Philosophie und Literatur (1)

Die Frage, ob die philosophische Ästhetik selber ästhetisch werden kann (und ob sie es auch sollte), ob man Philosophie als Literatur behandelt, läßt ganz leicht sich nicht beantworten. Eine allzu bündige Antwort, die abschließend mit „Nein“ ausfiele, verfehlte womöglich die Sache und verkennte das kritische Potential, welches in einer veränderten Anordnung läge. Doch zöge man umstandslos die Grenzen ein, entschärfte der Text beide Seiten, und es stünde weder der Philosophie noch der Literatur gut an, in eine trübe Gemengelage zu geraten.

Nur wenigen Texten ist es vergönnt, in einem solchen Modus der Differenzauflösung zu fahren, den Gattungsunterschied einzuziehen und dabei als Text zu funktionieren: Montaignes „Essais“, Nietzsches „Zarathustra“, wenngleich dieser sich vom Heute her gelesen zuweilen großspurig und pathosschwanger ausnimmt, Kierkegaards „Entweder – Oder“, Derridas „Postkarte“, Adornos „Minima Moralia“, Benjamins „Einbahnstraße“, um nur einige wesentliche Texte zu nennen. Dieses Moment des Changierens und Gleitens zwischen den Gattungen verbindet – bei allen sonstigen Unterschieden – diese Texte: Daß der Ausdruck der Sache nicht unwesentlich bleibe.

(Ich frage mich nebenbei, ohne das weiter ausführen zu können, ob man Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ebenfalls als ein Stück Literatur lesen muß.)

Aber auch eine gegenüber herkömmlichen Werken der Philosophie veränderte Schichtung von Rhetorik und Logik eignet diesen Texten. Insbesondere Derrida geht es, wenn man Habermas in seinem „Philosophischen Diskurs der Moderne“ folgen mag, um eine „Souveränität der Rhetorik über das Gebiet des Logischen“ (S. 221) Die Figurenrede vermag die Wahrheit in eine andere Anordnung zu bringen – paradigmatisch steht dafür der Text Nietzsches. Es ist nicht mehr nur die diskursive Ordnung der (logischen) Argumente, sondern es wird zu einer Frage des Stils, der stilbildenden Figuren, eine Weise zu finden, welche die instrumentelle Vernunft und ihre Zurichtungen übersteigt (Habermas, S. 222) – einen Ort jenseits und doch innerhalb der Grenzen sowie der Abgeschlossenheit zu finden. Zwingend wird diese Art des Denkens im Anschluß an Nietzsche, Adorno (aber auch Heidegger) für die Philosophie Derridas, weil es nicht ausreicht, den Gegensatz bloß umzukehren, und damit wieder in den Oppositionsbildungen zu verharren, sondern vielmehr soll er in einer textuellen Praktik „verwunden“ werden.

Die Philosophie Derridas gibt sich allerdings vielfältig: Sie reicht von einer dezidierten, durchaus diskursiven Analyse, etwa jenes relativ unbekannten Rousseau-Textes „Essai sur l‘origine des langues“ gekoppelt mit Lévi-Strauss, in der Grammatologie“ bis hin zu einer kryptischen Hegellektüre in „Glas“, über eine rechtsphilosophische Ausrichtung – sozusagen die Dekonstruktion des Rechts –, die Derrida in seiner Lesart von Benjamin und Carl Schmitt liefert. Mit einer Aufzählung seiner zahlreichen und heterogenen Werke ist es aber kaum getan, weil diese Philosophie der sich beständig verschiebenden, auflösenden différance sich eben nicht in ein, zwei oder drei Hauptwerke bündelt, sondern in eine Vielzahl von Texten aufspaltet, welche die Motive in Variation in eine Schrift bringt. Begriffe werden entfaltet und ziehen sich zugleich zurück, sie werden über andere Texte angeeignet, umgelesen, abgestoßen. Es gibt kein Eigentum, dieses besitzt illusionären Charakter, jeder Besitz trägt seine Zerstörung in sich.

