Zeiträume zeitraffen: Seiffen – Neuhaus, Nußknackermuseum

Ich bin arg, so arg in Zeitnot, so muß es statt der Texte Bilder geben. Aus dem Innenraum. Heimat und Provinz. Orte als Reisender zu sichten: My oh my: a song  to say good buy. Kaufen Sie Holzfiguren! ! Für unsere Kaltzonen, auch im Sommer. Anmut der Schieferzonen. Ich mag das.

Vom Erzgebirge über Nürnberg nach Berlin: Wieder zu Hause, daheim ist schließlich daheim

 
13_07_23_1
 
13_07_23_2
 
13_07_23_3
 
Das Erzgebirge ist eine gemütliche, teils aber auch schroffe und raue Landschaft im Osten Deutschlands, hin zur Grenze Tschechiens, ins Böhmische hineinragend. Dunkel und trüb können die Wälder dieses Mittelgebirges sein, wenn die Wolken tief liegen oder die Fichten in den Nebel gehüllt sind. Scheint und drückt jedoch die Sommersonne, so ist es heiter und langsam dörrt die Landschaft in der Glut. Dem Gemahl der Schneekönigin behagen solche Hitzewallungen nicht.

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzt über die Felder!

Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in der Nacht!
(Theodor Storm, Die Regentrude)
 
13_07_23_4_b
 
13_07_23_4_c
 
So mag die Hitze über den Feldern und Wäldern flimmern, daß einem das Wandern oder Spazierengehen leid wird und es dem Flaneur den Augenblick vergällt. Lieber sind uns – an solchen Tagen wie diesen – die schweren Nebel, die über dem Wäldern liegen, oder wenn die Wolken tiefer hängen und an den Wipfeln der Bäume sich stoßen. Aber wir sind andererseits nicht hier und auf dieser Welt, um den Naturkitsch und dem Empfindungswahn zu frönen. Ich reise nicht in den Urlaub, um irgend etwas an mir selbst, an der Landschaft, an oder in den Ortschaften zu spüren: Die Empfindungen für die Natur und der Blick für die Landschaft sind eine heikle Angelegenheit. Ich reise nicht, um zu empfinden oder zu spüren: Im Gegenteil: Ich möchte alles das, was ist, in jene 1/125 oder in die 1/250 Sekunde einfrieren. Wenn schon Brand, dann Gefrierbrand. 8 oder 4 Millisekunden Welt.
 
13_07_23_4
 

Das Autofahren im Erzgebirge ist eine leider müheselige Angelegenheit. Bis wir angesichts der zahlreichen Baustellen und der damit verbundenen Umleitungen aus dem kleinen Ort hinaus sind, wäre ich, was die Fahrzeit angelangt, bereits vom Prenzlauer Berg nach Kreuzberg bei Berufsverkehr gefahren. Und wo man tagsüber noch über Annaberg-Buchholz nach Marienberg gekommen ist, da geht es am Nachmittag plötzlich nicht mehr über Annaberg-Buchholz zurück, weil sich eine Baustelle auftut, die eine kilometerweite Umleitung zum Resultat hat. Dennoch: das Erzgebirge ist eine schöne Region zum Urlauben, die Menschen sind ausgesprochen freundlich und es hat sich eine erstaunlich gute Gastronomie entwickelt. Da die Gegend jedoch rau ist, handelt es sich weniger um eine Weinregion. Wer Bier mag, wird hier sicherlich fündig.
 
13_07_23_5
 
13_07_23_6
 
Abends gegen 21 Uhr im Kaufland-Supermarkt allerdings, da kann es leicht gruselig werden, wenn die Jugendlichen des Ortes einkaufen gehen. Ob es angemessen ist, von der Kleidung auf die Gesinnung zu schließen, weiß ich nicht: aber manche der jungen Einkäufer samt Einkäuferinnenanhang sahen mit dem Frakturschrift-T-Shirt (bzw. der gebrochenen Schrifttype darauf), den Bermudashorts, den tätowierten Waden oder dem Thor Steinar-Shirt doch sehr volksdeutsch aus. Aber wenigstens lassen diese Jugendlichen nicht die Frau den Einkauf alleine machen. Auch die NS-Ideologie ist in der Post-Moderne angekommen.

Ansonsten geht es hier im Blog in der bewährten Weise und mit der üblichen Qualität weiter: keine Gefühlsseligkeiten, keine Erbauungsphrasen, sondern Text und Theorie. Durch die Eiswüste der Abstraktion, mit zeitweiligen Ausflügen ins Konkrete.
 
13_07_23_7

Es grünet die Tanne, es wachset das Herz. Gott schenke uns allen? – ein zerfressenes Herz

Erzherzog Erz-August, Erzschurke und erzbischöflicher Erzeuger erzieherischer Erzählungen mit Erzengeln erzwingt erzitternd erzkonservatives Erzeugnis. Sie sehen lieb-gewogene Leserin, verehrter Leser: es geht ins Erzgebirge … Und zwar auf eine kurze Reise. Ich bin dort, weil es in den Tiefen Deutschlands Funklöcher gibt, nicht über diesen Blog mehr zu erreichen: ich schreibe nicht, ich schalte die Kommentarfunktion aus, bis ich wieder in der großen weiten Stadt bin.

