Nichtssagendes nichtssagend zu sagen: Das Feuilleton der „Zeit“

Ich beende, wenn es in diesem Blatt im Feuilleton so weitergeht, mein Abonnement der „Zeit“. Zunächst schrieb die furchtbare Iris Radisch einen Beitrag über Camus. Tenor dieses Radisch-Aufsatzes ist es, uns den Menschen Camus wieder näher zu bringen. (Davon abgesehen, daß ich vom Feuilleton der Iris Radisch gar nichts halte – manche Redakteurinnen und Redakteure kommen zu ihrem Posten wie die Jungfrau zum Kind oder wie ein Bischof zum Bischofssitz.) Solchem Geschreibe, das uns den Menschen andienern will, anstatt das Werk und die damit zusammenhängenden Bezüge gekonnt zu entfalten (wie das etwa Fritz J. Raddatz noch vermochte), korrespondiert die Leere des Denkens: Wer inhaltlich nichts zu sagen und zu schreiben hat, kommt mit dem Äußerlichen. Nicht mehr Analyse sowie ein Blick auf den Gehalt, die Ausdrucks- und Konstruktionsleisten eines Sprachkunstwerks sind gefragt und bilden den kritischen Essay – von der Sprache selber ganz zu schweigen, die der Essay in den Blick nimmt –, sondern subjektive Befindlichkeiten und zufällige biographische Umstände werden bräsig ausgebreitet und geschildert, um die Illusion zu erzeugen, Leserin und Leser wären mit dabei. Wie war er so als Mensch, der Camus? Ja, wie war er? Spielt das für einen Text wirklich eine Rolle? Oder beinhaltet ein Text nicht vielmehr einen Überschuß, der weit über das biographische Leben und die zufälligen Bezüge hinausragt? Sinnfällig wird solcher Schwach- und Flachsinn in der Kafkadeutung, wenn die Interpreten umstandslos von „Kafka und die Frauen“ auf „Kafka und sein Werk“ schließen. Eine Biographie wird erst da interessant, wenn sich Literatur und Leben ineinanderschieben und ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin sich selber zum Kunstwerk macht.

Die andere Tendenz innerhalb der Kunstbetrachtung, die gegenwärtig zu beobachten ist, manifestiert sich im Empfindungskuscheln der Ichseligkeit und im leeren Kreisen um sich selber und die eigenen Befindlichkeiten. Wie fühle ich ein Werk und wie hat es mir gemundet? Kunst wird aufs Kulinarische und den Gaumenkitzel heruntergebrochen. „Den Don DeLilo find icke jut!“, sagt der eine. „Ich nicht“, sagt die andere. „Thomas Gottschalk war bei „Wetten, das …?“ gestern aber wieder wundervoll und witzig. Ich mag den Gottschalk.“ In dieser Struktur funktioniert die Plauder-Plattitüde der Ich-Sager und  Empfindungsdampfschwätzer:innen. Und so steht ein Meinen gegen ein anderes Meinen und die Beteiligten können sich verabschieden, weil es außer subjektiven Meinungen nichts mehr zu sagen gibt. „Find ikk jut“ versus „Joa mai, i mog net“. Aber bereits „ich“ zu sagen bzw. die Fähigkeit zum Ich (die freilich nicht jedem gegeben ist), setzt mehr als ein „Ich“ voraus. Kunstsichtung auf dem Meinungs- und Empfindungsniveau zu belassen, ist nichtssagend und beliebig. Ein Kunstwerk auf seine biographischen Umstände oder gar auf seine Aussage herunterzubrechen, ist nicht nur der Schulfall von Banauserie, sondern schlicht der Ausweis des Amusischen.

Doch es gibt sicherlich Menschen, die glauben, das Gravitationsgesetz sei von der Meinung des Ich abhängig. Und mit diesem doch eher apodiktischen Gesetz wollte Newton sicherlich nur sich selber zum Ausdruck bringen, aber bestimmt nichts Allgemeingültiges. Ebenso wie Kants Transzendentalphilosophie bloß einer subjektiven Laune kurz nach dem Senfmachen oder der Transzendenz des Ego geschuldet war. Manche freilich purzeln im Empfindungsraum von den Füssen auf den Kopf und fallen dann auf selbigen. Die Aufschläge auf dem Boden des Realen sind gut hörbar.

Hinzu kommt im Feuilleton der dieswöchentlichen „Zeit“ ein ans Komische grenzendes Loblied, das Eva Menasse auf die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro anstimmte. Munros Erzählungen gehören literarisch zum Mittelbau, wie die Prosa Judith Hermanns. Sie sind nicht ganz schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Der Titel dieses Beitrages „So leicht als wäre es nichts“ trifft den Sachverhalt – ungewollt freilich – sehr genau. Ein Nobelpreis für das Nichts.

