Fescher Feminist im Trachtenkleid und katholisches Muttertier – Don Alphonso und Birgit Kelle in Berlin

Aha, Don Alphonso und Birgit Kelle zusammen auf einer Podiumsdiskussion. Die Karten waren schnell abverkauft, gut also, daß ich bereits am ersten Weihnachtstag, als Kelle den Termin twitterte, mir online was ergatterte. Bei dem despektierlich klingenden Beitragstitel, soviel sei zur Beruhigung gesagt, handelt es sich übrigens um eine, im Fall Kelles ironische Selbstbeschreibung der beiden Kolumnisten – Don Alphonso seit 9 Jahren als legendärer FAZ-Blogger, fesch in Tracht oder Anzug, gedient unter Frank Schirrmacher, und Kelle als Welt- und Buch-Autorin: Gendergaga ist ein zwar verkürzter, aber sehr treffender Buchtitel für den Unsinn, den wir teils im Netzfeminismus erleben: daß ein verrutscher Abend oder eine Bemerkung übers Aussehen etwas anderes sind als sexuelle Übergriffe und sogar Straftaten scheint vielen mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr. Und  das entwertet dann eben auch, im Unkehrschluß, den sexuellen Übergriff – der in Kelles Worten übrigens unabdingbar sanktioniert gehört. Bei diesen Debatten sind manchen inzwischen gehörig sämtliche Koordinaten durcheinandergerüttelt.

Da es am Ende des Abends auch Sekt geben sollte und ich das Auto nicht mit Alkohol fahre, beschloß ich etwas Unübliches zu machen, nämlich abenteuerlustig mit der BVG anzureisen, zumal der Veranstaltungsort nicht weit von meinem Zuhause entfernt liegt. Ich bin lange nicht mehr in Berlin abends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Und mein Eindruck war nicht der beste. Bereits auf der Hinfahrt zum Kino an der Hardenbergstraße bestätigt sich das, was Don Alphonso übers Reichshauptstadtslum, wie er Berlin leicht despektierlich nennt, schreibt. Roh, häßlich, dreckig. Und eine Vielzahl Armer, Obdachloser, am Bahnhof Schloßstraße ein Heerlager der Armen, die dort campieren. Soziales Elend, frei flottierend. Traurig und erschreckend zugleich für eine Stadt. Man könnte an Baudelaire-Szenen denken, jener Bettler, der geschlagen wurde, eine Szene, die Simon Strauß übrigens in Sieben Nächte aufgreift. Eine Stadt, die einerseits wild und frei sich gibt und giert – das ist meine wohlwollende Interpretation –, andererseits ein Ruin und Ruine.  Je nachdem für welchen Charme man sich entscheidet. Der Don greift solche Aspekete regelmäßig auf. An diesen Stellen ist Armut keineswegs sexy. Und wenn die Stadt nicht  zu tun gewillt ist, so wäre es gut, wenn Bürgersinn sich ausbildete. Den gibt es aber in Berlin nicht. (Fußnote dazu siehen unten)

Aber was brachte der Abend im Saal? Auf dem Podium saß eine recht homogene Gruppe, so kam Disput leider kaum zustande. Den Advocatus diaboli spielte die Moderatorin Rebecca Schönenbach, aber eher halbherzig. Eine junge und bekannte Feministin aus Berlin, die eigentlich den Gegenpart geben und damit eben für die wichtige Diskussion sorgen sollte, hatte abgesagt. In der Gated Community der Berliner Feminstinnenriege, mit zahlungskräftiger Böll-Stiftung im Hintergrund, dürfte es publizistisch den Todesstoß bedeuten, mit Don Alphonso und Birgit Kelle zusammen aufzutreten. Und diese Gleichschaltung im Milieu, bei Binnenabweichung um ein Minimales allerhöchstens, ist ein grundsätzliches Problem dieser Szene. Wie auch im Journalismus einer bestimmten Couleur. Es gibt dann bei bestimmten Zeitungen ganz einfach keinen Schreibplatz mehr. Und wer mit dieser Arbeit sein Geld verdienen muß, der hält halt den Rand, wenn er im grün-roten Milieu nicht Persona non grata sein will und wenn er nicht bei Sezession oder JF schreiben mag. Insofern gibt es, so Don Alphonso, den traurigen Sachzwang, die Füße still zu halten, und kaum ein 25-Jähriger habe, verständlicherweise, so der Don, die Kraft, solche Konflikte auf Dauer durchzustehen. Für ein liberales, für ein bürgerlich-konservatives Milieu ist in diesen Gefilden kaum Platz, so ließe sich die Position sowohl von Kelle wie auch von Don Alphonso zusammenfassen. Einschüchterungen und rigide Szenemoral geben den Ton an.

