„Fragment von Schwänzen“, eine Ausstellung von Larry Clark und Sexismus – The young ones and forever young

Das ist ein schöner Titel, aber es gehört dieses von Georg Christoph Lichtenberg geborgte Zitat bloß am Rande hierher. Ich benutze es, weil es zumindest im Hinblick auf jenes Substantiv im Plural gut paßt.

Im Zeit-Magazin Nr. 31 vom 26.7.2012 beklagt Elisabeth Raether unter der Überschrift „Bitte, bitte, bitte: Mehr Penis bitte“, daß es in den Medien, in den Magazinen, in der (Kunst-)Photographie kaum bis gar keine Schwänze zu sehen gibt. Der sexualisierte Blick richtet sich lediglich auf den Körper von Frauen, die in Photographie und Kunst regelmäßig dargeboten werden und so heißt es: „Weibliche Nacktheit ist der Normalfall – männliche hingegen nicht. Warum ist das so?“ Diese Kritik ist zwar berechtigt, greift aber in sozusagen sexualdiskurstheoretischer Hinsicht andererseits zu kurz, weil sich dieses Problem der Sexualsierung bzw. der sexualisierte Blick nicht nur auf die Schwanz/Muschi-Anzahl beschränkt. Dennoch: Wer die Museen, Galerien, Photoausstellungen durchkämmt, findet kaum männliche Akte – ausgenommen griechische Götter und Helden, die im Glanz erstrahlen, und vereinzelt nur spreizt sich oder posiert imposant ein irdischer Mann aus Fleisch und Blut. Eine Ausnahme, so Raether, bilden die Photographen Robert Mapplethorpe oder Herb Ritts: sie zeigen das männliche Glied prall und drall. Wesentlich jedoch, so kann man festhalten, fungieren Frauen in der Aktmalerei und -photographie als (über)sexualisierte Objekte: sei es im Modus einer verklärenden Anschauung wie holde Weiblichkeit für den Blick des Mannes sich zu präsentieren hat oder als verdeckte sexualisierte Vorlage, um nacktes Fleisch zeigen zu dürfen, wie auf zahlreichen Gemälden, die weibliche Wesen der antiken Mythologie präsentieren. Diese offenen und verdeckten Blicke des Sexuellen sind ein zwar interessantes Thema, ich will sie an dieser Stelle aber nicht weiter vertiefen.

Andererseits sehe ich diese Dinge marktwirtschaftlich: es existieren eben Angebot und Nachfrage. Männer scheinen da eher ein Bedürfnis nach bildlicher Darstellung zu haben als Frauen, ansonsten müßte das „Playgirl“ sich reißend absetzen, anstatt daß die Zeitschrift 2004 mangels Käuferinnen und Käufern eingestellt wurde. Aber die Analyse will sich dabei nicht beschränken, sondern sie blickt auf die Sexualität und deren Dispositive: Welche Mächte, Kräfte oder Mechanismen wirken zur Durchsetzung der Interessen sowie des Blicks? Welche (erotischen) Photographien wollen Frauen von Männern überhaupt sehen, wenn sie denn welche sehen wollen? Welche (erotischen) Photographien möchten Männer von Frauen betrachten und weshalb? Welche erotischen Bilder wollen Männer von Männern und Frauen von Frauen sich anschauen? Gibt es – in Analogie zum männlichen Geschlecht – wirklich so viele Muschigemälde und -photographien oder nicht doch vielmehr solche, wo der gesamte Körper der Frau und insbesondere das sekundäre Geschlechtsmerkmal der weiblichen Brüste ins Bild verdinglicht wird? („Sekundäre Geschlechtsmerkmale“ ist ein so wunderbares Wort, daß ich es gleich noch einmal schreibe. Es deckt sich mit meinem Faible für die Tatortphotographie.)

Ja, man kann diese Debatte vielfältig hin und her drehen. Dabei interessieren mich weder die moralischen, noch die normativen Aspekte in dem Sinne von: was geht und was geht nicht? Als Tatsache aber, an der sich nichts beschönigen läßt, bleibt dies: es gibt mehr Akte von Frauen als von Männern. Auch ich selber würde eher Frauen als Männer photographieren. (Und die Aktbilder, welche in der Studentenzeit, als ich jung, süß und schmal ausschaute, eine junge Frau von mir machte, wollen wir hier im Blog nicht zeigen. Naturgemäß – um in Th. Bernhards Worten zu schreiben.)

