Boris Vian – eine Photographie, eine Geschichte, etwas Postmoderne

Während ich bei Boris Vian und Klaus Völker stöberte, um einen Text zu Boris Vians 50. Todestag vorzubereiten, fand ich diese sehr schöne kleine Geschichte; es lohnt sich, sie wiederzugeben. Solche Texte sind Kleinode, wie die Geschichten aus Johann Peter Hebels Schatzkästlein.

Die Geständnisse des schlimmen Herrn X

Herr X … ist ein alter gutmütiger Mann, der allerdings fürchterliche Wutanfälle bekommt. Er wohnt in Paris, aber er lädt jedes Jahr etwa zehn Kinder aus seiner Straße ein, herrliche Ferien in der Sonne in seiner Villa in der Provence zu verbringen. Eines Tages, an dem er sie allein gelassen hat, entdecken diese Kinder beim Spielen das sorgfältig versteckte Foto einer sehr hübschen Frau, vor dem sie in Bewunderung versinken. Herr X … kehrt zurück, bekommt einen tüchtigen Wutanfall, beruhigt sich und erzählt die Geschichte dieser hübschen Frau, die zudem seine Frau ist. Es ist eine herrliche und traurige Geschichte, in der jeder von beiden um Freundlichkeit, Güte und … Pech wetteifert, zumal sie ja am Ende der Erzählung getrennt sind. Die Kinder sind aufs höchste verwundert und ganz traurig, es ist eine sehr schöne Geschichte. Herr X … begibt sich zu Bett.

Er schaut das Foto an und fragt sich: ‚Haben die Kinder der Geschichte Glauben geschenkt? Haben Sie nicht das ganze Lügengespinst durchschaut? Haben sie denn nicht nur so getan, als ob sie der Geschichte Glauben schenkten? Haben sie denn nicht gemerkt, daß die Geschichte ganz anders war?‘ Ach, was für eine schöne, was für eine moralische Frage! Das lang zurückliegende Abenteuer zieht noch einmal im Traum an den Augen von Herrn X … vorbei. Es ist das krassen Gegenstück des schönen Märchens, das die Kinder zu hören bekamen. So ist das Leben. Die Wahrheit ist vielfältig für alle, nicht nur für die Kinder, die jetzt das Foto wie das Bild einer Jungfrau verehren. Und das ist die große Strafe für Herrn X …“

(Boris Vian, 1941, Filmszenario, zitiert nach Klaus Völker: Boris Vian, Berlin 2006)

Schön spielt Vian in diesem kurzen Text mit den Wahrheitswerten, den Inszenierungen und den Konstrukten, mit Visualisierungen und den daran gebundenen Erinnerungen, Erzählungen und Geschichten. Es ist zudem eine Photographie, unbeschrieben und als Leerstelle belassen, die im Kontext von Lektüren und Geschichten steht und als strukturierendes Zentrum dient.

Nicht einmal die Gattung des Textes ist klar umrissen. Es ist zwar eine Kurzgeschichte, fast schon ein Aphorismus, doch betitelt ist sie mit „Filmszenario“. Man sieht also: „Postmodernes Erzählen“ ist gar nicht so neu, wie man es in den achtziger Jahren weißmachen wollte. (Nebenbei bemerkt: Heute dürfte eine solche Erzählung gar nicht mehr geschrieben werden. Sofort setzte die Logik des Gerüchts, des Verdachts, der Vorverurteilung ein, es finge das hetzende Mobbing an: Denn schnell wäre der Autor verdächtig, ein verkommener Päderast zu sein. Ein alter gutmütiger Mann, der sich zehn Kinder einlädt, was kann das schon werden?! The times they are a changing.)

Clemens Meyers Erzählungsband, „Die Nacht, die Lichter“

So manchen Schriftsteller zieht es in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder zu einem ganz bestimmten Milieu hin, und schwer nur kommt er davon weg in seinem mehr oder weniger langen Schriftstellerleben: Den einen drängt es zum gehobenen feinen Bürgertum oder in die Welt des Adels, andere zur Demimonde, dann wieder zieht es welche zu Großwildjägern und Abenteurern, oder es gibt Schriftstellerinnen, die es zu den untätigen, fragmentierten Melancholikern und den Endzwanzigern, Dreißigern treibt, die partout nicht erwachsen werden wollen. Und so muß man sich als Schriftsteller vorsehen, bei diesem mehr oder weniger freiwillig gewählten Milieu stehenzubleiben, ohne sich dabei literarisch weiterzuentwickeln.

