Urbane Szenen – Wien, 6. Bezirk. Eine lyrische Vernichtung

Ich will die Nacht. Diese eine Nacht, die am Abend mit ihren Szenen und Bildern beginnt, die sich fortwirkt und ins Dunkle treibt, ohne jegliches Ereignis. Ich will die Nacht, kein Kokain, sondern die Starrheit der Dinge: Häuserwände in einem Julisommer in Wien, die von der Hitze des Tages noch ächzen, nicht dampfen oder in Verheißung glühen, sondern die beschwerlich harren, stehen und stöhnen wie unter einer Last, keine Menschen dort, nur Steine und der Dreck des Tages. Ein hingeworfenes Präservativ, Zeitungsseiten, Verwehtes, von Raumbesatz und Rantzsaum. Spuren. Abseitston, citywärts, Stephansdom, „Flucht und Himmelfahrten sind unsre Koordinaten.“ Fort von hier: Wien – Westbahnhof; die Mariahilfer Straße. All das Prosageschwätz, das bilderbeschreibend oder dichtend auftritt, ist nur enervierend, das vom Nichts oder vom Etwas handelt, von Dingheit und Wesen und Prosa-Singsang oder Parodie der Prosa, die ebenso leicht zu fertigen ist wie der hohlhohe Pathoston und der Gesinnungskitsch des blödsinnigen Prosabaus, Prosa erinnert mich merkwürdigerweise immer an Prostata und malignes Melanom. Diesem Konnex wäre nachzugehen. Wenn Rachitische beifallheischend Bedeutungssalat sinnlos ins Poesiealbum pressen, wie Mädchen Löwenzahn zierlich zwischen Buchseiten spreizen oder Dahlien zwischen ihren Schenkel drapieren und Lehrerprosa sich nachts ins Schreibheft ergießt. Ergötzlich istʼs wenig. Hinter den Fenstern noch Leben. Das ist mit Fragezeichen gesprochen – kein Leben! D-Zug Wien–St. Pölten oder die tschechischen Bäder. Salzsole, Kaltwasser aus Quellen. Ich möchte versiegen, ich möchte in einer Stadt flanieren, in der es keinen Menschen mehr gibt. Außer mir – ich bleibe, der einzige und für mich. Ich betrachte mich selber in spiegelnden Schaufensterscheiben, und aus den Auslagen greife ich mir die Dinge und Objekte, die ich besitzen möchte, um sie dann fortzuwerfen, sobald sie mich langweilen, wie der Photograph Thomas in „Blow Up“ jenen von den „Yardbirds“ erbeuteten Gitarrenhals, nachdem der Sänger die Instrumente zerschlug und als er die Trümmer einer Gitarre rotzig wie Popmusik, die morgen schon ihren Schnitt machen muß und die Rebellion als monetäre Monstranz zelebriert, ins Publikum pfefferte, daran die gerissenen Saiten noch schwangen und bitter zitterten, da alle versuchten zu greifen; der Gitarrenhals, fliegend und dann fallend, fangend, den der Photograph gegen die Meute bitter verteidigte, mit dem gerissenen Hals, mit dem er aus dem Saal rannte, immerzu stoßend und laufend, bis ihm kein Mensch mehr nachstellte, um von diesem Objekt der Begierde den Fetischteil zu kassieren, der freilich, wie der Photograph gut wußte, ohne Publikum als wertlos sich erwies. Und als jener Photograph bemerkte, daß er allein und für sich war, sowohl in dieser Welt als auch in dieser Stadt, nächtens, wirft er den Hals in einen der dreckigen Hauseingänge. Interessante Parodie auf den Fetischismus. Die unwissenden Kleinbürger, die einiges später, im Filmschnitt jedoch sogleich, diesen zerlegten Gegenstand bemerkten, den sie zwar nicht direkt für Müll hielten, aber doch als ein eigentümliches Grenzobjekt zwischen den Gattungen wahrnahmen, das für sie schwierig im Blick einzuordnen war, hoben das Ding auf, betrachteten es kopfschüttelnd und warfen es fast mit Zorn im Gesicht zurück in die alte Lage. Solche Szenen sind Teil der benjaminschen Geschichtsphilosophie. Ein kleines Stück Zusammenballung. Kein Abendnebel, keine Wallung. 6. Bezirk. Im Stadthauch ist Leere. Die unrasierte Schielemuschi an der Wand der Galerie. So sieht es aus. All der Gedichtscheiß, Geschichtsscheiß, der Gesinnungsrotz, das verlogenen Pathos des hohen und des niedren Tones. Protest ist so sinnlos wie Mitgehen. „Liebe ist kälter als der Tod“. Ich will den Film Noir. Ich hoffe, die Lage spitzt sich zu.