Die Tonspur zum Sonntag – Gilles Deleuze, Félix Guattari, Jürgen Habermas, Kant und Liebficken

Für eine Ökonomie des Widerstands. Penetration und Revolution als prärationaler Diskurs 

Also, das hat was.

Und in Anbetracht all der Jahrestage, der Regungen, der Biographien, der Mutmaßungen (vom Alkohol her und über die Schlagworte komme ich da schon ziemlich in die Uwe Johnson-Regionen und auch von meiner schwarzen Lederjacke samt den rappelkurzen Haaren her geht das sowieso gut), im Blick auf all diese Subjektdiskurse als Fragment, der romantisch-schwarzen Wiedergänger, die nichts als langweilige Phantome sind, und des Gespenstertums der geschriebenen sowie der ungeschriebenen Briefe, im Namen des Gesetzes des Begehrens (J. Lacan) grub ich aus einem anderen Blog ein wunderbares Musikstück aus. Es ist im Grunde die musikalische Untermalung jener Passagen aus dem kleinen Büchlein „Rhizom“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari aus dem Merve Verlag, der früher so arrogant-elitär sich gab, wie ich Ende der 80er durch meine Ray Ban-Sonnenbrille schaute, wenn es sommerte und Lichter flir(r)ten:

„Zu n, n – 1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Laßt keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid der rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.“

Man muß die Unmittelbarkeit mit dem Äußersten an Reflexion paaren, und als Quintessenz stimmte dem sogar der kritischte Theoretiker aller Kritischen Theorie  ohne Vorbehalt und Kritik zu. Und diese Paarung des Disparaten geht dann so:

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Ich denke, dieses Stück vereint – neben dem entgrenzenden, antiödipalen Deleuze-Bezug – über den Passus „Ein gutes Gespräch ist kaum zu ersetzen“ musikästhetisch Habermas‘ „Theorie des kommunikativen Handelns“ (vulgo: Liebficken. Ficken für vier. Du auf dem Rücken, ich über Dir) mit Kants „Kritik der praktischen Vernunft“: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ach ja, da schwelgen und schwellen wir als „transzendental-empirische Doublette“ (Foucault). In diesem Zwischenraum, sozusagen der Arschfalte zwischen Astrophysik und Handlungsoption, konstituiert sich das Erhabene – als philosophischer Terminus technicus für Eingeweihte. Darauf kann ich mich ungehemmt asperger-syndromisch einigen. Nun aber naht der Herbst. Und auch die neue Woche auf Ihrem Lieblingsblog Aisthesis, wie immer und gewohnt mit vielen tollen Texten, Lektüren und Photographien. Bleiben Sie dem Blog gewogen, liebe Leserinnen und Leser.

Ihr Nikolai E. Bersarin

Prälude und kurzer Auftakt zu all den Verfransungen

(Nennen wir es einfach Rhizomisierung des Denkens
in den Blog-Welten)

Demnächst (wohl am Sonntag) wird hier ein mehrteiliger Text zu Hegel und Derrida, zum sogenannten Poststrukturalismus und seinem Verhältnis zur Dialektik Hegelscher Prägung erscheinen. Das ganze ist noch nicht durchkonzipiert, aber ein Eröffnungstext ist halbwegs geschrieben, einige Ideen und Ansätze sind auch vorhanden, was der Sache ja nicht abträglich sein muß. Ein Movens, ja ein Grund der Motivation mag zudem sein, daß ich es so sehr liebe, unfertige, halb nur zu Ende gedachte Projekte zu machen, vor allem: sie mit großer Geste anzukündigen, dann liegenzulassen, gar fallenzulassen, Umwege werden gegangen. Halten wir einmal kurz fest, um eine Übersicht zu den laufenden Verfahren zu bekommen, welche Projekte hier im Blog angerissen wurden:

