Frankfurt, du häßliche Schöne

So fängt Lyrik an. Es ist Buchmesse, es ist alles gut, wie es ist. Ich bin nicht da, sondern hier, von wo ich lachend nach Frankfurt blicke. Letztes Jahr war ich dort. Ich habe mich immer noch nicht von der Zugverspätung erholt. Mein Grandhotel Abgrund, das ich inzwischen mit Kork ausgekleidet habe, um dem Lärm und dem Tagestreiben der Außenwelt zu entgehen, bietet mir jedoch Ruhe und Komfort. Meine letzte Erkältung fing ich mir in Frankfurt ein, seitdem hatte ich keine mehr. In den Messehallen ist es meist warm, aber oft dringt Zug ein und in Frankfurt ist es im Oktober kühl. Ich stehe am Stand, ein Hauch Kühle oder Viren zirkulieren im Luftstrom (Luststrom hätte ich fast getippt) und der Infekt ist da. Der Hauptbahnhof und seine Umgebung sind ein Alptraum, ich mag so etwas nicht sehen, außer wenn ich die ausgewählt öden Orte photographiere. Ich könnte auf der Messe sicherlich nette Menschen treffen. Literaturblogger/innen/kollegen. Aber zugleich haben diese Messen etwas Brancheninzestuöses. Und im Grunde ist es doch so: Wer nicht muß, der fährt nicht freiwillig auf eine Messe. Andererseits sind die Messepartys eine feine Sache und auch der Alkohol, der zum Abschluß an den Ständen ausgeschenkt wird. Wiewohl der oft Anlaß für Kopfschmerz sein kann.

Die Literatur-Aufreger kommen und verflüchtigen sich wieder. So schnell wie die Mode wechselt. Bob Dylan – dieser Preis ist eine Variante des Stockholm-Syndroms. Diesmal im Feld der Literatur. Der Betrieb identifiziert sich mit dem Aggressor Pop. Aber Bob Dylan antwortet nicht, geht nicht ans Telephon. Ich habe nicht Bodo Kirchhof gelesen, und ich weiß nicht recht, ob mich diese Novelle wirklich interessiert. Trotz einer, wie gesagt wird, herausragenden Sprache, hört sich die Geschichte altbacken an. „Widerfahrnis“ jedoch ist ein schöner Titel, er klingt fein, nach Schicksal, nach einer großen Sache, aber die Figurenkonstellation liest sich simpel. Ein biederer Ton hallt nach. Andererseits ist es mir zu billig, wenn das von solchen Leuten kritisiert wird, die aus ihrer Berliner Blasenwelt gerade mal herauskommen, wenn sie ins Umland reisen oder wenn das Schriftsteller kritisieren, deren Figuren sich in einem doch überschaubaren, stereotypen Kosmos bewegen. Die Figurenkonstellationen von Jochen Distelmeyer oder Judith Herrmann sind nun auch nicht weltbewegend, und die Besitzerin eines Hutgeschäftes und ein Verleger alten Schlages, sagen wir mal vom Typ Martin Mosebach, werden diese Berlin-Typen, diese zur Entscheidung unfähigen Mittdreißiger ebenfalls als Klischees erscheinen.

Egal wie, dieses Jahr keine Buchmesse. Lieber woanders zu spazieren. Im schönen Herbst.

Der Fliegende Robert

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.
(Hans Magnus Enzensberger)

Ich denke, man muß gegen die Instanzen arbeiten und vor allem: Aus der Adlerperspektive schauen. Deterritorialisierung, wie Gille Deleuze und Felix Guatari in ihrem Kafka-Buch schreiben. Nein, ich bleibe.

