Rückblich aufs Lesejahr 2018 oder Die ersten zwei von drei Geschenktips

Alle machen Weihnachtstips in Büchern – ich also auch. Eigentlich sollte hier eine Rezension zu Max Czollekts Desintegriert Euch! stehen. Die folgt dann nächstens, zumal sie auch nicht so weihnachtlich-besinnlich ausfallen wird. Aber da christliche Weihnachtszeit ist und da ich Menschen zum Schenken und zum Kaufen animieren möchte – denn im Sinne von Marx‘ Gedanken zum Gebrauchswert bleibt festzustellen: Warenwerte sind wahre Werte –, und wir Vielleser wollen nun einmal unseren kleinen Buchhändler unterstützen: so folgt hier Donnerstag mein Geschenke-Tip. Und weil dieser Tip wieder einmal ein langer Beitrag wird, habe ich bereits diesen ersten Absatz separat gestellt, um unter den magischen 15.000 Zeichen zu bleiben.

Wer nun freilich ganz ungeduldig ist, dem lege ich schon einmal zwei schöne Bücher des Jahres 2018 ans Herz. Einmal aus der Rubrik Belletristik. Nämlich Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise. Darin ist die offensichtlich und wie bereits in vielen Hoppe-Büchern sich autobiographisch fikionalisierend (be)schreibende Autorin auf den Spuren der beiden russischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow quer durch die USA unterwegs. Auch Ilf und Petrow, dieses seltsame Duo, bereisten1935 während der Weltwirtschaftskrise die USA. Deren Bericht ist vor einigen Jahren in Die Andere Bibliothek erschienen. Hoppe fährt ihnen mit drei Gefährten in einem roten Ford-Transit nach. Dabei geschieht allerlei Seltsames und Komisches. Der Besuch der Fordwerke in Detroit: dort der Blick auf echt arbeitende Arbeiter, die museal besichtigt werden dürfen, und ebenso kommt man mit dem ersten elektrischen Stuhl – sozusagen – in Berührung. Hoppes Witz und ihre Assoziationen sind inspirierend, antreibend. Es ist dies kein klassisches literarisches Reisebuch, sondern Hoppe erfindet gewissermaßen das Reisen neu: als Nachreisen, als Jubilieren vor Landschaft und Menschen. Und Olʼ man river immer, immer immer: Der ewige Mythos.

Zwei schöne Sätze:

„Ein Hoch auf alle Touristen der Welt, immer Hase und Igel in einer Person. Sobald ich von A nach B reisen will, um meinen Blick möglichst ungestört auf das Gute, Wahre und Schöne zu richten, sind die anderen immer schon vor mir da. Ich komme einfach nicht an, ich komme einfach nicht mit, ich komme einfach nicht durch, weder zum Guten noch zum Wahren, zum Schönen schon gar nicht.“

„Denn die Dinge leben länger als wir und werden noch da sein, wenn wir längst nicht mehr sind.“

Auch eine Form von Verdinglichung bei gleichzeitiger Entdinglichung. Reisen – dialektisch.

Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise, Fischer Verlag 2018, EUR 20,00

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Das zweite Buch ist seltsamer Natur. Es ist eine Fiktion und es ist zugleich doch ein Sachbuch, daß die Zeit der 30er und 40er Jahre in Deutschland  in den Blick nimmt, nämlich Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Die vier sind sich niemals persönlich in längeren Gesprächen begegnet, und doch erfindet Lethen sieben Treffen und Dialoge zwischen diesen Menschen, die im NS-Staat auf unterschiedliche Weise Karriere machten. Von Hermann Göring wurden alle Anfang der 30er Jahre zu Staatsräten ernannt, eine freilich funktionslose Funktion in der Führerdiktatur. Teils agierten diese vier in kleine Regungen widerständisch und doch waren sie Mitläufer, die das Regime am Leben hielten.

Das ist von Lethen pfiffig gemacht. Man bekommt einen Blick aus der Kältekammer, Einsichten in die „Verhaltenslehre der Kälte“, Formbewußtsein als Reizschutz, der zugleich das moralische Empfinden stillstellte, die kühlen Distanz: Ein Ästhetizismus des Bösen, dem Gründgens auf der Theaterbühne nicht abhold war und den er doch im Leben ablehnt oder einfach nicht fähig war umzusetzen. Immer der Gefahr ausgesetzt, als Schwuler von der Bildfläche zu verschwinden. Göring hielt seine schützende Hand über ihn. Carl Schmitt hingegen, der „Kronjurist des Dritten Reiches“, der er am Ende doch nicht war, ist jeglicher Ästhetizismus im Bereich des Rechts abhold, insbesondere seine Freund/Feind-Unterscheidung, von Linken wie Rechten faszinierend teils betrachtet, wollte Schmitt nicht ästhetisch verstanden wissen. Und da kommt es zwischen Gründgens und Schmitt bei einem der Salongespräche zum Streit. Schmitt als Avandgardist auf verlorenem Posten, so Gründgens, den es durch Zufall in die Juristenzunft verschlagen habe:

„Den Vergleich mit den Avantgardisten hätte Gründgens nicht riskieren dürfen. Staatsrat Schmitt mit rotem Kopf: Nie habe er sich in die vorgebliche Autonomie der ästhetischen Praxis geflüchtet. Was die Salon-Avantgardisten veranstalteten, sei doch nur Kinderkram. Erst wagen es diese Scheinradikalen, zivile Normen  zu durchbrechen, wenn dann aber der Rechtsstaat zurückschlägt, berufen sie sich feige auf die Kunstfreiheit.“

Das Schöne an diesem Fabulieren: Man kann als Fiktion verschiedene Positionen durchspielen und erhält dabei doch einen guten Einblick in eine schreckliche Zeit. Lethen macht all das ohne das aufgeregte Tamtam hochgetunter Moralisierungen.

Ein bedenkenswerter Satz:

„Für den Einzelnen war es entlastend, sich das Dritte Reich als ein gigantisches KZ vorzustellen. Die Möglichkeit von Freiräumen impliziert das Vorhandensein von ‚Ermessensspielräumen‘, unterstellt Verantwortung. Nach 1945 war es daher vorteilhaft, sich nicht mehr an Freiräume des Überlebens zu erinnern.“

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt, Rowohlt Berlin 2018, EUR 24,00