„Keine Ferne macht dich schwierig“ – Dirk von Petersdorff „Romantik. Eine Einführung“

RR_126_PetersdorffZur Romantik gibt es zahlreiche Publikationen, wissenschaftliche wie auch populärwissenschaftliche Bücher. Das neueste Buch stammt von Stefan Matuschek und trägt den Titel  „Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik“. Das bekannteste Buch dürfte von Rüdiger Safranski verfaßt sein: „Romantik. Eine deutsche Affäre“, erschienen 2007. Beim ersten Lesen damals fand ich dieses Buch hilfreich und inspirierend, der Leser bekam Lust auf die dort vorgestellten Autoren und Texte, und vor allem reichte diese Romantik hin bis zu Kleist und Hölderlin und darüber hinaus noch bis zu Wagner. Safranski schreibt locker und doch nicht banal, so daß Anfänger einen guten Überblick bekommen und eine komplexe Epoche, die man vom Jahr 1795 bis hin zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wenn man es weiter fassen will gar bis zum Gesamtkunstwerk Wagners einordnen kann. Einerseits. Erkauft freilich ist dieser Blick damit, daß der Leser zuweilen die Interpretation und die Zuschreibungen Safranskis und nicht die Sicht von Autoren wie Novalis, Wackenroder, Tieck, Schelling oder den Gebrüdern Schlegel geliefert bekommt. Solche Festschreibung und Interpretationsartefakte etablierende Lektüre freilich ist ein häufig anzutreffendes Problem von Einführungen – weshalb es geboten ist, möglichst zeitnah dann auch, nach der Lektüre einer solchen Einführung, die Originaltexte zu lesen, um selber zu urteilen und zu schauen, was geschrieben steht. Dennoch macht Safranskis Buch Lust auf jene Epoche sowie ihre Autoren, es regt zu eigenen Lektüren an und es wirft die Leser mit Emphase und Lust in jene Zeit. Safranski ist ein wunderbarer Stilist und Autor.

Das Grundproblem von solchen Einführungen bleibt freilich bestehen: erst wenn man über den Status des Anfängers hinaus ist, kann man überhaupt die Qualität eines solchen Buches beurteilen; und dann eben benötigt man im Grunde keine Einführung mehr, sondern wundert sich vielmehr über manche Einführung. Und wer auf die Einführung als Anfänger angewiesen ist, kann nicht recht beurteilen, ob das, was dort steht, auch stimmt, gegebenenfalls erfährt man Unsinn und hält solchen Unsinn gar für eine gelungene Sichtweise, die man dann auch noch nachplappert – wie das bei Leuten wie Richard David Precht der Fall ist, wenn sie Einführungen zur Philosophie verfassen. Insofern ist der Leser am Ende auf die Redlichkeit des Autors angewiesen, daß er nicht allzu viele einseitige Zuspitzungen, Interpretationskonstrukte und verengende Lektüren einbaut.

Nun ist im letzten Jahr in der Roten Reihe von Klostermann eine Einführung in die literarische und philosophische Romantik erschienen, und zwar von dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Dirk von Petersdorff, gegenwärtig – und passend zum Sujet – wie sein Kollege Stefan Matuschek in Jena lehrend. Und damit sind wir topographisch mitten in der literarischen Romantik, ihren Mythen und Anekdötchen von der wilden Wohngemeinschaft der Gebrüder Friedrich und August-Wilhelm Schlegels in der Leutragasse 5, mit ihren Weibern, Dorothea Friederike Schlegel (geborene Brendel Mendelsohn) und Caroline Schlegel-Schelling, einem Leben jenseits der üblichen bürgerlichen Konventionen, dem Besuch von Novalis, Tieck und Schelling dort, Debatten- und Leseabenden sowie, wie es die Legende will, einem freien Leben und Lieben. Und gar fleißig parodierte der Kreis Schillers Pathos, so etwa tat es August-Wilhelm Schlegel in „Schillers Lob der Frauen“

„Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.“

Später, 1828 beschrieb Ludwig Tieck jene wunderbare Jahre in einer Widmung seines „Phantasus“. An August Wilhelm Schlegel dediziert,  formulierte Tieck:

„Jene schöne Zeit in Jena ist […] eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich – Schelling mit uns, wir alle jung aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten gleichsam ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie.“

Doch es ging in Jena um mehr als ein Lebensprojekt, wenn denn Ortsnamen auch für Denkbewegungen stehen sollen. Jena war mit Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schiller und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ein Zentrum des Denkens der Philosophie und der Kunst, dezentral-zentral gleichsam und eine Pferdereise entfernt lag Weimar. (Hegel kam erst hinzu, als der Zauber vorüber und eine Gestalt des Lebens alt geworden.) Das Szenario Jena um 1800 beschreibt Peter Neumann in seinem Buch „Jena. Republik der freien Geiser“. (Freilich sehr an der Oberfläche geschrieben. Mir hat es nicht besonders gut gefallen. Aber es ist unterhaltsam zu lesen und wer einen schnellen Blick auf jene Jahre werfen möchte, ist halbwegs gut bedient.)

Pointiert und im Sinne der Philosophie und also als gescheite Einführung zu empfehlen ist das Buch die beiden französischen Philosophen und Derrida-Schüler Philppe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, und zwar „Das Literarisch-Absolute. Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik“. In Frankreich damals 1978 ein Standardwerk, zumal darin Texte der Gebrüder Schlegel, Schellings und Novalisʼ sich befinden. Beide Autoren beschreiben diese Szene der Literatur-Philosophie wie folgt:

„Die Personen, die sich in Jena versammeln werden, sind auf unmittelbarste Weise an dieser dreifachen Krise [die soziale und moralische des Bürgertums, die politische Krise der Französischen Revolution und die Kantische Kritik bzw. die Antwort Johann Gottlieb Fichtes in seiner Wissenschaftslehre von 1794, Hinw. Bersarin] beteiligt. Ihr Projekt wird deshalb kein literarisches Projekt sein, es wird keine Krise in der Literatur, es wird vielmehr eine allgemeine (soziale, moralische, religiöse, politische: all diese Aspekte lassen sich in den Fragmenten auffinden) Krise und Kritik eröffnen, die ihren bevorzugten Ausdrucksort in der Literatur oder in der Literaturtheorie findet.“ (Lacoue-Labarthe/Nancy, Das Literarisch-Absolute)

