Die neue Weinerlichkeit oder das kleine Einmaleins der Warenkunde

Wenn in der Konsumgüter produzierenden Wirtschaft ein Produkt bei den Verbrauchern sich nicht gut verkauft, dann gibt es, sobald sich Marktforscher daran machen, die Ursachen dafür zu ergründen, kein einziges Unternehmen, das hinterher dem Verbraucher die Schuld zuschiebt und flugs behauptet, der Kunde wäre nur zu dumm für das Produkt gewesen oder er sei ein Arschloch. Sondern das Unternehmen versucht, entweder das Marketing zu verändern und die Vorzüge der Ware herauszustreichen, oder wenn das nicht funktioniert, rät der Marktforscher dem Produzenten, die Ware so zu verändern, daß der Kunde mit ihr etwas anfangen kann und sie gerne kauft. Was nicht überzeugt, wird nicht gekauft. Dieser Grundsatz gilt im Kapitalismus übrigens nicht nur für alle Waren, die sich irgendwie auf dem Markt anbieten.

Ansonsten verweise ich nicht nur auf meine Rezension von Didier Eribons Buch  „Rückkehr nach Reims“ (und auch hier ein Teaser dazu), sondern ich empfehle aus der „Berliner Zeitung“ das Interview mit Didier Eribon:

Eribon: „Der Begriff Klasse gilt als altmodisch und marxistisch. Klassen gibt es gar nicht mehr, heißt es jetzt. In den 80ern hat vor allem die sozialistische Partei in Frankreich versucht, die Existenz einer Sozialstruktur nach Klassen zu verleugnen. Stattdessen sprach man von der Selbstbestimmtheit des Individuums und dessen Verantwortung für sich selbst. Man sagte den Leuten: ‚Wenn du arbeitslos bist und keinen Schulabschluss hast, ist das deine schuld.‘

Wozu führte das?

Eribon: Damit nahm man den Arbeitern ihre Identität. Das Problem ist: Klassen existieren, auch wenn keiner darüber sprechen möchte. Und in dieses Vakuum stieß der FN. Marine Le Pen hat vor einigen Tagen noch in einer Rede gesagt: „Wir sind diejenigen, die für die Arbeiterklasse kämpfen.“ Die AfD in Deutschland und Ukip in Großbritannien machen das Gleiche.

In Deutschland ist Rechtspopulismus noch ein recht neues Thema. Haben Sie hier ähnliche Entwicklungen beobachtet wie in Frankreich.

Eribon: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Prekarisierung der Arbeit gegeben. Und wie in Frankreich waren es auch in Deutschland die linken Parteien unter Kanzler Schröder, die das politisch durchgesetzt haben. In Großbritannien hat die Labour-Regierung sich ebenfalls nicht um die Arbeiterklasse gekümmert, obwohl das eigentlich ihr Klientel sein müsste. Wenn man sich anschaut, wer für den Brexit gestimmt hat, dann deckt sich das mit den Gebieten, die von der Deindustrialisierung am stärksten betroffen waren.“

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25198024 ©2016)

Schau heimwärts, Engel! – Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“

„das Abenteuer der Wahrhaftigkeit“
(Max Frisch, in: Tagebücher 1946-1949)

„Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem
geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter
härtesten Bedingungen gearbeitet hat […], dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ‚soziale Ungleichheit‘. Das Wort ‚Ungleichheit‘
ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Klassengesellschaft vor Augen.“ (Didier Eribon)

7252In den Tagebüchern von Max Frisch findet sich eine schöne Episode, wo er beschreibt, wie seine Mutter als Kind von ihrer Lehrerin vorgehalten bekam, sie würde nie das Stricken lernen. Jahre später erfreute sich die Familie Frisch einer unablässigen Produktion von Strickwaren. Hegelsche Anerkennungsdialektik – so auch im Leben. Wir entstehen – das forcierte insbesondere die Existenzphilosophie – erst unter dem Blick des anderen. Manchmal freilich brauchen wir diesen zuweilen tadelnden Blick, um uns von unserer Herkunft abzusetzen, weil von Kind auf bereits jener andere Wunsch in uns schlummerte. Aus dem Milieu auszubrechen, das die Gesellschaft für einen vorgesehen hatte und um das sie die Grenzzäune meterhoch aufrichteten.