In der DDR gab es seinerzeit den Bitterfelder Weg und damit korrespondierend die von der Obrigkeit inszenierte Bewegung „Arbeiter schreiben für Arbeiter“. Der Kapitalistische Realismus hat im Gegenzug die Bewegung „Hausfrauen schreiben für Hausfrauen“ hervorgebracht. Einen Nobelpreis allerdings ist dieses durchaus gut gemeinte und ehrenwerte Unterfangen zugunsten einer sträflich vernachlässigten Berufsgruppe dennoch nicht wert. Gut, Eva Menasse können wir ihre Sätze nicht verübeln – sie hat mit Literatur nicht viel zu tun. Insofern mag man ihr Irren verzeihen.

Wert und Bedeutung solcher Preise illustriert der Blogger Hannes Wurst auf den Punkt gebracht:

Ist Hirnfraß bei „Zeit“-Redakteuren meßbar?

Genova68 von dem schönen Blog „Exportabel“ hat mich auf einen Artikel in der „Zeit“ dieser Woche zur sogenannten Neuen Musik bzw. zur Zwölftonmusik hingewiesen: „Zu Schräg fürs Gehirn“ lautet die Überschrift des von Christoph Drösser verfaßten Artikels. Dieser Text paßt, gleichsam als Negativfolie, eigentlich recht gut zu den Ausführungen Adornos zur Ästhetik in seinen Vorlesungen, wenn es etwa um das Banausentum und den sogenannten Kunstgenuß als eine vermeintlich ästhetische Kategorie geht.

Doch zum Zeit-Artikel: 

Es geht gegen die Zwölftonmusik, warum es sozusagen neurologische bedingt ist, daß das kaum einer hört. Weiterhin taucht in diesem Artikel eigentlich alles an Motiven aus dem Ressentimenthaushalt des Kleinbürgers auf, der sich einmal in die Kunst hineinbegibt, um so recht nach Herzenslust unterhalten zu werden, aber eigentlich nicht recht weiß, was er da in der Kunst eigentlich soll. Es seien einige Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben: 

„Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?“

 Was soll man da sagen? „It‘s the economie, stupid.“ Aber nicht nur dies, sondern viel wesentlicher: Weil die Musik eine Zeitkunst und keine Raumkunst ist. Um bei einem Konzert von Schönberg dabeigewesen zu sein, muß man die Zeit absitzen, (wir nennen solches Verhalten „zuhören“), ob man will oder nicht. Das macht nicht jeder. Deshalb nur halbbesetzte Konzertsäale. Um bei einer sperrigen Ausstellung zur bildenden Kunst dabeigewesen zu sein und dies hinterher auf einer Party oder wo auch immer („Bin im Guggenheim gewesen“, der Fetischcharakter der Kunstware) groß kundzutun, reicht ein zehnminütiger Durchlauf aus. Insofern erfreut sich die bildende Kunst sicher größerer Beliebtheit als schwergängiges Tanztheater, sperriges Regietheater oder eben nicht einfach nur zu konsumierende Musik. (Adorno hat über solche Art des Konzertbesuches und auch zur Aufführung von Barockmusik auf Originalinstrumenten einiges Treffendes geschrieben.) Zudem wüßte ich gerne, was die Anzahl der Besucher in einem Konzert oder Museum über die Qualität eines Werkes aussagen soll. Die Zustimmung zur CDU/FDP-Koalition sagt doch auch nichts über die Qualität ihrer Politik aus, und die 99,8 Prozent, welche die SED erhielt, sagte nichts über ihre tatsächliche Beliebtheit im Volke aus. 

Einige Zeilen später gesteht der Artikel den Unterschied zwischen Raum- und Zeitkunst dann auch ein. Muß aber zu naturwissenschaftlichen Erklärungen und zur Floskel der Gefälligkeit des Kunstwerkes Zuflucht nehmen. 

„Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. ‚Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.‘ Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. ‚Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.‘

 Soso, das spricht also gegen Zwölftonmusik. Das stumme Gefesseltsein an den Sitz und kein Coffee to go dabei, wenn der Kontapunkt sich verzweigen tut. (Wenigsten war Odysseus in der „Dialektik der Aufklärung“ noch an den Mast gefesselt.) Dies ist genau das Banausentum im Verhältnis zum Kunstwerk, gegen das Adorno (und nicht nur der) beständig angeschrieben hat. Es geht Kunstlauschern wie Drösser nicht mehr um das ästhetische Objekt als solches in der ihm eigenen Qualität, es geht nicht um die Sache, die da im Konzert wahrgenommen wird, sondern das Kunstwerk wird auf (psychologische) Reaktionsweisen, auf Lust-Unlust-Verhalten hin abgebildet und bezogen. Am Ende hängt es sozusagen am Arsch, nämlich am Sitzfleisch, das einer mitbringt. 

„Gerade dieses ‚Lustprinzip‘ aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige ‚Innovation‘.

Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. ‚Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne‘, sagt Eckart Altenmüller. ‚Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.‘ Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.“

Ja, ich habe auf sie schon gewartet, geradezu sehnsüchtig: Die Sekretärin. Die Unvermeidliche, die Frau, der Mensch aus dem Volke, der sich einig weiß mit seinem Herrn. Ich wußte bereits zum Beginn, daß sie bei Drösser (neben dem allerdings sehr witzigen Hape Kerkeling) irgendwo und irgendwann auftauchen wird.