 

Frankfurt/Messe: Twitterisierung des Journalismus

Der Mann, der seine Frau mit einer Gitarre verwechselte und einstmals – in den guten Zeiten, weit übers dreißigste Jahr hinaus – mit den Fingern auf ihrer Haut und in ihre Haare fuhr, als wären diese blonden Haare die Saiten eines Instruments, hat sich im Rein und Raus, beim Heiß und Kalt der Buchmesse eine Grippe zugezogen. So etwas interessiert die Leser nicht? Irrtum. Solche Berichte funktionieren gut. Früher schrieben Journalisten wie Raddatz (tot) oder Greiner über die Buchmesse. Heute haben wir FAZ-Buchmesseblogger oder die Schwatzdrossel Ronja von Rönne.  Entleerte Subjektivität. Es gibt Artikel, da bin ich froh, dafür kein Geld bezahlen zu müssen. Schlimm genug im Grunde, sie kostenlos im Netz zu lesen. Nein, ich habe nichts dagegen, vom eigenen Ich her zu schreiben. (Und ich habe auch nichts gegen Ronja von Rönne.) Aber mich stören Belanglosigkeiten: auf welchen Partys und mit wem jemand dort abhing und ob allein oder in Begleitung morgens im Bett erwacht. Fürwahr – aufregend und lustig. Weshalb es so wenigen Schreibern gelingt, die aufgenommenen Eindrücke in einen konsistenten und klugen Text zu packen, der nicht primär auf bemühte Weise bemüht wirkt, lustig zu sein, sondern der von Literatur handelt. Meinetwegen gerne lustig geschrieben. Für solches Verfahren stehen Begriffe wie Esprit. (Nein, ich meine nicht die Bekleidungsmarke.)

Denn darum ging es einstmals – Journalistentexte, die Prickeln erzeugen, die zum Weiterdenken anregen, die mich neugierig machen, das, was dort beschrieben wird, ebenso und mit anderem Blick zu entdecken, meinetwegen auch und gerne in outrierten Formulierungen getextet, wie dies der olle Raddatz praktizierte. Heute ist anders. Die Twitterisierung des Journalismus wie auch des Literarischen macht sich breit. In der Literatur führt mich diese Trivialisierung dazu, daß ich meine Auswahl an Autoren, die zu lesen sind, reduziere und mich wieder mehr auf Altes oder auf die Amerikaner kapriziere. Die können es besser. Oder die Südamerikaner. Für mich führen solche halbherzigen Texte dazu, mich auf Wesentliches zu beschränken. In den Tageszeitungen ist einzig der Wirtschafts- wie auch der Politikteil von Bedeutung, weil sie mir direkt oder indirekt zu verstehen geben, was ich mit meinen VW-Aktien mache und ob ich in die USA reisen soll. Feuilleton ist Spiel. Und manchmal, in den guten Fällen auch darüber hinaus, kann aus dem Spiel schöner Ernst werden. Schlechte oder langweilige Spiele öden mich an. Der Mann, der seine Frau mit einer Gitarre verwechselte, möchte Musik, die nicht nur das Herz, sondern ebenfalls den Geist zum Klingen bringt. Das ist bei gelungener Literatur, subtil komponierten Essays und klugen Frauen ähnlich. Die Schönheit der Texte stammt nicht aus dem Geist der Retorte und dem Abgelutschten des „Ich-sach-jetzt-mal-so“.

Der interessanteste Bericht über die Frankfurter Buchmesse war das Interview mit dem Leiter des Sicherheitsdienstes. Hier ging es endlich einmal um Relevantes: die Welt der Arbeit und nicht das Schwadronieren.

„Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ – Buchmesse Frankfurt

Nein, ist sie nicht, und auch nicht morgens um sechs Uhr, Mittwoch, im ICE. Ich bin zwar ein Mensch, dem es nichts ausmacht, früh aufzustehen, was daran liegt, daß ich oft gar nicht erst einschlafe. Aber im Dunkel des trüben Morgens mit dem öffentlichen Nahverkehr durch Berlin zu fahren, um den Bahnhof Südkreuz zu erreichen, der ebenfalls kein Ausbund urbanen Lebens und des morgendlichen Frohsinns ist, regt in mir wenig Vergnügen. Bei Prousts legendärem, vielzitierten Eröffnungssatz: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen …“ neidete ich es seinerzeit bei meiner Lektüre jenem Erzähler, wenn ihm kurze Zeit darauf die Augen zufielen. Daran hat sich seit über 25 Jahren, als ich das erste Mal Proust las, nichts geändert.

SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …
ADORNO: Mir nicht.

Der ICE ist überfüllt mit Buchmenschen, die ihre Rollkoffer durch die Gänge schieben und sie dann in die Gepäckablagen wuchten. Ich erkenne und kenne niemanden, betrachte mir das Gesicht einer Frau, die schräg gegenüber zwei Reihen vor mir sitzt, ich versuche, mir ihre Unterwäsche im Koffer vorzustellen, die sie zur Messe mitnimmt, was natürlich völlig sinnlos ist, weil dies eines der Rätsel bleibt, die weder ein analytischer noch ein ästhetisch ausgeprägter Verstand zu ergründen vermögen. Ich lese in der FAZ und in der „Berliner Zeitung“ und bemerke, daß ich kein Reisemensch bin. Das Rheinische Format blättert sich auf engem Raum besser als das Nordische. Am liebsten fahre ich Auto. Oder reise mit dem Flugzeug. Ich hätte nach Frankfurt fliegen sollen, denke ich mir. Was mich wundert: daß man von der Flugzeit her nach Wien ebensolange braucht wie nach Frankfurt. Woran mag das liegen?

Kurz hinter Göttingen, knapp vor Kassel, dort in den dunklen Wäldern, wo die Märchen der Gebrüder Grimm spielten, lag auf den Bäumen, den Feldern  und Dächern fein gezuckert der erste Schnee. Dämmerig noch das Licht, dämmerig bleib es den ganzen Mittwoch über. Ich mag diese Stimmung. Endlich näherte der Zug sich Frankfurt: Hanau, ein Anblick aus dem Zug, der mich berührt, weil es sich um einen jener ausgesucht öden Ort handelt – zumindest wenn ich mir die Gebäude um den Bahnhof herum betrachte. Mein Blick versucht sich an die Details zu heften, aber der Zug fährt zu schnell, um genauer zu sehen, geschweige etwas zu photographieren und für mein Reisetagebuch festzuhalten. Wie schon bei der wunderbaren Winterlandschaft. Ich wäre gerne stehengeblieben. Wäre durch den dunklen Wald spaziert. Schöner als eine Buchmesse. Hanau erinnert mich an Atomkraftwerke und die Kämpfe jener Zeit. Ich versuche Blickkontakt mit jener Frau zwei Sitze vor mir herzustellen. Aber sie interessiert sich nicht für ältere Männer. Verständlicherweise.

Frankfurt ist so grau und so kalt, wie auch Berlin grau und kalt war – nur etwas heller nun. Inzwischen ist es 9 Uhr 45. Mir geht die Buchmesse auf die Nerven, bevor ich überhaupt dort bin. Literaturkritiker seien mit Verrissen zurückhaltend; heißt es. Selbst am Text nachweislich mäßige Bücher werden abgenickt. Der Betrieb will es so. Selbstzweck. Aber nicht immer: Jens Balzer verriß in der „Berliner Zeitung“ das neue Buch von Charlotte Roche in deutlicher und luzider Sprache:

„‚Mädchen für alles‘ ist sehr schlecht geschrieben, spannungsarm sowie in überaus ermüdender Weise mit Wiederholungen und Redundanzen gebläht und daher insgesamt quälend langweilig zu lesen. Obwohl es nur locker gesetzte 240 Seiten umfasst, habe ich ein ganzes Wochenende dafür gebraucht, weil mich nach wenigen Seiten stets das Gefühl einer großen Erschöpfung ereilte und ich entweder schlafen musste oder an die frische Luft.  (…) Mir ist beim Lesen nicht klar geworden, ob Charlotte Roche diese sozio-erotische Dialektik bewusst inszeniert oder ob sie so reaktionär und verklemmt wie ihre Hauptfigur ist. In jedem Fall bietet ihr Buch ein gutes Bild des total gewordenen Biedermeiers, in dem wir uns heute befinden.“

