Beim Coq au Vin

Wolfram Siebeck ist tot. Ich habe seine Zeit-Kolumnen gerne gelesen, denn sie waren nicht nur für den Impuls verantwortlich, auch selber und für andere gutes Essen zu kochen, zu sotten und mit der Niedriggarmethode zu braten, nicht nur lehrreich, um Leckeres nachzukochen und daran technisch und kulinarisch zu wachsen, daß im Sinne der Aufklärung Geschmacks sich bilde, sondern oft auch polemisch-böse, vor allem, wenn Siebeck gegen deutsche Genußfeindschaft und gegen die schlechte Qualität von Produkten wetterte. Siebeck scheute es nicht, mit den großen Köchen sich anzulegen, wenn ihm was nicht schmeckte. Er liebte den Wein, wußte Qualität zu beschreiben, ohne daß es hochtrabend klang, sondern die Logik der Sache bestimmte seine Kritiken und Kolumnen. Fein vor allem seine Reiseberichte, wenn er Restaurants besuchte und über sie schrieb. Ich las sie, auch wenn ich wußte, daß ich als Wenigreisender, der gerne seine Ruhe zu Hause hat, nie diese Stätten betreten würde.

Essen

Manchmal habe ich versucht, Siebecks Gerichte nachzukochen – insbesondere für Frauenbesuch. Beim Coq au vin dauerte es der schönen frechen Frau zu lange, und sie fiel in der Küche mit Küssen einfach über mich her. (Sie ist oft ungeduldig. Und launisch vor allem.) Das Essen verschmorte zum Glück nicht, denn mit gutem Gerät brennt nichts an. Mein Rat für wichtigen Besuch und für schöne Momente: ein Restaurant aufsuchen. (Man kann sich da auch wunderbar in der Öffentlichkeit streiten.) Oder etwas Schnelles kochen. Auch dafür gibt es feine Rezepte.

Daß gutes Kochen, jenseits von dummen Kochsendungen und dem Modetrend Küche, der sich seit sechs oder sieben Jahren etablierte, auch ohne großes Gewese und Show funktioniert, zeigte Siebeck in seinen Sommerseminaren in der „Zeit“. Insbesondere jenes von 2006 sei hervorgehoben, wo er einer „nachwachsenden Generation die Grundzüge der feinen Küche“ erklärte. Daß Rosenkohl nicht muffig schmecken und riechen mußte, bewies er in einem schönen Rezept. Man kann Rosenkohl zusammen mit gutem Parmesan zubereiten. Oder mit Crème fraîche und Zitrone. Oder Blumenkohl in kleinste, zentimetergroße Röschen zerteilen, in Butter dünsten und dann mit Safran würzen. Der Blog für Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik ist eben auch einer für Aisthetisches. Deshalb der Name und nicht nur Texte zur Kunst. Sowieso scheint sich seit einiger Zeit auch eine Art von Gastrosophie durchzusetzen. Etwa 2007 Harald Lemke mit einer „Ethik des Essens. Eine Einführung in die Gastrosophie“, und im gleichen Jahr „Die Kunst des Essens. Eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks“ sowie vor zwei Jahren „Über das Essen: philosophische Erkundungen“. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht genau. Vielleicht eine lebensweltliche Phänomenologie im Sinne kritischer Theorie, wie etwa der lesenswerte Traktat von Detlev Claussen aus dem Jahr 1986: „Kleine Frankfurter Schulde des Essens und Trinkens“, wo es um den Geschmack und das Konsumsubjekt im Spätkapitalismus geht.

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Auch in der Küche wie in der Kunst sind sie zu entdecken: die Dinge, die die Sinne bereichern und aufsteigern. Ohne daß Kochen dabei zur technischen Trendsportart mutiert. In meiner Küche, die ansonsten ohne großen Schnickschnack auskommt, finden sich lediglich gute Messer und Töpfe.

„Übrigens werden die Benutzer scharfer Kochmesser beim Zwiebelschneiden unmittelbar belohnt. Weil die feinen Einschnitte den Zwiebelsaft nicht so hervorlocken wie ein ‚normales‘ Messer, fließen auch die Tränen kaum oder gar nicht.“

Und es stehen in der Küche zwei Kochbücher von Siebeck: „Alle meine Rezepte“. Darin präsentiert er Gerichte der verfeinerten bürgerlichen, mitteleuropäischen und mediterranen Küche. Es fungiert bei mir als Standardwerk: Vom einfachen Gericht bis zu komplexen Gängen läßt sich mit diesem Buch alles kochen. Dazu als Tip Weinsorten, die passend zu den Gängen getrunken werden könnten. Das nachzuprobieren und insbesondere nachzutrinken, übt und schärft die Sinne. Vor allem aber macht es Spaß. Ein weiteres Buch meines Küchenregals: „Die Deutschen und ihre Küche“ – vor allem deshalb ließ ich es mir schenken, weil darin das leckere Labskaus genannt wird und Siebeck erklärt, wie man es gut zubereitet.