Bereits der Ausdruck vom „wiedererkennen“ in diesem Zitat zeigt, in welche Richtung die Sache geht. Es ist Kunst rein auf den Genuß und die Gefälligkeit abgestellt. Daß es zwischen den Kunstwerken, auch den sogenannten sperrigen, durchaus qualitative Unterschiede gibt, daß es ästhetisch Gelungenes und Mißlungenes gibt und daß sich das nicht an der Verständlichkeit eines Werkes bemißt: Basale Einsichten in die Ästhetik sind Drösser (und wohl auch Eckart Alltenmüller) leider verschlossen geblieben. Kunst wird hier zum Einrichtungsgegenstand, wie ein gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert.

Ansonsten zeugt diese Passage über Adorno von einer Unkenntnis gegenüber seiner Philosophie, daß es fast schon traurig zu nennen ist. Sicherlich ist Adorno nicht sakrosankt, und man kann über seine Sicht des Jazz diskutieren. Auch haben sich ästhetische Kategorien wie das „avancierteste Material“ im Laufe der Zeit gewandelt, die Fortschrittsspirale der Kunst ist eine andere geworden als zu Adornos Zeiten. Aber ein Satz wie „Ihm war alles Schöne und Gefällige verhaßt“, was soll man dazu sagen. Man würde dies keinem Schüler durchgehen lassen. Ich weiß nicht, weshalb in der „Zeit“ ein solcher Blödsinn erscheint, warum kein Chefredakteur da ist, der Drösser hilfreich zur Seite gestellt ist. Ich mopse mich doch auch nicht hin und behaupte, von keinerlei Kenntnis getrübt, daß die binomischen Formeln Ausdruck frühkapitalistischer Herrschaftsverhältnisse sind und sonst nichts. Ich weiß nicht, warum sich Redakteure, die der Philosophie unkundig sind und in der „Zeit“ bisher nicht durch philosophische Beiträge aufgefallen sind, sondern ein völlig anderes Fachgebiet haben, sich mit Dingen abgeben, von denen sie nichts verstehen. Und ich weiß nicht, warum niemand da ist, um solchem Unfug Einhalt zu gebieten.

Dieser Artikel zumindest zeugt von einer tiefen Verständnislosigkeit gegenüber Kunst und Ästhetik. Das mühevolle Sich-hineinbegeben in das ästhetische Material, welches in der Tat allerdings Zeit kostet? Bei Drösser Fehlanzeige. Das Kunstwerk als Ausdruck komplexer (auch gesellschaftlicher) Zusammenhänge? Kein Wort davon. Aber wozu auch, es fehlt hier schlicht am Vokalbular, und schließlich soll es ja Genuß bereiten wie eine Kürbiscremesuppe oder ein Huhn an Curryreis auf Chicorée. Interessant ist der Text allerdings als Ausdruck des Amusischen. Zugleich ist er aber auch ein gutes Stück Ideologie: Das ist ja genau der Positivismus gegen den Adorno immer und zu recht opponiert hat. Hirnströmemessen bei Kunstwerken, Reiz-Reaktions-Schemata als rezeptionsästhetischer Ausweis über die Binnenstruktur und über die Qualität eines Werkes. Gute Güte, wie tief muß man hier ästhetisch auf den Hund gekommen sein. Ich wette darauf, daß Herr Drösser uns irgendwann in der „Zeit“ ein allen Menschen innewohnendes Gen vorstellt, das im Individuum von Geburt an eine Phobie gegen Sozialismus und Gerechtigkeit erzeugt. Vielleicht ist diese Abneigung sogar in Hirnströmen messbar beim Anhören bestimmter Reizbegriffe: Gewerkschaften, Karl Marx, Mindestlohn, Rosa Luxemburg, Gregor Gysi. Arrrg, arrrg macht da der Ausschlag des Meßinstruments beim Probanden. Und so haben wir dann endlich, endlich den Grund gefunden, warum es nie geklappt hat mit einer gerecht eingerichteten Gesellschaft. Ist halt erblich.

Herr Drösser, wie wird die nächste Überschrift im Wissen-Teil der „Zeit“ lauten: „Sozialismus? Zu gerecht für unser Empfinden“, „Mindestlohn? Zu schlecht fürs Portemonnaie.“?

Lieber Christoph Drösser: „Gehe zurück nach der Badstaße, gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000,­- Mark ein.“ Und vor allem: Versuche nicht Gegenstandsbereiche zu koppeln, die nicht umstandslos zu koppeln sind, gehe in eine Bibliothek, besorge dir Bücher zur philosophischen Ästhetik. Oder besser noch: Laß es lieber sein, und bitte bleib in deinem Metier. Mach die Kolumne „Stimmt‘s?“ weiter, das sind kleine Texte, wo man eigentlich nicht viel falsch machen kann, aber versuche dich nicht in Dingen, die dich nichts angehen und die für dich nie bestimmt waren.