Diese Beobachtungen zum Schwanz korrespondieren ein wenig mit Bildern, die ich vor einiger Zeit im c/o Berlin sah. Dort läuft noch bis zum 12.8. eine Ausstellung, die Photographien bzw. Collagen von Larry Clark präsentiert. (Es sind auch drei Videos zu sehen, die ich mir aber nicht anschaute.) Clark photographiert die andere Seite des American Way of Life samt seiner Jugendkultur, die nicht der geschönten Welt der Prospekte oder der Magazine entspringt. Der Rock ’n’ Roll durchrauscht diese Welt der Jugend nicht nur gefällig und wohltemperiert – ausgleichend und ablenkend von den Tücken des Alltags wie in einer Welt von Peter Kraus, Cliff Richard oder den Everly Brothers –, sondern es zeigen sich die wilden, gleichsam die dionysisch-destruktiven Seiten einer Kultur der Befreiung, die zugleich den Mechanismen kulturindustrieller Steuerung und der Regulierung durch die Märkte unterliegt – diese doppelte Seite des Phänomens Pop. Es ist die Welt des Sexus, der Drogen, der Härte, aber auch die dünne Haut, das Unfertige und Sensible, das trotz der teils bitteren Umstände in manchem Gesicht aufscheint, so wie Jonathan Velasquez in der Serie „Los Angeles“ aus den 00er Jahren. Küssende, sich liebende, kopulierende, mit Waffen hantierende Jugendliche, Männer, Stricher posieren und präsentieren sich vor Clarks Kamera. Clark gelangt dicht ans Geschehen heran. Junge Männer und Frauen schmiegen sich in intimen Posen ineinander, kopulieren, petten: „The young ones“! Und natürlich zu diesen Jungs dazugehörend: Schwänze in Halb- und Vollerektion. Beim Schwanz/Muschi-Zählvergleich will es mir scheinen, daß es mehr Bilder von Männern als von Frauen gibt. Was mich jedoch sehr an einigen der Photographien erfreut: es gibt Frauen mit Schambehaarung zu sehen. Diesen Anblick hat ein Mann heute sehr selten. Mir ist es ein Rätsel, weshalb Männer eine Frau wollen, die im Bereich des Unteren wie eine Zehnjährige ausschaut. Ach, wie schön waren die 90er Jahre. Nur so am Rande.

Clark zeigt ungeschminkt und ungeschönt, teils in schwarz/weiß, wie in seiner Serie „Tulsa“, die Drogen- oder Jugendszene seiner Heimatstadt (eben Tulsa) ab den frühen 60er Jahren. Erstaunlich an diesen Photographien ist die Drastik, ohne daß irgend etwas an diesen Bildern zu stark aufgetragen, inszeniert oder überästhetisiert wirkt – diese Photographien bilden Dokumente des Sozialen. Insbesondere geschieht dies vermittels ihrer Todessymbolik: Waffe und Spritze. Aber diese Objekte verweisen auf mehr als nur das bloß Faktische. Es offenbart sich eine destruktive Gesellschaft. Was bei Nan Goldin bereits in die ästhetische Überhöhung und den Drogen- sowie Junkie-Schick hineinfällt, deckt sich in Clarks Photographien noch nicht mit dem inszenatorischen Moment zu, sondern die Bilder lichten eine Szene ab: Neutral, unberührt und gerade deshalb fallen diese Bilder umso härter und brutaler aus. Und das passiert insbesondere dann, wenn man auf der Zeitachse die historischen Ereignisse mitdenkt, die diesen Photographien korrespondieren.

