Zwischen Terror und Judenhaß: documenta 15, „antiimperialistischer“ Kampf und ein frei flottierender Antisemitismus

Wir stellen uns vor: Es gäbe eine Kunstausstellung, eine der weltweit bedeutendsten, ja, sie findet in Deutschland statt, und da träte eine Gruppe auf, ein Kollektiv, wie es so schön heißt, und dieses Kollektiv brächte folgende Ankündigung für einen Filmabend:

„Für die documenta fifteen hat Subversive Film ein Filmprogramm rund um die Vorführung eines kürzlich restaurierten Films zum Angriff auf das Münchener Oktoberfest von 1980 kuratiert. Dieser Film gibt Auskunft über die weitestgehend übersehenen und nicht dokumentierten „rechtsnationalen Solidaritätsbeziehungen“ zwischen verschiedenen nationalen Kräften in Europa

Nach einem Treffen mit Karl-Heinz Hoffmann, dem gefeierten Regisseur experimenteller Agit-Prop-Filme und ehemaligem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, wurde Subversive Film eine Sammlung von 16-mm-Filmen und U-matic-Videokassetten anvertraut – neben dutzenden Filmplakaten und einer vollständigen Bibliothek. Den Film umgibt die Aura des Unperfekten – ein Zeugnis der sich wandelten politischen Haltung der rechtsextremistischen Bewegung der 1980er-Jahre.“

Dazu eingeflochten in dieses Ankündigungsmachwerk Begriffe aus der üblichen Galerie- und Kunstszene-Prosa: Assemblage, Neu-Assemblage und Montage. Was glaubt die geneigte Leserin, was glaubt der geneigte Leser, was mit der für diese Ausstellung und ihre Ausstellungsmacher Verantwortlichen, nennen wir sie Sabine Schormann, passiert wäre und wie lange sie noch im Amt sich hielte, wenn sich herausstellte, daß eben jene Filmemacher aus dem rechtsnationalen Milieu kämen und mit genau diesen Terroristen sympathisierten? Und was, wenn sich herausstellt, daß all das, der rechtsextremistisch-terroristische Hintegrund, bereits zum Beginn der Ausstellung bekannt wäre und deren Macher, nennen wir sie Ruangrupa, solches auf einer der größten Kunstschauen der Welt zuließen und damit anscheinend auch irgendwie als Kunst goutierten? Was wäre im deutschen Blätterwald los, wenn herauskäme, daß rechtsextremistische Anschläge und rechtsterroristische Bewegungen, sagen wir der NSU oder die Wehrsportgruppe Hoffmann, ästhetisch abgefeiert würden? Wie sähe es wohl bei Mario Sixtus, bei Georg Diez, bei Margarete Stokowski, bei Hengameh Yaghoobifarah, bei Deutschlandfunk Kultur auf Twitter aus? Wie sähe es in Berlin aus? Es gäbe, so vermute ich, eine Großdemo, den Aufstand der Anständigen und was dergleichen Slogans mehr sind, die sofort für ein Verbot der gesamten Ausstellung protestierten. Nicht ganz zu unrecht – obgleich ich von solchen Kollektivverboten nichts halte.

Aber Scherz und Konstruktion beiseite. Natürlich ist all das nicht passiert und es würde Sabine Schormann und die Ausstellungsmacher ihre Tage fürderhin in einem Ort weit außerhalb des Kulturbetriebes verbringen, wäre es so passiert. Sondern vielmehr, wie der Autor und Publizist Olaf Guercke schrieb, geschah „nur“ dieses, daß ein linksextremistisches Filmkollektiv einen Film zeigte:

„Beim Massaker am Flughafen Lod [Israel, Hinw. Bersarin] im Jahr 1972 wurden vor etwas mehr als 50 Jahren 26 Menschen von Terroristen der „Japanischen Roten Armee“ erschossen und mit Handgranaten umgebracht. Die Terroristen handelten in Zusammenarbeit und im Auftrag der palästinensischen Terrorganisation PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). Ermordet wurden neben anderen Menschen zahlreiche Mitglieder einer christlichen Pilgergruppe aus Puerto Rico, wo dem Anschlag heute mit einem offiziellen Gedenktag gedacht wird. Nicht an die Opfer gedacht wird auf der dokumenta 15 in Kassel. Dort zeigt das palästinensisch-belgische Kollektiv „Subversive Films“ restaurierte Propagandafilme aus dem Umfeld der „Japanischen Roten Armee“, die als Ausdruck von „weitestgehend übersehenen und nicht dokumentieren ‚antiimperialistischen Solidaritätsbeziehungen‘ zwischen Palästina und Japan“ angekündigt werden. „Indem es die bewegten Bilder wieder in Umlauf bringt“, so das Kollektiv „reaktiviert Subversive Film heutige Konstellationen von Solidarität und die Utopie einer weltweiten Befreiungsbewegung.“ Kein Wort in der Ankündigung wie gesagt über die Opfer des Terrors. Man feiert den ehemaligen JRA-Terroristen und „gefeierten Regisseur“ Masao Adachi, der das Material zur Verfügung gestellt hat und lädt ihn nach Kassel ein. Das Gloria-Kino stellt seine Räume für die Veranstaltung zur Verfügung. Keiner hat sich offenbar im Vorfeld mal ersthaft gefragt, was das für „Konstellationen der Solidarität“ sind, die da „reaktiviert“ werden sollen. Oder man hat es halt verstanden und findet es trotzdem gut. Was soll man dazu noch sagen, ich finde es einfach erbärmlich.“

So ist es. Widerlich ist diese documenta 15, wenn derart mit antisemitischem, antijüdischem Terrorismus umgegangen wird: jener Anschlag am 30. Mai 1972, bei dem 26 Menschen starben. Solcher Terror wird zum antiimperialistischen, antiisraelischen Kunsthappening umfunktioniert. Und diese Ruangrupa-Pfeifen stehen da und grinsen und hopsen vor den Kameras. Wann tritt Sabine Schormann endlich zurück? Aus Lumbung wird immer mehr Humbug – freilich einer, der immer weniger lustig ist. Guercke schreibt weiter:

Hier habe ich auf Archive. org den Film „The Red Army/PFLP declaration of world war“ von Masao Adachi und Koj Wakamatsu entdeckt. In voller Länge und mit Untertiteln. Die Erklärung des revolutionären Weltkriegs ist ernst gemeint. Adachi und Wakamatsu drehten den Film 1971, als sie, vom Filmfestival in Cannes kommend, sich in Palästina mit führenden Mitgliedern der „Japanischen Roten Armee“ trafen, die dort als Gäste der PFLP lebten. 1974 schloss sich Adachi der JRA an und verließ Japan. 23 Jahre später wurde er 1997 im Libanon festgenommen. In der Zwischenzeit arbeitete er vermutlich in der bis 2001 bestehenden Organisation die, teils im Auftrag von Gaddafi zahlreiche weitere Terroranschläge ausführte. Da man Adachi keine direkte Beteiligung an Anschlägen nachweisen konnte, saß er insgesamt nur etwa 18 Monate im Gefängnis. Nun wird er auf der Dokumenta als der Mann gefeiert, der das Material zur Collage für die auf die Zukunft gerichtete Erinnerung an die „palästinensisch-japanische Solidarität“ zur Verfügung gestellt hat. Der Film ist gespenstisch, soweit ich ihn gesehen habe. Ob er auch Teil der Collage in Kassel ist, weiß ich nicht.“

Ja, Kunst darf viel, sie darf fast alles. Wenn aber Kunst als Schlachtfeld gebraucht und derart politisch instrumentalisiert wird, um im Namen des „antiimperialistischen Kampfes“ Gewaltverbrechen und Terror gegen Menschen zu rechtfertigen und eine hochfragwürdige politische Agenda in Umlauf zu bringen, dann rechtfertigt dies keine Kunstfreiheit mehr – zumindest keine solche, die von einem Staat finanziert wird, der noch vor 80 Jahren jenen Zivilisationsbruch begann: nämlich die industrielle Tötung von Juden. Nein, verbieten kann man solche Veranstaltung nicht und vielleicht ist das auch gut so. Zurücktreten wird Schormann auch deshalb nicht, weil aus den üblichen Kreisen der kulturalistischen Linken kein Gegenwind kommen wird. Aber man kann diese Vorführung auf der documenta besuchen und man kann diese Leute zur Rede stellen oder eben ihnen die Zeit dort schwer machen. Kunst wird mit Gegenkunst beantwortet.

Kollektive sind auch deshalb gut, weil niemand irgendwelche individuelle Verantwortung übernehmen muß. Am Ende heißt es: es waren alle und alle ist am Ende niemand – nur daß Niemand eben kein Eigenname ist. Frei nach Homers Odysseus. Adorno wußte, weshalb es ihm vor Kollektiven gruselte.