Wenn es um eine Text-Kommentar-Einführung in die literarische und philosophische Frühromantik und um das Studium dieser Zeit geht, ist jenes Buch unbedingt zu empfehlen. Um aber überhaupt erstmal einen schönen und auch gut geschriebenen und klugen Einstieg zu bekommen, greife man zu von Petersdorffs Buch. Es ist im Blick auf die Facetten der Romantik weiter gefaßt und kommt insofern auch unserem Alltagsverständnis entgegen, was wir im gewöhnlichen Gebrauch unter Romantik verstehen: etwa ein romantischer Abend zu zweit. Wer eine schnelle, aber dennoch präzise Einführung lesen möchte, um ein wenig die Kontexte und Zusammenhänge zu erfassen, der greife zu diesem Buch. Von Petersdorff schrieb eine originelle Einführung, die sich in Ton und Stil von den üblichen Einführungen abhebt. Nicht so sehr in dem Sinne, daß darin eine Vielzahl philosophischer Bezüge frühromantischer Ästhetik entfaltet werden: von Kants „Kritik der Urteilskraft“, vom Spinoza-Streit, von Friedrich Jacobi, Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“, Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95, dem sogenannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus von 1797 (von Schelling, Hölderlin, Hegel, ganz genau ist die Verfasserschaft bis heute nicht geklärt) bis hin zu Hölderlins Philosophie samt seiner Dichtung und Hegels Kritik der Romantik – die ironischerweise genau aus dem Geist der Romantik erfolgte, weswegen man zu recht auch Hegel einen Philosophen der Romantik nennen kann. Denn was sie alle gemeinsam verbindet, ist die Frage nach dem Absoluten und wie es in der Sprache und als Denken in eine Darstellung zu bringen ist. All diese philosophischen Voraussetzungen fehlen zwar in dem Buch, und man hätte sie durchaus einbauen können, doch da von Petersdorffs Methode – mithin sein Weg – ein anderer ist, kann man dieses Fehlen zugleich entschuldigen. Und damit sind wir, frei nach Hegels Kapitel aus der „Wissenschaft der Logik“ bei der Frage, womit der Anfang gemacht werden muß. Am besten mit dem Anfang, und das heißt, daß wir zunächst einmal anfangen, ohne die Präliminarien zu prüfen. „Der romantischen Anfänge um 1800“, so von Petersdorff, „fanden in Wohngemeinschaften statt.“ Das würde ich als Auftakt nicht ganz so sehen, eher schon, daß an bestehende Probleme und Fragen der Philosophie und der Literatur angeknüpft wurde und daß sich, um in die Debatten und Live-Gespräche zu treten, eben auch jene Lebensform des gemeinsamen Denkens und Wohnens anbot, sei es in Jena oder die Gemeinschaft von Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher in Berlin. Nicht das Wohnen per se, sondern bestimmte Fragen und Probleme des Denkens bildeten das Zentrum, von dem alles ausging und woran jene Autoren anknüpften.

Um dabei in jene „wilden Jahre der Philosophie“ (R. Safranski) und auch der Literatur und überhaupt einer speziellen Form des ästhetischen Denkens zu gelangen, bietet von Petersdorffs Buch dennoch einen guten Zugang. Stichpunktartig greift er Ansätze dieses Denkens der Romantik heraus, so von Novalis die Überlegungen zum Unendlichen und Friedrich Schlegels Konzept von Ironie, dem Romantisieren, um dem eigenen Leben eine Bedeutung zu verleihen. Petersdorff macht Szenarien auf, die den Lesern die für die Romantik wesentlichen Begriffe, wie etwa Unendliches und Gewöhnliches, Ironie, Fragment, veranschaulichen – immer wieder mit einem Ausflug in die Texte, sei es von Novalis oder Schlegel, und durch Zitate, die von Petersdorff erläutert und qua Auslegung in einen Kontext bringt. Oft auf eine unterhaltsame Weise, ohne dabei trivial zu sein. Zuweilen liest sich das Buch wie eine Vorlesung, der man gerne zuhört und wo niemand auf dem iPhönchen sich textend-tindernd ablenkt. Das ist die Stärke dieses Buches. Der Leser steckt nach der Lektüre sofort in einem Denkszenario und bekommt – ganz romantisch gesprochen – ein Gespür für das, was Romantik bedeutet. Es geht von Petersdorff also mehr um die Erfahrung der Bedeutung eines Begriffes und weniger um philosophische Problemhorizonte, wie dies etwa bei Lacoue-Labarthe und Nancy im Titel „Das Literarisch-Absolute“ entfaltet wird. Es soll das Spezifische dieses doch weit gefaßten Begriffes „Romantik“ gegenwärtig gemacht werden.

Das passiert auch durch Petersdorffs Ausgriffe auf die Gegenwart, die er immer wieder in seine Darstellung einbaut: so zum Beispiel in die Welt des Pop: sei das ein Song von Ed Sheeran („Castle on the Hill“ von 2017) oder James Camerons Titanic-Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio von 1997 oder aber die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, die Songs von Bob Dylan und von Tocotronic. Zentral in diesem Kontext des Ausschweifens in die Welt ist auch Wolfgang Herrndorf und das von Eichendorffs „Taugenichts“ romantisch inspirierte Reisemotiv im „Tschick“, auf das Gustav Seibt in einer Rezension hinwies und das Petersdorff im Sinne von Eichendorff und Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ aufgreift. Es werden hier also durch unterschiedliche Texte Bezüge und Verbindungen auch zu unserer Gegenwart erzeugt, die den Lesern bestimmte Motive verdeutlichen. Diese Motive sowie die Form ihrer Darstellung sind für die Frühromantik und darüber hinaus spezifisch und machen den Begriff aus. Insofern finden wir in diesem Buch nicht nur den Blick in eine Epoche der deutschen und englischsprachigen Geistesgeschichte (die französische Romantik kommt in dem Buch leider kaum vor), nämlich jener Zeit zwischen 1795 und 1850, sondern ebenso aktualisiert Petersdorff jenes romantische Gefühl nach Unendlichkeit und jenes Sehnen auch zur Gegenwart hin. Das Unendliche, die unendliche Reflexion sollen die Empfindungen und all unsere Sinne berühren und nicht bloß den Verstand – schließlich ging es nicht nur der Romantik darum, das Verstandesdenken zu überwinden – zugunsten einer umfassenden, vielfältigen Vernunft. Das Absolute wäre nicht absolut, umfaßte es nicht auch diesen Bereich des Empfindens und der Affekte. In diesem Sinne ist es konsequent, daß ins Denken der Romantik auch lebens- und existenzphilosophische Aspekte Einzug halten: „‚Romantisieren‘: dem eigenen Leben Bedeutung verleihen“ heißt eines der Kapitel. Die Frage nach dem Verhältnis von Unbedingtem und Bedingtem und wie dieses in eine Sprache und damit auch in eine Anschauung gebracht werden kann, ist für das endliche Leben und die Weise des Reflektierens sterblicher Lebewesen zentral. Oder wie es in Novalis‘ „Blüthenstaub“-Fragement – veröffentlicht 1798 in der Zeitschrift „Athenäum“ der Gebrüdern Schlegel –  schrieb: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ So bereits taktet die Fragmentsammlung im ersten Satz auf.