Was mich an Wolfram Siebeck faszinierte, war sein Faible für guten Wein. Ein Genußmensch. Wer einmal nur ein paar gute Lagen gekostet hat, mag eigentlich nicht mehr aus dem Discounter trinken. Daß der Abschied nahe war, konnten wir sehen, weil seine Kolumnen in der „Zeit“ ausblieben. Der Mensch verschwindet mit seinen Texten. Und doch bleiben am Ende einzig die Texte und Bücher übrig. Der Rest sind Knochen.

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Kunst – Spektakel – Revolution. Der Aufstand der Sinne

Es ist nun die dritte Nummer der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen – eine Zeitschrift, in der Texte zu Kunst und Ästhetik dargeboten werden, und zwar zumeist in einer Weise, die Kunst, ästhetische Theorie und Gesellschaft in einem materialistischen, teils an Walter Benjamin orientieren Sinne verbindet. Eine ästhetische Theorie, die sich jeglicher Politik enthält und Gesellschaft ausscheidet oder auf ontologische Konstanten reduziert, wie es die fragwürdige Hermeneutik eines Gadamers betreibt, kann nicht im Bezirk materialistischer (oder auch materialer) Ästhetik liegen. Ebensowenig aber kann ästhetische Theorie im Sinne eines unmittelbaren Engagements Politik werden. Eingriffe – wie ein Textband von Adorno heißt – sind nur in der Vermittlung und als Vermittelte möglich beziehungsweise denkbar, und zwar qua theoretischer Bestimmung und Besinnung. Der Ort von Praxis ist nicht die unreflektierte, unidirektionale Praxis, sondern es sind Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen. Dieses Verhältnis gilt ebenso für die Ästhetik.

Es lassen sich Phänomene der Basis nicht im Verhältnis ein zu eins auf ihren gesellschaftlichen Überbau reduzieren, sondern sie führen im Kunstwerk samt der damit korrespondierenden Lektüre ein Eigenleben, das zwar nicht unbedingt subversiv sich gestalten muß, aber es folgt zuweilen doch ganz eigenen Gesetzen und erzeugt einen Gegensinn. Die Féerie der Warenwelt im Paris des 19. Jahrhunderts ist Traum und Hölle zugleich, Alptraum und Verheißung. Das dialektische Bild als kritisches durchdringt und vermittelt diese Momente und zugleich erzeugt es die Extreme. Das Verhältnis von Struktur, Diskurs und Empirie ist verschlungen. Sei das nun im Phänomen „Liebe“ oder beim Geschmack. Begriffe sind gesellschaftlich codiert und konnotiert. Der Mond der Antike ist – trivialerweise – nicht der Mond über Soho oder der in einem Baugerüst am Ende des 20. Jahrhunderts.

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Zentral in dieser dritten Ausgabe von „Kunst, Spektakel, Revolution“  sind die Vorträge, die im dritten Themenblock einer Vortragsreihe in der ACC-Galerie in Weimar gehalten wurden. Genaueres läßt sich der gleichnamigen Internetseite entnehmen. Es geht in diesem Heft um die fünf Sinne, und zwar im Zusammenhang mit einer materialistischen Ästhetik, die ebenso die gesellschaftliche Praxis mitbefaßt. Und wie es sich so schön fügt,  findet sich in dieser Ausgabe auch von mir ein Text wieder, und zwar „Über die Geschmacksbildung in der Kunst. Zum Verhältnis von Schmecken und Geschmack“. Ich empfehle den Kauf dieser Zeitschrift, nicht nur wegen meines Beitrags, sondern auch um anderer Texte willen.