Evacuation d’un blessé, victime de trois terroristes japonais, à l’aéroport de Lod-Tel-Aviv, le 30 mai 1972 (AFP)

So sieht die Wahrheit dieser Kunst aus. Es starben 26 Menschen durch Terror in Israel.

Documenta 15: Es klappert die Botschaft im rauschenden Bach. Zwischen Workshop-Kunst und Antisemitismus

Dieser Text wird auf diesem Blog der erste und auch der letzte Artikel zur vermutlich sterbens- und steinlangweiligen documenta 2022 sein – außer vielleicht, es fällt mir noch die eine oder die andere Polemik ein. So wollte ich am 20.6. auftakten. Aber aufgrund eines antisemitischen Machwerkes der Gruppe Taring Padi hat sich das erledigt. Allerdings bleibt es wohl dabei: Ich werde nicht nach Kassel fahren, dafür ist mir meine Zeit und vor allem mein Geld zu schade – wenngleich Kassel als Stadt einer der spannenden bundesrepublikanischen Städte ist: Wegen der Architektur, dieser seltsamen Nachkriegsmoderne aus Beton, Funktionalität und dem neuen Wirtschaftswunder. Die Häßlichkeit und die Unwirtlichkeit der Städte verkeht sich ins Gegenteil. Kassel ist solch ein Ort. Hier kann man also mit Fug und Recht vielleicht doch sagen: Das beste an der documenta 15 ist Kassel. (Wäre vielleicht auch ein guter Spruch fürs Stadtmarketing.)

Kassel, August 2012

Es gab einmal eine Reisesendung, am Sontag beim NDR, die hieß „Zwischen Hamburg und Haiti“. Für die Fahrt nach Kassel kann man nun schreiben „Zwischen Lumbung und Humbug“. Absatz und Neubeginn.

Wir bereisen lieber andere Orte. Denn wer schöne und gute Kunst sehen will, der mache doch in seinen Ferien dieses Jahr eine Deutschlandreise (auch wenn Sprit teuer ist, ein guter Riesling liegt immer bei 10 Euro, aber es lohnt sich) und besuche zum Beispiel das wunderbare Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, auch von der Architektur her ein faszinierender Bau, und der Betrachter tut einen schönen Gang durch die Kunstgeschichte – so zum Beispiel Carl Spitzweg, der sehr unterschätzte witzig-geniale Maler, wie auch Max Slevogt sind dort zu sehen. Oder er fahre nach Chemnitz und schaue das architektonisch ebenfalls wunderbare Musuem Gunzenhauser sich an: unter anderem findest sich dort eine Vielzahl an Gemälden von Otto Dix; ein Dix, der nicht ins Exil ging, sondern unter den Nazis weitermalte: seltsam-kalte, aber doch faszinierende Landschaften in realistischem Stil. Ebenfalls findet sich dort eine Vielzahl an Gemälden von Alexej von Jawlensky.

Und weil wir im Osten uns befinden und die Reise westwärts geht, haben wir vorher noch einen Abstecher nach Halle ins Kunstmuseum Moritzburg getan, darin sich insbesondere deutsche Malerei vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart findet. Daß ich hier eine der schönsten Sammlungen für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts und auch der DDR-Kunst, nämlich das Museum der bildenden Künste in Leipzig, nicht eigens erwähne – obwohl: nun tue ich’s ja doch – hat allein darin seinen Grund, daß ich davon ausgehe, daß jeder Mensch mit ästhetischem Verstand bereits diese herrliche Kunsthalle einmal in seinem Leben mindestens besucht hat. Auch die Sichtachsen und die Architektur sind eine Reise wert. Und wer sich für die verschiedenen Maler der DDR interessiert, findet hier eine kleine, feine Sammlung.

Kassel, August 2012

Weiterhin bereise man, so wurde es mir empfohlen, ich war selber noch nicht dort, das Museum Schloß Schwerin, wie auch das Staatliche Museum Schwerin: Was vom Namen wie Residual-DDR klingt, erweist sich als ganz und gar wundervolle Kunstsammlung. Allerdings muß man sich diese Reise bis 2024 aufheben, da die Kunstsammlung in Renovierung ist, und so bleibt zunächst mal nur das Schloß und die schöne Stadt. Genannt werden sollte solche Perle, die abseits des Weges liegt, aber doch. Wenn wir schon bei Diversität sind. Und von dort geht es weiter in den hohen Norden – fast schon zu den Wikingern. Haithabu ist nicht weit entfernt.