Solche philosophischen Bezüge wie auch die unterschiedlichen Phasen der Romantik, von Jena bis hin nach Heidelberg, verfolgt von Peterdorff. Fein auch, daß Autoren wie Clemens von Brentano zu Wort kommen. So etwa dessen wilder Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter“ von 1801, und darin der Wechsel der Erzähler und die Auflösung konventioneller Erzähl-Muster stattfinden und auch der Einschlag eines selbstreflexiven Erzählens, in dem immer einmal wieder die eigene Erzählhaltung kommentiert wird. Ebenso das Geschlechter-, Liebes- und Reflexionsspiel, das in Fr. Schlegels wunderbarem Roman „Lucinde“ durchdekliniert wird. Ebenfalls von Petersdorff erwähnt, doch weniger schön und ästhetisch anregend, ist der bei Achim von Arnim und bei Brentano wirkende Antijudaismus bzw. Antisemitismus, so etwa in Brentanos „scherzhafter Abhandlung“ „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“. Die spätere Romantik, gerade in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon und der Besetzung deutscher Gebiete durch Frankreich ist eben auch durch einen gesteigerten Nationalismus gekennzeichnet. Und hier tritt der Begriff der politischen Romantik in eine verhängnisvollere Konstellation. Was in Novalis‘ fast unschuldig-politischen Schrift „Glauben und Liebe“ noch eine freundliche, idealische Note besaß und in „Die Christenheit oder Europa“ als gewaltlose soziale Utopie eines einigen Europas auftrat, ohne Nationalismus, nimmt im Laufe der Zeit zunehmend politisch-praktischere Züge an, so etwa bei Adam Müller. Die Frage der Französischen Revolution nach einer neuen Form von Gemeinschaft ist Ende des 18. Jahrhunderts und nur wenige Jahre nach dem Terror der Revolution und einer ungeheuren Staatsmaschine bei Novalis, bei Schiller und im Schlegelkreis weiter virulent. Allerdings geht Novalis einen anderen Weg als die Gebrüder Schlegel und auch Friedrich Schiller, dem das Blut der Revolution ebenfalls ein Grauen war, der aber in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ über den Gedanken der ästhetischen Bildung, daß der Mensch durch die Schönheit hindurch zur Freiheit wandere, eine andere Komponente enthielt als den Glauben und die alle Menschen in einer Gemeinschaft vereinende Religion. Solche Szenarien, bereits in der frühen Romantik angelegt, weisen darauf, daß es sich bei der Romantik nicht nur um eine ästhetische Bewegung handelt, sondern daß darin auch ein politischer, gesellschaftlicher Aspekt steckte. Petersdorff schreibt:

„Die Romantik wählte einen dritten Weg zwischen der alten absolutistischen Ordnung und der neuen Idee der Demokratie, denn sie will den Staat und die Gesellschaft über ‚Glaube und Liebe‘ integrieren, wie es der Titel der Sammlung ankündigt. ‚Uneigennützige Liebe im Herzen und ihre Maxime im Kopf‘ sei die Basis der Staatsverbindung, behauptet Novalis, und damit der Staat das Herz der Bürger erreiche, muss er sichtbar und erlebbar sein – daher die zitierten Vorschläge zum Bild der Königin in den Wohnzimmern und zum Marmorstandbild Schadows. Novalis hält damit an der Monarchie fest. Ein wahrhaftes Königspaar erreiche ‚den ganzen Menschen‘ während die abstrakte Republik mit ihrer Verfassung ‚für den bloßen Verstand‘ gemacht sei. Wenn sich die Bürger an den Herrschern als Idealmenschen orientieren, könne man auf eine Veredelung der ‚öffentlichen Gesinnung‘ hoffen. Der romantische Staat greift also weit aus, will die Gesellschaft formieren und den Einzelnen erziehen, in dessen Privatbereich er mit seinen Zeichen und Symbolen hineinreicht.“

Doch mit Napoleon stand plötzlich ein anderes Europa auf der politischen Tagesordnung. Die europäische Einheit war nicht mehr über eine Kombination aus Gefühl, Glaube und Vernunft zu bewerkstelligen, sondern über die imperiale Politik der Eroberung und Landnahme, wenn auch im Zeichen der französischen Aufklärung und des Code Civil. Und der Staat erwies sich als eine funktionale Angelegenheit. Was eine gewisse postmetaphysische Zerrissenheit nach sich zog, für die Hegel im Kontext der heraufziehendne ästhetischen und sozialen Moderne den Begriff der Entzweiung fand. (Wer diese Zusammenhänge politischer Theorie und Philosophie im Kontext mit Hegels Denken nachlesen will, der greife unbedingt zu der großartigen Studie von Joachim Ritter „Hegel und die französische Revolution“. Das Buch hat mir damals während meines Studiums zahlreiche Bereiche des hegelschen Denkens aufgetan.) Bei von Petersdorff heißt es in bezug auf Novalis weiter:

„Mit ‚Glaube und Liebe‘ liegen die Grundideen der politischen Romantik vor. Sie waren als Antwort auf die Französische Revolution und die Krise der alteuropäischen Ordnung entwickelt worden, aber um 1800 bestand noch kein unmittelbarer Handlungsdruck, und Friedrich von Hardenberg musste auch keine direkten Kriegserfahrungen machen. Dies änderte sich mit den Napoleonischen Kriegen und der Auflösung des ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘ (1806). Für den utopischen, auch ein wenig spielerisch-idyllischen Charakter von ‚Glaube und Liebe‘ war kein Platz mehr.“

So leuchtet von Petersdorff die unterschiedlichen Konstellationen und Felder der Romantik aus und schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart. So etwa über Richard Rortys liberale Ironikern aus „Kontingenz, Ironie und Solidarität“; und auch im letzten Kapitel des Buches „Verjüngungen. Romantik im 20 Jahrhundert und in der Gegenwart“ werden aktuelle Phänomene des Pop, von Bob Dylan bis Tocotronic und auch der Literatur genannt. Ebenso gestreift wird das Thema der romantischen Liebe – bis heute uns beschäftigend. Im Gegensatz aber zur Neubestimmung der Ironie in der Frühromantik, zur Neubestimmung des Fragments, der Etablierung einer Transzendentalpoesie sowie zum Romantisieren und der Suche nach dem Unbedingten kommt es bei der romantischen Liebe nicht zu einer Eigenentwicklung, sondern es werden bereits im frühen 18. Jahrhundert etablierte Kulturformen lediglich aufgenommen. Der Vorstellungskomplex der romantischen Liebe ist in diesem Sinne nicht romantisch, sondern liegt zeitlich vor der Romantik, so von Petersdorff. Dennoch kommen, insbesondere in Friedrich Schlegels „Lucinde“, freiere Formen der Liebe ins Spiel. Unendliche Gespräche und gar ein Spiel mit den Geschlechterrollen, indem sich per Phantasie jeder der Akteure ins andere Geschlecht versetzt. Auch die Briefkultur als Ausdruck ästhetischer und lebensweltlicher Subjektivität gewinnt an Bedeutung und wird ästhetisch fruchtbar gemacht. Petersdorff nennt hier Clemens von Brentanos Korrespondenz mit Sophie Mereau. Ebenso aber kommt auch im heiligen Bezirk inniger heiliger Liebe die Ironie wieder ins Spiel, wie von Petersdorff an einem Gedicht von Heine zeigt.