Wie sehr Vorurteile und der Medienrant einschlägiger Twitterfeminstinnen unser Bild von einem Menschen prägen können, zeigt sich an dem Phänomen Birgit Kelle. Ich erwartete eine Reaktionärin, nahe beim Rechtsradikalen gesiedelt, und bekam eine liberal-konservative, aber wehrhafte Frau geboten, die sich stolz zu ihrem Katholizismus bekannte. Anhand solcher Meinungsmache wie man sie von Wizorek und Konsorten kennt, kann man gut sehen, wie in einer Gesellschaft Trugbilder geprägt werden. Nein, das Kopftuch sei kein Problem, sagte Kelle, wieso auch? Jede Frau müsse das selbst entscheiden, das sei so in einer liberalen Gesellschaft. Aber es müsse genauso das Recht geschützt werden, daß Mädchen es nicht tragen. An Schulen und Unis ist es also beim Lehrpersonal zu verbannen. Es habe ein striktes Neutralitätsgesetz zu gelten. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber nicht im rotrotgrünen Berlin.

Klare Ansage, klare Kante bei Kelle, wie auch sonst bei anderen Themen wie Kriminalität bei Flüchtlingen, die nun einmal da ist. Wenn wir die Probleme, die es mit einigen Flüchtlingen (nicht mit allen, das betonte Kelle ausdrücklich) gibt, nicht benennen, wenn wir so tun, als sei das alles gar nicht das Problem und nur die Idee von Nazis, werden wir weiter den rechten Rand stärken. Auf den Punkt gesagt. Auffällig wenig freilich war Köln das Thema, wie der Titel eigentlich ankündigte: „Zwei Jahre nach Köln: #metoo statt Freiheit für Frauen?“ Das war aber auch gar nicht nötig: Kelle brachte es klar, knapp und deutlich auf den Punkt: es kann nicht angehen, daß in Deutschland Frauen sich Strategien überlegen, welche Wege sie abends meiden, daß Frauen in bestimmten Gegenden Angst haben oder abends in Berlin bestimmte U-Bahnlinien meiden, daß sie anfangen Selbstverteidigungskurse zu belegen, anstatt daß man es umgekehrt macht, nämlich Straftäter radikal zu sanktionieren. Und ich füge hinzu, Kelle sprach nicht davon: sie nach rechtskräftigem Urteil unmittelbar in ihre Heimatländer abzuschieben. Strenge spricht sich herum und klare Regeln sind allemal besser als halbherziges Durchwurschteln.

Instruktiv waren auch die Berichte Don Alphonsos vom Tegernsee und aus Ingolstadt. Teils erschreckend, wenn er vom Aufmarsch Grauer Wölfe berichtet und wie eine Minderzahl von Islamisten in einem Flüchtlingslager den Ramadan mit Prügel durchsetzt. Genauso aber schilderte er, wie in Bayern Integration funktioniert und wie man sie umsetzt. Wer paßt und sich an Regeln hält, bleibt im Ort, und wer Schwierigkeiten macht, Drogen vertickt, grabscht oder anderes Verhaltensauffälliges bewirkt, so merkte der Don süffisant an, wird in den Norden expediert. Kelle ergänzte sachkundig: Wenn falsche Angaben, die Flüchtlinge machen, nicht sanktioniert werden, wie bei jedem anderen Bürger auch, der auf dem Paßamt Unwahrheiten erzählt, so tritt man damit eine unheilvolle Lawine los. Es spricht sich solches nämlich herum. Sollte selbstverständlich sein, ist es leider nicht.

