In hoc signo vinces, Sieg Heil, Sieg Heidegger? Heideggers Antisemitismus

Es ist nicht neu, daß der deutsche Philosoph Martin Heidegger eine Zeit lang gemeinsame Sache mit den deutschen Faschisten machte, mit ihnen paktierte und glaubte, den Führer führen zu können – seine Freiburger Rektoratsrede, in der er die Machtergreifung des Nationalsozialismus feierte, legt davon Zeugnis ab; ebenso bescheinigte er in seiner „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 dem Nationalsozialismus „innere Wahrheit und Größe“; seine Briefe unterschrieb Heidegger bis 1936 mit „Heil Hitler“. In seinem Gutachten über die Arbeit des Philosophen Richard Hönigswald, der Jude war, schrieb Heidegger:

„Sehr geehrter Herr Einhauser, ich entspreche gerne Ihrem Wunsche und gebe Ihnen im Folgenden mein Urteil. (1) Hönigswald kommt aus der Schule des Neukantianismus, der eine Philosophie vertreten hat, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist. Das Wesen des Menschen wurde da aufgelöst in ein freischwebendes Bewusstsein überhaupt und dieses schließlich verdünnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft. Auf diesem Wege wurde unter scheinbar streng wissenschaftlicher philosophischer Begründung der Blick abgelenkt vom Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und in seiner volkhaften Überlieferung seiner Herkunft aus Blut und Boden. Damit zusammen ging die bewusste Zurückdrängung jeden metaphysischen Fragens, und der Mensch galt nur noch als Diener einer indifferenten, allgemeinen Weltkultur. Aus dieser Grundeinstellung sind die Schriften Hönigwalds erwachsen. (2) Es kommt aber noch hinzu, dass nun gerade Hönigswald die Gedanken des Neukantianismus mit einem besonders gefährlichen Scharfsinn und einer leerlaufenden Dialektik verficht. Die Gefahr besteht vor allem darin, dass dieses Treiben den Eindruck höchster Sachlichkeit und strenger Wissenschaftlichkeit erweckt und bereits viele junge Menschen getäuscht und irregeführt hat. (3) Ich muss auch heute noch die Berufung dieses Mannes an die Universität München als einen Skandal bezeichnen, der nur darin seine Erklärung findet, dass das katholische System solcher Leute, die scheinbar weltanschaulich indifferent sind, mit Vorliebe bevorzugt, weil sie gegenüber den eigenen Bestrebungen ungefährlich und in der bekannten Weise ‚objektiv-liberal’ sind. Zur Beantwortung weiterer Fragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Mit ausgezeichneter Hochschätzung! Heil Hitler! Ihr ergebener Heidegger.“ (zitiert nach Wikipedia)

Daß Philosophie immer auch – leider – aus Grabenkämpfen besteht, anstatt daß ein Text immanent gelesen wird, ist nun nicht neu. Der völkisch-opportunistische Ton womöglich auch nicht.

Es ist zudem nicht neu, daß Heidegger nach 1945 keine großen Worte des Bedauerns fand, geschweige denn irgendwie zur Kritik des Faschismus fähig war. Wie viele andere, die ins System eingebunden waren und tätig mitwirkten, auch. Erst in der Spiegel-Ausgabe vom 31. Mai 1976, in jenem legendären Interview von 1966, das auf Heideggers ausdrücklichen Wunsch erst nach seinem Tode veröffentlicht werden durfte, äußerte Heidegger sich umfassender in der Öffentlichkeit. Die ex post-facto-Deutungen Heideggers mag jeder selber beurteilen.

Als der Dichter Paul Celan, dessen Familie im Vernichtungslager mit deutscher Gründlichkeit und völkisch-vollständig umgebracht wurde, Heidegger am 25. Juli 1967 in Todtnauberg besuchte, wartete er vergebens auf irgend ein Wort des Bedauerns oder der Einsicht, und so schrieb er in Todtnauberg in Heideggers Schwarzwaldhütte: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967 Paul Celan“. Ein weiteres Zeugnis dieses Besuches existiert in Celans Gedicht „Todtnauberg“.