Harald Welzers „Klimakriege“ (3. Teil)

Warum wir das, wogegen wir vor 20 Jahren
protestiert haben, mittlerweile normal finden

„Aus der Völkermordforschung wissen wir, wie schnell
die Lösung sozialer Fragen in radikale Definitionen
und tödliche Handlungen übergehen kann,
und so etwas abzuwenden, wird eine Probe darauf sein,
ob Gesellschaften aus der Geschichte lernen können oder nicht.“

Harald Welzer

IV Shifting baselines

Woher kommt diese „Apokalypseblindheit“? Weshalb wissen wir in unserer westlichen Moderne (oder Spätmoderne, Transmoderne, Postmoderne?), die wir eigentlich über das Potential kritischer Reflexion verfügen, die Zeichen der Zeit nicht nur nicht zu deuten, sondern wollen sie gar nicht erst bemerken? Wollen wir das nicht sehen, was momentan vor sich geht; können wir das womöglich gar nicht sehen? Vom Standpunkt des Futurum exactum betrachtet, (Welzer widmet ihm ein kleines Kapitel), den wir als denkende Wesen einnehmen können – und auch die Option des Möglichkeitssinns steht uns zu Gebote, um erweiterte Perspektiven zu gewinnen – sollten wir darüber nachdenken, ob wir eine Welt in diesem Lichte wirklich wollen. Vielleicht können dieser Blick vom Futurum exactum her und der Möglichkeitssinn Mittel abgeben, unsere Referenzrahmen zu überprüfen und zu hinterfragen. Es erfordert dies freilich einen Raum und Resonanzboden für Reflexion sowie einen öffentlichen Diskurs. Diesen könnten die Medien zwar liefern, doch scheint ihnen nicht viel daran gelegen. Ich rede hier nicht einmal vom Privatfernsehen oder den öffentlich-rechtliche Medien, dem „Spiegel“ (dem Sturmgeschütz der Akklamation) und ihren bewußt eingesetzten Narkoseprogrammen. Hier ist nichts zu erwarten. Aber wenn nicht einmal mehr Zeitungen wie die „Zeit“ oder Tageszeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „Berliner Zeitung“ einen leisen warnenden Ton anstimmen können, dann liegt etwas im argen. Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen, so hört man allenthalben sagen. Na, mal sehen. Eine Wette möchte ich darauf nicht eingehen. „Du mußt Dein Leben ändern“, wie das neue Buch von Sloterdijk heißt? Möglicherweise nein, sondern: „Du mußt nur die Laufrichtung ändern!“vielleicht eher und mit Kafka ganz pessimistisch in den Raum gesprochen. Doch hierzu zum Ende hin mehr.

Wann eigentlich beginnen soziale Katastrophen? Welzer beschreibt in Anlehnung an Jared Diamonds „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, jedoch mit ganz anderer Zielrichtung, die soziale Katastrophe auf der Osterinsel und wie es möglich ist, daß eine Kultur Dinge veranstaltet, die bis zur Selbstpreisgabe desaströs sind, ohne daß in der Gesellschaft ein Bewußtsein darüber herrscht oder sich Widerstand regt. Wenn im öffentlichen Diskurs bemerkt wird, daß Dinge sich geändert haben und schwerwiegende Folgen sich einstellen werden bzw. bereits eingestellt haben, ist es meist zu spät.

„Die soziale Katastrophe der Osterinsel beginnt nicht, wenn der letzte Baum gefällt wird, sowenig wie der Holocaust mit der Installierung der ersten Gaskammer in Auschwitz anfängt. Soziale Katastrophen beginnen dort, wo falsche Entscheidungsrichtungen eingeschlagen werden – also dort, wo Distinktions- und Statusregeln auf den Osterinseln den Verbrauch von Holz für die Skulpturenproduktion fordern oder dort, wo wissenschaftlich begründete Annahmen über die Ungleichheit von Menschen in Deutschland den Rang von Gesetzen und Verordnungen erhalten.“

Genau dieser Aspekt ist es, den Welzer auf den Punkt bringt und wo er, vollkommen richtig, insistiert: Wir müssen einen (sozialen) Blick entwickeln für solche Angelegenheiten, und wir benötigen ein Sensorium für soziale Katastrophen. Es ist hierbei eine ganze Gesellschaft gefordert. Dies kann man vollkommen neutral festhalten, ohne in Alarmismus und Angstkommunikation zu verfallen.