Was in diesem Buch im Blick auf die Ästhetik, die Kunst, die Philosophie und auch das Spazieren und Reisen freilich fehlt, und das halte ich für eine erhebliche Lücke dieser Einführung, sind die Bezüge zu Wilhelm Heinrich Wackenroder, nämlich die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, jenes Buch, das man als eines der „Gründungsdokumente“ der Romantik ansehen kann – zusammen zwar mit Ludwig Tieck verfaßt, aber wesentlichen Passagen stammen aus der Feder Wackenroders. Jener Kontrast und doch zugleich das Zusammenspiel zwischen der Kunst Albrecht Dürers und der von Raffael. Nürnberg und Italien. Mit Hölderlin gesagt und wie er im Dezember 1801 in jenem berühmten Brief an den Schriftstellerfreund Casimir Ulrich Boehlendorf schrieb: „Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen.“ Wesentlich scheint mir dieser Wackenrodertext auch deshalb, weil darin im Feld der Kunst wie auch der Betrachtungen von Welt der Gegensatz zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Nationalem und Fremden aufgelöst wurde und hier ein Modell des Miteinanders von Verschiedenem aufschien, das im Laufe der Zeiten und der Zuspitzungen verlorenging. Diese Kurve der Romantik und der Bezug auch zu Hölderlins Denken fehlen leider. Und das Adjektiv „romanisch“ als Beschreibung eines angenehmen Szenarios und einer Stimmung kommt meines Wissens ebenfalls zum ersten Mal bei Wackenroder vor. So im Brief an die Eltern vom 24. Juni 1793: „Nürnberg ist eine Stadt, wie ich noch keine gesehen habe, u hat ein ganz besonderes Interesse für mich. Man kann sie ihres Äußeren wegen in der Art romantisch nennen.“

Nun ist es in einer Rezension zwar immer bequem zu schreiben, was der Rezensent vermißt und was er haben will, zumal ein Autor kaum gehalten ist, den Wünschen des Rezensenten entgegenzukommen. Da es sich in diesem Falle jedoch, aus den oben gerade genannten Gründen, nicht bloß um eine subjektive Präferenz handelt, Wackenroder einen Abschnitt zu widmen, scheint mir dieser Einwand doch gewichtig. Allerdings schmälert er nicht das Buch selbst und die Leistungen von Petersdorffs, eine ansprechende Einführung geschrieben zu haben, die einen Blick auf den Gefühls- und Denkhorizont der Romantik liefert, und zwar in der Weise, daß darin nicht bloß eine Epoche mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen beschrieben wird, sondern ein Gefühls- und Denklage, die bis in die Gegenwart des Pop und der Kunst hinein in unterschiedlichen Formen immer wieder zum Tragen kommt und wirkmächtig ist.

Der Schluß des Buches freilich, daß von Petersdorff ausgerechnet mit Dirk von Loetzow den romantischen Sänger wieder auftreten und auferstehen läßt, scheint mir bei aller Liebe zu Tocotronic, die der Rezensent hegt (und dies hat er an vielen Stellen dieses Blogs bewiesen), doch ein wenig weit hergeholt – auch philosophisch genommen. Wenn man es böse wollte, könnte man die Texte von Tocotronic als Slogan- oder Protokollsatz-Dichtung benennen. Aber gut: es geht dem Buch um Gefühlslagen, die einen Teil der Romantik ausmachen und dazu gehört dann eben auch der romantisch inspirierte Pop-Sänger (und die vorletzte Platte hieß ja auch „Die Unendlichkeit“): Keine Ferne macht dich schwierig, kommst geflogen und gebannt und zuletzt des Lichts begierig bist du Schmetterling verbrannt. Das eben ist die selige Sehnsucht, der nur die wenigsten entkommen und das ist es, was wir begehren. Das Absolute steckt zugleich im Augenblick und im Detail. Im Küssen, im unendlichen Gespräch, am Strand der Elbe, gemeinsam auf einer Englandjacke sitzend, während seine Hand zum ersten Mal durch ihr blondes Haar strich. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren … Und dieses Gedicht eben, von Novalis, aus dem „Heinrich von Ofterdingen, ist neben einiger Dichtung Eichendorffs, eines der schönsten Stücke der romantischen Lyrik:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort

Jenes geheime Reich müssen wir uns erlesen. Und ganz im Sinne der Phänomenologen bleibt dann im Blick auf die Romantik nur zu sagen: Zu den Texten, citoyens!

Dirk von Petersdorff: Romantik. Eine Einführung, Klostermann Verlag 2020 (Klostermann Rote Reihe 126), 162 Seiten, mit farbigen Abbildungen. Kt 16,80 €, ISBN 978-3-465-04394-2

„Unsere zweideutige, zerstreute Erziehung“. Zu Goethes „Wilhelm Meister“ samt Exkurs zur literarischen Frühromantik

Statt in einem Seminar zur literarischen Frühromantik über Wilhelm Meisters Lehrjahre zu sprechen, wird dann halt, wegen Corona-Krise, aus dem Wilhelm Meister exzerpiert. Beispielsweise diese interessanten Überlegungen des Abbés von der geheimnisvollen Turmgesellschaft:

„Natalie versetzte: »Über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluß, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, daß die Erziehung sich nur an die Neigung anschließen müsse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe ›Man gibt zu‹, pflegte er zu sagen, ›daß Poeten geboren werden, man gibt es bei allen Künsten zu, weil man muß, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiß; sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenständen, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemäß ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt daß diese jeden Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich einer unbedingten Freiheit zu übergeben.‹«“

Ich lasse diese Passagen unkommentiert im Raume stehen, damit sie auf jeden ihre Wirkung entfalten können. Jene Frage nach der Bestimmung und der Natur des einzelnen Individuums samt seiner Ausbildung (im Sinne von Herausbilden des Inneren) – auch im Sinne der Tat als Handeln, man denke nur an Faustens Übersetzung des Anfangs vom Johannesevangelium: was war im Anfang? Die Kraft, die Tat, das Wort? – scheint mir allerdings eine interessante Frage und ein spannendes Konzept der Bildung. Daß wir nur handelnd uns verwirklichen.

