeichnungen aus Brechts Arbeitsjournal von 1941 gegenübergestellt. Unter Photographien Notiertes. Text/Bild-Kombinationen – seinerzeit noch auf Papier, heute im Digitalen. Geschichte gleicht sich nicht, und auch Schrecken und das Grauen variieren. Wir, die das sehen, sind die Beobachter, die Betrachter von sicherem Land aus. Daß diese Ordnung der Dinge und der Welt, in der wir stehen, brüchig ist, bemerken wir meist nicht. Gestoßen werden wir auf das Fragile und Zufällige unserer Existenz, das gar nicht so zufällig ist, wie es anfangs scheint, sondern es ist durch Gesellschaft und damit von Menschen gemacht, wenn wir im dunklen Raum davor die Geschichte der Stadt Leiden von Johann Peter Hebel uns anhören.

Oder wenn wir in der Sektion „In den Trümmern des Alltags“ die Photographien aus der Stadt Paris betrachten, nach den Anschlägen vom November 2015. Eine leergefegte Stadt am Tag danach, Bilder wie von Atget. An der gegenüberliegenden Wand die Anschlag-Szenarien, wie sie auf den Titelseiten der Zeitungen prangten und uns in der Logik der Sensation in die Augen sprangen. Der Einbruch willkürlicher Gewalt, dieses Anderen, was für uns die Ausnahme bedeutet, ist für die aus Syrien oder dem Irak Geflüchteten nichts Ungewöhnliches. Dennoch leben auch in Syrien Menschen ihren Alltag, insbesondere dort, wo Krieg und Zerstörung bisher nicht hingelangten. Dokumente eines Alltags finden wir, wenn wir die private Photosammlung der syrischen Familie Khalil sehen. Bilder vor allem aus glücklichen Tagen in Syrien, Familienleben, Erinnerungsphotos. Sie befinden sich in der Sektion „Empathie ist Arbeit“. Die Familie floh 2014 aus Aleppo. Wer diese Photographien betrachtet, bekommt vielleicht ein Gespür für das Leid dieser Menschen und daß es Pflicht und Aufgabe ist, ihnen zu helfen, wo es geht. Der unbedingt kaufenswerte Katalog bei Spector Books bringt zu dieser syrischen Familie einen ausführlichen Bericht.

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Aber nicht nur im Innenraum halbmusealer feiner Werkshallen wie der alten Baumwollspinnerei gibt es Photos zu sehen. Die f/stop erweiterte das Bildkonzept, indem die Kuratoren die Ausstellung in die Stadt hineinverlagerten: an mehreren ausgewählten Orten finden wir Phototafeln, unter anderem die sehenswerten und zu entdeckenden Photos von Gerda Taro. Als Jüdin und Sozialistin flüchtete Gerta Pohorylle, wie sie ursprünglich hieß, 1933 von Nazi-Deutschland nach Paris, erfand sich dort unter dem Namen Gerda Taro neu. Sie lebte zusammen mit dem Photographen André Friedmann, wurde seine Schülerin. Beide erfanden als Kunstfigur Robert Capa und verpaßten ihm das Image eines reichen, amerikanischen Photographen. Capa wurde, wie bekannt ist, einer der bedeutendsten Kriegsphotographen. Sie reisten zusammen in den Spanischen Bürgerkrieg und schossen auf der Seite der Republikanischen Brigaden Photos. Taro starb dort 1937. Zudem sehen wir an anderem Ort Photos des besagten Capas, nahe des Capa-Hauses, wo er den zunächst sich auf einem Balkon mit einem MG postierenden und dann von einem Wehrmachtssniper getöteten GI photographierte, der in seinem Blut ertrank. Den die Kameraden nicht retten konnten, weil sie sich sonst den Kugeln ausgesetzt hätten. Grausamkeit in nur einer einzigen Szene. Auch die Kriegsphotographinnen Lee Miller und Margaret Bourke-White sind bei dem f/stop in-Situ-Projekt mit bemerkenswerten Bildern zu sehen, die zudem Bezug zu Leipzig haben.

Daß alle Photographien einen Referenten besitzen, erfahre ich, als ich mich auf die Photosafari begab und die im Stadtgebiet verstreuten Orte aufsuche. Bei Andreas Langfelds „Stationen – Fotosammlung der Familie Khalil, 1998–2016“, am Döser Weg 27 – mein Navi zeigt mir diese Adresse als nicht existent an – befinde ich mich plötzlich vor einem verfallenen Haus. Keine Photos, keine Tafeln, nichts. Drei Stockwerke, verhängte Fenster, manche zum Lüften gekippt. Vor dem Gebäude lungert ein Wachmann. Nichts deutet auf Menschen und Leben hin, aber irgend etwas muß hier sein. Hinein ins Haus dürfe ich nicht; auch das Photographieren des Gebäudes sei strikt verboten, so der Wachmann, der mich nun argwöhnisch anblickt. Ein Ort, der im anonymen bleiben soll.

Die Photographien deuten auf Menschen. Und diese wiederum weisen zurück auf die Bilder vom Krieg, die in ihren Köpfen bleiben. Dieser Spagat zwischen Realem, Welt, Referenz und Medium bekommt die f/stop Leipzig gut hin, ohne dabei moralisierend mit dem Finger zu winken oder aufdringlich zu wirken.