Bei Didier Eribon verhielt es sich ähnlich. Eribon ist ein französischer Soziologe, der zudem eine fulminante und lesenswerte Biographie über Foucault schrieb, er kommt aus dem Milieu der Arbeiterklasse. Dort war in den 50er und 60er Jahren der soziale Aufstieg nur bedingt vorgesehen. In der „Ausbildung“ der Kinder sollte es darum gehen, daß diese möglichst zügig Geld verdienten, um entweder auszuziehen oder um dem schmalen Familieneinkommen ihren Anteil beizufügen.

„Die Gesetze der sozialen Endogamie sind so starr wie die der schulischen Reproduktion. Und beide, das wusste meine Mutter sehr gut, hängen eng miteinander zusammen. Bis heute glaubt sie, dass sie eine ‚gebildete Frau‘ hätte werden und ‚einen klügeren Mann‘ hätte finden können. Aber so war sie nun mal eine Putzfrau, die einen Arbeiter kennenlernte, der selbst keine guten Bildungschancen hatte und außerdem nicht gerade aufgeschlossen war.“

Wenn ich in einem Buch mehr unterstrichene Passagen habe als unmarkierten Text, dann ist es fürs Wiederfinden bestimmter Sätze suchtechnisch zwar ungünstig, zeigt aber, daß mich die Lektüre gepackt hat. Bei der „Rückkehr nach Reims“ ist es der Fall. Ich scheue die Superlative, aber es ist eines der großartigsten Bücher dieses Jahres. Wie sich der Blick auf Soziales und auf die eigene Biographie, das Leben der Eltern, der Großeltern zu einem Block verdichten. Wie Herkunft als unüberwindbare Barriere wirkt und wie schwierig Ausstieg und Aufstieg sich gestalten. Eribon beschreibt das Leben der Eltern in klaren Worten. Er schreibt aus schwuler Perspektive, aus der Perspektive seiner Klasse, für die er sich zugleich schämt, wenn er in Paris mit den Intellektuellen im Café sitzt. Eribon läßt sich dennoch nicht durch irgendein Dogma vereinnahmen. Eine Sozialstudie als Biographie, eine Biographie als Sozialstudie, die in bester Tradition zu Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse“ steht, und doch angereichert ist mit unserer Jetztzeitmoderne und unter der mikrologischen Perspektive, auf den Ausschnitt eines Milieus verdichtet, den Einzelfall demonstriert, der für das Allgemeine steht.

Eribon wandte sich von seinem Milieu ab. Seine Mutter unterstütze ihn dabei, wenn auch halbherzig. Als einziges der drei Kinder durfte Eribon die eigentlich unnütze Oberschule besuchen. Während seiner Schulzeit entdeckt er sein Schwulsein. Zwei Erfahrungen von Diskriminierung, die prägen: Inmitten der höheren Schichten in Schule und Universität dem Arbeitermilieu zu entstammen und, was noch schlimmer ist, auch für die eigene, im Grunde tief reaktionäre Klasse: Schwul zu sein. Eribon beginnt in Reims ein Studium der Philosophie, wo jedoch die traditionelle akademische Philosophie des Wiederkäuens sich wie ein Alp auf sein Denken legt. Schließlich siedelt er nach Paris: „Ich war vor meiner Familie geflohen und verspürte nicht die geringste Lust, sie wiederzusehen.“ Eribon kommt mit den Schriften Sartres, Foucaults, Derridas und Bourdieus in Kontakt, liest die Klassiker der Philosophie – mit anderen Worten, Eribon atmet den Geist jener Zeit der frühen 70er Jahre, zwischen französischer Existenzphilosophie, Poststrukturalismus und den unterschiedlichen Ausprägungen Marxscher Theorie. Und insbesondere Bourdieus Habitustheorie findet im Gefüge von Eribons Gedanken ihren Niederschlag.