Kritiken dieser Art wünscht man sich mehr. Insbesondere für jenen Bereich der Literatur, den wir gemeinhin als die hohe bezeichnen. Leider ist es bei manchem Schriftstellern weit verbreitet, sich nicht nach oben hin zu orientieren und mit Texten in der Bundesliga zu spielen, sondern nach unten geht der Weg in die Bezirksliga, wo Roche schreibt und kickt: Schlüsselbegriffe einbauen, die den den Erfahrungsraum des Lesers bedienen, sich an Zielgruppen ausrichten, kompatibles Schreiben. Bloß nichts Komplexes, bloß nichts, was anstrengt und wo der Leser sich überfordert fühlt, sondern fühliges Wiedererkennen ist das Gebot der Stunde: ob Knausgård oder Hegemann. Aber auch die Bezirksliga muß es nun einmal geben. Vom Literaturbetrieb ist für alle gesorgt: Alma mater eben.  Immerhin aber gibt der Deutsche Buchpreis Anlaß zur Hoffnung. Es läuft nicht alles nur in den Pauschalen ab, die wir uns manchmal denken. Dennoch: etwas im Betrieb läuft falsch. Dazu demnächst hier im Blog mehr.  Nun aber ab zur Buchmesse, und es sei ein kleiner Photoreigen gegeben.

Kleine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

 
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Wenn ich die Wahl habe, nach Davos zu fahren oder Thomas Manns „Der Zauberberg“ zu lesen, dann lese ich den „Zauberberg“. Eine Fahrt nach Davos ist beschwerlich, die Umstände sind meist mißlich, der Zug überfüllt, das Flugzeug hat Verspätung, vom Flughafen aus muß der Transfer nach Davos organisiert sein. Und selbst falls all diese Verwerfungen nicht eintreten, so gibt es dennoch zu viele andere Widrigkeiten. Wenn ich jedoch den „Zauberberg“ lese, bin ich nicht nur reisend in Davos, sondern zugleich in einer ganz andren Welt, die einerseits durchaus Davos ist und es zugleich doch nicht ist. In jener Welt dort drüben, über den Wipfeln – im Text. Im Schneegestöber und auf einem eiskalten Spaziergang. Durchs Gebirg. Keine Wirklichkeit mag die Verschlingungen, Verwindungen, Verstrickungen, Vielschichtigkeiten, die Bezüge, die Assonanzen, die Assoziationen, die Eindrücke so eindringlich und mit solcher Intensität in eine Anordnung zu bringen, wie ein Text, wie die Literatur. Metaphern, die die Imago anheizen und solche, die die Wirklichkeit neu strukturieren und begehbar machen. Gute Literatur schafft einen Raum des Imaginären sowie des Begehrens. Die Wirklichkeit ist um der Kunst willen geschaffen und nicht umgekehrt.

Die Welt ist ein Bild, um der ästhetischen Produktion Gestalt und Form zu geben, und nur als solches gerechtfertigt. Die Rechtfertigungslehre kann im Zeitalter der Immanenz nur eine ästhetische sein. Die Welt überlebt und hält sich in Rückhalt einzig im ästhetischen Schein.
 