Neben den Dokumenten finden wir die Werke der Kunst. Oder sind Dokumente, die aus dem medialen Rahmen wie einer Zeitung herausgelöst wurden, bereits Kunst, indem sie auf einer Ausstellung präsentiert werden? Auch eine dieser Fragen, die wir stellen. In der f/stop-Plattform werden Arbeiten von drei Kunsthochschulklassen (Karlsruhe, Arles und Moskau) gezeigt. Insbesondere die Exponate der HfG Karlsruhe sind kollektiv gehalten. Thema ist die Produktion von Nachrichten ebenso ist wie deren medialen Vermittlungsformen – bis hin zur Bildmanipulation. Dabei kommen die Positionen aus Karlsruhe ohne ein einziges gehängtes Bild aus, was im Zeitalter des Digitalmedialen konsequent ist. Um all das zu betrachten und insbesondere um die Videos anzuschauen, muß man Zeit mitbringen und sich auf diese kompakte Installation einlassen, die sich bei flüchtigem Durcheilen nicht erschließt. Wer sich für die Produktion und Distribution von Bildern interessiert, dem sei insbesondere das Interview mit Estelle Blaschke empfohlen: „Photo Agencies and the Photographic ‚Dispositif‘“ Sehr viel klassischer gehalten und deshalb ein schöner Kontrast sind die Photographien der Kunstklasse der Rodchenko Art School Moscow. Eine Serie wie „Self-Employed“ von Alexander Anufriev. Sie zeigt uns Menschen, die auf Märkten durch den Verkauf von Produkten ihren Lebensunterhalt fristen oder die kühle Bildästhetik der Serie „Instant Tomorrow“ von Dimitry Lookianov.

All das, was es an Material auf der f/stop Leipzig zu entdecken gibt, läßt sich kaum in einem Text unterbringen. Es ist eine Flut an Bildern. Und genau das will uns diese Schau demonstrieren: eine Art phronesis im Umgang mit der Photographie zu entwickeln; den Bildern in Medien, die über die Bildschirme fluten, die langsame und geübte Betrachtung entgegenzusetzen. Die stillen Momente eines Bildes zu spüren. Wie etwa in Eva Leitolfs Serie „Deutsche Bilder – eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld, 1992-94“. Das, was nach einem Brandanschlag bleibt, Wohnungen und Kinderzimmer von Rechtsradikalen. Konsequent ist es deshalb auch, daß neben den Bildern keine Kärtchen mit Namen von Photographen hängen. Jedes der Photographien muß sich aus sich selbst heraus erschließen. Die Bilder sind nicht an die Namen gebunden. Sie stehen für sich. Deuten auf eine Welt, wie sie nicht sein soll.

Die 7. f/stop Leipzig ist noch bis zum 3.7. abends geöffnet. Der Katalog ist bei spector books erschienen. 

 
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Die Bilder von Gewalt oder ein Bewußtsein von Nöten – f/stop Leipzig (1)

„Solche Mißgriffe (…) sind unvermeidlich, seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen,
und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo offen ist.“
(H. v. Kleist, Über das Marionettentheater)

Heinrich von Kleist beschreibt in seiner Novelle „Das Erdbeben von Chili“ den Einbruch einer Naturgewalt, die die verkehrte Ordnung der Welt hinwegfegte. Die Stadt St. Jago liegt nach diesem Ereignis in Trümmern und im Schutt. Eine Gemeinschaft könnte nun neu beginnen, so denkt man. Doch keineswegs tritt nach dieser Katastrophe und aus den Trümmern des Alten eine bessere Ordnung auf den Plan – im Wortsinne genommen als Umwendung. Allenfalls kurz blitzt ein Zustand Eden auf, wo Menschen einander beistehen. („Doch das Paradies ist verriegelt …“) Was sich danach und insbesondere in der Kirche als Szene abspielt, perpetuiert jedoch die Gewalt und scheint sie als Prinzip zu institutionalisieren: Menschen werden von einem christlich-religiös aufgestachelten Mob erschlagen. Alles bebt, zittert und stürzt in dieser grandiosen Novelle. Selbst die Sprache. Keine Perspektive, die bleibt, nicht einmal die eines Erzählers ist auszumachen. Wir finden eine Welt vor, die schrecklich ist. „Die zerstörende Gewalt der Natur“ ist eine Gewalt des Schicksals: Es geschieht. Als unverfügbares, nicht handhabbares Ereignis. Die Gewalt des Menschen ist jedoch hausgemacht, gesellschaftliches Moment, kein Mythos, kein Naturbann. Sie geschieht, als soziales Beben. (Vom Genus her müßte das Hauptwort „Gewalt“ eigentlich männlich sein.)

Das „Losung“ zum 7. Fotofestival in Leipzig lautet: „the end of the world as we know it ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen.“ Zweisprachig ganz bewußt gehalten, und das Leitmotiv dieser Ausstellung – man könnte im Hegelschen und Adornoschen Sinne auch von einem Leidmotiv sprechen: Kunst als Bewußtsein von Nöten – ist Gewalt, ist Krieg und die damit einhergehenden Zerstörungen. Sei es von Objekten, sei es von Menschen. Insofern möchte ich als Auftakt zu meinem Blick auf dieser Ausstellung, die noch bis zum 3. Juli zu sehen ist, einen Text von Johann Peter Hebel aus den „Kalendergeschichten“ vorstellen, der in einer dunklen Kabine in der Halle 12  per Audioplayer vorgelesen wird, die gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung bildet. (Sowieso sind diese Kalendergeschichten eine wahre Schatztruhe und lehrreich für alle, die erzählen und schreiben möchten. Hier insbesondere erhält diese Geschichte ihren Stelle über das Gewaltmotiv.)