Nun werden im nächsten Jahr in den letzten Bänden der Heidegger-Gesamtausgabe im Klostermann Verlag die „Schwarzen Hefte“ herausgegeben, darin sich, wenn man die Vorabberichte liest, Äußerungen finden, die antisemitischen bzw. rassistischen Inhalts sein sollen. Vieles ist nicht bekannt, nur weniges drang von diesen Texten bisher nach außen. Heidegger sperrte sie bis lange nach seinem Tode. Da diese Bände bisher noch nicht vorliegen, bleibt zunächst der genaue Inhalt dieser Aufzeichnungen Mutmaßung. Vorab berichteten bereits die FAZ und nun gibt es in der „Zeit“ vom 27. Dezember zwei umfassende Seiten, auf denen sich der Redakteur Thomas Assheuer, der Philosoph Peter Trawny, der diese Schwarzen Hefte in der Heidegger-Gesamtausgabe editiert, sowie der französische Heidegger-Kritiker Emmanuel Faye äußern. Faye erregte zuletzt 2005 in Frankreich mit seinem Buch „Heidegger, l’introduction du nazisme dans la philosophie : autour des séminaires inédits de 1933-1935“ Aufsehen. (In der BRD erschienen 2009: „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ bei Matthes & Seitz). Darin knüpft er unter anderem an die Ende der 80er Jahre von Víctor Farías ausgelöste Debatte an, in der Farías Heidegger bescheinigte, daß der Nationalsozialismus bereits in der Philosophie Heideggers selbst angelegt sei.

Auf die Blut-und-Boden-Ideologie Heideggers wies schon Adorno in seiner „Philosophischen Terminologie“ hin, wo er unter anderem aus Heideggers Aufsatz „Warum bleiben wir in der Provinz?“ zitierte und Heidegger beim Wort nahm. Ebenso gibt es in Adornos „Negativer Dialektik“ eine umfassende Kritik der Heideggerschen Philosophie.

Nun jedoch scheint der Ton in der Debatte um einiges schärfer zu werden, und es polarisieren sich zwei Seiten heraus. Die Anhänger einer reinen Lehre Heideggers und seine Kritiker: Nicht mehr nur Heideggers (anfängliches) Engagement für das NS-System steht im Raum, sondern ein dezidierter Antisemitismus. Über dessen Inhalt und wie dieser Antisemitismus sich äußert, werden wir sicherlich erst dann sprechen können, wenn diese Texte innerhalb der Gesamtausgabe vorliegen. Was aber bedeutet das für die Philosophie Heideggers insgesamt und insbesondere in Frankreich?

Denn anders als in Deutschland gibt es in Frankreich eine ausgeprägte Heidegger-Rezeption, die man als links wird bezeichnen können – eine Art von Systemkritik mit Heidegger und über Heidegger hinaus. So z. B. in der subjektzentrierten Philosophie Jean-Paul Sartres, die im Hinblick auf eine emphatisch verstandene Subjektivität als Existenz- und Daseinsform wesentliche Impulse aus dem Heideggerschen Denken (nicht nur von „Sein und Zeit“, das Sartre auf Deutsch las) bezog. Heidegger erwiderte die Position Sartres und der französischen Existenzphilosophie überhaupt in seinem „Brief über den Humanismus“, darin sich auch die eigentümliche Wendung findet: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.“