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„Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß – nicht dessen eigene Unwahrheit – unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was einmal ein Kunstwerk war. Sie drängen auf Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten, dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden; das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests. Wird sie trotz allem nicht einfach konsumierbar, so kann das Verhältnis zu ihr wenigstens sich anlehnen an das zu den eigentlichen Konsumgütern. Erleichtert wird das dadurch, daß deren Gebrauchswert im Zeitalter der Überproduktion seinerseits fragwürdig wurde und dem sekundären Genuß von Prestige, Mit-dabei-Sein, schließlich des Warencharakters selbst weicht: Parodie ästhetischen Scheins.“
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Aber es gelten diese Sätze ebenso in anderen Zusammenhängen. Ja, Kritik ist dunkel und negativ. „Aber wo bleibt denn das Positive, Herr Adorno?“ so wurde er gefragt. Und mit einem Zitat von Kästner antwortete er „Ja – wo bleibt es denn?“

Ach, und zur Nachlese verlinke ich zudem auf Don Alphonso. Herrlich geschrieben, böse, bissig, auf den Punkt gebracht dort in seinem FAZ-Blog, das gesamte Gewese um die digitalen Welten samt dem e-commerce.

Wie immer bei Don Alphonso finden sich Texte mit Substanz, subtil. Daß solche von  Denkfauleritis befallenen Schnellschußschreiber wie Sascha Lobo bei Rowohlt und in anderen Ranz-Medien Platz finden, zeigt im Grunde wie heruntergewanzt dieser ganze Betrieb ist. Oder um es mit Helene Hegemann im Jugend(stil)slang zu schreiben: Heruntergerockt. „Fettklößchen“, wie eine Novelle von Guy de Maupassant heißt: der Ranz schwimmt immer oben. Ob es sich bei der digitalen Inszenierungs-Bohème jedoch so verhält wie mit dem Eifelturm, über den Maupassant schrieb, daß er sich jeden Tag dort oben auf der Plattform aufhielte, weil diese der einzige Ort in Paris sei, an dem er dieses scheußliche Objekt nicht sehen müsse, bleibt eine Überlegung wert.
 
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Mit einem koksversuchten Hirn – die Welt zu überwinden

Jesus, meine Zuversicht: Die Frankfurter Buchmesse, nun ist sie zum Ende gekommen, jedes Jahr das gleiche; alle reden oder schreiben darüber, einige mögen sie, manche hassen sie; viel Rummel, viel Bewegung, viele Partys, viel Beifick, alles unabänderlich, unveränderlich. Immerzu klagen alle Beteiligten, daß sie zur Messe müssen, aber nicht wollen, und gäbe es diese Messe nicht, so klagten Besucherin und Besucher aus der Verlags- oder Schriftsteller(innen)welt ebenfalls darüber, daß es keine Messe gibt. Es ist das immergleiche Kokettieren. Alles unwichtig. Die Frankfurter Buchmesse ist mal angenehm, mal lästig, aber sie ist immerda und unvermeidlich. Wie der Tod. Nur der kommt nicht jedes Jahr, sondern – in der Regel – bloß einmal. Lassen wir die Nahtoderfahrungen mal beiseite.

Wie drückt man sich eigentlich vor einer Buchbesprechung und schreibt dabei dennoch eine? Gute Frage – machen wir es mal auf diese Weise: Ich möchte Rezensionen (oder auch: Buchbesprechungen) so schreiben, daß man sie gerne liest. Solche Texte müssen den Drive haben, der unter Umständen sogar besser ist als der des besprochenen Buches. Natürlich ist das anmaßend, hat sich ein Schriftstellerin oder ein Schriftsteller doch in der Regel viel Zeit für den Text genommen. Bei diesem Buch freilich, das ich gelesen habe, fällt es mir schwer, die guten Aspekte des Textes noch im Blick zu behalten. Es handelt sich um den Debütroman von Juli Zeh: „Adler und Engel“. Eine Besprechung, die etwa elf Jahre zu spät kommt.