Unglück der Stadt Leiden

„Diese Stadt heißt schon seit undenklichen Zeiten Leiden, und hat noch nie gewußt, warum, bis am 12 Jän. des Jahrs 1807. Sie liegt am Rhein in dem Königreich Holland, und hatte vor diesem Tag eilftausend Häuser, welche von 40,000 Menschen bewohnt waren, und war nach Amsterdam wohl die größte Stadt im ganzen Königreich. Man stand an diesem Morgen noch auf, wie alle Tage; der Eine betete sein: „Das walt Gott“, der Andere ließ es seyn, und niemand dachte daran, wie es am Abend aussehen wird, obgleich ein Schiff mit siebenzig Fässern voll Pulver in der Stadt war. Man aß zu Mittag, und ließ sichs schmecken, wie alle Tage, obgleich das Schiff noch immer da war. Aber als Nachmittags der Zeiger auf dem großen Thurm auf halb fünf stand – fleißige Leute saßen daheim und arbeiteten, fromme Mütter wiegten ihre Kleinen, Kaufleute giengen ihren Geschäften nach, Kinder waren beysammen in der Abend-Schule, müßige Leute hatten lange Weile und saßen im Wirthshaus beym Kartenspiel und Weinkrug, ein Bekümmerter sorgte für den andern Morgen, was er essen, was er trinken, womit er sich kleiden werde, und ein Dieb steckte vielleicht gerade einen falschen Schlüssel in eine fremde Thüre, – und plötzlich geschah ein Knall. Das Schiff mit seinen 70 Fässern Pulver bekam Feuer, sprang in die Luft, und in einem Augenblick, (ihr könnts nicht so geschwind lesen, als es geschah) in einem Augenblick waren ganze lange Gassen voll Häuser mit allem was darinn wohnte und lebte, zerschmettert und in einen Steinhaufen zusammengestürzt oder entsezlich beschädigt. Viele hundert Menschen wurden lebendig und todt unter diesen Trümmern begraben oder schwer verwundet. Drey Schulhäuser giengen mit allen Kindern, die darin waren, zu Grunde, Menschen und Thiere, welche in der Nähe des Unglücks auf der Straße waren, wurden von der Gewalt des Pulvers in die Luft geschleudert und kamen in einem kläglichen Zustand wieder auf die Erde. Zum Unglück brach auch noch eine Feuersbrunst aus, die bald an allen Orten wüthete, und konnte fast nimmer gelöscht werden, weil viele Vorrathshäuser voll Oel und Thran mit ergriffen wurden. Achthundert der schönsten Häuser stürzten ein oder mußten niedergerissen werden. Da sah man auch, wie es am Abend leicht anders werden kann, als es am frühen Morgen war, nicht nur mit einem schwachen Menschen, sondern auch mit einer großen und volkreichen Stadt. Der König von Holland sezte sogleich ein nahmhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch lebendig gerettet werden konnte. Auch die Toten, die aus dem Schutt hervorgegraben wurden, wurden auf das Rathhaus gebracht, damit sie von den Ihrigen zu einem ehrlichen Begräbnis konnten abgeholt werden. Viele Hülfe wurde geleistet. Obgleich Krieg zwischen England und Holland war, so kamen doch von London ganze Schiffe voll Hülfsmittel und große Geldsummen für die Unglücklichen, und das ist schön – denn der Krieg soll nie ins Herz der Menschen kommen. Es ist schlimm genug, wenn er außen vor allen Thoren und vor allen Seehäfen donnert.“

Was sich in der Stadt Leiden jedoch scheinbar wie ein unvermeidliches Schicksal zuträgt, ist es keineswegs, sondern das Unglück ist ein von Menschen gemachtes. Ein Schiff mit 70 Fässern Pulver lagert im Hafen – es herrscht Krieg zwischen England und Holland. Die Szenerie und der Anlaß sind im Grunde beliebig. Hier aber, bei Hebel, bekommt der Schrecken eine angemessene und zugespitzte Darstellung, und diese Geschichte liest sich wie eine frühe Form der Reportage. Was sie als Kalendergeschichte in diesem Sinne auch ist; aber verbunden mit einer Moral. In dieser Spezifikation bietet diese kurze Geschichte einen guten Auftakt, um in das f/stop Leipzig einzuführen. Denn anders als das letzte und 6. Festival vor zwei Jahren, geht es insbesondere in der Halle 12 nur bedingt um künstlerische Positionen von Photographie sowie deren Möglichkeiten zu ästhetischem Ausdruck. Auch knüpfen sich die Exponaten nicht konkret an Namen bzw. wenn Namen ein Rolle spielen, so sind nicht sie, sondern die Sache zentral: Thema ist vielmehr die Frage nach der Dokumentierbarkeit von Krieg und Gewalt, sei es in der längeren Reportage oder auf den Titelseiten und in den Berichten der Zeitungen, um das die f/stop in verschiedenen Variationen kreist.

Anlaß für diese Fragen nach der medialen Darstellung von Krieg und Gewalt boten den beiden Kuratoren Anne König und Jan Wenzel die Photographien der toten Kinder vom Mittelmeer, die der Künstler Khaled Barakeh auf seiner Facebookseite postete und die im September 2015 für teils hitzige Debatten sorgten, ob man diese Toten, die zudem Kinder waren, überhaupt zeigen dürfe. Ich schrieb an dieser Stelle sowie hier und dort über den Ästhetizismus von Gewalt und die Möglichkeiten der Photographie: „Das Leiden anderer betrachten“. Kunst in den Zeiten des Schreckens, so spitzte Adorno zu, müsse von der Grundfarbe schwarz zu sein. Man kann Adornos Bestimmung von Kunst kritisieren, insbesondere mit jener postmodernen Fröhlichkeit des berechenbaren Ironikers und des Possenreißers, in ihrer Konsequenz jedoch ist Adornos Kunsttheorie, ästhetisch und erkenntniskritisch genommen und nach der Katastrophe von Auschwitz, dem Zweiten Weltkrieg sowie dreier totalitärer Regime, konsequent. Der kultivierte Geschmack, an dem der Bürger einst feinsinnig sich delektierte und wo die Kunst seinerzeit in der Weise Hegelscher gesteigerter Selbstreflexion auf Gesellschaft, ihrer selbst und des Bürgers anschaulich wurde, lag beim alten Eisen. Schwarz für die Kunst. Dokumentationen und Reportagen jedoch haben das zu zeigen, was der Fall ist. Wie dies von Medien geleistet oder eben nicht und nur selektiv getan wird, denn unsere Wahrnehmung ist wesentlich über Bilder und weniger durch Text bestimmt, zeigt uns diese Photo-Schau. Wobei diese Ausstellung zur Photographie, Ironie der Sache, ausgesprochen textlastig sich gibt. Im nächsten Teil hauen wir dann ins Konkrete hinein und es geht um die Details und eine kritische Sicht auf diese Ausstellung. Raten kann ich jedem, der in Leipzig lebt oder gerne in diese ausgesprochen reizvolle Stadt reisen möchte, den Besuch in der alten Baumwollspinnerei sowie an diversen Orten der Stadt. (Dazu mehr im Teil 2)