Nan Goldins Photographien, die ebenfalls vor einige Zeit im c/o Berlin gezeigt wurden, sind brillant und gelungen, aber auf eine ganz andere Art als Clarks direkte Photos. Goldins Photos repräsentieren bereits jenen kühl-inszenierten Magazin-Zeitgeist der 90er Jahre – freilich auf die geglückte Weise. Die Ästhetik des Post-Rock ’n’ Roll ist Goldins Bildern eingeschrieben. Und alle, die in den 80ern auf der Piste in den einschlägigen Clubs, Schuppen und Kaschemmen unterwegs waren, wissen um dieses heimelig-wohlige Gruseln des Junkie-Schicks: dessen, was wir zwar in letzter Konsequenz nicht machen wollten, das aber zugleich reizte und einen eigentümlichen Zauber ausübte: „I‘m Waiting for the Man“. Das Spiel mit dem Tödlichen ohne die Erfahrung des Todes: Denn wer wollte in jener ungeschminkten Realität schon gerne Sid Vicious sein? In „Tulsa“ spielt Clark nicht mit der Ästhetik des Abgefuckten und jener Faszination für das Abseitige und Exzessive, das bis zur Selbstaufgabe sich steigert, sondern die Photographien schildern ohne Zierat, und lakonisch halten sie das fest, was der Fall ist. Nan Goldin und Wolfgang Tillmans dürften stark von den Bildern Clarks geprägt sein.

Die These, daß jede Photographie ein Voyeurismus sei und indiskret eindringt, läßt sich nicht von der Hand weisen. Und doch: dieser Voyeurismus gerade macht den Reiz der Photographie aus.

Portraithafter werden die Photoarbeiten Clarks dann ab den 80er Jahren, so wie in jener Photo-Dokumentation von Jonathan Velasquez, einem jugendlichen Skater in Los Angeles samt seiner Clique: Post-Post Punk im Jahre 2003. Clarks Bilder betonen hier sehr viel mehr das Portrait eines jungen Mannes, jedoch im Medium des Serielle einer vorgefertigten Welt, die das Widerständische des Punk nur noch im Anklang ahnen läßt. Mittelpunkt der Photographien ist eine Person. Die Kamera zoomt auf das Gesicht von Velasquez, es wirkt wie ein shoulder close-up und doch fallen viele der Bilder in die amerikanische Einstellung (Medium Shot) hinein. Clark faßt den Ausdruck des Gesichtes derart intensiv ein, löst im entscheidenden Moment aus, daß es wie eine Nahaufnahme wirkt. Die Portraits von Jonathan Velasquez üben einen Sog aus.

Zum Abschluß bringe ich noch einen Hinweis zum Thema Sexismus bzw. zu dem Ausstellungsplakat: Leider haben die Kuratoren der Ausstellung vom c/o Berlin, oder wer auch immer für das Konzept verantwortlich zeichnet, ein sehr reißerisches und eindimensionales Plakat gewählt, das auf den bloßen Effekt von Erotik als Werbeträger setzte. Das Plakat am c/o Berlin wurde deshalb mit Farbbeuteln beworfen.

Ich will hier weniger über die Darstellung des weiblichen Körpers (in der Photographie) sowie über den Aspekt des Sexistischen in der Darstellung schreiben (darüber ließe sich lange und trefflich streiten), sondern vielmehr über diese Weise der Werbeinszenierung. Denn jenes Photo ist aus einem Zusammenhang herausgerissen und Bestandteil einer Collage von Clark mit dem Titel „I want a baby before u die“ (2010).

Eine Vielzahl von Photographien, Zeitungsausschnitten und teils auch von Gegenständen werden dort tableauartig und, wie es zunächst scheint, assoziativ ausgebreitet. Das zum Ausstellungsplakat erhobene Photo ist lediglich ein Teil dieser Anordnung. Es ist schade, daß ein Bild auf diese Weise aus dem Kontext gerissen wurde, um auf der Ebene purer sexueller Unmittelbarkeit auf die Wirkung sowie auf die Besucher zu schielen. So gerät die Angelegenheit eindimensional, während jenes Collage-Tableau „I want a baby before u die“ mit vielfältigen Bezügen spielt. Dieses Plakat wird weder Clark noch dem Ort c/o Berlin, der großartige Ausstellungen zur Photographie macht, gerecht. Ich meine, es gäbe in der Sammlung von Photographien geeignetere und auch instruktivere Bilder Clarks. Der junge Mann mit dem Revolver wäre sicherlich auch plakativ, doch spiegelte dieses Bild zugleich das Wesen der Photographie wider. Schuß und Gegenschuß

Zumal diese verwendete Plakat-Photographie für sich genommen viel zu glatt wirkt und insofern der Bild-Ästhetik Clarks entgegensteht. Insbesondere Clarks Collagen erweitern das Feld herkömmlicher Photographie und weisen über das bloße Abbild hinaus.