Da sitzt Max mit zugekokstem Kopf in seiner Wohnung in Leipzig – ein junger Mann, Jurist, auf der Karriereleiter gut positioniert, in einer Leipziger Anwalts-Kanzlei arbeitend, die sich mit der EU-Osterweiterung beschäftigt. Nur leider hat sich einige Tage zuvor seine zuweilen etwas verrückte und in anderer Weise doch wieder sehr klarsichtig-cool-abgefuckte Freundin Jessie mit einer Pistole ins Ohr geschossen, während sie am anderen Ohr einen Telefonhörer hielt in dessen Muschel sie mit Max sprach. Plötzlich ein Schuß und das ergab in der anderen Leitung einen ziemlichen Krach. Max ist seit diesem Moment – verständlicherweise – aus der Spur und befindet sich in dauerverkokstem Zustand, aus dem heraus sich seine Reflexionsschleifen und Monologe entspannen, womit sich die Erzählperspektive des Romans generiert – es ist die eines delirierenden, todesversessenen Ichs, das einen Sinn in dieser Geschichte sucht, den es aber unmittelbar und auch nachdem die Fäden entwirrt wurden, nicht gibt.

Sein Leid klagt Max einer junge Radiomoderatorin, die sich Clara nennt, in den Telefonhörer. Die junge Frau betreibt zur Nachtzeit ein Talk-Radio. Claras Interesse als Psychologie-Studentin, die sich mit pathologischen Fällen, genauer gesagt mit der Pathologie von Verbrechern befaßt, ist geweckt, sie steht mit einem Male vor Max‘ Wohnungstür und begibt sich mit ihm zusammen auf eine Spurensuche, die von Leipzig nach Wien führt.

Dieser Rückblick, diese Rekonstruktion von Leben und die Geschichte, die auf einem Rekorder aufgezeichnet wird, reicht bis in die Jugendzeit hinein, wo sich Max, Jessie und ihr damaliger Freund, der bildhübsche Knabe Shershah, ein persischer Diplomatensohn, auf einem Internat für gut betuchte Jugendliche kennenlernen. Jessies Herkunft aus der feinen Gesellschaft ist mit leichtem Makel behaftet, aber zu den Besserverdienenden auch wieder gut passend. Ihr Vater Herbert und sein Sohn Ross sind Großdealer, die über den Balkan, über die Albanien- sowie die Jugoslawienroute die Drogen befördern, und auch Jessie ist mittlerweile eine erstklassige Stoffvertickerin, besser als alle, in ihrer naiven Art unschuldig wirkend und doch hinreichend durchtrieben, um einer solchen Aufgabe sich gewachsen zu zeigen. Teile des Jugoslawienkrieges werden mit Geldern aus Drogen finanziert.<

Doch ist Jessie zugleich ein Opfer dieser Verhältnisse, sie flüchtet sich in spinnerte Fabel- und Bilderwelten, agiert teils durchgeknallt und findet sich im Leben eigentlich nicht mehr zurecht. Ihre Geschichten von den weißen Wölfen und den Schnecken, die sie lieb hat, sind wirr. Aber in diesem Bildern steckt ein Moment von Wahrheit, und im Angesichts eines Grauens, das Jessie miterlebte, reicht einzig die Produktion von Bildern an den Schrecken heran – mithin das, was die Romantik eines Novalis das Poetisieren nannte: dem Endlichen den Schein eines Unendlichen verpassen. Hier allerdings geschieht dies einzig ex negativo.

„Nach und nach aber erkannte ich Details aus ihrem Geplapper in der Außenwelt wieder, und mir wurde klar, dass Jessie alles, was sie sah und erlebte, ein Stück weit verwandelte, um es einzufügen in ihre eigene, märchenhafte Welt. Sie dachte sich nie etwas aus. Vielleicht bin ich hier, um noch die letzten Bestandteile aufzuspüren, aus denen sie ihre inneren Landschaften zusammensetzte, vielleicht werde ich mich dann komplett fühlen. Endlich bereit zu gehen.“