Ebenfalls einleuchtend Kelles Kritik an einem bestimmten linken Milieu, das solche Äußerungen reflexhaft als rechtsradikal labelt. Nach der Sicht dieser Leute müsse dieses Land voll von Nazis sein, so Kelle. Erfrischende und gute Worte. Sätze, die die meisten in diesem Land denken, wenn ich mich umhöre. Die aber selten in Zeitungen stehen. Denn man will ja nichts Falsches schüren. In diesen Kontext paßte auch die Zwischenbemerkung einer Lehrerin, der man ihre Erschütterung ehrlich anmerkte: Daß sie im Kollegium Probleme benenne, die es in bestimmten Klassen gäbe, daß aber regelmäßig abgewiegelt werde und sie von eigenen Kollegen schon als AfD-Nazi beschimpft worden wäre. Solche Episoden kennt vermutlich jeder.

Auch zum Islam in Deutschland hat Kelle eine bedenkenswerte Position: Die These ist falsch, wenn manche behaupten, daß der Islam zu Deutschland gehöre. Vielmehr muß es die Frage sein, ob der Islam zu Deutschland gehören will. Und diese Frage können nur die Muslime selbst klären, niemand sonst. Eine nachgerade aufklärerische Position und eine in den Fragen des Islams tolerante, bekennende Katholikin zudem.

Und auch Don Alphonso erleben wir als besonnenen Gesprächspartner. Die Polemik in seinen Texten müssen wir unterm rhetorischen Aspekt sehen: Debatten zu beleben, zu provozieren und eine Position zuspitzen. Am Dissens arbeiten und Dissens aushalten, so Don Alphonso auf dem Podium, sei doch eigentlich das Geschäft des Kolumnisten und vor allem auch das Wesen einer Demokratie: eine Kultur des Streits zu etablieren und nicht des Gemaules und der Nazi- und Sexismusbezichtungen, wo keine Nazis und Sexisten sind. Symptomatisch zeigte sich dieses Abwägende und bei aller Polemik durchaus Sachliche bei einem Redebeitrag aus dem Publikum. Ein (Krankenhaus)Arzt berichtete von harten Übergriffen im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde, die er zu behandeln hatte, und zwar wiederholt. Frauen, die Opfer männlicher Gewalt waren, Mädchen, die schwere Schnittverletzungen im Genitalbereich aufwiesen, mutmaßlich auch von Flaschen, eine Polizei, die kaum Lust hatte, sich auf längere Zeit mit den Zuständen in diesem Lager zu befassen – Agambens Sentenz zum Lager als Nomos der Erde kommt einem in den Sinn. In den Zeitungen lese man von diesen Dingen nichts, so der Arzt. Ob’s stimmt, weiß ich nicht, man muß solche Berichte mit Vorsicht genießen, man muß sie prüfen. (Daß ein Matthias Meisner vom Tagesspiegel darüber nicht schreibt, verwundert allerdings weniger.)

Don Alphonso reagierte gelassen. Manchmal, so der Don, sei es sinnvoll, nicht jedes Ereignis in Zeitungen in extenso auszuwalzen, weil das eine Stimmung schüre, die für eine Demokratie, für eine Gesellschaft nicht vorteilhaft sei. Und genau an diesem Punkt merken wir den linken Don, den Profi-Journalisten, von denen man sich viele mehr wünscht, den Springer-Kritiker, jenes Denken, das reißerischen BILD-Journalismus verabscheut, aber keineswegs die Kraussche Polemik und den harten Ton scheut. Don Alphonso fürchtet sich nicht anzuecken. Und genau dieser Mut sollte Ethos eines guten Journalisten sein. So dicht bei der Wahrheit wie möglich, also wenig Bild- und B.Z.-Journalismus. Vor allem aber am guten Glauben zu kratzen, am Glauben all derer, die mit dem Heilsversprechen und dem Universalschlüssel auftreten. Ob das nun Marx, Freud, Adorno, Butler oder Feminismus ist. Aufklärung heißt Kritik. Das konnte man an diesem gelungenen, wenn auch ein wenig zu homogenen Abend gut sehen. Linke Gewißheiten in Frage zu stellen, ohne sogleich rechtsaußen auszurutschen.