Die Lektüre von Habermas‘ Adorno-Kritik aus der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ habe ich beiseite gelegt, es stehen noch Lesungen zu Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ aus, gleichfalls harrt die „Misreading-Nietzsche“-Serie in der Schleife, dann gibt es natürlich noch die angefangene Serie zur Postmoderne, vor allem aber die Passagen zu Walter Benjamin hin müssen dieses Jahr ausführlich begangen werden, eine Lektüre zum „Dialektischen Bild“ soll gegeben werden, und einige andere Texte zu Benjamin auch. Eine Besprechung von Adornos „Vorlesungen über Ästhetik“ hätte schon lange erscheinen sollen. So liegt vieles in der Planung und geht durcheinander. Teils finden sich Zusammenhänge und Tunnel zwischen den Themen, manches ist unvermittelt und steht solitär da. Wie Hartmut es auf Kritik und Kunst so treffend über das Bloggen schrieb:

„So ist das mit dem Bloggen: Kurze Wirklichkeits- und Möglichkeitsspitzen sind möglich, aber für eine stringente, langatmige Auseinandersetzung fehlen uns Zeit und Geld (will sagen: Wir müssen schließlich arbeiten, können ja das Jobben nicht unterbrechen) – was ich weder vorwurfsvoll noch selbstmitleidig noch als Ausrede meine, ich stelle einfach einen Sachverhalt fest.

(…)

Ich bin dennoch dankbar für die Bloggosphäe. Nirgends sonst habe ich in den letzten jahren soviel dazu gelernt. Bersarin schreibt über Benjamin? Der Abend ist gerettet, ich blättere und lese in alten Auszeichnungen. Mo schreibt phantastische Beiträge zur Autismuskritik? Schnell nochmal zum Börner/Plog greifen… undundund, ob wir über adstar oder Metalust reden…. Ich kann nur nicht alles abarbeiten, was ich abarbeiten müsste.“

Genau so verhält es sich, darin ist womöglich der Blog dem Essay verwandt, und es bietet sich eine Lektüre von Adornos  Aufsatz „Der Essay als Form“ an, um einen Blick zu bekommen für die Projekte unsystematisch-systematischen Schreibens: wie nämlich eine Form von dialektischer Philosophie aussehen kann, die zudem eloquent auftritt.

In der Welt der Blogs (und überhaupt im Internet) spiegelt oder verwirklicht sich in einer Spielart auch das von Gilles Deleuze und Felix Guattari konzipierte Rhizom als eine Form des Denkens und als Modus des Philosophierens: „In einem Rhizom gibt es keine Punkte oder Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel.“ (G. Deleuze/F. Guattari, Rhizom, S. 14, Merve Verlag, Berlin 1977) Es gibt, Linien, Bewegung und Vielheit, aber keinen Ausgangspunkt, von dem aus die Verwurzelung beginnt, aus eins wird eben nicht zwei und dann Vielheit. In diesem Sinne gibt es keinen Ursprung. (Dazu demnächst mehr bei der Lektüre von Derridas Différance.)

Dieser Zusammenhang zwischen dem Internet sowie dem Rhizom ist sicherlich nicht originell und bereits vielfach geäußert. Trotzdem: Man kann sich, so auch in diesem Blog, in die verschiedenen – mal zusammenhängenden, mal disparaten – Themen einlesen, hineinklicken, indem man dem Link folgt, und man kann neue Verweise entdecken: Eine andere Form von Zusammenhang und Struktur als beim Buch läßt sich erzeugen, indem der lineare Fluß des Buches gebrochen wird. Ich will nicht behaupten, daß hier alles mit allem zusammenhängt – solche Sätze laufen auf Trivialität hinaus –, aber es herrscht doch eine bestimmte Linie vor, die Themen und Felder umkreist.

Solches Rhizomartige ist nicht neu; es gab diese komprimierten, auf ein Projekt bezogenen Verästelungen und Konstellation (den Begriff hier auch im astronomischen Sinne genommen) etwa 1999/2000 bei „Null“ von Thomas Hettche und Jana Hensel.

