Knappes Vorspiel auf ein lesenswertes Buch zu Wien, das dann aber doch nicht genannt, sondern auf Umwegen erst herbeiassoziiert wird, samt einem Satz Photographien der Stadt

„Noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit
so beschrieben wie sie wirklich ist
das ist das Fürchterliche“
(Thomas Bernhard, Heldenplatz)

Wer mit einer leicht schrägen oder aber doch historisch agierenden Phantasie begabt ist, kann, wenn er im 21. Jahrhundert in Wien weilt, in den Straßen dieser Stadt immer noch jene Juden sehen, die mit Zahnbürsten und mit anderen Putzutensilien die Gassen und Plätze vom Schmutz zu reinigen hatten. Der Anschluß Österreichs ans Reich im März 1938 geschah im Fahnenmeer und unter Jubel der Österreicher, die sich nun wieder in ihrer Ostmark als vollwertige Deutsche fühlen durften. Die Mär vom unschuldigen Österreicher hält sich dennoch hartnäckig und bis heute. Thomas Bernhard hat in seiner ihm eigenen Drastik zum Österreichischen Nationalsozialismus und Faschismus eigentlich alles geschrieben, was zu schreiben ist. Zumindest das, was man auf den Punkt des äußersten Hasses und der aufs äußerste gesteigerten Wut zentrieren kann. (Literarisch gibt es aus Wien und von dieser Zeit – naturgemäß – sehr viel mehr zu berichten. Vom geniale Gerhard Roth einmal angefangen.) Nichts davon, was Bernhard schrieb, ist, wenn man es beim Wort nimmt, übertrieben, überzogen, übersteigert. Lesen Sie „Heldenplatz“. Gleich zum Auftakt heißt es in diesem Theaterstück:

„Kann schon sein daß Sie sich ein paarmal im Jahr
In dieser Stadt wohlfühlen
wenn Sie über den Kohlmarkt gehen
oder über den Graben
oder die Singerstraße hinunter in der Frühlingsluft“

Ja, Wien trügt Sinne und es umschmeichelt den Blick: beim Flanieren, beim Schauen, beim Shoppen, wenn ich durch die Stadt hetze um vom Radetzkyplatz zur Mariahilfer Straße zu gelangen, beim Photographieren: wie leicht fällt man da auf vielfache Weise herein, betätigt den Auslöser und hinterher, zu Hause wenn ich die Bilder auf die Festplatten überspiele, sichte, sortiere und lösche oder mit einer Bewertung markiere, dann erst bemerke ich, daß es nur eine belanglose Photographie ist, wie es sie tausendfach gibt, Geknipstes bloß: Als ich die Wiener Pestsäule ablichtete, sah ich etwas oder meinte in meiner Phantasie etwas zu sehen, das sich dann aber, als ich auslöste, im Ausdruck des Bildes, beim Komponieren und als ich den Bildausschnitt festlegte, objektiv nicht realisierte. Manche Bilder bleiben im Kopf und können sich nicht manifestieren. Latenztage wie diese. Dies sind die schlechten Tage eines Photographen. Meist machen die Menschen den Fehler, zu viel in eine Photographie packen zu wollen, und sie achten bei öffentlichen Plätzen oder Straßenszenen nicht darauf, wie und in welchem Verhältnis die Menschen angeordnet sind und sich gerade in diesem Moment positionieren und wie ihre symmetrische Konstellation und eine Art von imaginärer Linienführung genau in diesem Augenblick ausfällt: Funktioniert es oder läuft die Anordnung schief? Um auf Plätzen Menschen zu photographieren, muß ein Photograph viel Zeit mitbringen und von einer unauffälligen Stelle aus beobachten, schauen und sehen, bis es paßt. „Des Vetters Eckfenster“. Der Platz vor dem Stephansdom ist ein solcher Ort, wo ein Photograph sich gut herumdrücken und positionieren kann, der Graben in gewissem Sinne ebenfalls. Und natürlich der Heldenplatz, der Volksgarten. Wien besitzt viele solcher Ort und Plätze. Allein der Klang der Namen weckt den Wunsch, wieder in Wien zu sein und dorthin zu reisen: der Stadtpark, mein geliebter ruhiger III. Gemeindebezirk und etwas schlampert der Weg über den Donaukanal und dann hinunter zum Praterstern und in die Leopoldstadt.