Aber schon in Platons „Politeia“ finden wir diesen Gedanken:

„So darfst du also, mein Bester, die Knaben nicht zwangsweise in den Wissenschaften unterrichten, sondern spielend sollen sie lernen: so kannst du auch besser erkennen, wofür ein jeder von Natur bestimmt ist.“ (Platon, Politeia, 537a)

Während bei Platon im Sinne eines geordneten Staates in bestimmten Hinsichten ein gewisser Funktionalismus herrschte, finden wir bei Goethe und insbesondere dann bei Schiller Konzepte von Autonomie und Heautonomie gleichermaßen. Bildung eben ist nicht einfach als Berufsausbildung in diese oder in jene Hinsicht und nach der ökonomischen Kaufmannswirtschaft gedacht und Bildung ist auch nicht bloß Blockflöte und Hölderlin wie es Herbert Schnädelbach süffisant einmal formulierte. Sondern umfassend und sie hat mit Freiheit zu tun, was auch bedeutet, daß man sie nicht verordnen kann: hier eben standen Teile des Adels weit über dem Bürgertum; sie konnten einen Begriff von Freiheit in Anschlag bringen, der dem Bürger nicht immer möglich war – freilich auch deshalb, weil es sich jene Teile des Adels vor allem ökonomisch (oft) leisten konnten. Wenn man sich den armen Armen-Advokaten Siebenkäs von Jean Paul anschaut, der so gerne Dichter wäre, und doch nur sehen muß, wie er mit seinem Weib Lenetten  in dem Ort Kuhschnappel über die Runden kommt, dann zeigt sich, daß es in solchen Fällen eben doch am Golde hängt und aus Zwang der Existenz zum Golde drängt, um diese Art von ästhetischer Existenz, in der Inneres und Äußeres in ihrer Form zusammenfallen, führen zu können. Freiheit hat auch (aber eben nicht nur!) mit ökonomischen Aspekten zu tun.

Interessant ist es vor allem, ein Buch nach über 25 Jahren noch einmal wiederzulesen und wie die anfängliche Faszination für den Wilhelm Meister – für die ganze Epoche der literarischen Romantik war dieses Buch maßgeblich: man denke nur an Friedrich Schlegels Ausspruch im Athenäums-Fragment 216: „Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters“ – wie also diese Faszination, die da in den frühen 1990er Jahren wirkte, um in jene Umbruchsphase um 1800 einzusteigen, weil da ein neues Zeitalter sich auftat, heute einer gewissen Altersmilde weicht. Arno Schmidt Diktum, daß Goethes Prosa eine Rumpelkiste sei (nicht seine lyrische und dramatische Dichtung wohlgemerkt!), sondern eben jene Prosa nur, teile ich nicht, aber wer wie ich viel Thomas Mann gelesen hat, entdeckt in diesen Mannschen Romanen doch noch eine andere Meisterschaften der formalen Gestaltung, bei Goethe rumpelt es zuweilen, das ist auch mein Eindruck (aber diese Nichtformvollendung hat ihren Reiz) – wobei man Kunstwerke andererseits auch wieder nicht gegeneinander auszuspielen hat. Und dumpfes Goethe- oder Klassikerbashing mir allemal zuwider ist, zumal von heutigen Literatchen des Pseudo-Pop und Twitterblasen-Literaturwissenschaftler_’*Innen der Gegenwart, deren banale Statements und deren Simpelgeschreibe nicht einmal an die einfachsten Gedanken Goethes heranreicht. Das einzige, was man von diesen Leuten lernen kann: was geschieht, wenn die mediokre Existenz sich aufspielt und die Schafsherde das Diskursfeld durchtrampelt.

Zumindest zeigt solcher Abstand in der Lektüre eines: diese Faszination des wilden Lesen in den Studentenjahren ist nicht mehr da. Die Euphorie, mit der Texte aufgesogen wurde und wie sehr sie zum Schweifen und Fabulieren Anlaß gaben, gerade auch beim Wilhelm Meister, wenn es um die Frage nach dem Theater ging: wie zu spielen, wie zu inszenieren sei. Wie eine Bühne erobern und bauen? Nationaltheater – heute darf man es kaum aussprechen: All das ist nach über 28 Jahren Leseabstand auf seine Weise aufgezehrt. Und in diesem Sinne freue ich mich dann wieder, wenn Studenten diese Texte mit ihrer ganz eigenen Emphase entdecken.

Diese beiden Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart der Lektüre zu verbinden und zusammenzubringen, wäre auch ästhetisch die Aufgabe: was man damals vor solchen Büchern empfand, wieder zu eruieren und sich zum Bewußtsein zu bringen – auch das ein Aspekt von Bildung noch im Alter, nebenbei gesagt -, was man dachte und wie einem bestimmte Texte in jenen jungen und denkwilden Jahren Theorie oder Idee aufprägten und wie man diese Prosa und diese Philosophen-Texte teils einsog und zugleich intellektuell zu durchdringen trachtete – also eine Art  Anamnesis an jenes Lesen in Spätjugendtagen und an die intellektuellen Werdung durchzuführen -, und von der heutigen Lektüre-Warte aus geschieht eine eher abgeklärt-analytische Haltung: das Theoriegebäude steht ja meist und dennoch möchte ich mich überraschen lassen, neue Teile anbauen, neue Türen und Ausgänge, die wiederum Eingänge sind, finden und erfinden. Auch gilt es zu verstehen und zu durchdringen, was eigentlich an diesem Wilhelm Meister bis heute derart bedeutsam ist und wofür das Buch steht. Sei es in seiner eigenen Zeit, sei es im Bezug zu uns, auch wenn manche zunächst mal gar keinen Bezug zur Gegenwart sehen.