Eine Woche für die Photographie – f/stop Leipzig

Die EU hat seit Jahrzehnten ohne die Schweiz existiert. Sie wird nun auch ohne die Briten auskommen. Mir geht der Affenzirkus, die Rhetorik des Alarmismus und das mediale Hochgekoche lediglich auf die Nerven. Ist gerade der britische Kontinent untergegangen und schlug dort eine Internkontinentalrakete ein? Nein. Wurde eine Mauer gebaut und so schöne Städte wie Cambridge oder die englischen Küstenbäder sind unbesuchbar? Nein. In ein paar Jahren wird sich Schottland von GB lösen und wird die Aufnahme in die EU beantragen. Also beruhigt Euch!

Zum Glück bin ich ein Mensch ohne Smartphone und von dem Gespreize all der neuen Peter Scholl-Latours weit entfernt: ich reiste nämlich nach Leipzig. Dort hat gestern die f/stop Leipzig eröffnet – eine Ausstellung weniger zu den Positionen der Photographie, denn diese sind in einer Ausstellung überblickshaft schlechterdings nicht darstellbar, sondern vielmehr geht es um Möglichkeiten und Aspekte von Photographie und um ihr Spezifisches, wenn sie unter dem Blick von bestimmten Themen agiert und abbildet: Was kann sie, was leistet? Wie visualisiert und konzeptionalisiert sie? Insbesondere im Hinblick auf politische Themen. Das 7. Festival für Fotografie läuft bis zum 3. Juli in der Alten Baumwollspinnerei, auch andere Galerien und Orte sind an das Konzept angedockt. Viel zu sehen, viel zu denken, viel Photographie.

Die f/stop läuft unter dem Titel the end of the world as we know is ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen. Thema ist unter anderem die Visualisierung von Krieg und Flucht, insbesondere die toten Kinder vom Mittelmeer finden hier ihren Platz. Insofern läßt sich hier gut an die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit vor dem Maxim Gorki-Theater anknüpfen. Es scheint also daß die f/stop wieder eine politische Photoschau ist. Diese Themen sind in der Halle 12 zu sehen, sozusagen dem Zentrum des Festivals. Im öffentlichen Stadtraum dann finden wir Bilder von Robert Capa und den Kriegsphotographinnen Gerda Taro, Margaret Bourke-White und Lee Miller ausgestellt. Taro reiste mit Capa in den Spanischen Bürgerkrieg. Sie wurde erst kürzlich als eigenständige Photographin entdeckt, die lange im Schatten des großen Kriegsphotographen stand. Taro starb in Spanien.

Gut ist freilich, denn mir sind die simplen Politbotschaften zuwider, daß sich die f/stop nicht nur auf diese eine Causa fokussiert. Beim ersten Schlenden und Schreiten gestern, um mir einen Überblick zu verschaffen, sah ich ebenfalls andere Arbeiten, unter anderem Bilder von Studenten der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Rodchenko Art School Moscow – ein Dialog im kleinen mit Rußland, den ich, auch angesichts der Nato-Kriegshetze gegen Rußland, die immer fein als Putin-Kritik und im Deckmäntelchen Demokratie verpackt wird, für sehr viel wichtiger halte als das langweilige Brexit-Gedröhne.

Wer Zeit hat, sollte nach Leipzig reisen, durch die Stadt spazieren und die frei hängenden Bilder entdecken oder in den Hallen der wunderbaren Baumwollspinnerei auf Tour gehen.

 

 
 

 

Der gewendete Blick: vom Dokument zur Kunst, vom Bild weg zum Bildnis einer Nacht – Jana Schulzʼ „Blaue Perle“

Den Zeichen-Trick zu gestalten, Verschiebungen in die Bilder einzubauen, die Fixierungen in den Fluß zu bringen, ohne dabei aber das Medium Photographie radikal über Bord zu werfen oder zu dekonstruieren. Innerhalb dieses Grenzgängerischen zwischen Bild und Bewegung siedelt sich auf der f/stop Leipzig – ebenso gelungen wie bei Anna Witt und doch anders strukturiert – die Arbeit von Jana Schulz an, die den Titel „Blaue Perle“ trägt. Es handelt sich um ein etwa elfminütiges Video. Das adjektivisch bestimmte Substantiv „Blaue Perle“ setzt zunächst einmal angenehme Assoziationen frei, wenn ich den Werktitel ohne Bestimmungen und ohne Kenntnisse höre, es erinnert an feine Perlen, ans Schimmern und Glitzern, Schaum und Gischt und die Geburt der Venus oder assoziiert Novalis’ blaue Blume herbei, und in diesem Sinne ist die „Blaue Perle“ durchaus ein Ort des Anderen, des Zweckfreien oder sogar: des Kontemplativen.

