Rückblickend: das Elsaß – Daily Diary (110)

Durch die Kommentatorin Irisnebel auf die Idee gebracht, mir meine Photographien aus dem Elsaß noch einmal zu betrachten, zeige ich dieses (schon einmal hier im Blog präsentierte) Bild. Manchmal ist es angenehm, in den Erinnerungen zu graben, Photographien auszugraben, deren Fertigung mehrere Jahre zurückliegt, sie zu wiederholen. Das Elsaß ist, was den Ersten Weltkrieg betrifft, ein blutgetränkter Boden, wie alles rund um den Rhein und nach Frankreich hinein. Aber das ist nicht anders als in den Weiten des Ostens oder beim Krieg in den Alpen, wo die Menschen ebenfalls bestialisch starben. Herr Ludendorff, Herr Falkenhayn, Herr Hindenburg sitzen mit ihrem Arsch naturgemäß im Trockenen, trinken Champagner und lassen für Sieg und Champagner andere die Zeche zahlen – frei nach dem Motto „Hannemann, geh du voran!“ Das ist heute nicht anders als vor 100 Jahren.

100 Jahre sind diese Ereignisse nun her. Für Gott und Vaterland zogen sie alle in den Krieg. Es muß sehr viele Götter geben, oder dieser eine verteilte seine Gunst gleichermaßen unter die Nationen, so wie Herr Krupp die Kanonen.

Eine kurze Reiseempfehlung in diese Region, liefere ich hier in diesem Kommentar. Natürlich ist auch der gesamte Beitrag lesenswert. Wie immer, wenn die spekulative Theologie ins Spiel gerät.
 
11_08_15_D_300_10089
 

Das kalte Eisen

„Unsere Schuld ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des Krieges auch die des Henkers verrichten müssen. Dem Soldaten ist das kalte Eisen in die Hand gegeben. Er soll es führen ohne Scheu; er soll dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen; er soll sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern; das ist seine heilige Pflicht, das ist sein Gottesdienst.“
(Pfarrer Schettler, zum Krieg im Krieg gegen die Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkrieges, zitiert nach: Gerhard Roth, Eine Reise in das Innere Wiens)

Es ließen sich zum heutigen Tage ebenso andere Texte oder Reden zitieren. Vielleicht jener legendäre Schluß aus Thomas Manns „Zauberberg“: Hans Castorp in die Schlacht ziehend, in den Feldern, in der Ebene. Oder aber Karl Kraus‘ Gedicht von den Raben aus „Die letzten Tage der Menschheit“ – jenem Theatrum mundi. Absurde, grausame Apokalypse: Kriegsgewinnler und geistig Versehrte, Verblödete und Verblendete, die auf den Phrasensound anspringen, gestern wie heute, in ihrem deformierten Denken. Aber lassen wir zum heutigen Tage ruhig einen Pfaffen sprechen: es ist sehr passend, denn die Pfaffen tönen gerne und segnen die Fahnen, solange sie nicht selber oder ihre Söhne und Enkel in die Schlachten ziehen müssen. „Hannemann, geh du voran …!“ wie wir seit den „Sieben Schwaben“ und einem Song von Peter Alexander wissen.

Das Lied vom Lindenbaum, das Hans Castorp so sehr berührte – dieses Lied aus der Sphäre des Todes und der Liebe zu einem ganz Anderen – es klingt in der Schlacht und durch den Schlamm der Gräben robbend auf Castorps Lippen nach. Singend, summend. Im Verlauf eines komplexen Bildungsprozesses, wie ihn Wilhelm Meister noch als Selbstausbildung eines autonom sich aufsteigernden Subjekts auffassen konnte, steht bei Thomas Mann das Flachland: Die Schlachtfelder Flanderns oder der Champagne, und so wird am Ende des „Zauberberges“ die Autonomie zur Hohlform, was sie freilich bereits am Anfang des Romans war: Castorp bildete sich nicht selber aus, wie es noch das Goethesche Autonomie-Ideal jener klassischen Epoche vorsah, sondern er wurde, im Text fast zur Parodie verzehrt, ausgebildet – hin und hergerissen zwischen den Mächten und den Positionen. Ein Protagonist, mit dem man so oder auch anders umspringen konnte und der dennoch ein seltsames Eigenleben bewahrte, sei es im Schneegestöber, beim Strandspaziergang, wenn das Wesen der Zeit in den Erfahrungsraum rückt, oder wenn es um die Liebe zur schönen Russin ging. Insofern ist der „Zauberberg“ sicherlich der Roman, welcher – neben Prousts „Recherche“ und Musils „Mann ohne Eigenschaften“ das Vorspiel zum Ersten Weltkrieg literarisch pointierte.