Erst mit dem Tod seines Vaters kehrte Eribon wieder in seine Heimat zurück – ohne freilich auf die Beerdigung des Vaters zu gehen. Und genau dieser Blick von der Fremde her auf das Eigene macht die Autobiographie lesenswert. Wie wenn wir nach über dreißig Jahren, die Orte besuchen, an denen wir aufwuchsen und die unser Welt, unsren Blick sowie unser Denken und Fühlen prägten. Bis jener Stoß einsetzte, der uns mit einem Mal forttrieb. Kindheitsmuster mit Ausbruch. Alte Freunde waren keine mehr, wir entfernten uns voneinander.

Eribon entdeckt den geistigen Lebensraum, der ihm im Grunde von seinem Milieu her vorenthalten wurde, als einen sozialen Raum, der streng strukturiert und reglementiert ist, ebenso wie das Milieu, dem er entstammt ein sozialer Raum ist, der konditioniert und schwer überwindbare Hindernisse und Grenzen auftürmt, und er bemerkt zugleich die subtilen Potentiale von Widerstand gegen die Ordnung der Dinge: mit Renitenz oder mit Entzug sich zu widersetzen. Insofern verbinden sich in Eribons Selbstanalyse, seiner Confessio, zwei Momente: ein strukturalistisches, das nach den Konstitutionsbedingungen dieser Arbeiterwelt wie auch der der Intellektuellen und der Mittelschichtkinder fragt, und zugleich ein Existenzialphilosophisches, das die Ichhaftigkeit, die Selbstermächtigung, sich neu zu erfinden, betont. Im Grunde Aspekte, die wir nicht nur bei Sartre, sondern ebenso beim späten Foucault in anderer Form wiederfinden, wenn er von der „Ästhetik der Existenz“ spricht.

„Die Wiederentdeckung dieser ‚Gegend meiner selbst‘, wie Genet gesagt hätte, von der ich mich so sehr hatte lossagen wollen. Ein sozialer Raum, gegen den ich mich konstruiert hatte, der aber trotz allem einen wesentlichen Teil meines Seins bestimmte. Ich besuchte meine Mutter. Es war der Beginn einer Aussöhnung mit ihr. Oder genauer: einer Aussöhnung mit mir selbst, mit einem Teil meines Selbst, den ich verweigert, verworfen hatte.“

Denn genau darin, in dieser Verleugnung des Eignen, der Herkunft und Abkunft, die Eribon so sehr mit Scham und später mit Zorn erfüllte, liegt auch das Movens des Schreibens:

„Ich wählte die eine Art, mich als schreibendes Subjekt in meinem Schreiben zu verwirklichen, … Damit fand ich nicht nur eine bestimmte Weise, mich selbst in der Gegenwart zu definieren und zu subjektivieren, ich legte mir auch eine bestimmte Vergangenheit, Kindheit Jugend zurecht: Ein schwules Kind sei ich gewesen, ein schwuler Heranwachsender, kein Arbeiterkind. Und doch!“

Notwendige Verleugnungen der sozialen Realität, dennoch vermag es Eribon, auch dieses Verdrängte in einem Strang freizulegen. In diesem Sinne sind seine Confessiones neben der Reflexion auf das eigene Schreiben zugleich eine Archäologie der Gefühle: „Die Spuren dessen, was man in der Kindheit gewesen ist, wie man sozialisiert wurde, wirken im Erwachsenenalter fort, selbst wenn die Lebensumstände nun ganz andere sind, und man glaubt, mit der Vergangenheit abgeschlossen zu haben.“

Sicherlich ist diese Erkenntnis als solche trivial. Aber Eribon füllt sie in seiner Biographie mit Leben und macht diese Einsicht anschaulich. Satz für Satz rekonstruiert und dekonstruiert er zugleich das Dogma, man könne sich selbst erfinden und erschaffen. Darin liegt Größe. Eribon nimmt sich selbst in seinem Schreiben und in seiner Kritik nicht aus: Woher diese unendliche soziale Scham der Herkunft rührt und weshalb er niemals mit seinem Vater über das Verschwiegene sprach. Bis hin zum Tod des Vaters. Eribon hätte es qua intellektueller Konstitution und erst recht als Profi-Soziologie – im Gegensatz zum Vater– gekonnt, diesen Dialog anzufangen. Erst im Rückblick erschließt sich Leben und oft erst, wenn dieses bereits halb vorüber ist.