Bei solchem Wandel in den Werthaltungen und solcher Veränderung von Normen innerhalb einer Gesellschaft handelt es sich um sozialpsycholgische Mechanismen, für die Welzer den Begriff der „shifting baselines“ verwendet, welchen er der Umweltpsychologie entnimmt (S. 214). Menschen halten immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den „natürlichen“, der mit ihrem Lebens- und Erfahrungshorizont zusammenfällt (S. 214), und Menschen verändern sich mit mit ihrer Umwelt in ihren Wahrnehmungen und Werten gleitend, ohne daß sie dies jedoch selber bemerken (S. 16). Shifting baselines sind insofern auch dafür verantwortlich, was wir für normal halten und was nicht (S. 217). Man denke etwa an die Systeme der Überwachung: Die Generation, welche in diesem Jahrzehnt Kind ist, wird Videokameras, Gentests und biometrische Daten für ein normales Prozedere halten, und die Abfrage persönlichster Daten ist für diese Generation selbstverständlich. Wissen und Wahrnehmen hängen auf das engste zusammen:

„Denn Einmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, mit den verfügbaren Referenzrahmen zu erfassen versucht, obwohl es sich um ein präzedenzloses Geschehen handelt, das selbst erst eine Referenz für spätere vergleichbare Ereignisse liefert.“ (S. 219)

Hierin eben liegt eine Erklärung dafür, warum wir nicht wissen, daß wir nichts wissen; wir schauen mit unserem uns zur Verfügung stehenden Blick und sehen ohne zu sehen. (Ein ganz aktuelles Beispiel für ein Sehen ohne zu sehen, sind die gegenwärtigen Umwälzungen und die Weltwirtschaftskrise. Bei einigen scheint noch rein gar nichts angekommen zu sein.)

Kann man dieses Verhalten als moralischen Vorwurf an die Subjekte und die Diskurse herantragen? Man kann diese Dinge zunächst einmal nur konstatieren und muß sich überlegen, was dies als Konsequenz bedeutet. Welzer zitiert hinsichtlich dieser Problematik den Soziologen Norbert Elias, welcher es als „eine der schwierigsten Aufgabe der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.“ (S. 220) Ich halte diese Rekonstruktion (nicht nur in bezug auf die anderen, vergangenen Zeiten, sondern auch hinsichtlich der unseren Zeit) für extrem wichtig, um dadurch ein Begreifen dessen, was gegenwärtig geschieht, vermittels Analogieschluß zu forcieren und den blinden Fleck sichtbar zu machen. Foucaultsches und Luhmannsches Instrumentarium schadet dabei als Rüstzeug und als Zusatz zu dem bereits verwendeten Mitteln keineswegs. Man müßte nur (insbesondere bei Luhmann) die Perspektive ein wenig variieren.

Welzer zeigt anhand des Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozesses der Juden im nationalsozialistischen Deutschland (Welzer hat zu diesem Feld umfangreiche Forschung geleistet) und an anderen Beispielen ausführlich, wie Mechanismen der Wahrnehmung und Interpretation von sozialen Tatsachen funktionieren und die Beteiligen dabei nicht einmal merken, was vor sich geht. Diskursive Moralphilosphie, in solcher Perspektive, kann nur scheitern und appelliert ins Nichts hinein, was schon Schopenhauer wußte. Aber auch individualistische, auf moralischer Intuition oder die Kraft des Subjekts beruhende Positionen werden es schwer haben, ein Korrektiv abzugeben. Insofern stellt Welzer fest:

Angesichts des Phänomens der gleitenden Referenzpunkte wird man sich auch angesichts ganz anderer Problem- und Veränderungslagen nicht der Illusion hingeben wollen, ihre moralischen Überzeugungen würden Menschen schon an irgendeiner Stelle eines gegenmenschlichen Prozesses innehalten und zum Besseren zurückkehren lassen. Das geschieht oft selbst dann nicht, wenn dieser Prozess selbstzerstörerisch zu werden droht.“ (S. 230 f.)

Für eine Moralphilosophie sind dies allerdings düstere Aussichten. Es haben sich die Ethik und die Philosophie überhaupt diesen Einsichten jedoch zu stellen. Allein schon aus dem Grund, daß unsere Zukunft und die Art und Weise, wie wir und nachfolgende Generationen zukünftig leben wollen, davon abhängt. Hier ist das Projekt der Aufklärung absolut weiterzutreiben. Welzer insistiert darauf, und sein Buch ist hierzu ein gewichtiger Beitrag.

V. Ökologische Kommunikation

Die ökologischen Probleme sind nicht neu: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Bericht des „Club of Rome zur Lage der Menschheit“, den „Grenzen des Wachstums“ gab es erste Warnungen und Hinweise (S. 110). Daß die sozialen Folgen der ökologischen Probleme bis heute kaum oder zu wenig diskutiert werden, steht in krassem Gegensatz zum Alter der ökologischen Debatte, so Welzer. Und dies ist richtig: Selbst in den frühen 80er Jahren auf dem Höhepunkt der Ökologiebewegung in der BRD bis hin zu Tschernobyl wurde zwar sehr viel über die Probleme und ihre Folgen gesprochen, doch weder in der internen Debatte der verschiedenen Gruppierungen und Strömungen, noch in jenem medialen Grunddiskurs, der etwa Begriffe wie Smog und Waldsterben ubiquitär machte, tauchten die sozialen Folgen richtig auf.