Flanieren also, mit der Kamera. Im wunderbaren Wien. Ich liebe es, wenn ich spaziere, beobachte, mich beim Schauen treiben lasse, ohne ein Ziel führt mich das Gehen an diesen oder an einen ganz anderen Ort. Die Bauwerke und die Menschen in ihrem Alltagesbetrieb mir anzuschauen. Da ist ein Ton, der klingt auch über dem Pflaster. Nicht zu sehr mit dem Blick in den Gebäuden oder den Menschen sich verlieren und dabei vor die Straßenbahn laufen. Den Ring demnächst vorsichtiger queren und nicht wie das Auge der Kamera blicken, was zu photographieren wäre! Ding unter Dingen. Reiner Apparat, der registriert. Ich gehe zu oft bei roter Ampel. Manchmal schlendere ich tief in der Nacht. Ich betrachte mir die erleuchteten Fenster. Aber darunter, unter diesem Pflaster, da liegt nicht nur und bloß der Strand, sondern es rumort vielmehr in der Erde. Teils blutige Geschichte. Das aber hören wenige Menschen. Die Ringstraße feiert 150jähriges Jubiläum. Hans Makarts eigentümlicher Malstil, der die Interieurs prägte. Ist das nicht doch zu üppig dekoriert und überladen? Ja. Ornament und Verbrechen. Doch es paßte zu jener Gründerzeit, als das Großbürgertum zu repräsentieren begann. Da stehen die prunkvollen Gebäude in ihrem klassizistischen oder verschnörkeltem Stil: Bankhäuser, die einstmals Wohnpaläste der Wohlhabenden waren – wie etwa das Palais Ephrussi am Schottentor, beim Universitätsring, Ecke Schottengasse, nicht weit entfernt von der Berggasse 19. Eine für mich magische Adresse, an die es mich immer wieder zieht. Jenes Haus in der Berggasse, im neunten Wiener Gemeindebezirk mit seinen Exponaten. Dem roten Sofa und Fetischobjekten aus einer anderen Welt und Zeit. Rückblicke können vielfältig ausfallen. Sie haben jedoch immer mit der Gegenwärtigkeit und also auch mit der Gegenwart, dem Hier und Jetzt und dem heute zu tun.

„Wer je einen schrecklich flehentlichen Brief geschrieben hat, um ihn dann doch zu zerreißen und zu verwerfen, weiß noch am ehesten, was hier unter ‚heute‘ gemeint ist. Und kennt nicht jeder diese beinahe unleserlichen Zettel: ‚Kommen Sie, wenn überhaupt, wenn Sie können, wollen, wenn ich Sie darum bitten darf! Um fünf Uhr im Café Landmann!‘ Oder diese Telegramme: ‚bitte ruf mich sofort an stop noch heute.‘ Oder: ‚heute nicht möglich.‘

Denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keinen Sinn, ‚heute‘ ist bloß die Bezeichnung eines beliebigen Tages für sie, eben für heute, ihnen ist klar, daß sie wieder nur acht Stunden zu arbeiten haben oder sich freinehmen, ein paar Wege machen werden, etwas einkaufen müssen, eine Morgen- und eine Abendzeitung lesen, einen Kaffee trinken, etwas vergessen haben, verabredet sind, jemanden anrufen müssen, ein Tag also, an dem etwas zu geschehen hat oder besser doch nicht zu viel geschieht.“
(Ingeborg Bachmann, Malina)