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Es handelt sich nämlich um eine jener simplen, ganz und gar unszenigen Gaststätten bzw. Eckkneipen mit Spielautomaten, die kaum einer jener hippen Menschen betritt, außer er oder sie wollen sich am Arbeitsvolk oder an denen, die mittlerweile keine Arbeit mehr haben, delektieren. Es war zu Beginn meiner Studienzeit Ende der 80er in gewisser Weise schick, solche Orte aufzusuchen, um sich den Anschein des Underdoghaften zu geben. Es sind diese Kneipen Orte, in denen die Zeit träge dahin fließt oder aber totgeschlagen und vermeintlich überwunden wird, Räume der Gemeinschaftlichkeit, des Rausches, des Rückzugs; da, wo Kumpanei entsteht oder Schläge verteilt werden, Ort des Beisammenseins und des Vergessens als Ausgleich von den Zumutungen einer durchökonomisierten Welt – sieht man einmal davon ab, daß auch dort Bier und Bockwurst bezahlt werden müssen, sofern man nicht anschreiben lassen darf. Aber selbst dann will der Wirt irgendwann das Geld sehen. Egal wie: es sind Orte der Zuflucht, des vermeintlich anderen Zustandes.

Voraussetzung für eine solche Arbeit, wie Schulz sie machte, und überhaupt für Dokumentationen an Orten, wo sich Gruppen von Menschen aufhalten – seien das nun Jugendliche, Migranten, eine Büroszenerie oder eben besagte Eckkneipe – ist es, einen bestimmten Grad an Vertrauen zu den Menschen aufzubauen und an diesem Platz lange genug zu verweilen, um überhaupt etwas von der Struktur und der Beschaffenheit dieses Ortes mitzubekommen. Das Verfahren der teilnehmenden Beobachtung als Methode der Soziologie läßt sich ebensogut auf die Kunst übertragen, und für die Dokumentation oder die Reportage ist sie sowieso unerläßlich. Doch wie auch der Forscher entfernen sich der Künstler/ die Künstlerin oder die Dokumentarfilmerin am Ende wieder von ihrem Gegenstand, verlassen ihn, sind bloße Zaungäste.

14_06_08_D_600_8887Das Video zeigt uns Menschen in dieser Kneipe namens „Blaue Perle“, hauptsächlich sehen wir ihre Gesichter, bis hin zu den Oberkörpern, selten den ganzen Körper, es sind Ausschnitte, Fragmente, in schummrigem Licht, rot-, grün- oder blaustichige Nachtansichten oder auch solche vom Tag, das ist nicht auszumachen, denn in einer dunklen Kneipe ist bei Schnaps und Bier immer Nacht, unbarmherzige, doch manchmal auch gütige Herrscherin über die Menschen. Die Menschen bewegen sich, manche tanzen, die Kamera fährt auf die Gesichter im Close-up. Lächeln, Müdigkeit, verhaltene Fröhlichkeit, Traurigkeit, der Ausdruck purer Freude sind zu sehen: Regungen eines Abends im Rausch der Nacht, diese eine unendliche Nacht. So zumindest manifestiert es sich in jenem glückseligen Lächeln dieses Mannes. Die Menschen sind von ihrer Kleidung her eher als einfache Menschen markiert, die nicht dem studentischen, dem künstlerischen oder dem akademischen Milieu entstammen.

Als begleitender Sound zu den Bildern laufen verfremdete Töne von Spielautomaten, klingernd und klimpernd tönt‘s, Musikanmutungen, Klangfetzen, mal melodisch, dann wieder gebrochen; es ist eine ungemein intensive und für diesen Ort passende Abfolge von Tönen. Insofern dürfte für diese Collage aus Geräusch gut der Begriff des Sounds treffen. Der Sound einer Nacht in einer Eckkneipe in Leipzig, irgendwann in der Zeit und aus der Zeit gefallen: Die Stadt, die Nacht, die Lichter. Und kurz dachte ich beim Betrachten des Videos: wie Clemens-Meyer-Figuren, genau so könnte diese Menschen, die Meyer in seinen Erzählungen oder in seinem ersten Roman schildert, ein Film ins Bild bringen. Insofern bin ich zwar einerseits auf die Verfilmung von „Als wir träumten“ gespannt, befürchte aber zugleich Schlimmes: Das hier eines der besten Literaturdebütromane zerfilmt und in stylische Bilder von Underdogs zerfasert wird. Verlierer als Pose. Jana Schulz zumindest entgeht in ihrer Arbeit dieser Gefahr, und sie führt die Menschen weder vor, noch macht sie sich über deren Wünsche, Träume, Gesten und Verhaltensweisen lustig und ironisiert diese. Vielmehr handelt es sich um Bilder des Ausdrucks: verdichtet auf den Moment, auf den Blick, mal trunken, fröhlich, sehnsuchtsvoll oder aber versonnen.

14_06_08_D_600_8890„Blaue Perle“ vergegenständlicht aber im Strom dieser Bilder zugleich anderes als diese eine Kneipe, an einer Straßenecke im Stadtteil Lindenau gelegen. Es ist mehr als nur der Raum Leipzig, mehr als Verlierer oder Glückssucher in den Tiefen der Nacht – obwohl das diese Menschen sicherlich auch sind. Diese Arbeit von Jana Schulz referenziert das Medium Bild in dieser Abfolge aus Bildern und Tönen neu, gleitet zwischen Film und Portrait, dem Dokument, dem Kunstwerk und wenn man so will auch zwischen dem Pop-Video. (Das allgegenwärtige Problem der Pop-Musik: daß sie sich genau das greift, was ökonomisch auf allen Kanälen auf lange Sicht gut verwertbar ist. Symbolisches Kapital der Kunst transformiert sich in reales. Daß Pop-Videos wie Dokumentationen wirken und sich als solche ausgeben, wird sicherlich irgendwann zum nächsten Trend werden, sofern es das nicht bereits schon ist oder war) Die bewegten Bilder gehen teils ins Portrait über, bannen den Blick in die 1/250 Sekunde Gesichtsausdruck, frieren die Mimik ein: Standbild.