Das sei als eine Art Gebrauchsanweisung für den Umgang mit all den in diesem Blog verhandelten Projekten verstanden: Es herrscht hier gewissermaßen ein zusammenhangloser Zusammenhang. Aber sicherlich ist dieser Verweis auf Deleuze/Guattari auch eine kleine Ausrede, um das Sich-Verzetteln zu kaschieren.

Trotz mannigfaltiger Kritik, die man an dem Buch „Rhizom“ und generell am Denken von Gilles Deleuze und Félix Guattari üben kann, ist „Rhizom“ doch lesenswert. Man muß allerdings einen gewissen Pathos des Buches, der teils romantische, teils nietzscheanische Züge trägt, übergehen, wenn man es denn kann. Vielleicht liest sich dieses kleine Buch gerade deshalb in jenen jugendbewegten wilden Jahren so gut. Es besitzt eine Fahrt, die man im akademischen philosophischen Diskurs vielfach vermißte, es setzte die Phantasie frei, bricht aus den Bahnen des Üblichen aus, ist, ganz mimetisch, selber eine solche Art von Landkarte und Rhizom, wie es sie „beschreibt“ und damit selbstreferenziell und eine Form der Autopoesis, es spiegelt eine Form des antidialektischen Poststrukturalismus in nuce wider. (Der Gegenpart eines sozusagen dialektischen Poststrukturalismus ist sicher Jacques Derrida.) Diese Aspekte, die Faszination hervorrufen, täuschen einen jedoch zugleich über die Schwächen des Buches hinweg. Dem analytischen Denker wird das Buch sowieso ein Greul sein. Zitieren wir aber zum Abschluß trotz alledem, ohne Kommentar und Kritik ein paar verstreute Passagen:

„Ein Buch hat weder Subjekt noch Objekt, es ist aus den verschiedensten Materialien gemacht, aus ganz unterschiedlichen Daten und Geschwindigkeiten. Sobald man das Buch einem Subjekt zuschreibt, vernachlässigt man die Arbeit der Materialien und die Äußerlichkeit ihrer Beziehungen. (…)

Die Literatur ist eine Verkettung, sie hat nichts mit Ideologie zu tun, es gibt keine und gab nie Ideologie. (…)

Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern mit Landvermessen und Kartographieren, auch des gelobten Landes. (…)

Jedesmal, wenn segmentäre Linien in eine Fluchtlinie explodieren, gibt es Bruch im Rhizom, aber die Fluchtlinie ist selbst Teil des Rhizoms. Diese Linien verweisen ununterbrochen aufeinander. Deshalb kann man nie von einem Dualismus oder einer Dichotomie ausgehen, auch nicht in der rudimentären Form von Gut und Böse. Man vollzieht einen Bruch, zieht eine Fluchtlinie; man riskiert aber immer, auch hier auf Organisationen zu stoßen, die das ganze erneut schichten, auf Formationen, die die Macht einem Signifikanten zurückgeben, und auf Zuordnungen, die ein Subjekt wiederherstellen – alles, was man will, vom Wiederaufleben des Ödipus bis zu faschistischen Verhärtungen. (…)

Michel Foucault antwortete auf die Frage, was für ihn ein Buch sei: eine Werkzeugkiste. (…) Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt‘s nichts zu verstehen, aber viel dessen man sich bedienen kann. (…)

Zu n, n -1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Laßt keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid der rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.“

Ob all dies seine Richtigkeit hat, lasse ich dahingestellt. Teils ist das Konzept überfrachtet oder spitzt schlagwortartig zu. Aber trotzdem war es interessant, in dieses kleine Buch von Deleuze/Guattari nach Jahren einmal wieder hineinzulesen, als kleines Dokument des Poststrukturalismus sozusagen, wo die Grenze zwischen Philosophie und Literatur verschwimmt, durchlässig wird, und als nützliche Ausrede für mein Verzetteln und Verzweigen.