Wer also Kunst, Kultur und Landesegeschichte von Schleswig und Holstein sich betrachten will, der fahre zum Schloß Gottdorf bei Schleswig. Man kann dort einen ganzen Tag verbringen, schlendern, schauen, stöbern und Kuchen essen. Sogar Moorleichen gibt es zu sehen und immer wieder wechselnde Ausstellungen über die Monate. Und auch die Landschaft in der Umgebung ist ein Kunstwerk für sich: Nordisch by Nature, nordische Landschaft, Land zwischen den zwei Meeren, das Naturschöne in Gestalt. Und von dort aus einmal quer durch Schleswig-Holstein zum Emil-Nolde-Museum in Seebüll. Auch hier wieder ist es dieses Zusammenspiel von Archtektur, Ausstellungsraum, Kunstwerken und dem Garten, welches sich aufs Sehen auswirkt und worin sich zeigt, daß Bilder einen Ort haben. Durch diese Umgebung wird die Betrachtung eines Werkes mitbestimmt. Deshalb eben ist auch die Betrachtung der so schönen Gioconda eine lästige Sache, weil ich im Louvre diese Schönheit nicht für mich allein oder zumindest nur mit wenigen habe, sondern sie mit Hunderten von Leuten teile, die das Gemälde durch ihr Smartphone sich betrachten. Das ändert auch die Qualität eines Bildes hinsichtlich seines Betrachtetwerdens. Während Fragonards frivoles Liebes- und Eifersuchtsgemälde „Der Riegel“ oder Jean-Auguste-Dominique Ingres‘ herrlicher Orientalismus, wie in „Das türkische Bad“ und in „La Grande Odalisque“ oder auch “ Die Badende von Valpincon“ nahezu unbetrachtet an den Wänden hängen. Kein Mensch zu sehen. Alles drängelte vor den Gemälden im großen Saal.

Kassel, August 2012

Ebenso sollte man auf solcher Fahrt diesen Sommer einmal wieder Werner Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen bereisen und weil Naumburg nicht weit weg ist, dort im Naumburger Dom die Stifterfiguren und jene hoheitsvoll-wunderbare Uta von Naumburg. Weiblich, ragend, kühl und mit diesem für jene Zeit so besonderen Gesichtsausdruck. Umberto Eco formulierte es auf eine witzige Weise: „Wenn Sie mich fragen, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg.“ So geht es mir auch, wenn wir denn überhaupt Kunstwerke aufs Kulinarische herunterbrechen wollen.

Es gibt in Deutschland viel wunderbare Kunst zu sehen: Modernes, Spätmodernes, Klassisches oder weit in die Vergangenheit Reichendes. Kassels Documenta scheint mir nach dem, was ich las und in Zeitungen sah, sehr verzichtbar, vor allem im Blick auf die dort dargebotene Agitprop-Kunst. Diese Kunst-Show hat, so scheint es mir, eher etwas von einer gymnasialen Mittelstufe-Projektwoche beflissener Schüler, die auch mal was Politisches ausstellen wollen: ein wenig Ökologie, ein wenig Kolonialismus, auch ein Wandbild muß her, ein wenig Gesellschaft und irgendwie auch Kunst. Verstörend an alledem allenfalls, daß da nichts ist, was wirklich verstört. Langeweile herrscht vielmehr, so scheint es mir: das von Berlin aus nach Kassel schippernde „Citizenship“, es fährt ökologisch und nachhaltig, um voranzukommen, muß man, Prinzip Trettboot, auf Fahrrädern kräftig in die Pedale treten. Bevor ich mich mit diesem Boot befasse gucke ich mir dann doch lieber John Hustons „African Queen“ mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart an. Man kann sowas als Kunst machen, aber wirklich aufregend ist es nicht.

