Bernhard und Hilla Becher

Dies hier, sozusagen als ein Nachtrag zu meiner Reise ins Ruhrgebiet: Wenn man dorthin fährt, so kommt der, welcher sich für die Photographie als Kunst interessiert, an zwei Namen nicht vorbei, nämlich am Ehepaar Becher. In irgend einer Art und Weise ihre Photos nachzuahmen, nachzubauen, um dabei technisch sowie kompositorisch etwas zu lernen, oder sie umzupolen und in eine veränderte Konstellation zu bringen, ist nicht ohne weiteres möglich. Für mich allein deshalb nicht, weil mir das technische Equipment dazu fehlt: Ich besitze keine Großbildkamera, habe keinen VW-Bus und Gerüstaufbauten, die es mir ermöglichen, auf Gebäudemitte zu photographieren, damit stürzende Linien nicht vorkommen. Allein solchen Aufwand für ein Photo in Kauf zu nehmen ist eine Leistung – für mich zumindest. Ich schaffe es nicht einmal, um 4 Uhr aufzustehen für eine Photographie im morgendlichen Gegenlicht. Auch photographiere ich nicht mit orthochromatischen Filmen, sondern seit fünf Jahren digital. (Für die Kenner: Mein Lieblingsfilm war einstmals der Kodak T-MAX 400 sowie Ilford FP 4, zum Pushen immer den HP 5; der ideale Filme bei irgendwelchen Demos am Abend. Ach ja, die gute alte analoge Zeit, ach meine beiden lieben alten zerkratzen, angebeulten Nikon F 3 Apparate, die ihr mein Leben teiltet, den verschiedenen Wasserwerfermodellen, den Knüppeln, blankgezogenen Bullenknarren, den Pranken von Autonomen trotztet.)

Ich möchte nun aber gar keinen theoretischen Diskurs über die Bechers und die Düsseldorfer Schule führen, sondern eine Passage aus dem Buch von Rolf Sachsse zu den Becherschen Bildern der „Zeche Hannibal“ in Bochum liefern.

„Die Arbeit der Photographen selbst ist historisch geworden. Weder existieren die Plätze, an denen photographiert worden ist – von den Gebäuden ganz zu schweigen –, noch sind die ursprünglichen Wahrnehmungszusammenhänge erfahrbar, aus denen heraus jene Sicht auf auf plastische Ereignisse entstand. Das Erlebnis einer Autobahnfahrt durch das Ruhrgebiet oder Siegerland nach dem Anblick der ersten Publikationen und Ausstellungen von Hilla und Bernhard Becher, das Wiedererkennen der industriellen Bauten als Objekte von hohem ästhetischen Reiz, das für den enormen Erfolg dieser Bildtypologien sorgte, ist nicht mehr wiederholbar, nurmehr zu erinnen“ (S. 55)

Gewissermaßen auf der Suche nach der verlorenen Zeit, denn die Region hat sich gewandelt. Solches photographisch festzuhalten, läßt sich natürlich nur in einer langen Zeitspanne bewerkstelligen. Die Resultate der Bechers, die sie in ihren Photographien liefern, sprechen eine sehr eigene, ruhige Sprache: Angesiedelt zwischen, Graphischem, sozialer Skulptur und Dokumentation.

„Doch gleichsam hinterrücks ist Geschichte – und sind Geschichten – in die Bilder eingeflossen, haben Aufnahmen wie die erste Version des Bildes vom Kokskohlesilo mehr zu erzählen als nur vom typologischen Gehalt ingenieurhafter Konstruktion oder von der Veränderung der Sicht auf voluminöse Körper durch ihre photographische Abbildung. Plötzlich haben die Güterwaggons, Eisenteile und Automobile auf vielen der früheren Becher-Bilder eine eigene historische Bedeutung: Sie sind unwiderruflich verschwunden, nur noch erinnernd zu erschließen.“ (S. 58.)

Gerade durch diese Bechersche Reduktion – daß nur Anzeichen, Formen, eine soziale Skulptur im Bild stehen und verweisen – tritt der Verlust umso deutlicher zutage: daß etwas fehlt, was einmal da war. Diesen sozusagen melancholischen Aspekt der Photographie müßte man einmal über Roland Barthes Buch „Die helle Kammer“ sowie, damit gegengelesen, seinem „Tagebuch der Trauer“ deutlich machen.