Diese beiden (Zeit)Phasen des Lesens immer wieder zusammenzubringen, mit ihnen zu spielen, diese Ephorie des ersten Mals und der Entdeckung von Inseln  auf dem weiten Ozean – Lesen war immer auch eine Abenteuer-Reise, das wissen Jungs nicht erst seit Karl May oder Robert Louis Stevenson „Schatzinsel“ – und andererseits in der Lektürewiederholung nach Jahrzehnten jener andere Blick, der bereits eine Menge an Theorie und Text aufgesogen hat und der mit dem Sezierbesteck liest: es gleicht dies eher der professionellen Ozeanfahrt des Steamliners auf dem Oberdeck im Ohrensessel, wenn es nach Übersee geht. Und zwar diese Arten des unterschiedlichen Lesen nicht nur zu sichten im Sinne einer irgendwie gearteten Ästhetik der Existenz, die sich an Empfindungs- und Intensitätszuständen berauscht, sondern eben – das gerade macht ja den Rausch aus! – intellektuell und denkend jene Epoche der literarischen Frühromantik zu durchdringen, die mit Goethes „Wilhelm Meister“ einsetzte. Als, wie Hegel, Hölderlin und Schelling es in ihrem Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 schrieben (ein Fragment nebenbei, dessen Autorenschaft bis heute umstritten ist), die Ideen zuerst ästhetisch werden sollten, so dachten wir es in der Studentenjugend, um ihre Wirkung zu entfalten, denn:

„Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte und Schönheit verschwistern sind. Der Philosoph muß ebenso viel ästhetische Kraft besitzen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere BuchstabenPhilosophen.“

Auch hier, aus dieser „Neuen Mythologie“  ist jenes hen kai pan herauszuhören, das wir ebenfalls schon in Goethes Bildungsroman fanden (und bei Lessing und bei Spinoza) und welches gleichfalls das Denken der Jenaer Frühromantiker um den Kreis  von Tieck, Novalis, den Gebrüdern Schlegel samt ihren Frauen umtrieb. Das Schöne ist mit dem Guten und mit dem Wahren verbunden. Und diese Einsicht zu vermitteln und in eine Darstellung – auch im Sinne der Französischen Revolution, nicht nur für den Adel, sondern auch für den Bürger und fürs Volk gar – zu überführen, kann nur über die Versinnlichung der Ideen geschehen, wie es die Autoren des Systemprogramms schreiben.

Auch ein Bildungsprogramm also, im Anschluß vor allem an Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zu lesen. Eine Epoche von Aufklärung qua Kunst und von Umbruch. Zeit der Entzweiung, die zugleich mit den Mitteln der Kunst wieder geheilt werden sollte. Freilich schrieben jene drei ein Programm, das mehr Traktat und Proklamation ist als ein ausgefeiltes System des Denkens. Eher eine Flugschrift. Dieses „System“ kommt später, und dann erst werden Schelling, Hegel und Hölderlin dieses „System“ auf je unterschiedliche Weisen und stilistisch, literarisch, philosophiemethodisch sehr verschieden konzipieren und ausfalten. (Zu Hölderlin diesen Freitag, am 20.3. mehr.) Drei literarische, rhetorische und reflexive Formen und Weisen des einen Gedankens, in verschiedenen Formen der Darstellung ausgefaltet, so könnte man es zuspitzen.

Und hinzu kommen die Überlegungen Friedrich Schlegels und des früh verstorbenen Novalis (1801 in Weißenfels), der mit seinem „Heinrich von Ofterdingen“ eine Kritik des „Wilhelm Meister“ und zugleich auch eine Antwort darauf schrieb. Literaturkritik geschah auf einmal nicht mehr im Medium der klassischen beurteilenden Form, sondern als Literatur. Das eben war das große Programm von den Gebrüdern Schlegel wie auch von Novalis, das sie im Theorieansatz unter anderem in ihren Athenäums-Fragmenten entfalteten. Man lese für jenes Symphilosophieren und jene gesteigerte Form der Literaturkritik nur das legendäre und  bekannte Fragment 116. [Dezidiert aufgeschlüsselt hat nebenbei Walter Benjamin die Bedeutung der Frühromantiker für die Literatur- bzw. Kunstkritik in seiner Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik.]

In diesem Sinne ist es unterkomplex und leichtfertig bis unüberlegt, die literarische Frühromantik mit dem Irrationalismus in Verbindung zu bringen, wie das etwa prominent Georg Lukács im Ansatz tat. Vielmehr gilt: jene Frühromantik knüpft im besten Sinne an die Aufklärung an, indem sie deren unabgegoltenen Seiten und Potentiale – im Sinne einer Dialektik der Aufklärung und einer potentierten Reflexion – zur Entfaltung bringt, und zwar, was man gerade in Novalis‘ überbordenden Fragmenten und in seinen Reflexionen, die vielfach um Fichtes Wissenschaftslehre von 1794 kreisen, sehen kann, indem hier als Antisystem gleichsam Fragmente und Aspekte, Perspektivierungen und Hinsichten der einen Sache in einer Art konstellativem Denken literarisch-philosophisch ausgeführt werden. Nicht daß die Grenze aufgehoben wäre: Philosophie und Literatur sind bei Novalis strikt getrennt. Die Fichte-Studien sind keine Hymnen an die Nacht und wenn sie es doch sind, dann stilistisch und von der Schreibform her in einer anderen Weise der Darstellung.

Romantisches Denken bedeutet literaturgeschichtlich genommen auch: das Neue zu denken, in Absetzung von den antiken, klassischen Formen und einer Regelpoetik. Romantisches Denken bedeutet aber ebenfalls jene Ausfaltungen zwischen Philosophie und Literatur in den Leseblick zu nehmen, zwischen Kants theoretischer und praktischer Philosophie und dazu jene seltsame brückenhafte Nicht-Brücke zwischen beiden Bezirken, die er in seiner „Kritik der Urteilskraft“ ausführte, und es bedeutet neben Fichtes Wissenschaftslehre all die Literatur vom Wilhelm Meister, der kein klassisch-romantischer Roman ist, bis zum Heinrich von Ofterdingen, Schlegels wunderbar freigeistigem Dialogroman „Lucinde“ hin zu den düsteren „Nachtwachen“ des Bonaventura zu lesen.

Auch die Aufklärung über die dunklen Seiten gehört zur Aufklärung und ist ihr Bestand. Auch diese Zugehörigkeit zeigte die literarische Frühromantik. Noch hin bis zu E.T.A. Hoffmanns Spuk- Maschinen und Doppelgänger-Geschichten. Bei Goethe wendet es sich am Ende des Romans zum Guten, auch wenn es der Opfer bedarf, wie eben die traurig-schöne Mignon oder der verzweifelte Harfner. Interessant ist es zudem den „Wilhelm Meister“ im Kontrast einmal zu Kafkas „Der Verschollene“ zu lesen und insbesondere mit der Schlußszene darin, dem Naturtheater von Oklahama und jener Eisenbahnfahrt des Protagonisten Roßmann ins sich türmende Felsengebirge, immer schroffer, die Landschaft und wo man am Ende und beim abbrechenden Schluß, der hier eben auch literarisches Prinzip ist, nicht weiß, ob das eine Utopie ins Land der Freien (die USA spielt ja auch beim Wilhelm Meister ihre Rolle) oder am Ende ein Alptraum wird. Auch die Turmgesellschaft im „Wilhelm Meister“ wirkt zuweilen rätselhaft und es bleiben im Blick Wilhelms zumindest, Zweifel:

„Vielleicht hatte ihm der Gedanke, daß er in so vielen Umständen seines Lebens, in denen er frei und im Verborgenen zu handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, einer Art von unangenehmer Empfindung gegeben, …“

Was man freilich auch als literarisches Prinzip des auktorialen Beobachtens deuten kann, so daß mittels dieser Instanz ebenso eine literaturästhetische Selbstreflexivität angenommen werden kann. (Aber das sind Interpretationsfragen. Der weise auktoriale Erzähler würde hier einschieben: Davon ein andermal mehr.)