Thomas Mann gelang es ganz gut, Stagnation zu vermeiden, ästhetisch Stimmiges abzuliefern und dabei gut, stilvoll und bedeutsam zu bleiben, Proust schrieb nur einen ganz großen (philosophischen) wundervollen Roman (sieht man einmal von „Jean Santeuil“ ab), da war es nicht weiter schwierig, nicht auf der Stelle zu treten, zumal ja in aller Komplexität nicht nur eine Epoche besichtigt wurde, ein Blick hinter die Vorhänge des Pariser Adels fiel sowie die „Existentiale“ Liebe und Eifersucht ausgeleuchtet wurden. Genug für ein Leben, so sollte man meinen. Henry Miller und Hemingway sind ein amerikanischer Fall für sich, der Oberfranke würde hier sagen „Paßt schoan“. Bei Judith Hermanns neuen Buch „Alice“ wird man sehen, ob sie es vermag, sich vom zuweilen enervierenden Judith-Hermann-Sound zu lösen, der zum ästhetischen Selbstgänger wurde.

Wie aber steht es um Clemens Meyer?, so sei hier einmal oberlehrerhaft in den Raum gefragt, jenen Schriftsteller des Jahrgangs 1977, den wir seit 2006 als einen „Durchstarter“ kennen. Mit „Als wir träumten“ ist ihm ein beeindruckendes sowie fulminantes Debüt gelungen, welches mit Fug und Recht „Roman“ genannt werden kann. Als Erstlingswerk eine Stecke von über 500 Seiten zu durchpflügen und dies dann auch noch vom Schreiben und vom Stil, von der Konstruktion und vom Stoff her gut hinzubekommen, ist eine Leistung. Der Roman hat ein Wendemilieu zum Thema, das wohl nicht dem entspricht, was der übliche Intellektuelle sich einmal vorstellte, als von den großen Wenderomanen oder gar dem großen Wenderoman die Rede war. Nun, auch Clemens Meyer hat den nicht geschrieben. Aber er hat ein ostdeutsches Milieu geschildert, das sonst nur in den „Sozial“-Reportagen von „Spiegel“- oder „Stern“-TV vorkommt, wenn es um deviante Jugendliche aus der Platte geht. Crime sells.

Doch Meyer ist mit „Als wir träumten“ mehr als ein Roman über deviante Jugendliche gelungen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, seiner Liebe, seiner Freunde, schildert die Hoffnungen und Träume einer Clique Jugendlicher im Nachwendeleipzig. Dies alles ist so erzählt, daß man gerne weiterliest. Ein Roman aus der Gosse zwar, der aber im Grunde die existentiellen Dinge der Jugend nennt. Er handelt von Größe, Liebe und Feigheit, von Brutalität und Perfidität, er ist pubertär aufgeladen, weil es die Welt derer ist, die aus der Pubertät entwachsen. Öfters einmal gibt es reichlich was auf die Fresse, daß es beim Lesen wehtut. Und man liest weiter wie im Rausch, legt das Buch, am Schluß angekommen, atemlos beiseite.

Nein, das Buch ist nur zu einem kleinen Teil eine Milieuschilderung; Meyer will in seinem Debütroman nichts und niemanden mit wohligem Gruseln vorführen, sondern er ist konzentriert bei der Sache, und gerade dadurch bringt der Roman es auf den Punkt: das, was da in jenen Wendejahren im Osten und mit „dem Osten“ geschehen ist, was viele in ihrer Nachbarschaft erlebt haben. Indem der Roman das Alltägliche einer bestimmten neu entstandenen Klasse beleuchtet, ohne dabei Partei zu beziehen, ist er im Grunde ein extrem politischer, obwohl Meyer „nur“ aus der Sicht und Position des Protagonisten Daniel heraus schreibt und beschreibt. Über die lange Distanz des Romans hat das gut funktioniert. Doch reicht das auch aus für die kurze Stecke der Erzählung?