Mit Luhmann könnte man hier natürlich (systemtheoretisch) einwenden, daß ein System eben nur das kommunizieren kann, was es aufgrund seiner Differenzierung zur Umwelt und seiner systemimmanenten Binnenunterscheidung kommunizieren kann. Alles andere wäre eine Überforderung des entsprechenden Systems. So wird, vereinfacht gesagt, niemand vom System des Rechts Kunstwerke erwarten und vice versa. Doch ist es nur bedingt hilfreich, wenn es um Lösungen geht, ex negativo zu argumentieren, was nicht geht. Wenngleich die Luhmannsche Position schon eine erste Erklärung darüber abgeben mag, warum bestimmte Themen eben nicht kommuniziert werden können. Hier gilt es, Dinge fruchtbar zu machen.

Was die ökologische Debatte betrifft, sei nur auf seine Arbeit „Ökologische Kommunikation“ von 1986 hingewiesen. Ich wäre gerne noch intensiv darauf eingegangen, doch kann hier nicht der Raum dafür sein. Lesenswert ist dieses Buch jedoch, wenngleich es nicht unumstritten ist und problematische Punkte enthält. Ein Zusammen- und Gegenlesen mit Welzer wäre aber spannend. (Eine Luhmann dekonstruierende und gegen den Strich verfahrende Lektüre allemal.) Und es wäre für die hier skizzierten Probleme womöglich eine Ergänzung um Luhmann sinnvoll, wenngleich dies nicht unbedingt im Theorieansatz Welzers gegründet liegt und Luhmannsches Theoriedesign dem Denken Welzers eher entgegensteht: Sind es doch für Welzer nicht Strukturen und Diskurse, sondern es muß aus jener Welt der Strukturen zurückgefunden werden zu Strategien, mit denen „soziale Wesen“, mithin Subjekte, versuchen ihr Dasein zu bewältigen. (S. 44) Hier gilt es nach Welzer, die Potentiale des Subjekts zu entfalten. (Inwieweit in solchem Ansatz auch Probleme liegen, kann ich hier nicht weiter behandeln; dies ist ein Aspekt für sich, der unter dem Titel „Subjektphilosophie“ besprochen werden müßte; es wird aber in diesem Jahr Aufsätze zur Postmoderne und zum Poststrukturalismus geben, zumal anläßlich des 25. Todestages von Michel Foucault in diesem Jahr. Dieser darf nicht unkommentiert bleiben.)

Ich halte, um es kurz zu fassen, diesen teils sehr subjektzentrierten Ansatz Welzers, wenn man ihn verabsolutiert und als Königsweg begehen möchte, für eine Verknappung, denn es beraubt sich eine umfassende Theorie doch durch das Abschneiden der strukturellen und diskurstheoretischen Elemente ihres besten Instrumentariums zur Analyse, wenn es darum geht Zusammenhänge erst einmal deskriptiv zu erfassen oder gar Erklärungen dafür zu finden, warum bestimmte Themen von bestimmten gesellschaftlichen Subsystemen wie Recht oder Wirtschaft eben nicht oder erst unter bestimmten Bedingungen kommuniziert werden können. Hier bietet die Systemtheorie durchaus Erklärungen an, ohne daß man beim Nachdenken darüber sogleich zum Strukturfunktionalist werden müßte.

VI. Ausblicke

Vielfach wirft „Klimakriege“ bezüglich seiner Themen die Netze sehr weit aus. So werden Themenfelder wie der Nationalsozialismus und (islamischer) Terrorismus unter dem Kapitel „Veränderte Menschen“ sehr ausführlich behandelt, um die hier wirkenden Mechanismen der Verschiebung von Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Realität aufzuzeigen. Dies geschieht, um die oben skizzierte Theorie der „shifting baselines“ und deren Implikationen zu verdeutlichen und so bei (möglichen) Zukunftsszenarien Handlungsmuster zu antizipieren. Welche Optionen würden gewählt, wie sehen Möglichkeiten des politischen Handelns aus, wenn der Westen einem noch mehr ansteigenden, unaufhaltsamen Strom von Umweltflüchlingen ausgesetzt sein wird und der Druck an den Außengrenzen der EU zunehmend steigt? Noch mögen wir es als unmenschlich empfinden, Flüchtlinge in kaum schwimmtauglichen Beförderungsmitteln im Meer einfach ertrinken zu lassen, anstatt sie zu retten (obwohl dieses Ertrinkenlassen schon vielfach geschieht); noch erscheint es uns als absurd und dem europäischen aufgeklärten Geist widersprechend, daß Patrouillenboote der Grenztruppen auf Flüchtlingsboote schießen, um sie zur Umkehr zu bewegen, und bewußt den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Bei einem veränderten Referenzrahmen jedoch, wenn der Druck im Kessel steigt, erscheinen solche Lösungen gar nicht mehr so abwegig. Schnell setzt die Gewöhnung und Erleichterung über diese endlich ergriffenen Maßnahmen ein. Und es werden sich ausreichend Journalisten sowie Intellektuelle finden, die dieses Vorgehen nicht mehr nur beschweigen, sondern explizit gutheißen werden.