Es bleibt in diesem Video die Geschichte einer Nacht als Intensität des Bildes, und aus diesem Grunde ist es von der Photographin gut gewählt, nichts weiter hinsichtlich der Situation zu spezifizieren, in der dieses Video gefertigt wurde: Keine genauen Umstände, wann und zu welcher Zeit sie die Bilder aufnahm, wie sie montiert wurden, ob diese Aufnahmen aus einer einzigen Nacht stammten oder diese wunderbaren Szenerien sich aus vielen Nächten zusammensetzten. Beim ersten Betrachten des Videos in der dunklen Kabine in der Halle 12 der Baumwollspinnerei geriet ich in den Sog dieser Bilder, doch zugleich ist der Ästhetiker der Nacht, der Erotiker des bewegten und unbewegten Bildes reflektiert genug, um sich nicht hinreißen zu lassen. Das Spiel von Nähe und Ferne, von Berührung und Zurückweichen, von Intensität und Distanz ist für das Bild von Glück nun einmal konstitutiv – auch in der ästhetisch-kontemplativen bürgerlichen Kunst-Betrachtung. Glück: das ist immer in effigie. Sozusagen.

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Nachdem ich, als diese elf Minuten vorüber waren, den Darkroom der Kunst verließ und mich besann auf das, was ich gesehen hatte, wollte ich diese Hintergrundinformationen zur Produktion, zur Aufnahmesituation haben, wünschte zu wissen, wie und mit welchen Mitteln diese Szenenfolge gemacht und komponiert worden war. Wer waren die Menschen? Dieser eine elegante, von der Hautfarbe schwarze Mann, der dort tanzt: wie kam dieser Mann an genau diesen Ort? Ein stilistischer Bruch: geriet der Schwarze durch Zufall an diesen Ort oder gehörte er zur Stammbelegschaft der „Blauen Perle“? Was waren das für Geschichten, die der Bilderstrom andeutete? In welchem Verhältnis befanden sich jene Frau und jener Mann? Aber das alles bleibt im Dunkeln und da ist es auch gut aufgehoben, denn dieser Reigen an Bildern, den Schulz uns auf wunderbare Weise liefert, ist nicht, wie eine literarische Erzählung, mit dem Konzept des Narrativen konnotiert, wo uns die Umstände einer Person X nahegebracht werden, so wie das Meyer oder Amerikaner wie Georg Saunders oder Denis Johnson machen: es wird uns keine Geschichte von einzelnen Menschen erzählt. Sondern das Medium Bild bringt sich selber dar und weist zugleich vermittels Form und Ausdruck auf die Situation einer Nacht, gestaltet einen sinnlichen Moment und verdichtet ihn im Bilderreigen.

Jana Schulz gelingt in diesem Video eine eindringliche Beobachtung von Menschen, sie setzt eine Szenerie ins Bild, nicht aufdringlich und doch hoch-intensiv und bewegend, und was das beste ist: sie denunziert das Glück dieser Menschen nicht, die ihre Ruhe im stillen Winkel leben möchten; Menschen, die tanzen, lachen, grübeln, miteinander sprechen, ausgelassen oder sorgenvoll sind, sondern vielmehr verdichtet Schulz den Augenblick einer Nacht zu einer großartigen Imago. Den Rausch einer Nacht, ins Bild gebracht. Ich verwende das Wort „poetisch“ als Beschreibungsbegriff nicht gerne, weil er hundertmal vernutzt und abgeranzt im Ton der hochtrabend-banalen Ergriffenheit geäußert wurde. (Und insbesondere die Blogwelt ist voll von Ergriffenheitsbekundungen, die so überflüssig wie ein Konzert der Rolling Stones oder eine Show von Mario Barth sind.) In diesem Falle aber trifft und bezeichnet dieser Begriff eine Szenerie, die nicht nur poetisch (im Sinne des Wortes) angeordnet, sondern tatsächlich auch im Sinne einer Gestimmtheit Wirkung zeitigt. Ich weiß nicht, was ich an Jana Schulz’ Werk „Blaue Perle“ mehr schätze: Die künstlerische Bearbeitung oder diesen ungemein genauen dokumentarischen Blick.

In Jana Schulz’ Video durchdringen sich Dokumentation und Kunst, und es ist nicht leicht, diese Arbeit der einen oder der anderen Seite zuzuschlagen. Das macht die Stärke dieses Bilderbogens aus, der ins Portrait geht und der zugleich mittels Musik und Bewegung die Szenerie belebt und ins Video gleitet. Jana Schulz erweitert sowohl Photographie als auch Videokunst, und zwar im Sinne jener anderen Leipziger Schule, im Sinne von Ute und Werner Mahler, von Arno Fischer, Roger Melis, Harald Hauschild, Sven Marquard und Sibylle Bergemann sowie anderen Meistern der DDR-Dokumentar- und Kunstphotographie, die es verstanden eine Szene ohne großes Gewese und ohne Hype sowie Affentanz ins Bild zu setzen und die in schwarz-weiß auf den Punkt und auf die Situation genau die Kamera auslösten. Aber diese Namen sollen keineswegs darauf deuten, daß hier eine Art zu photographieren nachgemacht würde, sondern vielmehr knüpft Schulz an eine der vielversprechendsten Traditionen der Photographie an und erweitert das Medium Bild um das Moment der Bewegung. Noch bis heute ist diese Arbeit von Jana Schulz auf dem Festival f/stop Leipzig zu sehen.

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In anderem Zusammenhang weise ich noch auf die Bilderserie „Völkerschlacht“ auf meinem Photoblog „Proteus Image“ hin. Viel Spaß beim Schauen.