_______________________

Fußnote: Daß Berlin niemals ein ausgeprägtes Bürgertum und überhaupt Bürgersinn entwickeln konnte, wie etwa Hamburg oder München, mit Bürgern, die etwas für ihre Stadt tun, mag in der Geschichte dieser Stadt liegen. Nach dem zweiten Weltkrieg zerrissen und die Industrie samt den Wohlhabenden flüchtete, und eigentlich flohen sie schon vor dem doch frühzeitig beendeten Endsieg – um nämlich den Bombardements zu entkommen und mit der Industrie gingen auch die Bürger. Sie kamen nicht wieder zurück. Bis heute. Und deshalb sieht diese Stadt genau so aus, wie sie aussieht, deshalb ist sie verwahrlost, deshalb gibt es Ecken, wo ich abends nicht gerne spaziere. Deshalb gibt es Orte wie den Görlitzer Park. Es fühlt sich keiner und niemand zuständig. Und es hat auch nicht den Anschein, daß sich dies ändert, schon gar nicht unter einem rot-rot-grünen Senat, für den die Polizei der innere Feind ist. Die Polizei hat lange schon resigniert, so der Don auf dem Podium: aus einschlägigen Polizeikreisen hört man nichts Gutes, es grollt.

 

„Die letzte Schlacht gewinnen wir“

Aber nicht mit Gender-Gap, Profx, mit gesinnungsschnüffelndem Antirassismus, der nach Mohrenlampen fahndet, um sich dann medial gekonnt selber zu inszenieren, nicht mit den Nebenschauplätzen, auf denen sich ein großer Teil dessen, was sich links nennt, tummelt und sich selber entweder im Zerknirschungsdiskurs oder in der Gesinnungsüberprüfung zerfleischt. Nicht dadurch, indem man jeder kritischen Stimme, die einem nicht in den Kram paßt, die Nazikeule reinsemmelt, nicht dadurch, daß man Diskussion und Meinungsfreiheit abwürgt und im Schröderschen Basta ruft: homophob, Nazi usw., damit man bequem den anderen mit einer Identitätsmarke versehen kann. (Ein Reflex nebenbei, den man natürlich regelmäßig bei der andern Seite kritisiert.) In solchen Reaktionen und Zuschreibungen zeigt sich wieder einmal gut der deutsche Kleingeistmichel, der es über einen dualen Schematismus nicht hinausbringt. Wer tatsächlich meint, daß es sinnvoll sei, einem Leipziger Soziologen das Wort abzuschneiden, der sich forschend dem Phänomen „Pegida“ nähert, indem er diese Menschen als Sozialwissenschaftler befragt, der hat eigentlich nicht viel begriffen. Die letzte Schlacht werdet Ihr auf diese Weise ganz sicher nicht gewinnen. Da könnt Ihr als Relikt noch so viel „Ton Steine Scherben“ hören. Und Eure Kreuzberger, Dresdener Neustadt und Schanzenviertel-Blasenwelten tragen ihr übriges bei.

Einen schönen Text mit dem Titel „Gewissensprüfung“ brachte Don Alphonso auf seinem Blog „Rebellen ohne Markt“. Und zwar geht es da um die sehr simple Frage: „Bin ich noch links?“ Die müssen sich heute viele Stellen lassen, die nicht bereit sind, sich dem schlichten Dualismus zu beugen und die es vorziehen, selber sich Gedanken zu machen, Ideen zu entwickeln, anstatt Slogans nachzuplappern, die man mit 20 oder 25 noch entschuldigen kann, die aber für Menschen so ab Ü 30 nicht mehr angemessen mir scheinen. Manche jedoch haben ihre regressive Phase niemals überwunden. Es ist die in der Tat komplexe Lebenswelt zwar einfacher zu handhaben, wenn man sie einteilt: die mit der richtigen und korrekten Gesinnung und die anderen mit der falschen. Es schadet jedoch der Analyse von Phänomenen und der denkenden Betrachtung. Bei jener Frage, was denn noch links sei, erteilt der Don einige sehr interessante und teils unkonventionelle Antworten. Lesenswert.

Zu Migration/Integration schreibt Don Alphonso:

„Ich bin für praktikable Lösungen, die allen Seiten gerecht werden und wenigstens von einer qualifizierten Minderheit in Deutschland auch getragen werden, die dann aber auch für die Integration Verantwortung übernimmt, und nicht nur nach dem Fest der Kulturen in die Hecke kotzt. Und für eine ehrliche Debatte über das Asylrecht, bevor es Mehrheiten gibt, die mit Grundgesetzänderungen heran gehen.“

So ist es. Allerdings bin ich kein Vegetarier, und ich halte ebenso wenig vom Tempolimit. Was das entspannte Fahren betrifft, stimmen die Einschätzungen Don Alphonsos allerdings, was ich auf französischen Autobahnen gut beobachten konnte. Ein insgesamt lesenswerter Text von Don Alphonso.
 