Ach ja, zu lesen lohnt sich, wenn einer schon ins Erzgebirge fährt, Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“. Er handelt von der Republik Schwarzenberg, einem Landstrich im Erzgebirge, der für eine kurze Zeitspanne von 42 Tagen nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung, unbesetzt blieb. Aber bei dieser Republik soll es sich wohl mehr um eine Legende gehandelt haben, als daß die Dinge, die Heym beschrieb, auch nur annähernd der Realität entsprächen. Allerdings: es bildete sich auf diesem kleinen unbesetzten Flecken tatsächlich ein antifaschistischer Aktionsausschuß, der sich aus Arbeitern zusammensetzte und nach einer Art Rätedemokratie funktionierte.

Worum geht es in diesem Buch?: Die Nazis verflüchteten sich, als sie merkten, daß ihre Sache verloren war und der Russe in Dresden und in Sachsen stand und die Amerikaner im westlichen Erzgebirge und im Voigtland saßen. Oder es wendeten die Nazis und die Mitläufer sich. Arbeiter bildeten in jenem Aktionsausschuß eine Art von Regierung, und sie dachten darüber nach, wie eine Republik funktionieren könne, die nicht mehr den Interessen des Kapitals folgt. Erzählt wird diese Geschichte einerseits von einem Ich-Erzähler namens Ernst Kadletz, Arbeiter, Genosse und Mitglied in jenem Ausschuß, und von einem auktorialen Erzähler. Es ist wesentlich auch ein Buch über Utopien. Keine Sowjetmacht, sondern eine Rätedemokratie, kein Zentralismus einer Partei, sondern Pluralismus. Aber das kann naturgemäß nicht lange gut gehen, wenn östlich die Sowjets mit ihren politischen Kommissaren und westlich die Amerikaner mit ihren Lucky Strikes und den Chewing Gum stehen.

Gegenspieler in diesem Roman sind der Halbjude Max Wolfram – dem Gestapofoltekeller in Dresden entronnen, da vom 13. bis 15. Februar 1945 die Stadt im Bombenfeuer erstrahlte und es mit einem Male keine Gestapo mehr gab: was dem einen sein Leid, war den anderen ihre Befreiung – und der Bergbauingenieur Erhard Reinsiepe: Parteikader, politisch geschult, nach dem Reichstagsbrand 1933 aus Deutschland geflohen, politischer Mentor von Kadletz, wieder zurück in Deutschland 1945 (woher er kam, spricht der Roman nicht aus. Aber: Fiat Lux, da wo auch H. Wehner war.) Beide gehören dem Aktionsausschuß an. Es geht um Macht, um die Macht des Proletariats, es sollen die Betriebe durch die Arbeiter geschützt und von diesen übernommen werden (Ein Projekt das auch heute noch sinnvoll mir scheint). Allen gemeinsam ist jedoch das Ziel, den Faschismus zu zerschlagen. Die Macht einer vernünftigen Vernunft, einer Utopie, wie sie Wolfram vertritt, und dagegen positioniert die Haltung des (stalinistischen) Parteisoldaten Reinsiepe, der einen Auftrag hat. (Aber das lesen Sie selbst: wie dieser Auftrag lautet und welcher Gestalt er ist.)

Der Roman ist fesselnd – wenngleich erzählerisch eher konventionell – geschrieben. Ein Ereignis jagt das andere. Der Roman lebt vor allem von diesen Gegensätzen, vom Blick auf die Zeit des Faschismus und dem Gedanken daran, was aus dieser Republik werden wird, die am Ende freilich zum Scheitern verurteilt ist. Denn daß die nur wenige Kilometer entfernt in Annaberg einquartierten Sowjets kommen, dafür sorgt am Ende Reinsiepe. Die siegreiche Sowjetunion wird nicht unbedingt nur freundlich beschrieben. Es gibt da zwar die sowjetischen Offiziere, wie z. B. exemplarisch in diesen Buch der Mayor Kyrill Jakowlewitsch Bogdanow, der im Felde kämpfte und sich für die richtige Sache schlug, aber dagegen steht der Politkommissar Workutin, der ebenso wie Reinsiepe einen klaren Auftrag hat. Daß dieser Roman, der 1984 in der DDR erschien, nicht verboten war, erstaunt.

Nein, es gibt keine Utopien. Was bleibt sind die Fakten der Geschichte.

Die Kommentarfunktion des Blogs ist während meiner Abwesenheit geschlossen. Es kann zwar kommentiert werden, ich schalte es jedoch erst dann frei, wenn ich wieder zurück in der großen weiten wilden Stadt namens Berlin bin.