Doch es blieb Eribon in seiner Situation andererseits nichts anderes übrig, als jene Herkunft zu verleugnen. Die existierenden Klassenschranken kann man vermutlich nie ausschalten, aber für sich selbst zumindest ein Stück weit neutralisieren, indem man den eigenen Standpunkt, wie man heute so schön sagt: neu erfindet.

Der unfeine Unterschied zwischen Unterschicht (früher sagte man Proletariat) und höheren Schichten ist vor allem einer der Zugangsmöglichkeiten zu bestimmten Bereichen. Man wird den Habitus der eigenen Klasse nie ganz los: Wer von unten kommt und irgendwann mit 30 oder 40 in einer Versammlung von althergebrachten Juristen aus den traditionellen Milieus steht, und zwar selber als Jurist, der wird trotz allem den Stallgeruch nicht mitbringen. Allein an den Gesten, der Art sich zu bewegen, der Art zu essen, über Weine zu plaudern und das Bänkchen fürs Buttermesser überhaupt zu entdecken, zeigen sich Differenzen ums ganze: All diese Details, die denen der oberen Schicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, müssen von jenem Mann oder jener Frau, die nach oben will, mühevoll gelernt werden. Die französischen Bildungsromane wie „Verlorene Illusionen“; „Die Erziehung des Herzens“ oder „Rot und Schwarz“ geben ein Bild davon, wie schwierig sozialer Aufstieg sich gestaltet.

Bei diesem Schürfen in den Tiefen sowie der Dialektik von Ich und Gesellschaft rekurriert Eribon nicht so sehr auf die psychoanalytische Dimension, sondern vielmehr aufs Soziale, das für eine Entwicklung zentral ist:

„Viel plausibler scheint mir die Vorstellung eines gesellschaftlichen Spiegelstadiums, das mit einer Bewusstwerdung und einer Erkenntnis der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu einhergeht, in dem bestimmte Verhaltens- und Handlungsweisen vorherrschen.“

Aber es geht Eribon ebenso um eine Erfahrung, die die wenigsten in solcher Kontinuität machen: das Anderssein als solches, das sich nicht wie der Habitus eines Punk- oder Hippie-Outlaws irgendwann wieder abstreifen läßt – insbesondere als Schwuler, was in Eribons Analyse generell den Blick für Minderheiten schärft. Insbesondere im V. Kapitel, wo es um die Lebenswelten der Schwulen, ihr Rückzugsorte geht und in welcher Weise Schwule durch die Gesellschaft – und dazu gehört insbesondere jene Arbeiterklasse – wie auch von der Polizei diskriminiert und in ihrem Menschsein verlacht werden. Was Eribon dazu führt, auf das Frühwerk von Foucault zu verweisen, wo diese Mechanismen des Ausschließens mit Leidenschaft beschrieben werden. Kein „Patchwork der Minderheiten“ also, sondern die Erfahrung der Ausgrenzung thematisiert Eribon. Er beschreibt diese Demütigungen nicht mit dem fuchtelnden Zeigefinger der Moralfurie, sondern er erzählt, was passiert, und gerade dieses Verfahren macht Ausgrenzung und Diskriminierung sehr viel anschaulicher als jener Aufplusterton. Eine der zentralen Erkenntnisse, die diese Biographie ausformuliert ist der Umstand, daß Lebensmodelle immer relational sind, was Eribon auch den „Apologeten der Anormalität“ ins Gedächtnis ruft, „die uns die ständige Subversion und die Nichtnormativität vorschreiben wollen, …“.