„Lebe wohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind. Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; wie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; (…)

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch genug wetten, daß du davonkommst.“

„1913“ – ein Jahr als kulturelles Fragment

Es ist nicht ganz einfach, über Florian Illies‘ Buch „1913“ eine Besprechung zu schreiben. Mit einem generellen Abwatschen machte es sich der Kritiker zu einfach. Aber hier auf diesem Blog gibt es andererseits nichts für lau und schon gar keine Gefälligkeitskritiken oder gar: gefällige Kritiken. Warum nur die guten und gelungenen Werke besprechen, wenn es auch mit Schimpfen, Wettern und Zerreißen geht, zumal das Zerlegen von Büchern und von Dampfplauderer:innen viel Freude bereiten kann? Weshalb bespricht ein Blog, der sich beständig mit der Aura des Elitären und Preziosen umgibt, überhaupt dieses Werke aus dem Bereich der populare culture?

Aber worum geht es in „1913“ eigentlich? Illies schildert anhand dieses Jahres, nach Monaten geordnet, kursorisch und anekdotisch Ereignisse, Geschehnisse, Biographisches – allesamt Schnurren aus dem Kulturleben, wenige Passagen fallen länger als eine Seite aus, meist sind es Skizzen und Impressionen aus der Welt des Geistes, der Kultur und – selten – auch der Politik. Marcel Duchamps Bild „Akt, eine Treppe herabsteigend“ wird in den USA heftig diskutiert, Freuds Couch oder Schnitzlers Theatergestalten, Benn in Berlin liebt Else Lasker-Schüler, die 1911 aus dem Louvre gestohlene Mona Lisa taucht wieder auf, Kokoschka malt die von ihm innig geliebte , freilich sehr umtriebige Alma Mahler-Werfel als „Windsbraut“, Sidonie Nádherný von Borutin trifft Karl Kraus: der Beginn einer wunderbaren, schwierigen Liebe, Lou Andreas-Salomé, Rainer-Maria Rilke, Franz Kafka schreibt Felice Bauer, Thomas Mann baut sich seine Villa in München und beginnt mit dem „Zauberberg“, Musil schreibt, Picasso malt: alle diese Menschen tauchen auf, und es eröffnet sich vorm Leser ein Reigen an Begebenheiten – sozusagen eine kleine, freilich zusammenhangslose Kulturgeschichte, die aus den flüchtigen Momenten, Geschichten und Anekdoten gewebt ist. Ob es sich um die Erfindung der Droge Ecstasy handelt, Spengler mit seinem „Untergang des Abendlandes“ beginnt, Ernst Jünger von Afrika träumt, Gertrud Stein schreibt „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, die erste Prada-Filiale öffnet, ob die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ sich auflöste, Strawinskys „Le Sacre du printemps“ in Paris uraufgeführt wurde, was in einen handfesten Streit ausartete, Schönbergs Gurrelieder in Wien gefeiert wurden oder Hitler und Stalin wie durch einen Zufall am selben Tag im selben Park des Schlosses Schönbrunn spazierten: 1913, es ist das letzte Jahr des 19. Jahrhunderts, das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. „Der Sommer des Jahrhunderts“ wie es im Untertitel etwas verklärend heißt. Illies sammelt Impressionen.

Und selbst die Geschichte scheint nicht mehr von den Notwendigkeiten samt den Strukturbestimmungen getragen, sondern von eigenwilligen Konstellationen, die sich dem Zufall schulden: Als Stalin und Trotzki sich zum ersten Male im Februar 1913 treffen, wird in Barcelona Jaime Ramón Mercader del Río Hernández geboren: jener Mann, der Trotzki 1940 im Auftrag Stalins in Mexiko mit dem Eispickel ermorden wird. Diese Zusammenhänge des Zusammenhangslosen trägt Illies ohne Kommentierungen zusammen. Die Aspekte, die Fakten, die Ereignisse stehen für sich selbst und ergeben ein sehr eigentümliches Nebeneinander, das einerseits die Leser anregt und neugierig macht.

Um es kurz zu fassen: ich mag das Buch nicht bedingungslos empfehlen, möchte es aber auch nicht derart verreißen, wie es sich im Grunde geziemte, weil es auf eine nicht uninteressante Weise konstruiert ist: das Fragment und die Auslassungen als eine Möglichkeit, Kulturgeschichte zu schreiben, und zwar ohne daß der Text etwas erklärt, kommentiert oder in geschichtliche Zusammenhänge rücken möchte. Zusammengetragene Fakten, die für sich stehen. [Oder eben auch nicht. So spricht die Zwischenstimme.] Ich las „1913“ einerseits gerne, gerade weil es so plaudernd und zugleich geistreich-amüsant unterhaltend im Stil der Anekdote daherkam und in mancher Passage lehrreich sich gab. Und dann wieder nervte dieser Ton, der manchmal oberlehrerhaft oder jugendlich-forsch sich daherschreibt. Ob es die Quintessenz dieses Buches sei, daß man Tiefe auch in der Oberflächlichkeit verbergen können, wie Illies Hugo von Hofmannsthal zitiert – „Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.“ –, möchte ich allerdings bezweifeln. Dafür ist das Werk nicht komplex und vielschichtig genug gebaut und schreibt sich relativ eindimensional am Fluß der Zeit entlang. Jedoch: als Skizzenbuch dieser vertrackt-verschlungenen Klassischen Moderne samt ihres Tratsches im Treppenhaus liest sich „1913“ gut.

