Tonspur zum Sonntag

Blue Yodel für Herbert Wehner
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Um nun ein wenig – und sei es nur ein Etwas und ein Augenblick – von all der Theorie zu entspannen.

Ich lernte K. im ersten Semester meines Studiums im Jahre 188X, nein 1988 kennen. Im Einführungskurs Soziologie kreuzten sich Blicke und Worte. Sie war die mit weitem, sehr weitem Abstand hübscheste Frau im Seminar und des Semesters überhaupt, obwohl sie, mit meiner Vorliebe brechend, schwarzhaarig war: tiefschwarze, schulterlange, glatte Haare, ein feines, ebenmäßiges Gesicht; schmal, jedoch nicht dünn. Gleichfalls ihr Körper: das heißt, es gab an zwei wichtigen Stellen gewisse wichtige Rundungen. Wie trifft man eine solche Frau? Nun: Bestimmte Menschen und Zirkel finden sich in einem Anfängerseminar im ersten Semester durchaus schnell zusammen, allein über das Äußerliche, den Spaß an bestimmter Musik, über die Sprache, den Wortwitz und selbstredend natürlich durch die politische Sache.

Aber im Gegensatz zu den übrigen Personen in dieser trink- und feierfreudigen Kleingruppe, welche unter dem Etikett links lief, verhielten wir beide uns ein Stück unernster, nahmen vieles witzig und erkannten das Groteske (im etymologischen Sinne eben) in mancher Rede, mancher Aktion. Auch waren wir die eher kunstsinnigen, auf Ästhetik gepolten Charaktere. Ja, es war oft schwierig auszumachen, wer von uns beiden bösartiger und zynischer war. Gewissermaßen lieferten wir uns einen unausgesprochenen Wettbewerb darin, auf die Welt den bösen sarkastischen Blick zu werfen, der so viel Freude bereiten kann, ohne jedoch daß ein Funken Konkurrenz in diesem Sprachspaß aufkam. Sie nannte mich „Herr Geist“, ich rief sie „Frau Körper“. Und wir teilten eine Liebe, nämlich die zu F.S.K: Und jetzt, liebe Leser, haben auch Sie den Bogen zur „Tonspur am Sonntag“ gefunden, denn Sie rätselten womöglich bereits, was los ist und ob das jetzt eine augustinische Bekenntnisshow reinster, jedoch gottloser Subjektivität abgäbe.

So checkte ich von jener Zeit ab im Grandhotel Abgrund ein. Der wohl wichtigste Kritische Theoretiker hatte mir das Entreebillet ausgestellt. Die „Theorie des Romans“ und „Geschichte und Klassenbewußtsein“ waren nicht mehr genug.

Da wir aufgrund ähnlicher Interessen manche Seminare in der Philosophie und in der Soziologie gemeinsam belegten, so tauchten wir dort auch meist zusammen auf. Wir saßen in den Seminaren und Vorlesungen zusammen, wir witzelten zusammen und wir lagen im Sommer nebeneinander auf dem Universitätsrasen, wir gingen zusammen in die Kantine (Mensa), insbesondere die steinalte Bedienung Frau N. in der Cafeteria des XXX-Seminars hatte es uns sehr angetan: Frau Ns berechtigt barsche Art, mit anmaßend sich gebenden Studenten umzuspringen, fand unsere Sympathie, denn diese Weise war genau richtig. Gerne aßen wir dort eine Bulette und tranken einen schwarzen Kaffee oder ein Kaltgetränk. Auch rauchten wir zuweilen dort.

Mit K. irgendwo, egal wo, aufzutauchen, war einerseits sehr angenehm: manch neidischer oder böser Blick von Männern und vor allem Frauen ruhte auf uns bzw. eher auf ihr. Andererseits machte es mich einsam, denn an andere Frauen in Seminaren war durch jenes schöne Wesen kaum ein Herankommen mehr möglich. Ich habe gedacht, daß eigentlich das Gegenteil der Fall sein müßte. War es aber nicht. Eine weniggroß bis kleine blonde Frau mit Bob-Frisur, wie ich es zu dieser Zeit so sehr liebte, lernte ich in einem Seminar zur Photographie kennen. Aber da muß ich seinerzeit irgend etwas vermasselt haben.

Wir haben in keinem Moment etwas miteinander gehabt, kein Kuß, kein Nichts, nichts Intimes. Sie hatte einen Freund. Nun, solche Petitessen sollten im gewöhnlichen Leben eigentlich kein Hindernis abgeben, doch es existierte zwischen uns ein Moment, das ich mit dem Begriff des unkörperlichen, denkenden Begehrens bezeichnen möchte. Es war bei mir nicht einmal eine heimliche Lust vorhanden, sondern ich habe diese unglaubliche Schönheit der Frau genossen, es war ein Erlebnis, sie ansehen zu dürfen, einfach nur mit oder neben ihr zu sitzen, sich zu unterhalten, zu sprechen, den Geist Hegels auf sie wirken zu lassen, auf die Welt und auf gerade Vorübergehende diese sarkastischen bösen Blicke zu werfen, sich gegenseitig die neuesten Filme von Rohmer und Godard zu erklären, und zwar nicht mit irgendwem, sondern mit dem in weiblicher Person sich manifestierenden Schönen. Und nur deshalb, aufgrund einer Distanz, hat diese Geschichte mit uns beiden eine Zeit lang funktioniert. Wie es im Leben aber so passiert, verlaufen sich manche Wege, gehen in der Zeit auseinander, ohne daß einer der beiden Spaziergänger weiß, weshalb das so kommt.

So war das einst. Damals – in diesen wunderbaren Jahren. Wie schrieb Eva Strittmatter: „Und wie wir in der Jugend brannten, jetzt glüh‘n wir anders. So nie mehr.“ Was soll man da sagen: May be, baby.

„And the boys and the girls und the girrrlz and the boys.“