Man könnte diese anfangs herausgegriffenen Sätze Goethes im Hinblick auf die Ausbildung des Menschen zu einem autonomen Wesen bzw. die Figurenrede der schönen Amazone Natalie ziemlich gut mit einem Satz von Karl Kraus kontrastieren, der aufs Gegenteil einer frei entfalteten Persönlichkeit weist – jenen durch Autorität, Zwang und Angst zusammengehaltenen Charakter:

„Der Momo ist ein unentbehrlicher pädagogischer Behelf im Familienleben. Erwachsene schreckt man damit, daß man ihnen droht, der Psychiater werde sie holen.“ (Karl Kraus, Aphorismen)

Soviel aus den Zeitzonen der Gegenwart. Goethe, Novalis und Karl Kraus sind jeweils unterschiedliche und doch zueinander gut passende Lektüren für Zeitgenossen.

 

 

Der unauslöschliche Eindruck eines Bildes – dem Herrn Geheimrat Goethe zum 270. Geburtstag

Ach ja, die Geburtstage – die runden, die eckigen, die verwunschenen, die heiteren, die traurigen, die trüben. Und die eines Genius. Goethe darf man nicht übergehen. Keinesfalls. Wer etwas lesen möchte zum kruden Faktum Geburt, hinter das keiner, der je einmal geboren wurde, wieder zurück kann – wir müssen die Erde umrunden und eine Reise um die Welt tun, denn das Paradies ist verriegelt und so müssen wir reisend und lebend irgendwie sehen, „ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“ – samt einer damit verbundenen mehr oder weniger glücklichen Fügung der Stunde, also einer Art literarischem Kairos, wer dazu also lesen mag, der beginne mit „Dichtung und Wahrheit“:

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zu gute gekommen sein.“ (Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit)

Nicht nur jene Spiel von Sternen als geglückte Konstellation der Himmelskörper – oder eben eine Großwetterlage im Jahre 1913, wie Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ auftaktete, worin ein Vorausblick auf ein krachendes, in sich zusammenfallendes Jahrhundert getan wird –, sondern zugleich eine Biographie-Prosa, die flott erzählt und voranschreitet: allein der Titel dieses Buches bleibt nach wie vor unabgegolten: denn so geht es fast jedem Dichterleben – ob Jörg Fauser oder Christa Wolf, ob Max Frisch oder Maxim Biller. Wie da bei Goethe ein Künstler-Individuum und zugleich ein Bürger mit dem großen Ganzen in einem Einklang schwingt, einerseits, und sich zugleich doch ein Moment des Brüchigen und Fragilen einschleicht, zeigt bereits dieser Anfang.

Daß für Goethe das Maß und nicht die euphorische Verausgabung eines Dionysos wesentlich schien, mag man bereits aus solchen Zeilen herauslesen. In dieser Autobiographie thematisiert Goethe ebenfalls jenes Puppentheater, das er zum Geschenk bekam und Thomas Mann war rund 130 Jahre später hochbeglückt über diese Analogie: die Nähe zum großen Meister: daß auch er ein solches Puppenspiel zum Geschenk erhielt. Die Geburt des Autors aus dem Geist des Handpuppenspiels. Solches Spielen setzt Phantasie voraus. Der künftige, noch kindliche Autor fabuliert vor seinem kleinen Familienpublikum, denkt sich kleine Geschichten aus, die er den anderen vorspielt.

Was nun die Frage nach dem heutigen Nutzen von Autoren wie Goethe anbelangt, das ewige Für und Wider des gravitätischen Klassikers – aber was interessiert es die Eiche, wenn sich deutsche Terrier daran wetzen? – und ob solchen Klassikern nicht etwas gar Altbackenes anhaftet, so sei daran erinnert, daß Literatur keine Autoritätssimulation ist und auch keine Caféteria, wo man sich das herauspickt, was einem gerade intuitiv gefällt, und daß Vergangenes niemals vergangen ist – schon gar nicht im Feld der Kunst. Und es sei daran erinnert, daß das Gravitätische eben auch dadurch entsteht, weil wir einen Autor als unhintergehbare Autorität betrachten, anstatt ihn als Anregung zu begreifen, als Anlaß für eigene Phantasien wie auch als Anlaß für Analyse von Gegenwart. Im Faust II ist Goethe gegenwärtiger als manchem lieb sein mag, in seiner „Dialektik der Aufklärung“ zeitgemäßer als mancher gegenwärtige Berlin-Autor, der das immergleiche Klischee doch nur beliebig in der Reproduktionsschleife hält. Man betrachte sich, was die Möglichkeiten, „Klassiker“ zu aktualisieren betrifft, nur die geniale Faust-Interpretation von Frank Castorf, (Kritik dazu siehe Link), 2017 an der Volksbühne.  Es liegt also viel an uns und es ist all dies nicht die „Schuld“ eines Goethe oder Schiller, wenn es altbacken und vergangen klingt. Buc, Kopf, Leser. Auch über Migration und Revolution weiß Goethe zu berichten. Man lese die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“.

Wer etwas über die Bildung des Individuums und über die Tücken solcher Bildung wissen will, der kommt um den Wilhelm Meister nicht herum – nicht bloß als zentrale Referenz, um andere Bildungsromane wie Flauberts sarkastisch-böse „L’Éducation sentimentale“, Stifters „Nachsommer“, Kellers „Grüner Heinrich“ oder Thomas Manns „Zauberberg“ angemessen zu lesen. Den Frühromantiker Friedrich Schlegel faßte es in Athenäum-Fragment Nummer 216 derart zusammen:

„Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben. Selbst in unsern dürftigen Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kommentar begleiteten Variantensammlung, wozu der klassische Text verloren ging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm, eine größere Rolle, als alles, was diese trieb.“

Goethes „Wilhelm Meister“ wurde für die Jenaer Frühromantiker zum Fixpunkt. An ihm entzündete sich die Frage nach einer neuen Form von Literaturkritik. Ernst Behler beschreibt das in seinem Buch über die Frühromantik wie folgt:

„Dabei bezogen sich die Frühromantiker in erster Hinsicht auf Goethes Romankunst, vor allem auf seinen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der Grund für die hohe Anerkennung der poetischen Qualität des Wilhelm Meister lag in Goethes ausgebildeter Erzähltechnik, mit der er durch Spiegelungen, Korrespondenzen, Kontrastierungen, Antizipationen, Symbolisierungen, Steigerungen, Retardationen und Ironie dem Werk eine poetische Einheit verlieh, die von der prosaischen Erzählweise der Romane aus dem achtzehnten Jahrhundert wie durch eine Kluft getrennt war.“ (Behler, Frühromantik)

Und nicht nur das. Mit dem Mitteln der Literatur selbst, also als Kunst, sollte es eine neue Form von Literaturkritik geben, gleichsam als Autoreflexivität. Durchs Erzählen selbst wurde in einer potenzierten Weise ein anderes Werk in die literarische Kritik genommen. In zahlreichen Notizen und Fragmenten arbeitete sich etwa der frühromantische Dichter Novalis an jenem Wilhelm Meister ab, reflektierte auf eine andere Form von Literatur, war von Goethe inspiriert und zugleich schreckte ihn etwas an dieser Prosa. Die anfängliche Faszination kippte:

„Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zugrunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare. – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich als Poesie und Schwärmerey behandelt. Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs.