Daß die Sprache selbst sowie ihre Diskursstrukturierung im Zeichen von Heidegger und Strukturalismus fortan in poststrukturalistischen Positionen mündete, die das Subjekt insgesamt in Frage stellte, erwies sich spätestens in den 80er Jahren auch an deutschen Universitäten als der letzte Schrei. Mit Michel Foucault, dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, Gilles Deleuze oder ganz wesentlich Jacques Derrida (um nur einige wenige zu nennen) trat eine Philosophie hervor, die sich explizit auf Heidegger bezog und wichtige Impulse ihres Denkens von ihm her erhielt. Diese vier eint, bei aller Unterschiedlichkeit im Text, eine Position, die sich von der klassischen Subjekt- und Bewußtseinsphilosophie (auch der eines Sartre) sowie von einem Platonismus als duales System abkehrte – auch darin Heidegger ähnlich, der den einfachen Subjekt/Objekt-Dualismus als eine Weise des bloß vorstellenden Denkens brandmarkte. Fixpunkt dieses poststrukturalistischen Denkens ist es, eine Position auszumachen, die sich im Kontext von Nietzsche und Heidegger nicht mehr im Dualismus Leib/Seele, Subjekt/Objekt festmacht, sondern den Punkt in den Blick zu nehmen, der als eine Art blinder Fleck die Oppositionen abendländischer Metaphysik strukturiert. Autoren wie Nietzsche und Heidegger, die zunächst von einer eher konservativ-völkischen  Denkweise vereinnahmt wurden, gelangten plötzlich in ein Umfeld, das politisch eher links sich verorten läßt.

Allen Philosophien, auch der Sartres, ist eine postmetaphysische Position inklusive Descartes-Kritik gemeinsam. Und in unterschiedlicher Weise werden sie, so wie Heidegger die Destruktion bzw. Aufdeckung der abendländischen Metaphysik betrieb, etwas unter den herkömmlichen Strukturierungen Verborgenes freilegen. Überspitzt könnte man hier von einer linken, jedoch nicht (oder nur wenig) von Marx geprägten Kapitalismuskritik sprechen, die über die Achse Hegel, Nietzsche, Saussure, Freud, Husserl, Heidegger verläuft. (Louis Althusser, der ebenfalls ins Umfeld poststrukturalistischer Philosophie gehört, bildet hier eine Ausnahme.) Systemstrukturen werden weniger über die Kritik der Politischen Ökonomie, sondern vielmehr über die Konstituierung und Konditionierung des Subjekts sowie seiner Diskurse, in die es eingebettet ist, analysiert.

Ausführlich widmet sich Michel Foucault dieser „Ordnung der Diskurse“ sowie dem Aufkommen des Subjektbegriffes in der abendländischen Philosophie. Weniger geht es ihm jedoch dabei um ein Zurück-zu-den-Griechen bzw. zu den Vorsokratikern oder um die Rehabilitierung eines ontologische Ursprünglichen im Sinne eines vorgängigen Seinsverständnisses, sondern die Daseinsanalyse transformiert sich zu einer Art Diskursanalyse, in der die Bedingungen der Möglichkeit von Subjekt sowie Macht, Wissen und Wahrheit in den Blick genommen werden. Wieweit dabei die Foucaultsche Humanismuskritik bzw. die der Humanwissenschaften mit der von Heidegger korrespondiert, stellt eine nicht ganz leicht zu beantwortende Frage dar. Über Heidegger selbst hat Foucault niemals etwas geschrieben. Er äußerte sich jedoch in einem seiner letzten Interviews so:

„Mein ganzes philosophisches Werden war durch die Lektüre Heideggers bestimmt. Aber ich erkannte, dass Nietzsche über ihn hinausgegangen ist. Ich kenne Heidegger nicht genügend, ich kenne Sein und Zeit praktisch nicht, und auch die jüngst herausgebrachten Sachen. Meine Kenntnis von Nietzsche ist klar besser als die von Heidegger; dennoch sind dies zwei Grunderfahrungen, die ich gemacht habe.“ („Le retour de la morale“, Interview in: Les Nouvelles littéraires, Nr. 2937/1984)

Im Text Derridas, der sicherlich ebenso wie Foucault und andere Denkerinnen und Denker des Poststrukturalismus der Faschismuskompatibilität relativ unverdächtig sein dürfte, wandelt sich das, was bei Heidegger Destruktion der Metaphysik heißt, zur Dekonstruktion. Hinter jedem Text bzw. hinter kulturellen Ausprägungen und Hierarchisierungen steckt ein Mechanismus der Strukturierung. Oppositionen und Hierarchien sind zunächst einmal nichts Naturgegebenes, sondern gesellschaftlich Gemachtes. Die zunächst vorgegebenen Sinneinheiten beruhen auf einer Art blindem Fleck, der erst eine bestimmte Sicht möglich macht und den Sinn produziert.