 Natürlich sind diese Annahmen erst einmal spekulativer Natur, und der wohlmeinend Abwägende, für den Ruhe die erste Bürgerpflicht und Tugend ist, wird entgegnen, daß diese Szenarien und die daraus resultierenden Handlungsfolgen nicht zu beweisen seien und der Hypothesencharakter des Konstruktes (und auch des Buches von Welzer) doch sehr stark sei. Es werde hier zudem sehr Unverbundenes und Disparates wie der Genozid in Ruanda und der Holocuast zusammengebracht mit der Wahrnehmung von Südkalifornischen Fischern bezüglich der Überfischung des Pazifiks. Es mögen diese von Welzer geschilderten Zukunftsaussichten so sein oder auch nicht, wir wissen es eben nicht, was in der Zukunft geschieht, das ist vollkommen richtig. (Korrekt muß man sagen: die möglichen Aussichten, denn Welzer antizipiert nichts und stellt nichts als soziale Tatsache dar, was nur spekulativer Natur ist.) Daß aber Menschen auf Freiheitsrechte verzichten zugunsten von Sicherheit, kann man bereits an der gegenwärtigen Debatte über die Gesetze zur Bekämpfung von Terrorismus ablesen.

Solches läßt sich zunächst einmal ganz neutral konstatieren. Denn daß ein Staat Maßnahmen gegen terroristische Bedrohungen trifft, ist legitim, da es die Pflicht eines Staates ist, seine Bürger gegen Terrorismus zu schützen (siehe Teil 1 dieses Essays, am 30.3.). Zu Fragen bleibt aber dabei, was solche Maßnahmen für die Formen sozialen Zusammenlebens und für die Art, wie Gesellschaften Dinge zukünftig wahrnehmen und bewerten, bedeuten.

Es sollte nicht zu viel Vertrauen in die Stabilität von Werten sowie in Normalitäts- und Zivilisierungsstandards gelegt werden (S. 239). Denn mit der Zuspitzung von Problemlagen geht meist ein schleichender Wandel dieser Werte und der Gewichtung von Werten einher. Bestes Beispiel ist hier der Umgang mit persönlichen Daten, mithin das Recht auf informationelle Selbstbestimmung: Brach bereits Jahre vor der Volkszählung von 1987, die im Vergleich zum Umgang mit Daten in der heutigen Zeit harmlos zu nennen ist, noch ein Sturm der allgemeinen Entrüstung auch bei denjenigen aus, die nicht unbedingt „links“ zu nennen sind, so bleibt in unserer Zeit eine Reaktion aus angesichts des heutigen Umgangs mit persönlichen Daten im Zeitalter des Internet und der verstärkten Überwachung. (Siehe hierzu etwa die Ausführungen Welzers S. 234 – 238.) Anhand solcher Beispiele zeigt Welzer sehr gut auf, wie die Theorie der „shifting baselines“ funktioniert. Wir glauben, ganz dieselben geblieben zu sein und dennoch haben sich unser Referenzrahmen und unsere Wertmaßstäbe unmerklich ein Stück verschoben.

So kann man abschließend festhalten, daß dieses Buch viel erreichen möchte und zugleich mit der Adlerperspektive über die Dinge gleitet. Insofern ist es ein wissenschaftliches Buch, welches sich nicht nur an das wissenschaftlich gebildete Fachpublikum, sondern an eine breitere Allgemeinheit wendet. Verstehen kann dieses Buch beim Lesen jeder. Es wird nicht mit Begriffen herumgeschwurbelt und epigonaler Diskursklamauk betrieben (nichts gegen Derrida, Foucault, Deleuze, Barthe: dies ist eine ganz andere Liga als jene nachbetenden Signifikantenreiter. Hier weiß ich mich gewiß mit meinem Blogkollegen Hartmut einig, dem ich manche Anregungen aus seinem Blog „Kritik und Kunst“ verdanke.)

Klimawandel beschränkt sich nach Welzer nicht nur auf das Absterben von Wäldern (und damit einhergehender Bodenerosion), das Abschmelzen von Gletschern und auf andere meteorologische Phänomene, sondern es entwickeln sich daraus ganz eminente politische und soziale Folgen, die mit dem bloßen Blick auf diese klimatischen Ursachen noch lange nicht hinreichend erfaßt sind. (S. 110) Dies stellt Welzer vollkommen richtig heraus. Die Auseinandersetzung mit dem sozialen Folgen und eine politische Debatte stehen hier noch aus. Ich hatte dies im zweiten Teil des Essay bereits angesprochen. Ein sehr wichtiger Punkt stellt für mich dar, daß Welzer diese Probleme nicht individualisiert, wie dies von Politikern einer bestimmen Provenienz gerne getan wird. Es reicht nicht aus, auf bestimmte Produkte oder weite Flugreisen zu verzichten. Dies dient lediglich der Selbstberuhigung und ist naiv, wenn solches Verhalten nicht zugleich mit einer Reflexion auf umfassende Mechanismen begleitet ist. (Insofern ist eben kein Mensch von der Philosophie entbunden, sondern vielmehr zu ihr verpflichtet.)