Photographie aus dem Stand der Dinge gelesen: Anna Witts „Sixty Minutes Smiling“. f/stop Leipzig (2)

Die Photographie ist uns als statisches Medium bekannt – in den Bildern bewegen sich die abgebildete Dinge nicht, Augen aus Portraits blinzeln nur selten dem Betrachter freundlich entgegen, die Personen in einem Gruppenbild verändern sich nicht in Gestalt und Aussehen – ausgenommen es handelte sich um das Bildnis des Dorian Gray. (Nein, das ist keine ausgefallene Teesorte für die Mütter vom Kollwitzplatz, sondern ein Buch.) Das Fotografie-Festival f/stop Leipzig verschiebt diesen Akzent vom rein statischen Medium Photographie hin zu den bewegten Bildern, ohne daß sich dabei freilich das Medium selber durchstreicht. Es bleibt, wie ich an zwei Beispielen dieser Ausstellung zeigen möchte, der photographische Charakter der erzeugten Bilder gewahrt; dennoch ändert sich dadurch die Dimension des Bildes. Das Photographische gleitet in die Zeit der stetigen Bewegung als Intervall. Solche Photographie erweist sich im multimedialen Crossover – ebenso wie andere Kunstgattungen, die sich durchdringen – als Interferenzphänomen.

Diese „Verfransung der Künste“ (Adorno) deutet auf eine interessante Entwicklung innerhalb der Photographie (und überhaupt innerhalb der Kunst der Nachmoderne): daß nämlich nicht mehr starr in den Gattungen verharrt wird, selbst bei dem puristischsten Medium nicht: der Photographie, die bisher (zumindest bis in die 90er Jahre) weitgehend von den Überschneidungen der Künste verschont blieb. Und es sind solche Interferenzen ein durchaus gangbarer Weg, das „Wesen der Photographie“ anders zu justieren. Das Bild als Bild im Bild, unbewegt und statisch, transformiert sich, und insofern zeigt sich in diesem Wandel die Berechtigung, jene ansonsten unsinnig erscheinende Videofunktion der Hochpreissegmentspiegelreflexkameras als auch die der Billigteile doch einmal in gezielter Weise und wohldosiert (oder auch wilddosiert) zu benutzen.
 

Wie innerhalb des Bildes die Grenze zwischen Statik und Bewegung sich auflöst, zeigt Anna Witt in ihrer Arbeit Sixty Minutes Smiling (2014): Dort sehen wir eine Gruppe von Menschen, die ausschaut wie die Belegschaft eines mittelständischen Unternehmens, gekleidet in Büroanzüge, für die der schöne Begriff Business-Look steht. Vom Führungspersonal, über den Abteilungsleiter, die Angestellten bis zur Sekretärin, adrett angezogen, vor einem neutralen Hintergrund repräsentativ posierend wie fürs Bewerbungsfoto. Dabei werden diese Männer und Frauen 60 Minuten lang gefilmt und müssen in dieser Zeit beständig lächeln bzw. lachen und insofern Freude, Glück, was auch immer: auf alle Fälle aber ein Mindestmaß an Fröhlichkeit liefern: denn es ist schließlich die Persönlichkeit, die ins Unternehmen als Arbeitskraft und zur Erzeugung von Mehrwert und Profit mit eingebracht werden soll. Diese will von Betrachterin und Betrachter bewertet werden und nichts formt und deutet mehr auf eine Persönlichkeit als ein authentisches Lächeln, ein freundliches Lachen.

Schon in der DDR wußte die Band Oktoberklub in dem Song „Sag mir, wo du stehst“, wie die absurde Durchleuchtung samt der Inszenierung von Personality geht: „Wir haben ein Recht darauf dich zu erkennen,//auch nickende Masken nützen uns nichts.//Ich will beim richtigen Namen dich nennen,//und darum zeig mir dein wahres Gesicht.“ Die Dialektik von Wahrheit und Wissen transformiert sich zum Röntgenblick: „Überwachen und Strafen“. Die Ideologien sind prinzipiell austauschbar, wenn es auf die Funktionsträger samt deren Funktionalität ankommt. Insbesondere das Subjekt in seinen privatesten oder auch in seinen öffentlichen Regungen in der schönen neuen Welt der Arbeit hat unbedingt und mit Haut und Haar authentisch zu sein. Auch hier wieder: der scheinlose Schein des Scheins. Authentizität ist ein Produkt der Kulturindustrie, in der „verwalteten Welt“ (Adorno) dient sie als Spielmarke. Da, wo in den pervertierten Kreativitätsbranchen, den Software-Firmen und selbst noch im herkömmlichen Unternehmen die Arbeit als kreativer Prozeß gesetzt wird und samt dem individuell einzubringenden „Selbst“ zum Maß aller Dinge geworden ist, bleibt allenfalls noch der Gang zur Toilette der einzige Ort, wo der Angestellte oder die Sekretärin hemmungslos in Verzweiflung oder in der Abgeschiedenheit von Zwecken sein und verweilen können – sofern ihnen denn überhaupt noch etwas an den Dingen aufgeht und entgegenschlägt. Die Verdauungsfunktion gleichsam als Funktionslosigkeit und kontemplatives Refugium. Wir scheißen auf den Profit kann man an diesem Nicht-Ort mit dem Namen Lokus ganz wörtlich nehmen.

Von der Höhe und Breite der Projektionsfläche her ist das Bild aufgezogen wie eine Großformatphotographie. 60 Minuten können wir diesem Gruppenbild mit Damen und Herren zusehen und schauen, wie mühsam und arg es ist, über diesen Zeitraum hin zu lächeln. Fröhlichkeit kennt bekanntlich keine Grenzen. Witts Arbeit erweitert auf eine kluge Weise das Medium der Portrait- und Gruppenphotographie. Es bewegt sich diese Arbeit zwischen Video und Photographie, Stand- und Bewegungsbild. Einerseits bleiben die Positionen der Abgebildeten weitgehend unbeweglich und starr, und doch sieht man die Regungen der Beteiligten, betrachtet die zunehmende Anstrengung, das Lächeln über eine Stunde lang zu halten. Die Veränderungen in der Zeit, die ein Film festhalten kann, und die Situation, der Augenblick, den die Photographie bannt, verbinden sich zu einem bewegten Portrait. Auf einer zweiten Projektionsfläche lassen sich die Details der Gesichter betrachten, wir sehen die Anstrengung und auf welche Weise in der Mimik dieses Lächeln der einzelnen Beteiligten sich durchhält. Präsentation und Repräsentation spielen und simulieren in einer eigentümlichen Schleife ein Subjekt, das aus Funktionen besteht: Leistungsträger sind sie alle. Anna Witt erzeugt ein absurdes und trauriges Bild, das in der Tradition des Tableau vivant steht und es ins Groteske treibt.