Dieses Begehren nach einer Erklärung sowie die Todessehnsucht Maxens durchziehen den Text, und diese letzten beiden Sätze sind zwar einerseits schön gesagt, aber andererseits klingt es eine Spur zu pathetisch. Doch ist Kritisieren bekanntlich leichter als Selber- oder Bessermachen, und es ist „Adler und Engel“ immerhin das Erstlingswerk eines noch jungen Menschen. Manch gute Sentenz oder metaphorisch-pointierte Beobachtung liegt in Zehs Prosa vor dem Leser, aber es zerstreuen sich diese gelungenen Momente; sie kommen über die bloße aphoristische Sentenz nicht hinaus, die genauso in einem ganz anderen Zusammenhang, im Kontext einer völlig anderen Story, eines anderen Plots formuliert werden könnte, ohne daß diese Sentenz mit der Geschichte selber etwas zu tun hätte und ihr den nötigen Halt gäbe. Wie dem auch sei: Jessies Tod bleibt sinnlos und er klärt sich nicht, es ist dieser Tod, dieser Schuß in den Kopf und das verspritzende Hirn die Leerstelle, um die der Text kreist und die er doch niemals auszufüllen vermag, weil der Tod als Leerstelle unausgefüllt bleiben muß. Dieses Moment abstrakter Negativität führt der Text richtig vor, indem er sich über jeglichen Grund ausschweigt. Was bleibt, ist die reine Sinnlosigkeit eines jeden Todes.Ein wenig hätte ich mir freilich gewünscht, daß der Text diesen Strang ausformulierte und in eine ästhetische Gestalt brächte, insbesondere im Hinblick auf die von allen Seiten begangenen Morde in den Jugoslawienkriege in den 90er Jahren, die das Buch ebenfalls zum Thema erhebt. Wenn der Roman zu seinem Ende kommt, hinterläßt er Leserin und Leser ratlos.

Wie soll man die verzweigte Geschichte zusammenfassen? Wer es ganz genau will, der lese hier. Ich mag diese ausführlichen Inhaltsangaben nicht. Die Story ist von Zeh durchaus flott erzählt und treibt rasant voran, es gibt zahlreiche Momente der Spannung, es verquicken sich die Ebenen, vom Drogenschmuggel auf dem Balkan über die Gemetzel der Serben an den Bosniern, den Albanern, den Moslems und in bezug darauf die Aspekte des Völkerrechts. Flüchtlinge, die als Drogenkuriere mißbraucht werden, und mit den Drogengeldern werden Waffen für die Serben finanziert. Brutale Szenen von Massaker und Vergewaltigung schneidet der Roman kurz an. Aber all diese Dinge bleiben undurchsichtig. Es knüpfen in Zehs Duktus sich an diese Ereignisse juristische Fragen zum Völkerrecht. Wann ist der Punkt erreicht, an dem interveniert werden darf? Wieweit kann der Grundsatz der territorialen Integrität und der Staatensouveränität getrieben werden? Doch diese rechtstheoretischen Fragen bleiben dem Plot im Grunde äußerlich. Und auch die Figur des Max bleibt in gewissem Sinne blaß. Allerdings: Max ist Teil des (Drogen-)Systems, selbst wenn er nur als Anwalt arbeitet, ist er über seinen Arbeitgeber verstrickt. Ein Rädchen, das erst durch Jessies Tod aus dem Ruder läuft. 

Alle diese juristischen Aspekte geben aber bloß die Folie für ein komplexes Geschehen ab, das sich im Grunde zersplittert und ausfasert wie ein Rauschzustand. Nicht Koks, sondern Gras bzw. THC scheint mir allerdings für den Drive des Textes die probatere Drogen, denn wie hinter Nebeln und Schwaden liegt das Geschehen. Koks hingegen ist klar und strukturiert wie ein Riesling, sozusagen mineralisch und ohne Trübung. Undurchsichtig präsentieren sich die verschiedenen miteinander verwobenen Stränge, nicht anders als die Zusammenhänge der Politik. (Wieweit diese Unschärfe ästhetisches Prinzip in der Konstruktion ist, bleibt eine andere Frage) Es sind die auf Tonband gesprochenen Rückblicke von Max, die für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Pathologie von (Kriegs-)Verbrechern dienen, denn Jessie und Max standen solchen auf dem Balkan und in Italien in Bari gegenüber. Dieses Buch koppelt zwei Welten: die des Politischen und die des Privaten.