In einer Weise, die der Literatur sehr nahe kommt, geschieht dieses Spiel in Derridas „Postkarte“, insbesondere in der ersten Lieferung; die „Zweite Lieferung“ ist sozusagen der eher theoretische Part und vor allem eine harte Kritik an Lacan. Bei dieser Lesart Derridas als Literatur, sollte man jedoch einen Begriff derselben haben, der die Reich-Ranickische Sicht (bei weitem) übersteigt.

Andererseits muß man etwa bei Derridas „Postkarte. Erste Lieferung“ fragen, ob es sich bei diesem Text nicht vielmehr um eine in die Form hineingepreßte Philosophie handelt. Dieser Einwand mag sich jedoch bereits dadurch entschärfen, weil die Assonanzen an die Philosophie und ihre Motive derart vielschichtig sind und virtuos angespielt werden, daß der Leser sich fragen wird, wo er eigentlich gerade sich befindet. Liest er Liebesbriefe, verfolgt er eine Theorie der Sendung, der Kommunikation, der Posten, daß ein Brief seinen Bestimmungsort nicht erreichen kann, ist es ein Vorspiel auf jenes Seminar zum entwendeten Brief, eine Kritik an den Facteuren der Wahrheit oder ist es der unaussprechliche Eigenname, der in sich taumelt, deliriert, kreist; das Spiel der Identitäten: Männlich – weiblich, wird hier ein Stück Heidegger aus Frankreich gegeben, die Bedingungen der Möglichkeit einer Sendung und die eines leeren Ortes, der Asche und des Feuers? Schwierig auszumachen, der Text sprengt die Grenzen der Gattung. Es ist nicht ratsam, sich zu sehr an diesen Text anzuschmiegen. Er ist ein Pharmakon.

„Und dann werde ich dafür sorgen, daß das Dir absolut unlesbar wird. Du wirst nichts selbst wiedererkennen, Du wirst nichts fühlen, und ich werde sogar, bei Deiner Lektüre, unbemerkt bleiben. Wir werden, nach diesem letzten Mord, einsamer sein denn je, ich werde fortfahren, Dich zu lieben, Lebendige, jenseits von Dir.“ (J. Derrida, Die Postkarte, S. 216, Berlin 1982)

„Ihr könnt diese Sendung lesen als das Vorwort eines Buches, das ich nicht geschrieben habe.

Es hätte gehandelt von dem, was geht von den Posten, den Posten in allen Genres, bis zur Psychoanalyse.

Weniger, um eine Psychoanalyse des postalischen Effekts zu versuchen, als um zurückzusenden von einem einzigen Ereignis, der freudschen Psychoanalyse, zu einer Geschichte und einer Technologie des Kuriers, zu einer gewissen allgemeinen Theorie der Sendung und all dessen, was durch eine gewisse Telekommunikation beansprucht, sich zu schicken. […]

Was die Sendung selbst angeht, ich weiß nicht, ob die Lektüre dessen aushaltbar ist.“ (S. 7 f.)

In der Tat. Man muß schon sehr viel Empathie und eine große Portion jenes hermeneutischen principle of charity mitbringen. Rein philosophisch orientiert, bewältigt das Buch sich nicht, rein literarisch gelesen auch nicht, es hakt an manchen Stellen. Nicht einmal das Genre ist klar: ein Krimi, ein Briefroman, eine Autobiographie, eine Liebesgeschichte? Die Frage bleibt, wie zu lesen sei. Fast möchte ich, mit Habermas gesprochen, schreiben, daß man sich in einer dem Text entgegenkommenden Lebensform (am besten der studentischen oder zumindest ungebundenen) befinden oder befunden haben muß, um diesen Text vom Anfang bis zum Ende zu lesen. Ich tat es seinerzeit.

Eine Meisterleistung der Übersetzung ist dieser Text allerdings, ich weiß nicht, wie der Übersetzter Hans-Joachim Metzger es anstellte, diese Übertragung angemessen zu betreiben, vor allem deshalb, weil Derrida seine Begriffe derart überkonnotiert, daß eine unendliche Lektüre, ein unendlicher Kommentar nicht ausreicht, um das einzuholen. Die Prägung dieser Texte durch das Judentum ist evident, wenngleich als Erklärung vollkommen unzureichend.