Eribon schont in seinem Buch weniges. Auch sich selbst und den eigenen Blick nicht. Interessant an darin ist vor allem, wie jene linken Utopisten und Wunschdenker sich die Imago einer Arbeiterklasse schaffen, die es zu befreien gilt, und wie lächerlich diese selbst geschaffene Stellvertreterinstanz im Grunde ist, die mit der Realität kaum noch etwas zu schaffen hat. Eine Art revolutionäre Wunschmaschine. Faszinierend vor allem, wie Eribon all diese Widersprüche beschreibt, auch in anderen Milieus: eine so unselige Figur wie Raymond Aron, der der großbürgerlichen Kaste entstammend und jeglichen Blick für die sozialen Realitäten verlor, obgleich er doch als Soziologe wirkte und hätte sehen müssen. Ebenso aber die Vorurteilsstrukturen seines eigenen Milieus, Eribons eigenes Versagen und der Mangel an Souveränität gegenüber seiner eigenen Familie. Von der Soziologie der Klassen müßte man mit diesem Buch eine Brücke zur Literatur schlagen und all das, was Eribon analysierend zu Protokoll gibt, in die Prosa, in den Roman überführen. Was gäbe das für eine Geschichte und welch ein Sittenbild der Gesellschaft, geschrieben zwischen Balzac, Flaubert, Hugo und Zola. Manchmal ist es schade, daß wir uns den großen zeitgeschichtlichen Roman nur im eigenen Kopf und bei der Lektüre der Soziologen uns ausmalen dürfen.

Die Linke, ja die Linke, sie ist eine zentrale Instanz bei Eribon. Ebenso richtig und treffend beschreibt er im III. Kapitel, wie die Linke in Frankreich allmählich erodierte – insbesondere nach dem Wahlsieg Mitterands. Allerdings rief bereits der Schriftsteller Jouandeau den protestierenden Bürgerkindern von 68 zu: „Geht nach Hause, in zehn Jahren seid ihr Notare!“ Schöne Anekdote, die Eribon uns hier berichtet.

Er wußte, wie und wo der lange Marsch durch die Institutionen endete: An den Futtertrögen. Was Eribon beschreibt trifft ebenso auf die Verhältnisse in der BRD zu: „Ein Gutteil der Linken schrieb sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen, das zuvor ausschließlich von rechten Parteien vertreten und zwanghaft wiederholt worden war …“ Den Verrat legt Eribon schonungslos offen, ohne daß er dabei nach rechts abdriftet oder unterschiedslos über einen Leisten schlägt, und auch wenn Eribon keinen kruden Arbeitermarxismus vertritt, dafür ist er zu sehr mit den dialektischen und poststrukturalen Wassern gewaschen, so blendet er den Klassenstandpunkt dennoch nicht aus.

Aktuell ist dieses Buch insbesondere deshalb, weil es ein Schlaglicht darauf wirft, weshalb die Linke bei Wahlen immer mehr Stimmen an die rechten Parteien verliert. In Frankreich durch den Front National und in der BRD neuerdings auch durch die AfD:

„So widersprüchlich es klingen mag, bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten. (…) Entwürdigt fühlen sich die Menschen vor allem dann, wenn sie sich als quantité négligeable, als bloßes Element politischer Buchführung und damit als ein stummer Gegenstand politischer Verfolgung vorkommen.“

In dieser großartigen Biographie sind es jedoch – als verstecktes Zentrum und als Drehpunkt – vor allem jene Photographien, die sich Eribon auf dem heimischen Sofa der Mutter betrachtet, an denen sich Erinnerungen und Reflexionen herausschälen. Eine Art Mémoire involontaire, die sich über das Erzählen mit der Mutter und den Bildern einstellt. Hier insbesondere liegen die sinnlichen, leibhaften Momente dieser vielschichtigen Biographie, denn immer auch ist es unser Körper selbst, der dazu beiträgt Leben zu formen oder der anzeigt, wie es aushaucht und vergeht. Auch auf diese Vergänglichkeit und die Flüchtigkeit von menschlicher Existenz wirft dieses Buch einen Blick:

„Der Anblick des Fotos verwirrte mich, weil ich verstand, dass mein Vater in den Monaten vor seinem Tod nicht mehr dieser von mir verhasst Tyrann gewesen war, sondern ein mitleiderrendes Wesen, ein entkräfteter, harmloser, von Alter und Krankheit geschlagener Schatten seiner selbst.“