All diesen Positionen des sogenannten Poststrukturalismus gemeinsam ist der Einfluß Heideggers. Tangiert dies damit auch die Philosophie Derridas und Foucaults? Sicherlich nur am Rande, denn weniger ist es der Inhalt von Heideggers Philosophie als einer des Seins, der die Texte Foucaults, Derridas und anderer beeinflußte, sondern vielmehr die Methode Heideggers, verborgene Schichten im Diskurs der Philosophie freizulegen. Darin Nietzsches Genealogie und Freuds Psychoanalyse nicht unähnlich.

Die Biographie Heideggers und sein Text sind zunächst zweierlei, es ist nicht ganz leicht, das eine im anderen auszumachen. Auch der mit Biographie durchsetzte Text bleibt ein Text, der für sich steht und sich von seinem „Urheber“ ablöst. Wenn Heidegger selbst völkisch-nationalistisch dachte, muß es sein Text deshalb ebenso sein? Dennoch bleibt in bezug auf Heideggers Texte jene Frage: Wieweit lassen sich darin antisemitische, rassistische, völkische Elemente ausmachen bzw. dekonstruktiv herauslesen – gleichsam als blinder Fleck des Heidegger-Textes? Die Analyse von Farías zumindest, erschien mir nicht hinreichend überzeugend, die Philosophie Heideggers insgesamt zu diskreditieren. Sie freilich so ganz und gar ohne den Blut-und-Boden-Hintergrund sowie das völkische Element zu lesen, fällt mir ebenfalls schwer. Von seinem Kunstwerkaufsatz angefangen, in dem er die erdschweren Bauernschuhe in jenem van Gogh-Bild betrachtete, über das Geraune Heideggers in seinen späteren Schriften nach der Kehre hin zu einer Philosophie des Seins ohne Daseinsanalyse – selbst wenn man dieses Schreiben nach der Kehre als eine Art von rhetorischem Mittel zum Zweck, als eine Form des dichterischen Denkens in Umkreisungen und Annäherungen liest.

Die ontisch-ontologische Differenz, daß Seinendes fälschlich als Sein gelesen wird sowie der Begriff der Geschichtlichkeit kommen bei Heidegger einerseits ganz gut ohne die konkrete Geschichte aus: Geschichtlichkeit verdünnt sich bei ihm zu einem Abstraktum, das sich auf die Welt der Griechen reduziert: Welt ohne Welt und dennoch schreibt Heidegger über Begriffe wie Angst, Furcht, Tod sowie unseren Umgang mit den Dingen und sogar mit der Zeit. Dennoch: die konkrete Geschichte wäre Heidegger sicherlich nur die ontische Verunreinigung des Seins durch Seiendes. Und trotzdem schleicht sich dieses Seiende als völkisches Gewese unaufhörlich als zweite Stimme ins Heideggersche Seinsgeschick ein. Das ontologisch Erste als Ursprung kann einerseits bei Heidegger in einer Art dekonstruktiven Gegen-Lektüre als Spaltung – eben als Ur-Sprung – gelesen werden, ebenso aber im Sinne eines Erdhaft-Völkischen: eminent faschistisch, boden- und schwarzwaldschollenbehaftet, sturmfest und erdverwachsen. Dennoch enthält die Philosophie Heideggers einen Kern, der nicht einfach aufs Völkische, auf den Faschismus der Nationalsozialisten sich zurechtstutzen läßt. Im Text von Heidegger existiert, nein wirkt ein eigentümliches Changieren.