 In Meyers zweitem Buch „Die Nacht, die Lichter“ sind es Erzählungen oder, wie es im Untertitel heißt, „Stories“, wir kennen dies ja schon von Ingo Schulze, wo es aber umgekehrt lief, daß ein ganzer Roman „Simple Storys“ hieß. Hier nun sind es tatsächlich Stories, man muß das unbedingt deutsch aussprechen, wie es ja auch in Deutsch geschrieben ist und so wie jemand (am besten norddeutsch intoniert) sagt: „Nun vertell man keine Schtories!“, wenn er jemandem zu verstehen geben will, daß da fabuliert oder ein wenig übertrieben wird. Bei Meyer allerdings wird nichts über- oder untertrieben. Erzählt werden Geschichten, also Stories mitten aus dem Leben, aus einem Alltag heraus, der manches Mal nur traurig und trist ist.  Doch erzählt wird dies ohne den Hang zur Melancholie oder zur Verklärung.

Wozu dient die Story?: Sie will, anders als etwa die (Thomas Mannsche) sprachgewaltige, ausladende Erzählung oder die Novelle, kurz pointieren, in wenigen knappen Sätzen skizzieren; schnelle Dialoge treiben die Handlung. Das ist die Tradition der amerikanischen short story, wie sie seit den 90er Jahren bei vielen Schriftstellern wieder in Deutschland angesagt war. Eine ganze Generation, so könnte man überspitzt sagen, fühlte sich plötzlich zur amerikanischen Tradition eines Raymond Carver hingezogen, schrieb Vorworte für die in Deutschland veröffentlichten Bücher Carvers. Das langatmige, weit ausholende und mäandernde Erzählen ist vorbei. Der Erzähler beeindruckt vielmehr mit Lakonik, und es herrscht Verknappung vor. Die Story fängt in ihrer Sprache den jeweiligen Geist der jeweiligen Zeit ein, aber sie bietet nicht, wie der Roman oder die klassische Erzählung, ein manchmal groß angelegtes Panorama, sondern arbeitet vielmehr als photographischer Schnappschuß. Ein paar Bilder, ein Blitz, eine Szenerie kurz aufleuchtend und dann die Nacht. So eben geht es auch in dem Band von Clemens Meyer zu, in der Tradition der short storys, jedoch mit einem deutschen Underdogsujet: kurz und knapp, einen Assoziationsraum eröffnend.

Es sind fast alles Geschichten von ganz unten oder aus dem „Milieu“, meist enden sie verhängnisvoll oder zumindest ohne große Hoffnung. Selten bricht in die Tristesse einer Hochhaussiedlung der Hauch des Anderen ein, kommt eine Ahnung auf, daß es auch ein Leben da draußen, außerhalb gibt, wenn etwa wie in „Warten auf Südamerika“ einer aus der alten Clique Karten von dort schreibt und es „geschafft“ zu haben scheint. Doch eigentlich bleibt alles wie es ist, der Einbruch des Besonderen ist kurz nur. Manchmal hält der Schluß auch eine völlig unerwartete Wendung bereit, so wie etwa in der Erzählung „Wagen 29“. Ansonsten ist es, wie es ist, es ist so, wie es dort zugeht, ganz positivistisch gesprochen. Manches Mal wünscht man sich, daß es gut ausgehen möge, so beim Lesen von „In den Gängen“. Wer einmal in einem jener Großsupermärkte als Aushilfe oder als Festangestellter gearbeitet hat, der findet die Charaktere, die Art von Menschen, die dort im Food- und Non-Food-Bereich arbeiten müssen oder wollen, und die Atmosphäre der Arbeit exakt getroffen wieder: diese Mischung aus Solidarität, Einsamkeit, Verzweiflung, kleinen Scherzen, die helfen, die Tätigkeit erträglich zu machen, gemischt mit einer schlecht bezahlten Arbeit. Doch gleitet Meyer nicht in den Sozialkitsch ab, schon gar nicht vertraut er auf irgend ein Potential, daß diese Menschen ändert und sie dazu bringt, ihre Lage durchschauen zu können. Vielmehr beißen sich die Charaktere an Hoffnungen fest, die hinterher nur bitter enttäuscht werden, so wie bei jenem Mann, der für seinen erkrankten Hund das Geld zur Operation auf der Pferdewettbahn gewinnen muß, weil er diesen Eingriff aus eigener Tasche kaum bezahlen kann. Zum Schluß gewinnt er das nötige Geld sogar, und zwar durch die Hilfe eines Kumpels, der Perdewetten einst als Profi betrieb. Doch Geld zu gewinnen und Geld zu behalten, sind zweierlei Dinge. Die Wendung ist überraschend und leider lakonisch-drastisch.