15_05_29_LX_7_1758
 
 
15_05_29_LX_7_1673
 

__________________

Zu melden bleibt weiterhin, und dies stimmt mich in der Tat traurig, daß der Chansonnier, Sänger, Liedermacher und Anti-AKW-Aktivist Walter Mossmann am 29.5. in Freiburg im Breisgau starb. Es ist dies zwar nicht unbedingt meine Musik gewesen, aber diese Linken damals, die schissen sich nicht ins Hemd wie ein Großteil der heutigen – von den schwachmatischen Netzfeministinnen bis hin zu den Rassismusschnüfflern. Sie waren radikal. Mossmann wirkte im Kampf und er prägte den Kampf gegen die Atom-Mafia in der BRD der 70er und 80er Jahre. Nun fliegt der Lebensvogel für Mossmann nicht mehr.

Ingeborg Bachmann-Preis 2015. Oder „der Aufstand der Anständigen“ und was das mit Literatur zu tun hat

Der diesjährige Bachmannlesemarathon bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ (kurz: TDDL, was ein wenig wie GNTM oder DSDS klingt) dürfte interessant sich gestalten. Am 28.5. wurden die Autorinnen und Autoren genannt, die zu den Lesungen eingeladen werden. Zum Beispiel Teresa Präauer aus Wien, die bereits für den Leipziger Buchpreis nominiert war. Ihr Roman harrt noch, um von mir gelesen zu werden. Ansonsten, wenn ich mir die Liste anschaue, bemerke ich, daß dort ein hoher Frauenanteil herrscht. Für diejenigen, die Literatur primär nach Quotierungen bemessen, dürfte dies ein Grund zur Freude darstellen. Auch mich freut die Auswahl, wenngleich mir ansonsten das Geschlecht von Autorinnen und Autoren prinzipiell egal ist, solange ich sie lese und ich es nicht über oder unter mir habe. Da interessiert es mich dann schon. Und wie es im Leben so ist: Auswahlen und Literaturpreise sind selektiv. Alle zufriedenzustellen, wird niemals gelingen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ deklamiert der Theaterdirektor im Vorspiel des „Faust“: „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,//Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.//Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;//Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ In der Literatur ist dies nicht so, da gelten andere Regeln und Gesetze.

Manchmal jedoch zählen nicht nur binnenliterarische Kriterien, sondern es kommt die Gesinnung bzw. die politisch unliebsame Haltung von Autoren ins Spiel. Vor zwei Tagen gab es einen Aufschrei bzw. Protest gegen eine der Kandidatinnen: Zur Lesung geladen wurde nämlich auch Ronja von Rönne. Diese veröffentlichte in der „Welt“ mehrere kontrovers diskutierte Artikel, unter anderem ein Manifest gegen den Feminismus: „Warum mich der Feminismus anekelt“.

Der Artikel ist dumm und oberflächlich, er blendet vielfach aus, vereinfacht, reduziert und ist vom begrenzten Blickwinkel einer eher hilflosen Subjektivität geschrieben, die der Spätadoleszenz geschuldet sein mag. Was von Rönne jedoch zum Netzfeminismus schreibt, tut weh. Und trifft zuweilen und in der Übersteigerung doch genau. Wie es immer so bei Texten ist, auch bei schlechteren, es findet sich einen Quäntchen Wahrheit darin:

„Die Alternative zum senilen Birkenstock-Feminismus findet sich im Internet, der sogenannte Netzfeminismus, die etwas gestörte Tochter des traditionellen Feminismus. Sie leidet unter der Übermutter und kämpft verstörend inhaltsleer um Klicks und Unterstriche in der deutschen Sprache. ‚Das stimmt überhaupt nicht!‘, mischt sich der Netzfeminismus ein. ‚Im Gegensatz zu meiner uncoolen Waldorfmutter bin ich total trendy und nerdy. Hashtag nerdy!‘ Die Sternchen am deutschen Netzfeminismushimmel sind junge Menschen, die Katzen-Memes, politische Korrektheit und ‚niedliche Dinge stricken‘ zu ihren Interessen zählen. ‚Hihi‘, kichert der Netzfeminismus, ‚wir sind voll ironisch!‘ Ich möchte lieber keine Feministin sein. Inhalte hat der neue Feminismus abgeschüttelt, die Latzhosen in den Altkleidercontainer geworfen, sich einen Twitteraccount angeschafft. Frauenrechte sind zur Performance geworden, Entrüstung zu Hashtags. Deutsche Ableger der Femen zeigen Brüste, der Kampf um Aufmerksamkeit ist hart, wenn die Dringlichkeit nicht für sich spricht.“

 Die Inferiorität des Infantilen, der sich in diesem Feminismus oft äußert, ist leider nicht ganz zu leugnen. Und die Absurdität des Gender-Gaps nicht ganz von der Hand zu weisen. Dennoch: Die Vermutung, daß Feminismus notwendig war und immer noch notwendig ist, scheint mir ebensowenig abwegig. (Die Frage ist nur, wie das ausschaut.) Es nimmt aber die Gemeinde schnell übel und vergißt nicht. Fein war es nicht, was Rönne schrieb. Lustig aber doch, wenngleich naiv-provokant. Man kann über solche Texte lachen, streiten, sich ärgern, sofern man sie für relevant hält. Das ganze nennt sich öffentlicher Diskurs. Man muß Rönnes Meinung zum Feminismus nicht teilen, man kann darüber debattieren. Das ist Aufgabe der Öffentlichkeit. Man darf und soll das sogar in einer polemischen Weisen schreiben wie Andreas Kemper im „Freitag“. Der Artikel ist ad hominem gemacht und böse, aber das wird Rönne aushalten, denn auch sie schrieb böse, provokant und ad hominem.

Als Rönne dann sechs Wochen später zum Lesewettbewerb der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt eingeladen wurde, kamen die Reaktion und die Bösartigkeit prompt. Ein wenig wartete man noch, im Frontkampf der Lager, dann kam das da, um jemandem, der unliebsam ist, per Andeutung die faschistische Gesinnung zur Seite zu stellen:

15_05_30_Twitter_1

Don Alphonso machte zunächst auf Twitter, dann über seinen FAZ-Blog auf diesen Vorgang aufmerksam. (Er mag eigene Gründe haben, und es wird dies nicht nur dem Altruismus des Don geschuldet sein. Dafür daß er solche Phänomene wie Rufschädigung, Denunziation sowie mediale Hetzjagden benennt, muß man ihm danken.) Die Methode Krauses jedoch ist, egal wie man es nimmt, traurig und beschämend: Klar, NPD und „Ring nationaler Frauen“ geht immer gut. Da braucht man nicht selber Faschistenschwein zu sagen. Anne-Mareike Krause, die diese Zeilen twitterte, ist Journalistin. Sie sollte eigentlich, wenn sie ihr Handwerk denn beherrschte, wissen, wie Medien funktionieren. Wenn Krause für irgendeine These Zustimmung von der DKP oder vom „Traditionsverband Nationale Volksarmee“ erhielte, dann wäre es genauso unredlich, hier eine Nähe und einen Bezug herzustellen, sie gar für die Mauertoten und für die Diktatur der DDR verantwortlich zu machen oder dies zumindest anzudeuten. Eine Autorin wie auch die Veranstalter des Wettbewerbs in die Nähe von Rechtsradikalen und Faschisten zu stellen oder zumindest Kausalitäten zu insinuieren, weil Frau Krause die politische Haltung Rönnes nicht behagt, ist schlicht bösartig zu nennen. Ob es nun Zufall ist oder nicht, von wem Rönne gefeiert wird, die Mechanismen, die dann einsetzen, sind immer wieder die gleichen. Es werden daraus Bezüge abgeleitet und Analogieschlüsse getätigt, die in polemischer Absicht erfolgen, um jemanden schwer zu beschädigen.