Haben Städte und Orte eine Aura? Ja, manche ganz gewiß; in Wien steckt etwas. Das spukt. Mein Hang zum Überbordenlassen der Phantasie. Zwischen Phantastischem und Phantasma. All diese Stadtbilder, die sich einbrennen und die in ihrer Weise danach begehren, in eine Ordnung des Texte, des Blickes, des Bildes versetzt zu werden. Mein Hang zum Fetisch. Und sei es bloß der Knauf einer Haustür oder ein Plakatfetzen an einer Häuserwand, der lose und müde herabhängt und manchmal im Wind sich bewegt. Oder ich betrachte mir ein offenes Fenster, hinter dem ein weißer Vorhang weht. Ich stelle mir vor, daß dort gerade ein Verbrechen geschieht. Oder ein Mann schläft hinter der Wand mit einer Frau, inmitten der Sommerhitze, und es kleben auf diese wundersame wilde Weise des Sommers diese beiden Körper aneinander, Hände, die über das erhitzte und schwitzige Fleisch gleiten. Wäschestücke, die fallen. Auch Fetischobjekte. Der Vorhang weht und gleitet hin und her und ein Stück weit schiebt sich der Stoff nach draußen. Aber es geschieht ansonsten nichts. Es zeigt sich an diesem Fenster kein Mensch. Dem Neurotiker mag es durch die Allmacht der Gedanken gegeben sein, Dinge zu bewegen. Zumindest in der Phantasie. Manchmal schaue ich mir diese Dinge an. Verharre in dem dunklen Aufgang eines Treppenhauses, betrachte das Holz der Stiegen.

In der Ungargasse, da wo Malina sowie Ivan idealiter und Ingeborg Bachmann realiter wohnten. Ich sehe dort die Gespenster. Ich lese in den Steinen, lese die Namen auf den Klingelschildern. Ich will geradezu erschrecken, dieses Schock heraufbeschwören durch Rituale und möchte auf einer der Messingtafeln oder unter dem Plastik lesen: „Malina“. In Frankfurt/Main ging es mir so, als ich 1990 mit einer Freundin den Kettenhofweg hinunterspazierte. Wir dachten uns als junge Adorno-Leser: Mal gucken wie der Meisterdenker gewohnt hat! Bei Nummer 123 verharrten wir, schauten, sahen auch auf das Klingelschild und da stand immer noch dieser Name: ADORNO. Wir waren zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Aber natürlich, fiel es uns beiden dann ein, seine Frau Gretel Adorno lebte ja zu diesem Zeitpunkt noch! Fast zwanzig Jahre nach ihrem Selbstmordversuch. Im Rollstuhl harrend. So springen die Assoziationen. Die Ungargasse ist eigentlich eine völlig unbedeutende und zudem wenig belebte Straße, sie ist nicht besonders aufregend, nicht besonders schön, wenig interessante Lokalitäten, höchstens das Café Malipop. Die Straßenbahn der Linie O fährt von Zeit zu Zeit durch die Gasse und bringt die Menschen nach Wien-Mitte oder bis zum Praterstern oder aber in die andere Richtung nach dem Belvedere zum schönen Park. Dort, wo man vom Oberen Belvedere auf Wien und den Stephansdom blickt.

„Wenn man die Welt vom III. Bezirk aus sieht, einen so beschränkten Blickwinkel hat, ist man natürlich geneigt, die Ungargasse herauszustreichen, über sie etwas herauszufinden, sie zu loben und ihr eine gewisse Bedeutung zu verleihen.“
(I. Bachmann, Malina)

 

 

Ohne Fetisch – „Die Welt der Plakate“, Barbara Klemm und Lars von Trier in Konstellation

Gestern sprach ich mit einer Kollegin über Lars von Triers Film „Nymph()maniac“, den sie vor zwei Tagen geschaut hatte. Ich kenne den Film noch nicht, will ihn sehen, bin neugierig. Was mich erstaunte, war der Umstand, daß sie den Film für gelungen befand. Denn ansonsten mag sie Triers Filme nicht besonders, „Melancholia“ hielt sie für großen Kitsch; überzeichnet und eine Verhöhnung für Menschen, die Depressionen unter Depression litten. „Aber das ist doch keine klinische Depression, die Trier uns zeigt, das ist kein Krankenfilm!“, entgegnete ich ihr. Immerhin konnten wir uns darauf einigen, daß die Bildersprache Triers konsequent und eindringlich ist.