Clemens Meyer hat einen genauen Blick für die Charaktere und die Szenerien. Knappe Beschreibungen, daß man sich sogleich im Geschehen wiederfindet und weiß, was Sache ist. Teils bedient Meyer sich des Mittels der Elipse, doch weiß man gleichsam intuitiv sofort, worum es geht. Da muß nicht viel gesagt werden, so wie in der Erzählung, die dem Band ihren Titel gab. Das Eliptische baut den Spannungsbogen auf. Erzählerisch und technisch ist das gekonnt. Andererseits erwartet man dies auch von einem Erzähler, welcher das „Deutsche Literaturinstitut Leipzig“ besuchte.

Doch nie gerät die Schilderung der Underdogs zum Selbstzweck; es hat nicht dieses furchtbar Gekünstelte eines Bukowski, wo in jedem zweiten Satz das Wort „Ficken“ lauert, obwohl manches von Meyer dem Sujet nach genauso gut von Bukowski stammen könnte. Um das Heikle einer solchen Verwechselung weiß Meyer sicherlich. Eher schon steht das Erzählen in guter alter Tradition Hemingways als Vater eines bestimmten Typus von amerikanischer Short Story oder befindet sich in der Gesellschaft Carvers. Szenen, Alltäglichkeiten, die zu Momenten verdichteten Episoden des Lebens, das Déjà-vu, was einen bei mancher Story überkommt, enthalten oftmals ein allgemeingültiges Moment; auch wenn es nicht das Milieu ist, aus dem man selber(ohne eigenes Zutun und Verdienst) entstammt. Doch pointiert Meyer „existentielle“ Momente, die einem Intellektuellen genauso widerfahren können wie einem, der ohne jegliche Mittel einfach nur durchkommen will. Kurz präzise, schnörkel- und umstandlos wird hier geschrieben, so daß solche Momente, von denen man weiß, daß es sie einmal gab kurz nur aufscheinen, freilich in verfremdeten Zusammenhang. Doch rückt man einmal von der Perspektive des Underdogs ab und sieht auf das Generelle, so kommt einem einiges recht vertraut vor.

Und wenn man noch weiter im Namensregister stöbern will, so bietet sich bezüglich des Sujets womöglich der Vergleich mit dem phantastischen Denis Johnson an, etwa mit seinem Erzählungsband „Jesus Son“, wenngleich Meyers Duktus sehr viel ruhiger ist als der voranstampfende Johnson. Obwohl diese Verortung in einem Namensfeld eigentlich nie gut ist, denn Meyer ist Meyer, so wie Johnson nun einmal Johnson ist. Doch kann durch ein solches Verorten ein wenig der Raum und damit zugleich der Rahmen, in dem die Bewegungen stattfinden, gezeigt werden.

 „Als wir träumten“ setzt sich von dem Band mit Erzählungen insofern ab, weil in diesen „Stories“ das Mißgeschick und das Geschehen mittlerweile ganz und gar Bundesrepublik geworden bzw. ins Allgemeine gewendet ist. Nicht mehr viel ist geblieben von jener Wendezeit in Leipzig. Das, was in der Erzählung „Wagon 29“ passiert, kann sich überall ereignen und ist ein existentielles Moment. Was in dem Roman sehr speziell angelegt war, nämlich der Verfall einer Ordnung und ihre Okkupation durch eine Leerstelle sowie der Kampf aller gegen alle, damit jeder ein Quentlein vom neuen Glück abbekäme, und dadurch an einen historischen Ort gebunden war, transponiert Meyer nun. Diese Geschichten sind ortlos geworden, und sie könnten zugleich an jedem Ort in Deutschland spielen. Gut erzählt sind sie, und man bleibt nicht, wie so oft, wenn Erzählen zum artifiziellen Zweck halb-organisierter Selbstreferenzialität der Generation Diskurs geworden ist, mit der Frage zurück „Was soll das eigentlich alles?“ Dies allerdings ist in der heutigen Zeit schon recht viel, wenn da jemand begabt erzählen kann und auch etwas zu erzählen hat. Es bleibt am Ende nur übrig, Clemens Meyer für sein drittes Buch, das ja der Legende nach das schwerste sein soll, viel Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen.

 Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter. Stories, Fischer Verlag, Frankfurt/M 2008, ISBN: 978-3-10-048601-1, 272 Seiten, 18,90 EUR