Ein Buch, das die Verbergungen,  Verdrängungen und die Brüchigkeit des eigenen Lebens zum Thema macht und zugleich Sinnkohärenzen als notwendigen Bestandteil unseres Leben zeigt und dennoch gegen krude Oppositionsbildungen kritisch anschreibt. Diese Biographie ist mehr als nur  Soziologie, und sie geht weit über das neoliberale Gerede hinaus, man müsse sich nur selbst erfinden, dann werde es schon werden und es ergebe sich das richtige Leben im falschen ganz von selbst. Eribon blickt mit scharfen Augen, gleichsam mit einer Lupe auf unsere soziale Realität, und insofern ist dieses Buch aufgrund seiner Zooms aufs Detail ungeheuer gegenwärtig.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn, Suhrkamp Verlag, 18,00 €, Broschur, 240 Seiten, ISBN: 978-3-518-07252-3

Beim Betrachten der Photographien – ein kurzer Reflex auf Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“
(Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ gestaltet sich bereits auf den ersten Seiten als ein ausnehmend spannendes Schreib-Projekt. Nicht nur, weil es schon zum Beginn von Photographien handelt, sondern dieses Buch ist ein wunderbares, erinnerungstolles Hybridwesen, geschrieben zwischen Theorie und Literatur bzw. autobiographischem Schreiben (als Form von Literatur), zwischen Soziologie und Recherche. Hinab in die Heimat. Wir lesen eine Suche nach der eigenen Herkunft. Eine Reise nach Hause, denn von dorther kommen wir trivialerweise, und das, was war, nehmen wir unweigerlich als Gepäck mit – ob wir es wollen oder nicht. Diese Heimat ist bei Didier Eribon die französische Provinz. Eribon entstammt dem französischen Arbeitermilieu, für einen Akademiker in Frankreich eine eher untypische Herkunft angesichts der Klassenschranken und den Zugängen zur den Grandes écoles. Eribon ist Soziologe und er ist schwul. In der BRD wurde er durch seine Foucault-Biographie bekannt.

Jahrelang war Eribon vom Zuhause, bzw. von dem Ort, der in der Kinderzeit einmal das Zuhause war, abwesend. Nach dem Tod des ungeliebten, ja gehaßten Vaters reist Eribon zwar nicht zu dessen Begräbnis, wohl aber zur Mutter, zurück in die Provinz. Sie reden miteinander, sie kramen Photographien aus einem Schuhkarton, die die Zeit zeigen, als Eribon noch ein Junge war:

„Ich hatte plötzlich wieder – aber war es nicht die ganze Zeit in meinem Kopf und in meinem Leib eingeschrieben gewesen? – dieses Arbeitermilieu vor Augen, dieses Arbeiterelend, das aus den Physiognomien der Häuser im Hintergrund spricht, aus den Inneneinrichtungen, aus den Klamotten, aus den Körpern selbst. Es ist immer wieder bestürzend, wie unmittelbar fotografierte Körper aus der Vergangenheit, viel mehr noch als bewegte oder leibhaftig vor uns stehende, einen sozialen Körper darstellen, den Körper einer Klasse. Und wie sehr die fotografische Erinnerung jeden Einzelnen, indem sie ihn (in diesem Falle mich) an seine Klassenherkunft erinnert, in seiner sozialen Vergangenheit verankert. Das Private und Intime, wie es aus diesen alten Bildern spricht, schreibt uns wieder in unsere ursprüngliche gesellschaftliche Kategorie ein, in Orte der Klassenzugehörigkeit, in eine Topografie, die unsere scheinbar persönlichsten Erfahrungen und Beziehungen innerhalb einer kollektiven Geschichte und Geografie verortet, ganz so, als hinge jede individuelle Genealogie von einer sozialen Archäologie oder Topologie ab, die ein jeder als eine seiner tiefsten Wahrheiten, vielleicht als die bewusste, überhaupt in sich trägt.“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims)