Daß ich solche intervenierende Kunst für trivial halte, brauche ich nicht extra dazuzusagen. Zumal solch erweiterter Kunstbegriff am Ende zu einer Entleerung von Kunst überhaupt führt und sich die Sache auf dem Bastel-Bau-und-Heimwerker-Niveau ansiedelt: jeder kann irgendwie irgendwas und kann es eben doch nicht. Kunst, die neugierig auf andere Kontinente, auf Ökologie oder auf Fragen des Klimawandels machen will, sollte uns etwas mehr zu erzählen haben als solche Flußfahrtgeschichte. Und auch wenn ich mir diese vier in der FAZ gezeigten Bilder von Werken ansehe, bleibe ich skeptisch. Die Textilkollagen der Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas aus der Zigeuner- bzw. Roma- und Sinti-Kultur scheinen mir zwar interessant und es ist gut, Blicke auf andere Kulturen und Kontinente zu erhalten. Aber ob ich mir dafür dieses Gesamtspektakel einer fröhlichen Schülerprojektwoche, die 100 Tage währt, dazu noch in einer derart durchschaubaren Weise, ansehen möchte?: „I would prefer not to“. Es ist dies eine Form von Kunstgewerbe, wie sie auf Dritte-Welt-Workshops erbastelt wird. In den 1980er Jahren und davor waren es Frauen in Walle-walle-Gewändern und nach dieser unnachahmlichen Mischung aus Achselschweiß und Patschuli-Moschus duftend. Dann doch lieber die griechische Säulenordnung und um auszurufen: Et in Arcadia ego, da bereise ich lieber gleich vor der Haustür Potstdams Parklandschaft oder das Schloß Glienicke mit dem herrlichen Schinkel-Casino, davor man mit einer Frau Wunder ein Sommerpicknick veranstaltet, um abends den Sonnenuntergang zu schauen. Preußische Parklandschaft gegen Kurhessens Politprop.

Großflächige Werke des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ im Hallenbad-Ost. Bild: dpa

Und bei jenem Werk der bereits im Beitrag vom 20.6. erwähnten und durch kruden Antisemitismus aufgefallenen Gruppe Taring Padi scheint mir die im Vordergrund stehende Frau sowie ihr Shirt samt der damit korrespondierenden Tasche noch der interessanteste Teil des Bildes zu sein und man sehnt sich nach längst abgelebt geglaubter Farbfeldmalerei. Man merkt bei solchen Werken das gut Gemeinte und ist verstimmt, wie ein altes indonesisches Fischersprichwort lautet. Und das ist nach jenem widerlichen Wandbild auf dem Friedrichsplatz eine freundliche Umschreibung.

Überhaupt das Politische der Documenta und dazu der Gaza-Kitsch von Mohammed Al Hawajri von der Gruppe Eltiqa. Nichtmal ignorieren, wäre eigentlich das Motto, wenn die Sache nicht so ärgerlich und derart symptomatisch wäre. Vor allem aber:ein Titel wie „Guernica Gaza“ ist billiger Agitprop, der Täter zu Opfern verkehrt und zudem eine widerliche Asoziation bzw. eine Parallele zu den Nationalsozialisten und Israel zieht. Klar, Kunst darf das. Aber es ist dies deshalb noch lange keine gelungene Kunst. Eine Verkehrung im übrigen und eine Codierung, wie man sie auch von rechtsextremistischen Antisemiten kennt: hier eben geliefert von arabischen, die in Kassel anscheinend ein Forum bekommen haben. Kunst darf das, klar, aber niemand muß solche Scheiße goutieren und es ist dies deshalb noch lange keine gelungene Kunst, sondern vielmehr das Gegenteil. Eine kitschige und durchschaubare Agenda nämlich ohne doppelten Bode und eine die Sache erweiternde Ebene. Interessant vor allem, daß die Polit-Leute von Ruangrupa bei ihrer eigenen Heimat Indonesien und den Problemen dort, gerade auch in puncto Rassismus in Indonesien, sehr schmalllipig sich verhalten. Marco Stahlhut brachte in der FAZ vom 21. Mai dieses bigotte Verhalten in einem Artikel mit der Überschrift „Warum so viele blinde Flecken? gut auf den Punkt:

„Trotz aller Verstiegenheit im Vokabular über Israel und die Palästinenser haben Ruangrupa bisher kein einziges kritisches Wort über Papua verloren, und schon gar nicht haben sie kritische Künstler aus dieser östlichsten Provinz Indonesiens eingeladen. Dabei ist Papua das größte schwelende Problem des Landes. Man kann sich freilich nicht sicher sein, ob Ruangrupa es überhaupt sehen. Zu einer Vorveranstaltung der Documenta im Goethe-Institut von Jakarta hatten sie zwar eine Fotoschule aus Papua eingeladen, aber deren Repräsentanten waren vergleichsweise hellhäutige Indonesier. Papuas sehen dagegen als ethnische Melanesier mit ihrer dunklen Haut und krausem Haar sehr verschieden vom Rest der Landesbevölkerung aus.

Dabei gäbe es wichtige Künstler aus Papua. Einer von ihnen ist Wensislaus Fatubun, ein Filmemacher und informeller Lehrer, politisch engagiert – alles Bereiche, die Ruangrupa doch so sehr am Herzen liegen.