Bei den im Buch angesprochenen Problemen geht es Welzer zudem nicht um monokausale Erklärungen für die neuen Klimakriege, da „Gewaltkonflikte (…) immer ein Produkt mehrerer paralleler und ungleichzeitiger Entwicklungen (sind)“ (S. 111). Das Niveau der Theorie muß hinreichend komplex sein, um das Feld zu erfassen.

Das Buch entwirft, dies muß man ganz hart sagen, Katastrophenszenarien, von denen man sich wünscht, daß sie nicht eintreffen mögen, so Welzer. Doch steht es zu vermuten an, daß diese Szenarien eintreffen werden, wenn der Schlaf der Vernunft anhält. Die Folgen des Klimawandels „werden nicht nur die Welt verändern und andere Verhältnisse etablieren, als man bislang kannte, sie werden auch das Ende der Aufklärung und ihrer Vorstellung von Freiheit sein. Aber es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat.“ (S. 17, Hervorh. von bersarin.)

Es wird Kriege gegeben haben: Es bleibt zu fragen, wie dieser Punkt aussieht, von dem aus wir, nachdem diese Kriege (vielleicht) einmal zu Ende sind, sagen werden, daß es Kriege gegeben hat, falls es sich nicht um zukünftige Kriege handelt, die, wie heute schon im Kongo, von verschiedenen Kriegsindustrien auf Dauer gestellt sind, um mit ihnen beständige Profite zu erzeugen.

Welzer hat jedoch mit seinem Buch eine Spur gelegt, der es zu folgen, und einen Rahmen gesetzt, den es mit der detaillierten Forschung auszufüllen gilt. Was nun ansteht, das ist die Kärnerarbeit der Geisteswissenschaften wie der Soziologie, der Politikwissenschaften und der Philosophie (aber auch der Jurisprudenz und der Rechtsphilosophie/-theorie) und den Naturwissenschaften, auf diese Anforderungen zu reagieren und konkrete Theorien auszuarbeiten. Wir werden uns der Fragen stellen müssen, wie eine Gesellschaft aussehen wird und aussehen kann, die etwa mit massiven zunehmenden weltweiten Flüchtlingsströmen umgehen muß.

Doch diese Theorien werden allesamt nichts nützen, wenn es damit einhergehend nicht auch eine Politik gibt, die dafür sorgt und es für absolut notwendig und dringlich erachtet, daß die Erkenntnisse aus solchen Theorien zugleich umgesetzt werden müssen. Denn es genügt nicht, um hier Marx‘ 11. Feuerbachthese anzuzitiern, die Welt bloß zu interpretieren und in der Theorie die Problematik zu durchdringen, sondern diese Welt muß zugleich verändert werden. Es gilt, Praktiken zu entwickeln, ohne dabei aber die Möglichkeiten von Politik (utopistisch im schlechten Sinne) zu überfordern, denn leider ist der gleichzeitig auch ideologisch gebrauchte Satz nicht vollkommen falsch, daß Politik die Kunst des Möglichen sei, was aber nicht bedeutet, dabei den Möglichkeitssinn auszuschalten. Es geht also um ein Konzept der kleinen Schritte. (Hoffen wir nur, daß für diese noch die Zeit reicht.) Wie Veränderungen trotzdem möglich sein können, wenngleich nur langsam, hat die Entwicklung hinsichtlich des ökologischen Bewußtseins gezeigt. Heute haben auch die Parteien, die früher nicht gerade als Vorreiter ökologischer Themen bekannt waren, ökologische Themen im Programm. Diese sind, bei aller Oberflächlichkeit, doch Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses geworden. Dies hat jedoch eine lange Zeit gebraucht.

Daß sich Politik mittelfristig ändert, läßt sich für Welzer etwa über eine „Erhöhung der Kommunikations- und Teilhabechancen“ an Debatten und und Entscheidungen über zukunftsrelevante Fragen innerhalb einer Gesellschaft erreichen (S. 270). Denn eine Gesellschaft, „die größere Teilhabe und höheres Engagement erlaubt, ist besser in der Lage, dringende Probleme zu lösen, als eine, die ihre Mitglieder gleichgültig läßt.“ (S. 271) Es wird hier eine dritte Moderne gefordert, die bewußt die Strategie einer reflexiven Moderne einschlägt. Inwieweit dieses Konzept aber tragen mag und nicht bloß frommer Wunsch bleibt, dies sieht auch Welzer. Insofern gibt es noch ein zweites Kapitel „Was man tun kann und was nicht II“, das ein eher düsteres Szenario hinsichtlich der Zukunft bereithält. Der Hoffnungsraum ist hier klein wie die durch Hartz IV zugewiesenen Wohnungen.

So möchte ich zum Schluß die letzten Sätze dieses instruktiven und mehr als wichtigen Buches, das ich jedem zum Lesen empfehlen möchte, zitieren:

„Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben ­– als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.“ (S. 278)

Es ist dies eine bittere Aussicht. Doch werden wir uns ihr irgendwie stellen und uns vor allem aber zu ihr verhalten müssen.