Die Tonspur zum Sonntag – „Die Heiterkeit“

So ist das manchmal, unvermeidlich. So in dem Song „Die Linie im Sand“:

„Ich bin in allem, was du siehst
In den Büchern, die du liest
Ich bin die Luft, die du brauchst
Was du bist, bin ich auch
Wenn du’s willst mach‘ ich’s dir leicht
Ich bin zwar aus Stein, doch dafür ganz weich
Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick
Es geht voran und zurück“

In dieser Weise sagt es der eine zu ihr und so bestreitet es die andere.  „Ich bin die Linie im Sand … Ich bin die Böe am Strand … Ich bin der Wind, der Dich treibt!“. So wissen es beide und wissen es nicht in solchen Liebesdingen. Dies sind, auch ohne jede Musik genommen, schöne Zeilen. Dies sind zuweilen passende, auch rätselhaft wirkende Verse, sie sind in ihrem Ausdruck, in ihrer Kraft und Bestimmtheit von Lyrik, von Liebe getragen und auch von einem Pathos, den Künstler sich ansonsten leider, wie der Schriftsteller und Dichter Alban Nikolai Herbst zu recht beklagt, allzu oft in den hohen Künsten versagen, während sie diesen Ton im Pop-Sound goutieren. Ich bin da offen: wenn Pathos gut ist, ist es gut: „In den Staub mit den Feinden Brandenburgs“ ist heute noch ein Pathos-Ton, der mir gefällt. Ich mag emporglühende und lodernde Flammen. In der Musik geht das anscheinend besser und gerät nicht, anders als in Prosa und Poesie, in den Verdacht der, wie Adorno es teils berechtigt nannte, „gebeizten Stimmungskunst“. Die Grenzen sind flüssig und es ist in Pop wie Prosa und Poesie genau hinzusehen. In dieser Bild-Tonspur aber funktioniert es.

In dunkler Stimme: Was die Sängerin Stella Sommer macht, ist mehr als nur Pathos. Singen von Liebe und von ihrer Vergeblichkeit und einem seltsam kalten Bleiben. Halb ironisch, halb frostig, halb doch wissend, daß es ohne jene Liebe nicht ganz geht. Und mit ihr auch nicht immer. Nicht ohne Ironie, nicht ohne jene Liebe, nicht ohne jene Kälte. Gesang, der in dieser Sprache auch Vergeblichkeit trifft: das vielleicht macht jene Musik zu dem, was man in der Kunst „schön“ nennt. Vom Ton her erinnert die Stimme Sommers an die herrliche Milva – und das ist als ein hohes Kompliment gemeint. Ich hatte „Die Heiterkeit“ immer einmal wieder gehört, schon 2012, z.B. „Die Liebe eines Volkes“ – das fand ich als Song gut, ein wenig „Lassie Singers“ – wenn es denn überhaupt klug ist, so mit Namen zu vergleichen – und ein wenig Hamburger Understatement. Herausschälen einer Stimme, einer Idee. Und in diesem Sinne sollte man die Sängerin Stella Sommer als Stella Sommer nehmen und nicht als dies oder das – davon ab, daß fast jede Band, fast jeder Musiker sein Repertoire auf der Tradition fussen läßt. Oder wie Durs Grünbein es dieses Wochenende in einem Interview in der Berliner Zeitung in bezug auf die Schriftsteller Trakl, Mandelstamm und Kafka sagte: „Das sind die Toten, mit denen ich im Dialog bin. Sie werden immer mehr.“

Eine Band mit dem Namen „Die Heiterkeit“, die in Text und Gesang so gar nicht und wenig heiter herüberkommt, wie 2012 in jenem Video von der Liebe eines Volkes gefällt mir, als fröhlicher Bewohner des Grandhotel Abgrund ausnehmend gut. Das hier gezeigte Video der „Linie im Sand“ als Bildspur gefällt mir ebenfalls, obwohl ich das gehäufte Fingern von Frauenhänden durchs Frauenhaupthaar bei Frauen nicht mag – bei Männern auch nicht, das sei zur korrekten Absicherung dazu geschrieben, da finde ich es noch schrecklicher. Aber vielleicht paßt dieses Gleiten durchs Haar am Ende doch zu dem Song, sofern es ironisch oder in einer outrierten Outriertheit dann wieder doch ernst gemeint ist, um das Gestische zu konterkarieren, Pathos als Pathos, um dazu zu stehen, und um Ausdruck, Spiel mit Ausdruck bei gleichzeitiger Schönheit in ein Bild zu bringen: Loreley, ich weiß das nicht: vielleicht ist es ein Expressionismus in Hamburger Schule. Ich schätze diese Art von Bildmaterial, und zwar weil es schön ist und weil dieses Gestische expressiv zum Song paßt, ohne aufgesetzt zu sein. Und damit sind wir bei jener Frage nach dem Gelingen einer Geste. Die Frage lasse ich als Bild durchlaufen und in dieser Inszenierungspose ist genau dieses Fließen die Linie im Sand.

Egal wie man diese Anmut und diese Geste in Pop nehmen mag: Das Pathos dieses Sounds im Aufspiel der Musik von Klavier und dann steigernd Schlagzeug, Synthesizer und vermuteten Streichern ist etwas, das ich ebenfalls als schön und auch als ästhetisch gelungen empfinde. Und die Bilder einer erotischen Frau, die Bild bleibt, Imago in Pop, Figur, Geste und Haltung, unterstreichen in diesem Video diese Schönheit. Schön auch das Ausflashen am Ende dann zum Weiß und zum Schwarz.

Linien im Sand sind flüchtig. Sie sind wie jene bekannten Gesichter, die nicht im Sand bleiben, die durchs Meer verschlieren und im Wasser vergehen: in Warnemünde damals 1993 in den Strand gezeichnet, auf Rügen, auf Hiddensee wo man im November hätte weilen können, oder nahe Rungholt oder an sonst einem Strand der Welt. Schön aber, wenn ein Mensch, wie in diesem Song, in einer Erinnerung harrt und immer bleiben wird, weil da ein lyrisches Ich weiß und ahnt: etwas bleibt. Eine Art von Schmiegsamkeit ohne Körper. Stella Sommer singt davon und von einer Liebe, die länger als jene Zeit ist, in eindringlicher Art. „Cause there’s nothing else to do: Every me and every you!“

Am 30.10. ist von Stella Sommer die wunderbare Platte „Nothern Dancer“ erschienen, die ich unbedingt zum Hören (und natürlich auch zum Kaufen) anrate.