Die Kollegin sprach ein wenig über „Nymph()maniac“, sie erzählte, daß es darin mitnichten nur um Sex ginge, dies sei von der Vorabwerbung hochgespielt worden. Die übliche Skandalisierung, die der Betrieb um Lars von Trier herum veranstaltet. Natürlich kommen in dem Film auch Sexszenen vor. Aber es handelt sich nicht um einen Porno. Ich hörte mir geduldig ihre Ausführungen an, denn ich kann ein guter Zuhörer sein, wenn mir Dinge anregend und klug nahegebracht werden. Dann fiel mein Blick auf ein Plakat, das im Zimmer der Kollegin hing. Es handelt sich um ein Poster, das für die Barbara Klemm-Ausstellung im Martin Gropius-Bau zu Berlin wirbt. (Sie geht noch bis zum 9. März)

20140212142535-mgb13_p_klemm_17_christo_vorhang Wenn der Geist vom imaginierten Körper aufgeladen ist, wenn die Phantasie das Denken antreibt und wenn den ganzen Tag über bereits der Kopf flimmert, dann sehe ich in den Bildern etwas, das eine gewisse Phantasie benötigt und das andere erst auf den zweiten oder dritten Blick oder gar nicht bemerken. Es geschieht die Entstellung der Bilderwelt, indem sich die Objekte verschieben, transformieren und überlagern. Nicht viel anders im Grunde als beim Freudschen Versprecher: wenn der Graecist statt „angenommen“ „Agamemnon“ vernimmt und wenn etwas zum Vorschwein kommt. Wenn Betrachterinnen und Betrachter bei dem Klemm-Bild vom verhüllten Reichstag genauer hinschauen, werden Sie wissen, was ich meine. Jenen Spalt oben im Christo-Vorhang kann man so oder anders lesen. Die Kollegin war halb amüsiert, aber doch ein wenig auch irritiert, als ich ihr meine Beobachtung berichtet. Wir machten Lars von Trier für diese Konfusion verantwortlich. Da sie nicht prüde ist, lachten wir beide nach dieser Begebenheit. (Sie ist verheiratet, es war also eine harmlose Situation, die sich am Ende in einer Art ästhetizistischen Psychoanalyse entschärfte. Dennoch bleib die Irritation im Kopfe des Blogbetreibers nachhaltig und den Tag über bestehen.)

Der Stoff – eigentlich zum Fetisch gehörend, weil er verhüllt, was sichtbar daliegen sollte und insofern das Spiel mit jenem Fort und Da, mit der Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit treibt – bildet in diesem Falle selber das verhüllte und zugleich enthüllte Objekt (der Begierde). Er formt durch eine Raffung jenes Organ von Lust und Zeugung, das vom Mann gerne verdrängt wird und für das der Name Vulva steht. Der Fetisch in einer erweiterten Sicht und über Freud hinaus ist eben kein Penisersatz – wenngleich ein orthodoxer Freudianer mir diese Verneinung bzw. Verleugnung gerade als verstecke Bejahung auslegen könnten. Verdeckt und verweist der Fetisch auf die jederzeit drohende Kastration? Wie heißt es bei Freud: „… die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte.“ Ich will nicht auf die Tragweite dieses Satzes spekulieren und ich möchte ihn weder herleiten noch widerlegen. Soviel nur sei geschrieben: Fetischismus ist nie nur auf den Mann bezogen und er ist nicht bereits per se eine Perversion. Daß es ebenso einen weiblichen Fetischismus gibt, zeigen Naomi Schor und Sarah Kofman. Weiterführendes zum Thema des Fetischismus findet sich in Hartmut Böhmes Buch „Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne“ sowie von der Ethnologie her in Karl-Heinz Kohls „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“.

Es ist immer das eine, häufig kulturell  transformierte Objekt, was einen unmittelbar anspringt und worin sich dann die Verschreibungen, die Versprecher, die Fehllektüren und die Täuschungen in der Wahrnehmung ergeben. Das Objekt der Betrachtung ist das Begehren sowie die Struktur des Begehrens samt ihrer Ausprägungen. Sogar noch in einer derart harmlosen Büroszene. Es gibt sie eben – some of these days. In jenem verwirrten Kopf des erotisierten Ästhetikers.