Illies schriebt insbesondere an den Stellen gut, wo er Situationen, Erlebnisse aus dem Blickwinkel des Schriftstellers oder des Malers in ein Bild, in einen kurze Geschichte bringt: so zum Beispiel als Emil Nolde in die Südsee nach Palau reiste und dort nicht das unberührte Paradies vorfand, was er suchte und das Gaugin in jene Bilder brachte, sondern einen von europäischer Zivilisation überzogenen, profanen Ort erblickte. Illies verdichtet die Szenerien, und an Stellen wie diesen gelingt ihm die Zuspitzung gut: „Es entstehen Aberduzende Aquarelle in diesem Dezember in Neu-Pommern, melancholische Studien der Agonie einer unter europäischem Druck gebrochenen Kultur. Mütter und Kinder schmiegen sich aneinander wie auf einem sinkenden Schiff. Das also ist das Paradies, von dem er jahrelang träumte und in das er sechzig beschwerliche Tage lang angereist ist.“ Der Blick auf ein Geschehen und die Interpretation dieses Geschehens durchdringen sich, und das macht an manchen Stellen die Stärke dieses Buches aus.

Kurz nur muß Illies ins Jahr 1912 greifen: als sich im August Franz Kafka und Felice Bauer das erste Mal begegnen: „… sie hatte nasse Füße bekommen, er sehr schnell kalte. Aber seitdem schreiben sie sich nachts, wenn ihre Familien schlafen, hochtemperierte, zauberhafte, seltsame, verstörende Briefe. Und nachmittags meist noch einen hinterher.“ Ja, so etwas soll es geben, und es sind diese Zusammenhänge und Details, die mich weiterlesen lassen, die Leserin und Leser reizen und neugierig machen. Von Kafka zu Proust, von Benn zu Kraus, von Kirchners Kokottenbildern, die die Huren am Potsdamer Platz zeigen, zu Edmund Husserl.

Es sind die zufälligen Konstellationen sowie die singulären Momente, die Illies anordnet und mit Fleiß in einer Art Wunderkammer kulturellen Wissens zusammenträgt und dem Leser – in freilich eingeschränkter Perspektive – präsentiert, wobei Illies über manches Beziehungsdrama flapsig hinwegschreitet: seien es nun Benn und Lasker-Schüler oder Kafka und Felice Bauer. Kultur-Geschichte ereignet sich aus jenen zufälligen Momenten, und die Gleichzeitigkeit eines Ungleichzeitigen bestimmt das Konstruktionsprinzip von „1913“. Es fällt der Blick so aus, als würden die einzelnen Begebenheiten aus einer Position erzählt, die annimmt, es gäbe ein Jahr 1914 nicht, an dem das 19. Jahrhundert so abrupt endete inmitten der Menschen- und Materialschlachten. Diese – scheinbare – Ahnungslosigkeit des Was-wäre-wenn, nämlich den Blickwinkel so zu setzen, als sei er von dem großen Schrecken und dem großen Morden ungetrübt, macht – teilweise zumindest – den Reiz des Buches aus. „1913“ liest sich aus dieser Sicht heraus so, wie man Anekdoten und Schwänken zuhört. Und vielfach trägt dieses Konstruktionsprinzip der Fragmentierung. Einerseits.

Andererseits aber wirkt „1913“ in seiner Aneinanderreihung beliebig, und es kehrt – was ungleich schlimmer ist – wesentliche Aspekte unter den Tisch. Und damit gerät das Buch zur Coffee-Table-Lektüre. Es verplaudert sich vielfach in Seichtigkeiten. Es mag eine Leistung sein, diese Geschichten, Histörchen und Begebenheiten chronologisch zusammenzutragen. Dennoch: etwas fehlt, und zwar der Blick in den Maschinenraum der Welt. Es kommt kein Krupp, kein Thyssen und kein Siemens vor, und schon gar nicht die, welche dort anschaffen gehen. Während Illies den kulturgeschichtlichen Überbau und insbesondere Wien als eines jener Zentren der Klassischen Moderne gut ausleuchtet und kulturgeschichtlich perspektiviert, spart er sich den Blick in die „Freudlose Gasse“, in der es nicht ganz so angenehm, wohlig und kulturig zugeht. Selbst wenn es nicht die Absicht dieses Buches ist, auch solche Perspektiven aufzunehmen, vergibt sich „1913“ durch diese Aussparungen ein wichtiges Moment.

Am Ende bleibt mit Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ festzustellen:

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

[…]

Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte. So viele Fragen.

Der junge Brecht taucht – natürlich – auch in Illies „1913“ auf.