Daily Diary (98) – „Die künstlichen Paradiese“: Ghostdancer

„das, was ankommt oder auch nicht ankommen kann …“ (J. Derrida, Falschgeld, Zeit geben I)

Jede Sendung und jedes Geschick, ob im Rahmen der Brief- bzw. der Tele-Kommunikation oder aber in sonst einer Variante der Übertragung und der Medien (wozu auch die Telepathie, die Kommunikation der Empfindungen, und zwar als Emphase, wenn zwei Menschen gemeinsamen denken, sowie das Raunen der Geisterseher gehören), besitzt die Fähigkeit, ihren Empfänger zu verfehlen. Weil jene Sendung nicht zugestellt wird, weil sie irgendwo verloren geht, weil sie liegen bleibt und von einem Kanal in einen ganz anderen geleitet wird. Aber auch, weil etwas mit Bedacht ganz offensichtlich deponiert wird, um sich den Blicken gerade dadurch zu entziehen. Dies ist – im Sinne jener Poeschen Detektivgeschichte – die Theorie des entwendeten Briefes, wie sie Lacan als Facteur der Wahrheit und Derrida in je unterschiedlicher Weise lesen. Ein Brief kann sehr wohl niemals ankommen oder absolut unlesbar bleiben, so Derrida. Dagegen hilft keine hermeneutische oder dechiffrierende detektivische Erkenntnis.

Ist es in der Lesart Lacans das Spiegelverhältnis, das sich in der Lektüre spiegelnd erneuert und als eines der (verdrehten) kommunikativen Anerkennung sodann in Szene setzt? Unübersehbar zumindest bleibt der Geist Hegels: Die Lösung des entwendeten Briefes ist, laut Lacan, mit Leichtigkeit und am hellichten Tage zu lesen „und zwar nach der Formel der intersubjektiven Kommunikation, mit der wir Sie schon seit langem vertraut gemacht haben: Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder. Somit will ‚entwendeter‘, eben ‚unzustellbarer Brief‘ besagen, ein Brief (eine Letter) erreiche immer seinen (ihren) Bestimmungsort.“ (J. Lacan, Das Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“, in: Schriften I)

In der Abgeschiedenheit und im Pathos des Subjektphilosophen, der die Wahl und die Freiheit halluzinierte, sind es immer diese Kastanienwurzeln, die wir, in einem Park auf einer Bank sitzend, anblicken. Egal ob im Jardin du Luxemburg, mitten in Paris, zwischen den Statuen und den Bäumen, die schlank und französisch in Reihe stehen, oder im Park von Bouville. Charles Baudelaires „Die künstlichen Paradiese“ beginnen mit jenem treffenden, zutreffenden Satz:

„Der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß die Dinge dieser Erde kein rechtes Dasein haben, und daß die wahre Wirklichkeit nur in den Träumen liegt. Um das natürliche – wie das künstliche – Glück zu verdauen, muß man zuvor den Mut haben, es hinunterzuschlucken; und diejenigen, welche das Glück vielleicht verdient hätte, sind eben jene, denen die Glückseligkeit, so wie die Sterblichen sie verstehen, stets einen Brechreiz verursacht hat.“

Auch die Dichtung ist eines dieser künstlichen Paradiese – Baudelaires Blumen des Bösen zeigen es als Wucht des Rausches in Sprache und Bild  auf das Paris des 19. Jahrhunderts, eingefroren wie eine Photographie. Ebenfalls zählt die Philosophie zu den künstlichen Paradiesen – zumindest dort, wo sie im Geiste der Romantik symphilosophisch wird. Die Töne zu entgrenzen, ohne sie in eins zu bekommen. Die Briefe und all diese Schriften auf 140 Zeichen gebracht und in ein Smartphone getippt. Die Droge wirkt aber nur noch bedingt als eine Entgrenzung. Kerouacs kulturindustriell-funktional fabrizierter Roman Unterwegs, der den Surrealismus als Warenwert imitiert, zeigt dies, und bereits aus diesem Werk heraus läßt sich der US-Reaktionär und Redneck lesen, zu dem Kerouac dann später auch wurde. Die künstlichen Paradiese und die inszenierte Unmittelbarkeit liegen, wie auch die Lust, nahe zur Welt der Waren und sind käuflich. Mise en abyme.

 
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