[…]

Erst im März warnten UN-Vertreter in eindringlichen Worten vor „schockierenden“ Verstößen gegen die Menschenrechte in Papua, einschließlich Tötung von Kindern, Folter, verschwundener Menschen und Massenvertreibungen. Und erst vor wenigen Tagen sollen Papuas in verschiedenen Orten ihrer Heimatinsel für ein Unabhängigkeitsreferendum de­monstriert haben, wie Amnesty International Australien behauptet. Allerdings kann die Authentizität von Videos dieser Demonstrationen nicht verifiziert werden.

Kein Wort zu alldem von Ruangrupa, kein kritisches Wort generell zum beschämenden Umgang mit dunkelhäutigen Menschen in Indonesien, und dies trotz aller von der Gruppe zur Schau getragenen Sensibilität für Rassismus. Offenbar ist der nur dann ein Problem, wenn er sie angeblich selbst betrifft. Im Übrigen auch kein kritisches Wort von Ruangrupa zum chinesischen Völkermord an den muslimischen Uiguren – ein andauerndes Verbrechen, das die kulturelle Auslöschung einer ganzen Ethnie zum Ziel hat. Ebenso kein kritisches Wort zur Militärjunta in Myanmar, die die muslimischen Rohingya und andere ethnische Minderheiten verfolgt – alles Ereignisse, die sich geographisch viel näher an Indonesien abspielen und un­gleich menschenverachtender sind als das Verhalten Israels in den palästinensischen Gebieten.“

Aber für eine in der Sache gegründete Kritik wird der Kritiker am Ende eben doch sich diese documenta anschauen müssen, ob das so ist. Ansonsten eben bleibt es, wie dieser Text auch, zunächst mal eine Mutmaßung, was das Gesamt dieser Ausstellung betrifft. Das feine ist aber: da hier in Berlin bereits die 12. Berlin Biennale ist, brauche ich vermutlich gar nicht so weit zu fahren, um ähnliches, wenn nicht gleiches zu sehen. Oder um es mit Adorno/Horkheimer zu sagen:

„Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“ (Adorno/Horkheimer: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug)

Freilich kann man diese ganze Documenta-Farce, die sich die Ausstellungsmacher da geleistet haben, auch einfach mit einem Satz von Mutter Kempowski in „Ein Kapitel für sich“ beschreiben: „Bist Du wirklich so dumm, mein Junge?

Kassel, August 2012

Documenta 15: Zwischen arabischem Antisemitismus und „Stürmer-Ästhetik“

Hier hätte heute eigentlich ein anderer Text zur Documenta 2022 stehen sollen, kein wohlwollender zwar, sondern mehr nach dem Motto „Bleib ich halt zu Hause“ – ich bringe die Glosse dann morgen oder übermorgen. Aber was ich heute früh im Internet fand und was auf der Documenta 15 von den Ausstellungsmachern, dem indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa, als Bild und als „Kunstwerk“ gezeigt wird, das verwundert doch sehr. Um es in der höflichsten Formulierung zu fassen.

„Das Künstlerkollektiv, das für das Bild verantwortlich zeichnet, nennt sich „Taring Padi“. Zu sehen ist es am Friedrichsplatz“, so Thorsten Sommer auf Twitter, wo er diesen Fund veröffentlichte. Ein Twitterer mit gerade einmal 75 Followern und nicht mit der Reichweite von Deutschlandfunk Kultur und dem Sendeplatz eines Tobi Müller, genannt auch Schweige-Müller. Schauen wir mal, ob Kulturzeit heute abend dazu etwas bringen wird und ob es in den Sendungen von Deutschlandfunk auftaucht.

Sommer schreibt weiterhin auf Twitter:

„Der Jude“ als zoomorphes Wesen mit verzerrter Physiognomie (blutunterlaufene Augen, spitze Raffzähne, krumme Nase) samt Kippot, Hut und Schläfenlocken. Auf dem Hut prangt eine „SS“ Rune, die „den Juden“ als Nazi und somit als das personifizierte Böse charakterisiert“