Wie mit einem Male, wenn wir eine alte Photographie betrachten, uns die abgelebte Phase eines Lebens in den Kopf schießt. Verdrängtes, schamvoll zur Seite Geschobenes. Bilder, die einmal da waren, denn das auf der Photographie sind ja wir oder sind es zumindest einmal gewesen, dieses Wesen da auf dem Photo: das bin ich, das war ich, so kreist es uns beim Anschauen im Kopfe herum. Beim Betrachten alter Photos realisieren wir die Zeit, insbesondere die Zeit, die verging. Bilder, die eindringen und wie Madeleine-Gebäck, das wir in eine Tasse mit Tee tauchen, blitzartig etwas hervortreten lassen: ein Gefühl, eine Regung, einen Reflex, manchmal auch der Schreck und Erschüttern. Diese besondere Bedeutung, die die Photographie fürs Erinnern besitzt, hatte bereits Roland Barthes in „Die helle Kammer“ in einer Art Semiotik und Phänomenologie der Photographie entfaltet. Eribon schreibt die Geschichte einer Herkunft als (biographische) Literatur, die zugleich eine Sozialstudie über Habitus und Milieu ist.

Photographien bannen, sie fesseln – in mehrfachem Wortsinn. Das Private und Individuelle, das was wir als unser einmaliges Eigentum betrachten, unser Selbst, ruht auf einer Ordnung. Photographien zeichnen die Klassen – ob bei Proust die Kreise des Adels und das alte französische Bürgertum oder das französischen Arbeitermilieu bei Eribon. Aber die Authentizität des Augenblicks in der Photographie – gibt es die überhaupt? Können die in einer Photographie festgehaltenen Momente authentisch sein, echt also, mit Aura versehen, ganz entgegen Benjamins Konzept der Photographie? Bilden Photographien wirklich ein So-Sein ab, oder kontaminieren wir sie nicht vielmehr nachträglich mit den Erinnerungen und sie dienen uns als Muster und Ressonanz-Verstärker? Was bleibt, sind die sozialen Bedingungen, die sich durch die Kleidung und die Räumlichkeiten oder die Umgebung ablesen lassen.

Gut, diese Fragen zum „Wesen“ der Photographie will Eribon nicht beantworten. Vielmehr geht es ihm darum, daß sich in der Photographie der soziale Status verdichtet und festgeschrieben hat, geronnen und als Bild fixiert. Daß die gesellschaftliche und die symbolische Ordnung jenes sich ausbildende Ich maßgeblich strukturieren und daß es uns zuweilen dennoch gelingt, gegenüber einer übermächtigen Umwelt Formen des Widerstands auszubilden und anders zu werden. Oder mit Nietzsches Schrift „Ecce homo“ gesagt: wie man wird, was man ist. Aber in dieser Sozialübung steckt mir wiederum zu viel Ontologie. Mehr noch kann man es bei der Selbstwerdung mit jenem Diktum des – manchmal freilich seichten – Ernst Bloch aus seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ halten: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Vielleicht müßte man Bloch ein Stück weit wiederentdecken – als poetische, fabulierende Form der Philosophie und gegen deren restaurative Tendenzen. Denn das immerhin können Leser und Denker von Bloch lernen: Philosophie ist mehr als nur eine akademische Übung in Logik. Sie geht aufs Ganze, sie geht aufs Leben. So vom Hölzchen aufs Stöckchen, von Eribon zu Bloch. Und immerhin finden sich in dieser blochschen „Einleitung“ ein paar Zeilen weiter Passagen, die unbedingt mit Didier Eribons anregendem Buch korrespondieren, auch wenn beide aus ganz anderen Traditionen des Denkens kommen. Denken ist immer eine Weise der Entäußerung, ein Ritt hinaus, große Fahrt, manchmal mit Schiffbruch und Zuschauern. [Hinter Hegel führt kein Weg zurück, Baby, so könnte mein neuer Diskurspopsong gehen.]

„Vom puren Innen ist kein einziges Wortbild gekommen, das uns übers innerste sprachlose Ansich hinaus sprechen läßt und eben äußert. (…) So merkt sich alles Innen erst über das Außen; gewiß nicht, um sich dadurch zu veräußerlichen, wohl aber, um sich überhaupt zu äußern.“ (Ernst Bloch,  Tübinger Einleitung in die Philosophie)