Mein eigener Beitrag geht in mehreren Schritten vor: zum einen entfalte ich – freilich in vergröberten Zügen – wie sich der Begriff des Geschmacks als ästhetische Kategorie seit dem 18. Jahrhundert entfaltete, um Kunstwerke jenseits eines malerischem Regelkanons oder einer Regelpoetik in den Blick nehmen zu können. Sodann erfolgt eine historische Verortung des Geschmacksbegriffes, wobei ich mich auf einen Text von Christoph Menke („Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“) beziehe, der den Geschmacksbegriff als eine Art kommunikativen Vorgang der Selbstverständigung liest: im Geschmacksbegriff des 18. Jhds scheint ein (aufklärerisches) Moment der Befreiung durch. Die doch eher positive Sicht Menkes konfrontiere ich mit Adornos Kritik am Geschmacksbegriff unter den Bedingungen des Spätkapitalismus in einer Gesellschaft, die Bewußtsein und Empfindungen umfassend kolonialisierte, um dann Adorno wiederum mit Detlev Claussen gegenzulesen, dessen Text eine Art sensualistische Kritik eröffnet: weshalb der Geschmack auch eine Angelegenheit der Sinne ist, und zwar in jenem Sinn von Schmecken. (Detlef Claussen, Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens. Den Text kann man auf der Seite „beatpunk“ nachlesen.)  Zum Abschluß beziehe ich diese direkte sinnliche Erfahrung zurück auf Adornos mikrologischen Blick als eine Form von ethisch-ästhetischer motivierter Philosophie, wie er dies unter anderem in seinem genialen letzten Teil der „Negativen Dialektik“ entfaltet – den „Meditationen zur Metaphyisk“. Um sich in etwa vorstellen zu können, was dieses Zusammenspiel meint, sei programmatisch und als  pars pro toto auf die Madeleine-Episode aus Prousts „Recherche“ sowie an das (Text-)Geschehen, was sich dann um dieses Verhältnis von Schmecken und Erinnern gruppiert, hingewiesen.

Es ginge in den Vorträgen, die vom März bis Oktober 2011 in der ACC Galerie Weimar gehalten wurden, darum „über eine Auseinandersetzung mit den fünf menschlichen Sinnen einen spezifischen Zugang zur Ästhetik zu finden“ schreibt es Lukas Holfeld in seinem Vorwort mit dem fein mehrsinnigen Titel „‚Es rettet uns die Kunst!?‘“ in Anlehnung an einen Text von Marx in den „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten“ Und es ist die uralte Frage der Philosophie nach dem Verhältnis von Sinnlichkeit und Vernunft, die sich hier als Kritik von Gesellschaft und Kunst neu stellt, um dabei verschiedene, teils sehr heterogene Ansätze und Perspektiven ins Spiel zu bringen. Eindringlich empfehle ich den Kauf dieses Heftes. Bestellt werden kann die Zeitschrift über das Kontaktformular des Blogs.

Den Macherinnen und Machern von „Kunst, Spektakel und Revolution“ sowie des Vortragsprogramms in der ACC Galerie sei hier an dieser Stelle für ihre sehr gute Arbeit und für ihre Mühe gedankt, ein derart anspruchsvolles Programm auf derart gutem Niveau auf die Beine gestellt zu haben.

Frankfurter Schule

Es gibt Tage, da bin ich einfach nur glücklich, so etwas lesen zu dürfen und einen Augenblick zu haben, wo es etwas zu lachen oder zumindest verhalten zu lächeln gibt, und zugleich enttäuscht, daß mir eine solche Sentenz nicht selber einfiel. Damals zu den Studienzeiten. Ach, manche schöne Frau hätte ich mir seinerzeit noch viel gefügiger gemacht durch soviel Esprit. Aber zu viel gefügig gemachte Frau ist auch nicht so gut, denn sonst wäre ich heute verheiratet, säße mit quengelnden Kack-Kindern im Prenzlauer Berg und müßte Milchschaumkaffees mit eigentümlichen, fremden Namen trinken. Vielleicht doch ganz gut, daß mein Esprit nur einer der vollkommenen Mittelmäßigkeit ist.

Worum geht es?: Gerade heute ist mir ein Ausspruch von Detlev Claussen aus den 80er Jahre zu Ohren oder besser zu Augen gekommen, den ich nicht vorenthalten möchte:

„Aber jeden, der durch die Berufungspolitik wechselnder Landesregierungen nach Frankfurt geholt wurde, als Teil einer ‚Frankfurter Schule‘ zu bezeichnen, kann nicht im Interesse einer gesellschaftskritischen Emanzipationstheorie sein.“

Also, bei aller Überspitzung: aber wo er recht hat, da hat der gute Claussen recht, wenngleich ich an Emanzipationstheorien mehr und mehr meine Zweifel habe. Aber fassen wir sie als Flaschenpost(en) auf, als Texte ums Nichts.