Insbesondere der Aspekt des Völkerrechts bleibt der Geschichte im Grunde äußerlich und dient lediglich dazu, einen Rahmen zu schaffen, der den Fluß der Erzählung in der nötigen Spannung hält und der Kriminalstory eine gewisse Fallhöhe verleiht. Es wird ins Buch ein wenig die Rechtstheorie in den Stoff hineingepreßt: „und Völkerrecht ist kein richtiges Recht. Mehr eine Religion.“ „Die Beschäftigung mit dem Recht hat immer eine beruhigende Wirkung. Alles findet darin seinen Platz.“ Reflexionsphilosophie der Romanfiguren. Aber ich würde diese Art der Konstruktion Zeh nicht unbedingt zum Vorwurf machen, es ist dies eine sehr europäische Art zu schreiben – Marcel Prousts „Recherche“ und insbesondere Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ wären durch diese Art des Essayistischen als Texte kaum denkbar. Was den Roman stellenweise scheitern läßt, ist, daß diese Dinge am Ende äußerlich bleiben. Der Text will vieles bringen und vermag am Ende nichts richtig und im Detail zu entfalten. Das ist schade, weil sowohl im Stoff als auch in Juli Zehs profundem Wissen ein Potential steckt.

Zeh schreibt, nicht anders als in „Schilf“, bilderreich und zahlreich sind die Wie-Vergleiche. Schon zu Anfang als Clara vor der Haustür von Max auftaucht: „Ich nähere ein Auge dem Türspion und sehe direkt in einen übergroßen, weitwinklig verbogenen Augapfel, als läge im Treppenhaus ein Walfisch vor meiner Tür …“ oder beim Arbeitsantritt in der neuen Kanzlei als Max von Wien nach Leipzig versetzt wird: „Ich sah alles klar und deutlich wie durch eine Taucherbrille unter Wasser, ich war der neue Zierfisch im Karpfenbecken.“ Es gibt bei Zeh Metaphern und Bilder, die pointiert und genau gesetzt werden. Diese Bilder treiben die Geschichte weiter, aber es sind am Ende zu viele und der Text verliert sich, weil diese Vergleiche zum Selbstzweck geraten und eine gewisse Sucht nach dem ornamentalen Spiel die Überhand behält.Weniger wäre mehr gewesen, das war bereits bei „Schilf“ so und es läßt nicht gut hoffen, wenn es an „Spieltrieb“ herangeht. Manches freilich trifft es auf den Punkt, selbst wenn als Ton zuweilen ein sehr hoher angestimmt wird – etwa in jenem Gedanken von Clara: „Das Leben ist merkwürdig, flüsterte sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.“ Oder wie Max es feststellen muß: „Es paßt zu Gottes bekanntermaßen seltsamer Art von Humor, dass er den Menschen nicht mal im Schlaf Ruhe gönnt vor dem eigenen Hirn.“ Die Protagonisten Jessie (und auch Max bei ihrer Reise nach Bari) haben Schreckliches erlebt. Aber es wird alles nur angespielt.

Und da mag man zum Schluß als Jurist ausrufen: „Vitia, quae ex ipsa re oriuntur“! (Mängel, welche an der Sache selbst auftreten.) Leider. Allerdings: einem solchen Totalverriß wie es die FAZ und Deutschlandradio seinerzeit lieferten, kann ich nicht zustimmen. Juli Zeh schrieb einen interessanten Debüt-Roman, der sich flott liest.