„Get lucky!“ gerät in diesem Photographie-Video zu einem Imperativ, der genau in jene Tyrannei des Immergleichen sowie ins Zwanghafte mündet, das die Individuen gefangenhält. Mit Glück hat dieser Dauerfrohsinn samt der täglichen Nötigung rein gar nichts zu schaffen. Und er entlarvt noch die hohlen Phrasen des positiven Denkens gleich mit dazu. Die anfängliche Komik oder das Schmunzeln über diese absurde Lächel-Szenerie, das den Betrachter zunächst befallen mag, weicht schnell dem blanken Entsetzen an der Vorstellung, eine Stunde, die wie auf Dauer gestellt wirken mag, in dieser Weise posieren zu müssen. Der Arbeitstag der meisten Menschen freilich ist genau auf diese Funktionalität hin ausgerichtet. Da nützen alle schönen Phrasen, die (vermeintlich) flachen Hierarchien in den Unternehmen, die Meetingpoints, die Kicker, die Orangensaftmaschinen und die Kreativitätstäfelchen, die in den offenen Büros angebracht sind, nichts. Kapital bleibt Kapital, und Arbeit bleibt Arbeit.

Anna Witt spielt in ihrem Video sowohl mit dem Ausdruck eines Gesichts, als auch mit dem Ausdruck von Konventionen. Die Bewegung der Mimik vergegenständlicht sich absurderweise in die absolute Starre des Ausdrucks, in die Regungslosigkeit. Mythos ist bekanntlich die Wiederholung des Immergleichen. Wieder und wieder passieren menschliche Wesen die Sphinx und müssen ihre Fragen beantworten, ohne eine Antwort zu finden, immer wieder gleiten Schiffe an den Sirenen vorbei und zerschellen an den Verheißungen dieses Gesangs. Endlosschleife der immergleichen Scheiße. Der Begriff von Freiheit ist mittlerweile derart verstellt, daß er sich eigentlich nur noch ex negative denken, nicht aber mehr sinnvoll sich explizieren läßt. Selbst die Kunst kann nur hilflos deuten, oder sie verliert sich in affirmativer Ideologie, die das Bestehende kaschiert.

Die Ideologie des Lächelns als Ausdruck des Authentischen ist ubiquitär. Hören Sie zum Abschluß der Installation von Anna Witt als besinnlich-authentischen Ausklang Jürgen Markus mit „Ein Lächeln“.

Man kann den von Jürgen Markus angestimmten, ausdrucksvoll-bewegenden Gesang des Nichtssagenden, der noch dem popmusikalisch ausgefeilten Singer-Songwriter-Lied innewohnt, im Sinne von Susan Sontags Camp natürlich umdeuten. Wie jegliches von der subkulturellen Fabrikation zunächst als Distinktionsmerkmal belegt wird und dann im Schlager-Move und bei Gildo Horn landet. Kein Ort. Nirgends. Land des Lächelns als Farce. Asiatischer Arbeitsethos.

Zurück von der f/stop Leipzig

Morgen gibt es eine erste Besprechung vom Fotofestival f/stop 2014. Zunächst aber zeige ich auf „Proteus Image“ – einmal wieder fotobuchmäßig von der Anzahl der Arbeiten und Bilder her – einige Aufnahmen, die ich in Leipzig machte, und zwar von der Stadt selber, am ersten Tag, in Plagwitz flanierend, und dann von der Ausstellungseröffnung des Fotofestivals f/stop Leipzig in der Baumwollspinnerei – einem wieder in Funktion gebrachten Industriekomplex: Fabrikräume, Interieur, abbröckelnder Putz, blinde Fenster, Gestein, neu betonierte Treppenhäuser, Backsteinwände mit Abnutzungsstrukturen, Kühle der Räume, Türen aus reinem Rost, abblätternde Farbe, Rostspuren mit Farbe gemengt. Abstrakt wie ein Kunstwerk. Ein feiner Ort für Kunst, ein guter Platz für Photographien. Verfall an den Stahltüren und die Brandschutzmaßnahmen, die vom Blogbetreiber für eine knappe Photographiesekunde festgehalten wurden.


Leipzig hat derart viele verfallene Industriebauten aus der Gründerzeit, daß es hier jeden Tag eine Veranstaltung zu Kunst und Photographie geben könnte, richtete man diese Gebäude wieder her – theoretisch-ästhetisch versteht sich, und sofern man (wer immer dieses Man sei: my, oh, my) all die verfallenen Fabrikhallen und Produktionsstätten nicht irgendwann abrisse. Ich mag diese Atmosphäre in Leipzig. Wie in Berlin, seinerzeit, nur freundlicher und angenehmer. Doch diese Orte der Arbeit, an denen die einen ihre Haut und die anderen den Profit zum Markte oder in ihre Gründerzeitvillen trugen, geraten als Arbeitsorte in die Vergessenheit – Kunst übertüncht.

Leipzig ist wie immer eine Reise wert. Leipzig ist jedoch ebenso die Stadt der langen Wege, wie jene eine seinerzeit in Leipzig flüsterte. Regennaß. Dezemberstraßen. Lay myself down.

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Ihnen einen schönen Pfingstmontag, mit Heiligem Geist, kriminellen Liebesverbrechen und anderen Kleinigkeiten. Nur einmal. Geschichten und Kunst sowie eine Tonspur zum freien Tag.