Sehr viel Ökonomie; mit prosaischem, wohlfeilem Stoff ein poetischer Effekt erreicht.
Meistern geht es wie den Goldmachern – Sie suchen viel und finden zufällig indirekt mehr.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

„Gegen Wilhelm Meisters Lehrjahre. Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch – so pretentiös und pretiös – undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrifft – so poëtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Poësie, Religion usw. Aus Stroh und Hobelspänen ein wolschmeckendes Gericht, ein Götterbild zusammengesezt. Hinten wird alles Farçe. Die Oeconomische Natur ist die Wahre – Übrig bleibende.

Göthe hat auf alle Fälle einen widerstrebenden Stoff behandelt. Poëtische Maschinerie.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

Das Moderne und zugleich der kalte Klang der Ratio. Goethes Gegenwart. Sie hält an. Und Goethes Prosa wie auch seine Lyrik gehören auf alle Fälle mit zu dieser Moderne. Solche Gegenwärtigkeit als Zeitgenossenschaft betrifft „Dichtung und Wahrheit“ ebenso wie die Sesenheimer Lieder, 1770/71 in Straßburg und in Sessenheim im Elsaß entstanden, darin stürmerisch-drängerisch die Jugend auf eine Weise gestaltet wurde, wie es der höfisch-galanten Rokoko-Dichtung der Zeit niemals möglich gewesen ist. Es gab für dieses Phänomen der Jugend keine literarische Ausdrucksform, zumindest nicht im Rokoko. Zentral zeigen solche Werke den Wandel an. Deshalb auch die Notwendigkeit eines Kanons, um solche Übergänge zu verstehen – ohne diesen Begriff des Kanons starr und statisch zu halten, ein Kanon ist ein fluider Organismus. Und ebenso gehört die lange Zeit von der Forschung als Nebenwerk gehandelte Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, darin auch das Märchen enthalten ist, in diesen Kanon. Gerade im Märchen findet sich jenes Spiel: Bilder bilden sich heraus, sie fixieren sich und lösen sich zugleich wieder auf – ein Reigen. Das also, was Literatur im Spiel der Phantasie leistet und was dann insbesondere bei den Frühromantiker zum Thema wird, nämlich die Fixierungen wieder aufzubrechen, wird in dieser Geschichte selbstreferentiell, und das heißt also in Literatur vorgeführt.

Und dazu lese man gleichsam als Gegenlektüre dann Novalis‘ romantischen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“. Und zuvor den „Wilhelm Meister“. Den „Heinrich von Ofterdingen“ kann man, was das Feld der ästhetischen Kritik betrifft, eben auch als eine Reaktion auf Goethes Meister lesen – so wie es Novalis und eben auch die Gebrüder Schlegel konzipierten. Und zwar als eine Literaturkritik in Form von Literatur und nicht bloß diskursiv. Was für Möglichkeiten von Kritik taten sich hier auf! Ganz nach dem Schlegelschen Programm einer transzendentalen Universalpoesie. Eine derart spannende Zeit, dieses Jahre um 1800 – nicht nur ästhetisch. Und leider vieles davon im Betrieb der feuilletonistischen Literaturkritik verschüttet.

Aber diese Gegenwart. Was tun? Viele schreiben über Karen Köhler oder über irgendwelche Debütromane mit Internet. Heute zu Goethes 270. Geburtstag las ich aufgrund eines Kommentars hier in meinem Blog in Kindlers Literaturlexikon noch einmal den Artikel zu seinen „Wahlverwandtschaften“. Interessant ist der Roman, aufregend geradezu in der Form und der Weise des Erzählens, wenngleich meine Lektüre über 25 Jahre her ist: zum einen von den Gesellschaftsschichten her, ein abgelebter Adel in der Bürgerwelt und doch ist diese Kultivierung von Nutzlosigkeit herrlich, denn frei sind diese Menschen vom Fron der bürgerlichen Arbeit. Zum anderen wird in den „Wahlverwandtschaften“ ein Konzept von (freier) Liebe zum Thema, das für diese Zeit doch ungewöhnlich ist – wobei Goethe eben auch die Aporie solcher Konstellation vorführt: „Warum Liebe weh tut“. Lieben und Entsagen. Freiheit und Notwendigkeit, Natürliches und Kultur. Also im Grunde Themen, die bis in die Gegenwart reichen: Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit,

Sogleich war ich beim Lesen des Lexikontextes wieder angefixt und begeistert von dieser Geschichte, erinnerte mich an die Szenerien, und ich sehe, daß vermeintlich Altes eben nicht alt ist, sondern nach wie vor interessant und ich frage mich, was von der Gegenwartsliteratur in 50 oder in 100 Jahren bleibt. Viel wird es nicht sein, so vermute ich. Man soll zwar nicht das Alte gegen das Neue ausspielen, aber bei vielen Gegenwartsromanen bleibt eben doch ein schaler Nachgeschmack – „Wozu das ganze?“, frage ich mich – oder sie geraten ganz einfach in die Vergessenheit. Auch eine spannende Frage für die Literaturkritik und für den sogenannten Kanon: Was bleibt? Was wird wieder neu entdeckt? Jan Philipp Reemtsma hatte seinerzeit in den 1990er in Hamburg immer wieder auf Wieland aufmerksam gemacht. Und heute würde ich, was den Witz, die Trauer und auch die Reflexivität von Ich und Erzählen betrifft, dringend zu Jean Paul raten und für die Verschränkungen von Freiheit und einer fatalen Notwendigkeit als Zwang im Menschen zu Kleist.

In dem Gespräch zwischen Wilhelm und dem seltsamen Fremden zum Ende des Ersten Buches heißt es in der Rede jenes Fremden:

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.“

Gerne legt man die manchmal unbequemen und schwierig auszusprechenden Gedanken einem Fremden in den Mund, man denke nur an Platons „Politikos“.

Goethe war Spinozist. Oder eben Hegelianer.