Daß solche Bilder in einer Kunstausstellung, die zudem mit öffentlichen Geldern gefördert wird, in einem Land, in dem der Holocaust stattgefunden hat, gezeigt werden, ist nicht mehr nur befremdlich zu nennen – von der billigen Kindergarten-Ästhetik sowie einer Polit-Ästhetik, die bereits vor 55 Jahren schon dumm zu nennen gehörig untertrieben ist, einmal ganz abgesehen. Solche „Kunst“ wie die von Taring Padi disqualifiziert sich aber nicht etwa nur wegen solcher Inhalte, wie man sie aus dem „Stürmer“ oder in anderen NS-Karikaturen kennt, sondern bereits von ihrer Form hier. „Infantile Ästhetik“, wie Herwig Finkeldey auf Facebook schreibt, der diesen Fund ebenfalls verbreitete. Auch wenn Kunstförderer nicht über Bilder und Inhalte zu bestimmen haben, bedeutet dies nicht, daß ein Kulturminister solche Bilder unkommentiert lassen müßte. Daß solche Bilder nicht einfach nur schlechte Kunst, sondern gar keine Kunst sind, weil sie ästhetisch bereits derart mißlungen und hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sind, ist das eine. Hier können Debatten der Kunstkritik und auch der Ästhetik einsetzen: die Frage nach den Maßstäben und nach den Möglichkeiten von Werken heute. Wenn Adorno in „Vers une musique informelle“ schreibt „Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind“, so trifft das von der Materialbeschaffenheit, von der Art der Ausführung und Darstellung des Werkes, vom Sujet bis zum Stil und zu den Details, mithin der gesamten Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Material, auf dieses Machwerk ganz sicher nicht zu.

Und das gilt vermutlich heute überhaupt für einen Großteil der Kunst, die fern solcher Utopie eines Anderen ist: insbesondere jene eher an die Staatskunst der DDR gemahnenden Werke aus Wokistan, wenn da sogenannte Künstler artgerecht ihre Stücke für die Findungskommission schreiben und brav Themenliste abarbeiten.

Ich bin im Blick auf die documenta dafür, daß alle Kunst Kunst bleiben muß. Aber solcher Agitprop, der Judenhaß zum Thema hat, indem jüdische Stereotype gezeichnet werden, und solches Hetzprogramm als Kunst zu maskieren: das geht nicht, das ist nur noch bedingt von der Kunstfreiheit gedeckt. Zumindest muß solcher Judenhaß laut und deutlich zum Thema gemacht werden. Zumal in diesem Machwerk eben kein irgendwie auszumachender doppelter Boden oder ein Spiel oder eine Art von Kippfigur eingebaut ist. Dies ist ganz einfach und deutlich gesagt „Stürmer“-Ästhetik, die in bestimmten Kreisen anscheinend hoffähig geworden ist.

Was sagen die üblichen Medien-Aktivsiten dazu? Haben wir schon eine Kolumne von Margarete Stokowski, haben wir was von Teresa Bücker oder von Kübra Gümüsay gehört? Oder von Annika Brockschmidt, die auf Twitter immer mal wieder gerne und aktivistisch in moralisch hochfahrendem Ton sich gebärdet? Werden wir etwas von jener Allzeit-bereit-immer-bereit-Aktivisten von Diez bis Sixtus im dauernden Kampf für das Gute und das politisch Korrekte, die beim kleinsten Anlaß reagieren und immer woke und wachsam sind, noch zu hören bekommen und ein „Wir-sind-mehr“ gegen Antisemitismus und antijüdischen Rassismus erleben? Was wäre gewesen und was gäbe es für ein Hallo, wenn ein eher konservativer Künstler sich solches geleistet hätte? Sagen wir Georg Baselitz oder Neo Rauch? Wie war das eigentlich nochmal mit dem Leipziger Maler Axel Krause? Da gab es erhebliche Skandalisierungen bei deutlich geringerer Verfehlung. Würde man, wenn Matthias Matussek ein Bildender Künstler wäre und ein Werk mit dem Titel „The Muslime as a massacre man“ ausstellen wollte, auf einer Leistungsschau der Kunst auch derart darüber hinweggleiten? Vermutlich nicht, vermutlich wäre dieses Werk nicht einmal zugelassen – und das nicht etwa nur wegen mangelnder formaler Qualität.