Medialer Zirkus geht so: Gerhard Schröder inszenierte im Jahre 2000 den „Aufstand der Anständigen“, um dann im Schatten des gemütlich zelebrierten SPD-Antifaschismus um so ungemütlicher Hartz I–IV durchzubringen. Hinter solchen Aufschrei-Aktionen stecken leider allzu häufig bloß die eigenen Interessen, und es wird auf den Feuern ein je eigenes Süppchen gekocht. Es wäre irgendwann einmal nachzudenken über die Inszenierungen von medialen Ereignissen und was eigentlich Medien wie Twitter mit und aus Subjekten machen. Dummheit geht schnell, ist stracks ins Netz gestellt.

Ist von Rönne Mitglied der NPD? Schreibt sie für die NPD oder die Junge Freiheit? Solidarisiert sie sich an irgendeiner Stelle mit diesen Positionen? Nein.

Diese Art und Weise der Denunziation jedoch, eine scheinbar rechtsradikale Haltung durch erzeugte Korrespondenzen zwar nicht direkt auszudrücken, aber denn doch qua Verdacht nahezulegen, wie dies Anne-Mareike Krause betreibt, scheint mittlerweile, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner Methode zu haben. Ob das nun der Umgang mit jene Ratgeberin beim Westphalenblatt ist, die dort inzwischen entlassen wurde, über die Rönne ebenfalls schrieb – einen guten Artikel zudem – oder andere Fälle, in denen per Andeutung jemandem etwas zugedichtet und in Äußerungen hineininterpretiert wird.

Anna-Mareike Krause arbeitet auch für den NDR. Über Diskussionen im Netz, wo es um „zensieren oder zulassen“ geht, heißt es auf der Website des NDR:

„Er [Redaktionsleiter Marcus Bensemann] hat die Meinung vertreten: ‚Der User ist unser Gesprächspartner‘ und forderte größtmögliche Freiheit beim Kommentieren. Anders sah das die Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de Anna-Mareike Krause. Sie sagte: ‚Kommentarbereiche brauchen Regeln.‘“

Tja, da sollte man vielleicht Anne-Mareike Krauses Twitter-Profil abschalten? Polemisch gesagt: diejenigen, die immer dann für die Freiheit des Wortes plädieren, wenn es um ihr eigenes geht, sind schnell mit der Keule zur Hand und schreien „Verbot, Verbot“, wenn die Meinung konträr wird.

All diese Aspekte des Politischen und des öffentlichen Diskurses zu diesem oder zu jenem Thema sind aber gar nicht das Thema. Es geht in diesem Zusammenhang und bei Ronja von Rönne vielmehr um Literatur, um einen von Rönne eingereichten literarischen Text, der von der Jury des Bachmann-Lesewettbewerbs angenommen wurde. Und so lud man Rönne ein. Aus genau diesem Grund: weil da ein Text ist, der von der Jury für würdig befunden wurde, vorgetragen zu werden. Nicht wegen ihrer kruden Thesen in der Welt oder in ihrem Blog. Frau Krause scheint den Unterschied zwischen einem literarischen und einem journalistischen Text nicht zu kennen. Textgattungen auseinanderzuhalten ist auch nicht leicht. Für eine Frau, die für die ARD und die Tagesschau arbeitet, ist dies jedoch ein trauriges Zeugnis. Vielleicht sollte die ARD einmal überdenken, mit wem sie so zusammenarbeitet.

Wenn mich die NPD oder die „Junge Freiheit“ oder sonst welche, mit denen ich nichts zu tun habe, von der falschen Seite her loben, so kann ich dagegen nichts ausrichten. Davor ist niemand gefeit. Die Unabhängigkeit des Denkens jedoch, und zwar jenseits jeglicher Kollektivierung und jeglichen Gruppenzwanges, werde ich mir weiterhin bewahren. Das zumindest könnten auch die Netzfeministinnen und andere von der Philosophie des Theodor W. Adorno lernen. Dieser wußte gut, weshalb er sich nicht von der sogenannten Studentenbewegung vereinnahmen ließ.

Ronja von Rönne hat inzwischen ihren Blog „Sudelhefte“ geschlossen. Über Twitter erhielt sie eine Morddrohungen.

Ich muß Ronja von Rönnes Thesen und Texte nicht mögen und nicht schätzen. Aufgabe einer kritischen und linken Öffentlichkeit soll und muß es jedoch sein, solche Vorgänge sichtbar zu machen und als das zu bezeichnen was sie sind: Schäbig und widerlich.