Während es bei Uwe Tellkamp eine Woge der Empörung gab, habe ich leider den Verdacht, daß im Falle dieses Bildes und noch eniger anderer Werke von den üblichen Verdächtigen eine Woge des Schweigens samt dessen Deckmantel über solche antisemtischen Machwerke hinwegsäuselt: Was wird es im Blick auf solche Inszenierungen geben, die Ruangrupa, die Ausrichter der dieser documenta 15, zu verantworten haben: Etwa Taring Padis Wandbild oder auch (ich komme diese Woche darauf noch zu sprechen) solchen Gaza-Kitsch wie ihn Mohammed Al Hawajri von der Gruppe Eltiqa produziert: mit einem Titel wie „Guernica Gaza“? Darüber wird zu sprechen sein. Und dieses Thema Antisemitismus wird, wenn Ruangrupa Debatte und Dikussion will, immer wieder auf den Tisch zu bringen sein in dem sogenannten „Lumbung“, den Ruangrupa als kommunikative Öffnung und als Gesprächsraum eröffnen will. Und solche Kritik an solchen Machwerken wie von Taring Padi und Mohammed Al Hawajri läßt sich auch nicht mit der Phrase „antislamisch“ erledigen, sondern wir haben das binnenästhetisch auch im Blick auf die sogenannte engagierte Kunst zu debattieren – hier täte ein Blick in Adornos in den „Noten zur Literatur“ zu findenden Essay „Engagement“ gut – und wir haben das zugleich über die Reichweite und das, was Kunst darf zu debattieren.

Kunst kann und darf alles, so sagt man. Sie darf auch Kritik an Ländern und Politikern üben, vor allem, wenn es im Werk selbst gut gemacht ist. Aber es sagt niemand, daß das, was Kunst darf, nicht auch kritisiert werden darf und unkommentiert gelassen werden muß – vor allem im Blick aufs ästhetische Gemachtsein und besonders dann, wenn es in solch plumper Art und Weise daherkommt wie auf der documenta 15. Auch durch Kunst kaschierter Antisemitismus bleibt Antisemitismus. „Stürmer“-Karikaturen wären ja auch nicht deshalb gelungene Kunst, weil es sich um Zeichnungen von Ivo Saliger handelt. Auch poltisch muß es nicht ukommentiert gelassen werden. „Naivität“ und „Antisemitismus“ sollten nicht als „Klugheit“ oder „Gewitztheit“ bezeichnet werden, sondern als das, was sie sind.

Und solche Freiheit der Kunst bedeutet ebensowenig, daß man über bestimmte Werke nicht debattieren und zudem und vor allem die Frage stellen dürfe, ob solches überhaupt Kunst sei und nicht vielmehr wegen ästhetischer Minderleistung niemals hätte ausgewählt werden dürfen. Es hat Gründe, warum es auch in den Kunstkursen an Schulen Fünfen und Vieren gibt. Nicht jedes Objekt, das sich selbst Kunstwerk nennt, ist ein Kunstwerk. Und ein Kunstwerk ist nicht deshalb ein Kunstwerk, weil es in einer Galerie oder einer der wichtigsten Kunstschauen Europas hängt. Kunstwerke bedürfen der Institutionen, aber sie sind nicht durch Institutionen. Freilich hätte man sich gewünscht, daß eine solche Debatte über den Status des Werkes – gewissermaßden die immerwährende Frage der Ästhetik nach „der Verklärung des Gewöhnlichen“ und was ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk macht – nicht an derartig dummen und einfältigen Objekten geführt wird.

Andererseits, denke ich, sollten wir es nicht machen wie die Cancel Culturer, jene Woko Haram aus Identitätshausen. Eine kluge Form von Protest und Gegenaktion muß dafür her: Nicht-Kunst nicht mit Nicht-Kunst, sondern mit Kunst zu begegnen.

Nachtrag, heute Mittag:

Hanno Hauenstein zu jenem Twitter-Text von Thorsten Sommer


Hanno Hauenstein ist Ressortleiter im Kulturbuch der Wochenend-Ausgabe der Berliner Zeitung. Wenn einer also benennt, was da auf einem Bild zu sehen ist, reproduziert er damit das, was da zu sehen ist. Nicht jene, die solche antisemitischen Karikaturen produzieren, werden von Hanno Hauenstein auf Twitter als erstes Mal scharf kritisiert, sondern jener Mensch, der auf Antisemitismus hinweist, wird von Hauenstein zur Ordnung gerufen und als fremdenfeindlich diskreditiert. Was kommt als nächstes: Kritiker des NSU reproduzieren nur die Denke des NSU? Putinkritiker sind in Wahrheit Apologeten Putins, weil sie wiedergeben, was Putin sagt?

Bei jeder falschen Klotür und bei jedem unbedarften Wort machen diese Leute Gewese und Geschiß. Bei arabischem Antisemitismus aber schweigen oder beschwichtigen sie und machen, labeln die, die darauf hinweisen als islamophob. Es ist zum Kotzen.